Champions League - Thomas Tuchels blaues Monster: Das sind die Gründe für den Chelsea-Höhenflug
Der FC Chelsea fliegt aktuell durch die Saison. Nach dem 4:0 über Italiens Rekordmeister Juventus überschlagen sich Presse und Experten vor Begeisterung. Adressat der Lobeshymnen: Thomas Tuchel. Der Schwabe stellt eindrucksvoll unter Beweis, dass er zum Besten zählt, was die Trainer-Welt zu bieten hat. Innerhalb von neun Monaten verwandelte er einen lahmenden Löwen in ein nimmersattes Monster.
Der FC Chelsea ist derzeit in Top-Form
Fotocredit: Getty Images
Plötzlich machte sich auf Thomas Tuchels Gesicht ein Grinsen breit. "Ach, das war mein 50. Spiel als Chelsea-Trainer? Schön, sehr schön", entgegnete er einer Reporterin, die ihn auf sein kleines Jubiläum hingewiesen hatte. Wahrlich "schön" war das, was seine Mannschaft kurz zuvor auf den Rasen gezaubert hatte. Nach 90 Minuten prangte ein 4:0 auf der Anzeigetafel der Stamford Bridge – die Blues hatten Italiens Rekordmeister Juventus Turin stellenweise gedemütigt.
Es war ein sinnbildlicher Auftritt. Exemplarisch für das, was Tuchel aus dem Londoner Klub binnen neun Monaten gemacht hat. Ende Januar hatte er ein verunsichertes, ein zahnloses Team von Vereinslegende Frank Lampard übernommen. Auf Platz neun in der Liga-Tabelle rangierend, drohte Chelsea damals der Absturz in die Graumäusigkeit.
50 Pflichtspiele später strahlt der blaue Stern heller denn je. Tuchel führte die Blues zum Champions-League-Sieg, in der Premier League stand am Ende der Saison immerhin Platz vier zu Buche. In der aktuellen Spielzeit grüßt der CFC in Englands Beletage vom Platz an der Sonne, in der Königsklasse ist nach dem beeindruckenden Sieg über die Alte Dame der Gruppensieg greifbar.
Tuchels bisherige Bilanz als Chelsea-Coach: 35 Siege, acht Remis, sieben Niederlagen, seine durchschnittliche Punkteausbeute liegt bei 2,26. Nackte Zahlen, die für sich stehen und durchaus beeindrucken, noch imposanter gestaltet sich die Stabilität in der Defensive.
Thomas Tuchel stellt Gegentor-Rekord auf
Lediglich 24 Gegentore musste die Mannschaft unter Tuchels Ägide hinnehmen. Ein Kunststück, das in der Geschichte des Klubs noch keinem Übungsleiter nach 50 Spielen gelungen war. Bei José Mourinho, dem bisherigen Rekordhalter, waren es 2004 zum gleichen Zeitpunkt 27 Gegentore.
"Über dem Büro des Trainers steht nicht: 'Das, was zählt, ist die Defensive'", scherzte Tuchel nach Abpfiff, als er auf seine erfreuliche Statistik angesprochen wurde. Er ergänzte: "Es ist einfach ein Teil des Spiels, ein großer Teil des Spiels. Manchmal ist Verteidigen die beste Möglichkeit, um Kontrolle über das Geschehen zu bekommen und vor Kontern des Gegners zu schützen. Das machen wir sehr gut." Tuchel weiter: "Mit ein bisschen Glück und gutem Torwartspiel ist dies möglich."
Ein Lob an seinen Torhüter Edouard Mendy, der erheblichen Anteil daran hat, dass Chelsea seit Tuchels Amtsübernahme 31 Mal zu Null spielte. Der Senegalese war im vergangenen Jahr für 24 Millionen Euro von Stade Rennes an die Themse gewechselt und mauserte sich seither zu einem der besten Keeper Europas.
Auch Mendy stellt Bestmarke auf
Dass Mendy nicht auf der Ballon-d’Or-Shortlist auftauchte, sorgte beispielsweise bei Antonio Rüdiger für Unmut, der DFB-Star twitterte Mitte Oktober, nachdem Mendy gegen Brentford überragt hatte: "Kann mir irgendjemand erklären, warum er nicht nominiert ist? Was für eine Leistung!" Mendy, der bereits am Wochenende ebenfalls einen Meilenstein erreichte und die bisherige Bestmarke von Petr Cech (35 Gegentore nach 60 Chelsea-Spielen) einstellte, zählt zu den wichtigsten Bausteinen im Tuchel-Konstrukt.
