Toni Kroos war merklich um eine Erklärung für das bemüht, was sich nur wenige Augenblicke zuvor auf dem Rasen abgespielt hatte. Einen echten Reim konnte sich der frühere deutsche Nationalspieler allerdings nicht machen.
"Wahnsinn, wir waren schon 26 Mal in dieser Saison raus und haben uns 26 Mal zurückgekämpft", sagte Kroos mit Blick auf den bisher durchaus wilden Verlauf, den diese Königsklassen-K.o.-Runde für Real Madrid genommen hatte, David Alaba, der verletzungsbedingt zum Zusehen gezwungen war, jubelte: "Unglaublich, was die Mannschaft geleistet hat. Das ist geisteskrank."
Es sei laut Kroos schlicht "der Glaube", der die Königlichen bereits im Achtelfinale gegen Paris Saint-Germain (0:1, 3:1) und im Viertelfinale gegen Vorjahressieger FC Chelsea (3:1, 2:3 n.V.) jeweils in die nächste Runde gehievt hätte. Im Duell mit Manchester City war einmal mehr ganz viel Glaube, gar ein kleines Fußball-Wunder vonnöten, um das Aus im prestigeträchtigsten aller Wettbewerbe abzuwenden.
Champions League
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Riyad Mahrez brachte die Skyblues, die das Hinspiel im Etihad Stadium mit 4:3 für sich entschieden hatten, in der 73. Minute in Front, und Real brauchte zwei Tore, um sich zumindest in die Verlängerung zu retten.
Als kaum noch etwas auf einen möglichen Finaleinzug der Blancos hindeutete, keimte dank Rodrygos Tor aus dem viel zitierten Nichts wieder Hoffnung auf (89.), nur 88 Sekunden später schlug der Joker erneut zu und versetzte die Zuschauer im Estadio Santiago Bernabéu in kollektive Ekstase. Gegebenheiten, die an das Champions-League-Endspiel 1999 zwischen dem FC Bayern und Manchester United erinnerten.
Als Karim Benzema in der 95. Minute einen Elfmeter herausholte und im Anschluss eiskalt verwandelte, war die nächste magische Nacht von Madrid und der Finaleinzug perfekt. Doch diesmal war es nicht der Star-Angreifer, der -wie gegen PSG und Chelsea - hauptverantwortlich für die nächste Remontada zeichnete, vielmehr standen diejenigen im Scheinwerferlicht, die sonst eher ein Schattendasein fristen.
Außerdem: City-Trainer Pep Guardiolas Champions-League-Fluch hält weiter an, wieder einmal war ging der Katalane in einem entscheidenden Spiel leer aus, erneut musste sein Team in Schönheit die Segel streichen.
Drei Dinge, die auffielen:

1.) Ein Hauch von 1999

Die (etwas) älteren Semester dürften sich beim Zuschauen an die Ereignisse vom 26. Mai 1999 erinnert haben.
Damals wähnte sich der FC Bayern München im Camp Nou von Barcelona nach Mario Baslers frühem Führungstreffer bis zur 90. Minute als sicherer Champions-League-Sieger, ehe die Dinge einen dramatischen, bis dato quasi beispiellosen Verlauf nahmen.
Teddy Sheringham (90.+1) und Ole Gunnar Solskjaer (90.+3) drehten die Partie in einem skurrilen Schlussakt letztlich noch, schossen die Münchner ins Tal der Tränen.
Die Parallelen zur Real-Aufholjagd: Auch 1999 waren es die Joker, die dem Spiel die entscheidende Wendung gaben. Sowohl Sheringham als auch Solskjaer waren zuvor eingewechselt worden. Real feierte indes "nur" einen Protagonisten, der von der Bank gekommen war: Doppelpacker Rodrygo.
Clive Tyldesley, der das Spiel in Barcelona damals für das englische Fernsehen kommentierte, sagte nach Abpfiff: "Niemand wird jemals wieder ein europäisches Finale auf derart dramatische Weise gewinnen." Vielleicht kein Finale, aber ein Halbfinale durchaus. Das hat Real Madrid bewiesen.

2.) Real feiert neue Helden

Benzema steuerte zwar das entscheidende dritte Tor bei, der Franzose war allerdings zur Abwechslung nicht die schillerndste Figur aufseiten der Königlichen. Im Halbfinal-Rückspiel waren es die anderen, die glänzten.
Allen voran Torhüter Thibaut Courtois, der mit beeindruckenden acht Paraden aufwartete. Darunter einige Glanztaten wie bei Bernardo Silvas Abschluss in der 20. Spielminute sowie im Duell mit Jack Grealish kurz vor Schluss, als der Belgier einen platzierten Abschluss des City-Stars mit einer glänzenden Fußabwehr noch um den Pfosten wickelte und seine Mannschaft im Spiel hielt (87.).
Kleine Randnotiz: Nur Manuel Neuer, damals noch im Dress des FC Schalke 04 (2010/11 im Halbfinale gegen ManUnited), und Atlético Torhüter Jan Oblak (2015/16 im Halbfinale gegen die Bayern) kamen in der Geschichte der Champions League auf mehr Paraden in einem Halbfinalspiel.

