FC Bayern München: Vincent Kompany macht's mit Bescheidenheit - und ganz anders als sein Lehrmeister Pep Guardiola

Vincent Kompany hat dem FC Bayern als Trainer einen neuen Spirit gegeben und ist damit, obwohl einst eine Notlösung, der Baumeister des aktuellen Erfolgs. Wie der 39-jährige Belgier, unter schwierigen Bedingungen in Brüssel als Sohn eines Flüchtlings aufgewachsen, zu dem Übungsleiter und Mensch wurde, der er heute ist - und warum er andere Methoden anwendet als sein Lehrmeister Pep Guardiola.

SotipptderBoss: FC Augsburg und Wagner am Abgrund

Quelle: Eurosport

Neulich wurde Vincent Kompany gefragt, woher er seine Ruhe und Gelassenheit nehme. Schließlich dauert es eine Weile, bis der 39-jährige Belgier wirklich einmal außer sich ist, bis er aus der Haut fährt. Es muss ihm eine Ungerechtigkeit widerfahren - auf oder abseits des Platzes.
Der Bayern-Trainer verweist dann gerne auf seine Lebensgeschichte, die auch von "Schmerz" geprägt gewesen sei, wie er wörtlich sagte. Das zielt auf seine Herkunft und die schwierigen Bedingungen ab, unter denen er aufgewachsen ist.
Kompany kam im Süden von Brüssel zur Welt, in einer der insgesamt 19 Gemeinden der zweisprachigen Region: in Uccle (französischer Name) beziehungsweise Ukkel (niederländisch).
Seine Mutter ist Belgierin, sein Vater Pierre wurde 1947 im damaligen Belgisch-Kongo geboren und floh 1975 vor der Mobutu-Diktatur nach Belgien. Er fasste Fuß in Brüssel, integrierte sich.
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Bayern-Trainer Vincent Kompany surft mit seiner Mannschaft auf der Erfolgswelle

Fotocredit: Imago

Jedoch musste er sieben Jahre ohne offizielle Dokumente auskommen. Er trainierte Jugendliche im Fußball, peu à peu gelang ihm der soziale Aufstieg. Erst Taxifahrer und eines Tages in der Brüsseler Gemeinde Ganshoren zum Bürgermeister gewählt - als erster Schwarzer in Belgien. Die Kompanys haben gelernt, sich anzupassen und für ihre Chancen im Leben zu kämpfen. Voller Demut.

KOMPANY LERNT BEI ANDERLECHT FÜR DIE BAYERN-ZEIT

Vincent begann seine Profi- und später auch seine Trainerlaufbahn beim RSC Anderlecht. Eine gute Schule unter einem bestimmten Aspekt. "Anderlecht hat ein wenig dieses Bayern-Gen: Wenn man nicht siegt, dann reicht es nicht", meinte Kompany kürzlich. Somit konnte er sich selbst ab Juli 2024 schnell an der Säbener Straße etablieren.
Er war - und das muss man sich dieser Tage angesichts von 16 Siegen aus 16 Partien seit Saisonbeginn noch einmal vor Augen halten - eine Notlösung. Ein Trainer, der mit seiner Mannschaft, dem FC Burnley, gerade aus der Premier League abgestiegen war. Einer, der die x-te Wahl darstellte nach mehreren gescheiterten Versuchen der Bayern-Bosse, prominente Namen wie Xabi Alonso (damals Leverkusen, jetzt Real Madrid) oder Ralf Rangnick (damals wie heute Nationaltrainer Österreichs) nach München zu locken.
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Vincent Kompany 2022 als Trainer des RSC Anderlecht

Fotocredit: Imago

Und nun, nach dem beeindruckenden 2:1-Erfolg im Champions-League-Spiel bei Titelverteidiger Paris Saint-Germain, ist Kompany Bayerns Baumeister. Der Architekt einer funktionierenden Mannschaft, die wie eine Maschine Spiel für Spiel gewinnt. Der Baumeister einer fantastischen Gegenwart und einer Zukunft, die nach Glanz und Gloria, nach Trophäen und Rekorden riecht.
Die Antwort kam so gedankenschnell und entschlossen wie die Angriffswellen der Bayern in der ersten Halbzeit. "Ja", sagte Joshua Kimmich und ließ die Zuhörer in den Katakomben des Prinzenpark-Stadions von Paris verblüfft zurück. Ob diese erste Halbzeit mit der 2:0-Führung bei PSG, beim Titelverteidiger der Champions League, die beste Halbzeit sei, die er bei Bayern bisher erlebt habe, lautete die Reporterfrage um kurz vor Mitternacht.

