Über den Einfluss, den der Trainer auf das Spiel einer Mannschaft hat oder eben nicht, lässt sich vortrefflich streiten. Gerade bei Neuankömmlingen werden Arbeitsweisen, ob taktischer oder praktischer Natur, Handlungen und auch Nichthandlungen bis ins Kleinste zerlegt und (fehl)interpretiert. Immer auf der Suche nach Anzeichen für den [hier Trainername einfügen]-Fußball, den man doch nach mehreren Wochen im Verein jetzt endlich erkennen müsse.
Besonders auffällig ist dieses Phänomen bei Coaches, die ihre Spiele in der Mehrzahl gewinnen. Dann wird das Gütesiegel des XY-Fußballs nur allzu schnell vergeben.
Dabei wird oft außer Acht gelassen, dass womöglich deutlich weniger erfolgversprechende Arten existieren, Fußball zu spielen, als Trainer, die eben diese unterrichten. Wem also gehört er denn nun, der Gewinner-Fußball?
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Es ist freilich so, dass sich Mannschaften von Louis van Gaal von denen eines Pep Guardiola unterscheiden - auch José Mourinhos Philosophie kann nicht über die von Jürgen Klopp gelegt werden - das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass sich Teams in Windeseile wandeln und neu erfinden, nur weil ein neuer Trainer an der Seitenlinie steht.

Von Nagelsmann-Fußball (noch) nichts zu sehen

So ist es auch aktuell beim FC Bayern. Trotz des mit Spannung erwarteten und bislang sehr erfolgreichen Saisonstarts unter Julian Nagelsmann, der am Dienstag hoch souverän mit 3:0 beim einst großen FC Barcelona gewann, ist von dessen Philosophie beim Rekordmeister noch gar nicht so viel zu sehen - und das ist auch gar nicht so schlimm, wie er selber sagt.
“Am Ende ist es mir nicht wichtig, dass es Nagelsmann-Fußball ist, sondern erfolgreicher Bayern-München-Fußball und wir dem Anspruch, den der Klub an uns hat, gerecht werden”, hatte Nagelsmann auf der Pressekonferenz vor dem Königsklassen-Auftakt den fragenden Journalisten entgegnet, die nach den Erkennungszeichen "seines" Fußballs fragten.

Leroy Sané (links) und Julian Nagelsmann - FC Bayern

Fotocredit: Getty Images

Dass der gebürtige Landsberger noch Zeit braucht, um seine Spielphilosophie einzubringen, ist erklärbar. In der Vorbereitung musste er aufgrund des verlängerten Urlaubs diverser EM-Fahrer vornehmlich mit Reserve- und Jugendspielern arbeiten.

Ein erster Nagelsmann-Moment beim FC Bayern

Mit dem Ergebnis im Camp Nou, war es auch kein 8:2 wie im vergangenen Jahr unter Vorgänger Hansi Flick, dürfte der 34-Jährige den Ansprüchen des Klubs ohne Frage gerecht geworden sein - und seiner eigenen Identität ein Stückchen näher.
Denn Nagelsmann, das konnte man im Spiel erahnen und im Anschluss aus diversen Interviews auch raushören, hatte nicht unwesentlichen Anteil am Ausgang der Partie.
"Wir hatten am Anfang ein bisschen Probleme, Depay in der roten Zone zu verteidigen. Dann haben wir ein bisschen was angepasst und waren sehr gut im Spiel. Barcelona hatte keinen Torschuss", beschrieb der Trainer nach getaner Arbeit einige Anpassungen, die er während des Spiels vornahm.
Thomas Müller wurde da konkreter: "Wir haben einen Fehler in der Statik gemacht. Wir wollten rechts eigentlich höher stehen. Benji (Benjamin Pavard, Anm. d. Red.) war sich nicht sicher, ob er voll durchschieben soll. Das haben wir in der Halbzeit angepasst." Das Ergebnis: Bayern lief das Barça-Mittelfeld früher an, konnte so einige hohe Ballgewinne erzielen und durchbrach lange Ballbesitzphasen der Katalanen.

Nagelsmann analysiert Bayern-Sieg: "In der Halbzeit umgestellt"

Das sogenannte In-Game-Coaching, also das Erkennen und Reagieren auf unerwartete Situationen auf dem Platz, gehört zu den Dingen, bei denen sich die Münchner eine Weiterentwicklung gegenüber Hansi Flick erhoffen.
Das heißt nicht, dass Flick in seiner Zeit beim FC Bayern niemals Missstände erkannt und repariert hätte. Der heutige Bundestrainer hielt jedoch häufig mit aller Macht an Plan A fest, der in den überwiegenden Fällen auch funktionierte und zum Sieg führte. Auch eine Qualität.

Salihamidzic: "Hansi hat das auch gemacht, aber …"

Nagelsmann hingegen reagierte schon bei seinen Stationen in Hoffenheim und Leipzig flexibel, scheute sich nicht, komplette Systemänderungen während eines Spiels vorzunehmen und so die Statik mitunter komplett zu verändern. Eine Eigenschaft, die im Volksmund oft den jungen, der Generation "Laptop-Trainer" angehörigen Coaches zugesprochen wird. Was den herkömmlichen Fußballlehrern der alten Schule, ohne Laptop (im übertragenen Sinne), sicherlich nicht per se gerecht wird.
Sportvorstand Hasan Salihamidzic unterstreicht noch einen weiteren Unterschied der Trainer Nagelsmann und Flick - die nicht direkt etwas mit dem Spiel auf dem Platz zu tun hat.
"Die Kommunikation untereinander ist extrem wichtig. Er hat viel Input, das ist für uns alle neu. Aber wenn wir das umsetzen, dann werden wir gute Bayern sehen", sagte der 44-Jährige vor einigen Tagen bei "Sky" und schob nach: "Hansi hat das auch gemacht, aber auf eine andere Art und Weise - und nicht so viel. Das mit Nagelsmann passt einfach."

Wie sieht der Nagelsmann-Fußball aus?

Doch zurück zur Ausgangsfrage: Wie sieht er denn nun also aus, dieser Nagelsmann-Fußball? "Wir verstehen den Fußball schon so, dass er eine gewisse entertainende Art hat und es kein einschläfernder Ballbesitzfußball sein soll", beschrieb ihn der ehemalige Leipzig-Coach auf der Pressekonferenz am Montag.
Entertainment? Klingt ganz wie die Umschreibung der kloppschen Vollgasveranstaltungen, die er vor gut zehn Jahren in Dortmund erfolgreich einführte oder aber die Philosophie von Werder-Legende Thomas Schaaf, die einst besagte: "Wir machen vorne fünf, dann können wir hinten vier kassieren."
Wie dem auch sei: Schafft es Nagelsmann, sein Team auch in Zukunft so erfolgreich und souverän auftreten zu lassen wie in Barcelona, hätte er sich seinen ganz persönlichen, nach ihm benannten Nagelsmann-Fußball ohne Frage verdient.
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