Thibaut Courtois

Fotocredit: Getty Images

Doch nicht nur Courtois wuchs über sich hinaus, auch Rechtsverteidiger Dani Carvajal, im Hinspiel eher schwach unterwegs, zeigte eine herausragende Leistung. Der ehemalige Leverkusener lieferte nicht nur die sehenswerte Vorlage zum 2:1, sondern war auch ansonsten ein Aktivposten.
Kein Real-Spieler kam auf mehr Ballaktionen als Carvajal (89), niemand aufseiten der Hausherren verbuchte mehr Balleroberungen (9) und Torschussvorlagen (3).
Ein weiterer Held, der normalerweise nicht im Fokus steht: Innenverteidiger Nacho. Der Spanier rückte für den verletzten David Alaba in die Startelf und löste seine Sache mit Bravour. Fünf klärende Aktionen, vier abgefangene Bälle und eine Passquote von 97 Prozent bedeuteten jeweils Spitzenwerte innerhalb seiner Mannschaft.
Neben denjenigen, die von Beginn an auf dem Platz standen, gebührte auch den Eingewechselten Lob. Rodrygos Doppelpack sprach ohnehin für sich, doch auch Eduardo Camavinga, der erst in der 75. Minute für Luka Modric in die Partie gekommen war, hatte erheblichen Einfluss aufs Spielgeschehen.
Der junge Franzose zeigte sich extrem Zweikampfstark, gewann 63 Prozent seiner direkten Duelle, und überzeugt auch im Spiel nach vorne. Immer wieder trieb Camavinga den Ball dynamisch durchs Mittelfeld, überlief seine Gegner bisweilen mit Leichtigkeit. Er war es auch, der die Szene einleitete, die zum finalbringenden Elfmeter (Rúben Dias foulte Benzema) führte.

3.) Peps Champions-League-Fluch hält an

Als ManCitys langjähriger Mittelfeld-Stratege Yaya Touré den Verein 2018 verließ, ging er nicht unbedingt im Guten. Der Ivorer hatte sich mit Trainer Pep Guardiola überworfen, Tourés Berater war über die Ausbootung seines Klienten so erzürnt, dass er sich zu einer grotesken Aussage hinreißen ließ.
"Guardiola hat ganz Afrika gegen sich aufgebracht, viele afrikanische Fans haben sich von Manchester City abgewandt", wurde Seluk damals von "The Sun" zitiert. "Und ich bin mir sicher, dass viele afrikanische Schamanen in Zukunft Guardiola nicht erlauben werden, die Champions League zu gewinnen. Denke immer daran, Pep."
Sobald Guardiola in der Champions League scheitert, warden ebenjene Zitate gerne wieder aus der Mottenkiste hervorgeholt. So auch am Mittwochabend, als wieder einmal klar war, dass es auch in dieser Saison nichts mit dem heiß ersehnten Henkelpott wird.
Auch wenn man übernatürlichen Kräften nichts abgewinnen mag – kurios ist es schon, dass Guardiola, dessen Mannschaft jedes Jahr aufs Neue mit Abermillionen aus Abu Dhabi aufgemotzt wird, einfach nicht klappen will.
Bereits während seiner Zeit beim FC Bayern war dreimal in Folge im Halbfinale Schluss, während seiner nunmehr sechsjährigen Amtszeit bei City ging es dreimal nicht übers Viertelfinale hinaus, direkt in seiner Premierensaison stand ein Achtelfinal-Aus zu Buche. Im vergangenen Jahr unterlag er im Finale Thomas Tuchel und dessen FC Chelsea.
Sah sich Guardiola in all den Jahren immer wieder mit Kritik konfrontiert und dem Vorwurf ausgesetzt, sich vercoacht zu haben, bot er gegen Real nur wenig Angriffsfläche. Keine wirren Taktiken, keine fragwürdigen Startaufstellungen. Stattdessen bot sein Team vor allem im Hinspiel Hochgenuss-Fußball und machte auch im zweiten Aufeinandertreffen mit den Spaniern einen reifen Eindruck. Nicht schön, aber effektiv.
"Ich bin sehr glücklich, wir haben großartige Dinge in der Champions League getan. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt. Für den Moment ist das natürlich ein harter Schlag für uns", sagte Guardiola nach der Begegnung.
Ein harter Schlag. Schon wieder. Als sei das ganze Vorhaben verflucht.
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