FC Bayern München - Darum ist der Umgang mit "Trainer-Talent" Julian Nagelsmann ein Spiel mit dem Feuer
VonThomas Gaber
Publiziert 11/10/2022 um 14:43 GMT+2 Uhr
Julian Nagelsmann kämpft derzeit gleich an mehreren Fronten. Sportlich hinkt der FC Bayern München vor allem in der Bundesliga weit hinter den Erwartungen zurück. Hinzu kommen provokante Aussagen der Klubführung, die Nagelsmann nicht auf sich sitzen lässt. Ein Blick in die Geschichte des FC Bayern beweist, dass der öffentliche Umgang mit dem Trainer schon öfter ins Verderben geführt hat.
Julian Nagelsmann
Fotocredit: Imago
Anfang Oktober hatte Karl-Heinz Rummenigge Julian Nagelsmann im "Bayerischen Rundfunk" als "Trainer-Talent" bezeichnet, worauf der Münchner Coach nach dem Topspiel bei Borussia Dortmund (2:2) ziemlich gereizt reagierte.
"Trainer-Talent - das sagt ja nicht nur Karl-Heinz Rummenigge. In meinen Augen sagen es auf jeden Fall zu viele", erklärte Nagelsmann und ließ einen zynischen Kommentar folgen: "Ich bin ja auch ein Trainer-Talent, da bin ich stolz drauf. Ich gebe jeden Tag mein Bestes, das weiß ich. Alles andere sollen andere bewerten."
Rummenigge war anschließend bemüht, die Wogen zu glätten. Bei "Bild" sagte der langjährige Vorstandsvorsitzende des FC Bayern: "Das war ein Lob und überhaupt keine Kritik. Ich bin ein bisschen erstaunt, dass es in einen negativen Zusammenhang gesetzt wird. Talent bedeutet nichts anderes, als dass jemand über großes Potenzial verfügt. Dieses große Potenzial sieht man doch bei ihm in der Handschrift der Mannschaft."
Seit Mitte 2021 hat Rummenigge keine Funktion mehr beim FC Bayern inne, im Gegensatz zu Uli Hoeneß gehört er auch nicht dem Aufsichtsrat an. Sein Wort hat aber immer noch Gewicht, zumal er nach wie vor einen engen Draht zu seinem Nachfolger Oliver Kahn pflegen soll.
Julian Nagelsmann wirkt sichtbar angeknackst
Nagelsmann als "Talent" zu bezeichnen, ist auf den ersten Blick nicht verwerflich. Doch die Position des Cheftrainers bei einem der größten und erfolgreichsten Vereine der Welt ist zu bedeutend, um sie mit einem "Talent" zu besetzen.
Bayern München kann Spieler-Talente beherbergen, wie derzeit Mathys Tel. Ein 17-Jähriger, der in seiner Altersklasse besser ist als die meisten anderen, kann sich auch im Bayern-Kosmos entwickeln und zum Star reifen. Ein Trainer-Talent hat in München dafür schlicht und ergreifend keine Zeit. Er muss Ergebnisse liefern, sofort und permanent.
Eine Saison wird beim FC Bayern danach bewertet, wie viele Replika an Silberware frisch in die Vitrine kommen. Dafür wird früh in der Saison die Basis gelegt und das ist dem FC Bayern in der Bundesliga trotz des Raketenstarts ganz und gar nicht gelungen. Von den letzten sechs Bundesligaspielen gewannen die Münchner nur eins.
Angesprochen auf die Rummenigge-Aussage wirkte Nagelsmann im "Sky"-Interview für jeden sichtbar angeknackst. Das hat in der jüngeren Vergangenheit Methode beim 35-Jährigen. Nach der Niederlage in Augsburg beendete er die Pressekonferenz auf die Frage nach einer fehlenden Nummer neun mit den Worten: "Ist doch Wurst, was ich sage."
Brisante Aussagen von Salihamidzic, Hainer und Kahn
Und eine Reihe von Aussagen der aktuellen Führungsriege des Vereins lassen Nagelsmann nicht unbedingt besser dastehen. Sportvorstand Hasan Salihamidzic sagte nach dem 2:2 gegen Stuttgart bei "Sport1": "Dass er seinen Stil noch herausfinden muss, ist klar. Das ist ein Lernprozess, aber das ist bei Bayern auch nicht so einfach."