KIMMICH FÜHLT SICH AN ZEIT UNTER GUARDIOLA ERINNERT

Der 30-Jährige spielt seit 2015 in München, bestreitet seine elfte Saison im Bayern-Trikot. Dieser Auftritt in Paris war für Kimmich das Nonplusultra - mit dem Wendepunkt, dass sich durch den Platzverweis für den Doppeltorschützen Luis Díaz kurz vor der Pause danach ein anderes Spiel entwickelte - das die Bayern mit 2:1 über die Runden verteidigten. Nach der besten Halbzeit seit zehn Jahren.
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Joshua Kimmich und Trainer Vincent Kompany vom FC Bayern München

Fotocredit: Getty Images

"Gegen so einen Gegner auf so einem hohen Level mit so einer Art und Weise Fußball zu spielen und denen so wehzutun", dachte Kimmich laut nach und kramte aus seinem Hinterkopf "eine unfassbare erste Halbzeit bei Juventus Turin" heraus. Im Februar 2016 war das, unter Trainer Pep Guardiola in dessen drittem und letztem Amtsjahr. In jenem Achtelfinal-Hinspiel pressten die Münchner die Italiener vehement, schnürten sie am eigenen Strafraum ein - und verspielten doch eine 2:0-Führung, Endstand 2:2. Unter Vincent Kompany passierte dies am Dienstag nicht.
Kompany war elf Jahre, von 2008 bis 2019, als Abwehrchef und später als Kapitän der verlängerte Arm von Guardiola bei Manchester City. Peps Intimus, Peps Trainer auf dem Spielfeld. Kompany studierte die Mechanismen und das Coaching, während er noch selbst spielte. Doch Kompany ist anders als Guardiola, lässt anders spielen, setzt andere Schwerpunkte. Er stellt sich niemals über die Mannschaft, spricht nicht in ironischen Superlativen über seine Spieler - mit kalten Lobeshymnen wie: "Ich hätte gerne 1000 Dantes".
Kompany setzt auf ein gesundes Miteinander in der Kabine. Seine Entscheidungen über die Aufstellung oder die taktische Herangehensweise teilte er mit den Spielern. Er ist berechenbar, hat eine Ebene des Vertrauens aufgebaut. Das schätzen Profis. 

WIE GUARDIOLA ES VOR TOP-SPIELEN MIT ALLEINGÄNGEN ÜBERTRIEB

Guardiola wuchs in stabilen, beschaulichen Verhältnissen im spanischen Santpedor auf. Er strebte stets nach Anerkennung. Als Trainer etablierte er nach seiner mega-erfolgreichen Zeit beim FC Barcelona auch in München einen neuen Spielstil, den auf Dominanz ausgerichteten Ballbesitzfußball, der zuweilen das Manko hatte, das seine Spieler nach zig Pässen vor dem Tor in Schönheit starben.
Vor einem großen Spiel suchte Guardiola geradezu manisch nach dem perfekten Plan B, den er zur Überraschung seiner Mannschaft über Nacht austüftelte und dann mit verwegenen Personalrochaden oder Taktikänderungen durchzog. Ging meist schief. Kompany ist pragmatischer, seine Aufstellungen sind vorhersehbar, für die Spieler nachvollziehbar. Eines der Geheimnisse seines Erfolges.
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Gemeinsame Zeit beim FC Bayern: Coach Pep Guardiola (re.) 2016 mit seinem damaligen Spieler Xabi Alonso (li.)

Fotocredit: Getty Images

Sportvorstand Max Eberl fand in Paris "beeindruckend, was wir gespielt haben. Wir haben es super gemacht gegen eine der besten Mannschaften Europas, letzte Saison das Maß der Dinge. Was wir uns vorwerfen müssen, dass wir nicht das dritte Tor gemacht haben in der ersten Halbzeit."
Was das Leben in Halbzeit zwei einfacher gemacht hätte nach der berechtigten Roten Karte für Díaz nach dessen zu hartem Einsteigen gegen Achraf Hakimi, der unter Tränen in die Kabine humpelte. So mussten die Bayern zu zehnt den Schalter umlegen auf: Abwehrschlacht, im tiefen Block verteidigen. Klappt auch, kein Ding. "Wir spielen im Training oft genug Überzahl gegen Unterzahl", meinte Neuer, "zehn gegen acht". Also reine Übungssache.

FC BAYERN: JETZT KÖNNEN SIE AUCH NOCH VERTEIDIGEN

Laut Eberl ist das "für uns jetzt wieder ein weiterer Schritt. Wir wissen: Wenn wir mal nur verteidigen müssen - das können wir auch. Deswegen ist dieser Sieg richtig viel wert." Als Bestätigung für die eigene Flexibilität - entstanden durch Kompany.
Das Selbstvertrauen ist nun Eiffelturm-hoch. "Wow, was haben wir heute für einen Fight erlebt an diesem wunderbaren Abend in Paris", sagte Vorstandsboss Jan-Christian Dreesen während seiner Rede auf dem Bankett im Teamhotel "Four Seasons George V", unweit des Arc de Triomphe.
"Es hat sich angefühlt wie ein Semifinale oder ein Finale", meinte Dreesen. Das Endspiel der Königsklasse findet erst in der übernächsten der vier Jahreszeiten statt, im Frühjahr, am 30. Mai in Budapest.
Kommt Bayerns Flow zu früh, weil die Titel und Trophäen nicht im Herbst vergeben werden? Eberl sieht den aktuellen Lauf als "gute Grundlage, die wir uns legen. Trotzdem werden wir nicht müde, davon zu reden: Es geht weiter. Wir wollen mehr." Und Kompany wiederholt mantraartig seine Sicht, dass man stets nur ein einziges Spiel gewinnen könne - das nächste.
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Díaz-Doppelpack und Rot - so lief der Kracher PSG-Bayern

Quelle: Eurosport


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