Seine Geschichte mutet übrigens wie ein Märchen an: Zwischen 2011 und 2014 hütete er das Tor des französischen Drittligisten Cherbourg, nach Ablauf seines Vertrags fand sich kein Abnehmer für ihn. Ein Jahr lang war Mendy arbeitslos gemeldet, dachte sogar darüber nach, seine Karriere zu beenden, ehe er in der zweiten Mannschaft von Olympique Marseille ein neues fußballerisches Zuhause fand. 2016 ging es weiter nach Reims, drei Jahre später heuerte er für eine Ablöse von 7 Millionen Euro bei Rennes an.
Neben Mendy zeichnet auch Rüdiger verantwortlich für die wenigen Gegentore. Der gebürtige Berliner war unter Lampard aufs Abstellgleis geraten, liebäugelte mit einem Weggang aus London. Tuchel hingegen baute von Beginn an auf die Dienste des Innenverteidigers, mittlerweile ist Rüdiger unumstrittener Abwehrchef.
Trainer-Legende Capello schwärmt: "Fußball-Lehrstunde"
Die sattelfeste Defensive ist nur ein Kern des Tuchel’schen Erfolgsrezepts. Der 48-Jährige hat auch das Spiel nach vorne bei Chelsea revolutioniert. "Wir haben heute Abend eine Mannschaft gesehen, die presst, rennt und den Ball nie zurückspielt", sagte der frühere Star-Trainer Fabio Capello im Anschluss an den Auftritt der Engländer gegen seinen Ex-Verein Juventus bei "Sky Italia". Er schob nach: "Sie sind immer proaktiv, denken stets offensiv. Der Unterschied in puncto Tempo und Qualität ist im Vergleich zur italienischen Liga riesig."
Die Zuschauer hätten laut Capello "eine Fußball-Lehrstunde" von Chelsea gesehen. Für hohes Pressing und erfolgreiches Umschaltspiel bedarf es natürlich die richtigen Spieler. Tuchel hat erkannt, dass er mit Ben Chilwell und Reece James zwei prädestinierte Schienenspieler in seinen Reihen hat und setzt die beiden gelernten Außenverteidiger in offensiverer Rolle ein. Insbesondere James avanciert dabei auch vor dem Tor mehr und mehr zum X-Faktor, steuerte wettbewerbsübergreifend in 14 Partien fünf Tore und fünf Vorlagen bei, gegen Juve traf er zum zwischenzeitlichen 2:0.
Erstaunlich ist überdies, wie Tuchel und seine Schützlinge mit Rückschlägen umgehen, dennoch Lösungen finden. Im Sommer kam Romelu Lukaku für 115 Millionen Euro in die englische Hauptstadt, der wuchtige Mittelstürmer sollte das fehlende Puzzleteil sein, musste Tuchel bis dato doch auf einen "echten" Neuner verzichten. Wenn der Belgier fit ist, ist er gesetzt. Allerdings steht er seit nun mehr einem Monat nicht zur Verfügung (Verstauchung), auch Backup Timo Werner fehlte mehr als vier Wochen (Zerrung), bis er am Dienstagabend sein Comeback gab und den Endstand markierte.
Viele Tore, viele Torschützen
Kein Knipser, kein Problem. Tuchel stellte seine Variabilität unter Beweis, ließ zumeist Kai Havertz als falsche Neun agieren, mitunter wurde Christian Pulisic ebenjene Rolle zuteil, ein anderes Mal bildeten Havertz und Callum Hudson-Odoi eine Doppelspitze. Ohne Lukaku erzielte Chelsea in den vergangenen sechs Spielen 20 Treffer, die sich auf etliche Schultern verteilten (James 4, Mount 3, Hudson-Odoi, Havertz jeweils 2, Chilweill, Jorginho, Ziyech, Rüdiger, Kanté, Pulisic, Werner, Chalobah, Eigentor jeweils 1).
Die Variabilität und die nicht vorhandene Abhängigkeit von einzelnen Spielern macht Chelsea derzeit so unberechenbar. Das ist vor allem Tuchels Verdienst. Er hat ein Monster erschaffen.
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Quelle: Perform
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