Oliver Kahn und Präsident Herbert Hainer sprachen nach dem Dortmund-Spiel unisono von einem "toten Gegner", den man quasi wiederbelebt habe.
Hainer wies in "Blickpunkt Sport" daraufhin, dass Nagelsmann mit dem FC Bayern nun ein ganz anderes Kaliber trainiere als Hoffenheim oder Leipzig. Und für Kahn ist es unerklärlich, "wie wir es immer wieder hinbekommen, uns um den verdienten Lohn zu bringen. Da muss ich schon lange nachdenken, um mich an so eine Saison erinnern zu können." Aussagen mit reichlich Zündstoff.
Ein "Trainer-Talent" (Rummenigge), dass in einem "Lernprozess noch seinen Stil herausfinden muss" (Salihamidzic) und nicht mehr "Hoffenheim oder Leipzig trainiert" (Hainer) ruft beim Vorstandsboss (Kahn) Erinnerungen an schlechte Zeiten hervor, der zugleich "endlich Ergebnisstabilität" einfordert.
Rummenigge schoss Hitzfeld ab, Nerlinger van Gaal
An Nagelsmann geht das keineswegs spurlos vorüber und ein Blick in die Historie des Vereins belegt, dass einige Trainer über Aussagen der Bosse gestolpert sind.
2007 diskreditierte Rummenigge den damaligen Trainer und studierten Mathematiker Ottmar Hitzfeld nach einem 2:2 im UEFA-Cup gegen die Bolton Wanderers infolge einer groß angelegten Rotation mit den Worten: "Fußball ist keine Mathematik, die man berechnen kann." Hitzfeld fühlte sich seinerzeit in seiner Ehre so verletzt, dass er den FC Bayern am Saisonende verließ und Nationaltrainer der Schweiz wurde.
Im Januar 2011 lieferte Sportdirektor Christian Nerlinger Louis van Gaal ans Messer. Nachdem der Niederländer in der Winterpause den jungen Thomas Kraft als Nummer eins anstelle von Hans-Jörg Butt installierte, platzte Nerlinger im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" der Kragen.
"Ich bin schockiert. Der Trainer riskiert mit dem Alleingang in dieser Personalie weitreichende Konsequenzen", sagte Nerlinger damals. Das gestörte Verhältnis zwischen van Gaal und Nerlinger war danach nicht mehr zu kitten. Als Nerlinger zu Beginn der Rückrunde dem am Knie verletzten Franck Ribery ein baldiges Comeback in Aussicht stellte, wurde er van Gaal zurechtgewiesen, dass solche Erklärungen nicht zu seinen Aufgaben zählen würden.
Nerlingers Antwort: "Das ist lächerlich. Es ist nicht die Aufgabe des Trainers, meine Aussagen öffentlich zu kommentieren. Als direkter Vorgesetzter und auch sportlich Mitverantwortlicher ist es mein Recht und auch meine Pflicht, mich zu solchen Dingen zu äußern." Anfang April 2011 wurde van Gaal nach einer Niederlage beim 1. FC Nürnberg gefeuert - Kraft hatte zwei Gegentore verschuldet.
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Chrstian Nerlinger (l.) kritisierte Louis van Gaal mehrmals öffentlich
Fotocredit: Getty Images
Hansi Flick ging nach Streit mit Salihamidzic
Schließlich warf Erfolgstrainer Hansi Flick nach einer Dauerfehde mit Salihamidzic, die in einem hitzigen Disput im Mannschaftsbus gipfelte (Flick: "Jetzt halt endlich dein Maul"), am Ende der Saison 2020/21 entnervt das Handtuch.
Der öffentliche Umgang der Vereinsführung mit dem Trainer hat beim FC Bayern nicht nur einmal dazu zu späteren Trennungen geführt. Zwar betonen Salihamidzic und Hainer, dass sie nach wie vor von Nagelsmanns Arbeit überzeugt sind. Das sind gängige Floskeln im Profifußball, die mitunter geringen Haltbarkeitswert haben.
Es sind die provokanten, negativ behafteten Kommentare, die den Adressaten kränken und lange nachwirken können.
Nagelsmann hat nur eine Möglichkeit, die Hysterie wieder einzufangen: Der FC Bayern muss seine Spiele gewinnen.
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"Ärgerlich für uns": Nagelsmann analysiert Bayern-Einbruch
Quelle: Perform
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