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DFB-Pokalfinale: Calmund exklusiv: Hecking ist der wahre King
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Publiziert 31/05/2015 um 22:19 GMT+2 Uhr
In seiner neuen Kolumne auf eurosport.yahoo.de zieht Reiner Calmund sein Fazit zu einem packenden DFB-Pokalfinale und adelt Dieter Hecking.
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Fotocredit: Eurosport
War das ein schöner Abend! Der Fußball präsentierte sich endlich wieder da, wo er hingehört: Auf der ganz großen Bühne, mit 22 Spielern, einem Ball und in stimmungsvoller Atmosphäre. Borussia Dortmund und der VfL Wolfsburg begeisterten in diesem Pokalfinale vor 75.000 Fans im Berliner Olympiastadion und drängten die Negativ-Schlagzeilen über die FIFA an den Rand.
Dieser erste Pokalsieg der Wolfsburger war verdient, aber glücklich. Glücklich, weil der BVB einen überragenden Start hatte, aber es versäumte, nach der Führung rechtzeitig nachzulegen. Das nutzten die "Wölfe" effektiv aus und bissen den Gegner noch vor der Pause richtig in den Allerwertesten. Nach dem Wechsel verlegten sie sich auf das Verteidigen und machten auch das sehr gut.
Gefrierbrand am Herzen?
Es hat mir ein bisschen leidgetan für den BVB. Über 100.000 schwarz-gelb gekleidete Fans in Berlin und Millionen in ganz Deutschland wollten diesen Titel unbedingt - als Ausrufezeichen hinter sieben tolle Jahre Jürgen Klopp. Der scheidende Trainer hatte mit den Tränen zu kämpfen, als alles vorbei war. Kein Wunder, Freunde - wer an diesem Abend nicht emotional berührt war, der sollte sich auf Gefrierbrand am Herzen untersuchen lassen.
Klopp zeigte noch einmal alles. Seine Empathie, als er jeden Spieler auf dem Platz in den Arm nahm - auch die Wolfsburger. Und seine Kratzbürstigkeit, als er zunächst ARD-Moderator Gerhard Delling rund machte und anschließend FIFA-Schiedsrichter Dr. Felix Brych sein Fett abkriegte.
Ob das sein musste an diesem Abend? Waren die Dortmunder nicht selbst nur in dieses Finale gelangt, weil Brychs Kollege Gagelmann im Halbfinale ein paar Szenen für Dortmund und gegen die Bayern ausgelegt hatte? Egal - Klopp gab noch einmal alles. Und seien wir ehrlich: Ein staatsmännisches Hinnehmen der zweifelhaften Entscheidungen hätten wir von ihm nicht erwartet. Klare Kante und unbequeme Worte gehörten bei ihm immer dazu und daran wird sich hoffentlich nichts ändern.
Das i-Tüpfelchen fehlt
Seine Zeit in Dortmund war eine einzige Erfolgsstory. Zwei Meistertitel, ein Pokalsieg, das Finale um die Champions League - selbst in der nun abgelaufenen Saison gelang während der Rückrunde die Aufholjagd von Platz 18 bis in die Europa-League-Qualifikation - obwohl das i-Tüpfelchen fehlte, ziehe ich meinen Hut ganz tief vor ihm.
Gratulation vor allem aber auch für den VfL Wolfsburg. Das VW-Team lief nach dem Stotter-Start auf Hochtouren. Die Macher dieses Teams heißen Klaus Allofs und Dieter Hecking. Während Allofs seinen sechsten DFB-Pokalsieg als Spieler und Manager feierte, bedeutete dieser Triumph für Hecking den ersten großen Titel.
Kreispokalsieg mit der D-Jugend
Ich freue mich für ihn. Weil ich seinen Weg schon lange verfolge und weiß, dass es ihm nicht an der Wiege gesungen war, irgendwann in seinem Leben als (Hec)"King" im Berliner Olympiastadion zu stehen.
Ich kann mich noch gut an den stillen und bescheidenen Junioren-Nationalspieler Dieter Hecking erinnern, der damals in der Polizei-Ausbildung war, aber immer lieber dem Ball hinterherjagte als den Verbrechern.
Als er am Samstag sagte, sein größter Erfolg sei ein Kreispokalsieg mit der D-Jugend gewesen, da war das kein Understatement. Sein Weg als Spieler und Trainer war kein bequemer und gerader. Der Ostwestfale musste viele Jahre um Anerkennung kämpfen, stand lange im Schatten der Großen. Lippstadt, Paderborn, Kassel, Mannheim, Leipzig, Verl - so hießen einige seiner Stationen. Erst als Bundesliga-Trainer in Aachen erreichte er einen gewissen Grad an Aufmerksamkeit, danach erarbeitete er sich durch erstklassige Arbeit in Hannover und Nürnberg großen Respekt in der Branche, ohne in der Öffentlichkeit groß aufzufallen.
Wolfsburger Trumpfkarten
Als Wolfsburg rief, steckte die Mannschaft im Kampf gegen den Abstieg - das darf man nie vergessen. Seitdem haben Hecking und Allofs etwas geschafft, was landläufig unterschätzt wird: Sie haben zwar viel Geld ausgegeben. Aber: Sie haben es offensichtlich sinnvoll ausgegeben. Das kann nicht jeder!
Dank der besonnen Arbeit und der Möglichkeiten, die der VW-Konzern bietet, besitzt der VfL heute ein paar Trumpfkarten. Die Wichtigsten: Der Kader verfügt über eine erstklassige Qualität. Vor allen Dingen aber besticht er durch Teamgeist. Es reicht nicht, Möglichkeiten zu haben. Man muss sie auch nutzen. Allofs und Hecking konnten groß einkaufen: Für Spieler wie Naldo, Rodriguez, Luis Gustavo, Kevin De Bruyne und André Schürrle wurden insgesamt über 80 Millionen in den Markt gepumpt. Aber: Sie alle und der große Rest funktionieren als Mannschaft, haben Erfolg und fast jeder konnte seinen Marktwert steigern. Für einen Kevin De Bruyne könnte der VfL heute locker rund 50 Millionen Euro erzielen!
Ganz wichtig: Ein 30-Millionen-Euro-Einkauf wie André Schürrle weiß, dass er kämpfen muss, um seinen Platz im Team zu finden. Doch als er am Samstag rein kam, da war er sich nicht zu schade, hinten auszuhelfen und als linker Verteidiger zu grätschen.
Das nötigt höchsten Respekt ab
Dieter Hecking hat somit etwas hingekriegt, was einen großen Trainer ausmacht. Er hat die Topstars integriert, verbessert, aber auch die weniger bekannten Spieler auf ein höheres Level geführt. Timm Klose kam aus Nürnberg, Maxi Arnold aus der eigenen Jugend, Daniel Caligiuri aus Freiburg, den Portugiesen Vierinha kannte niemand, heute ist er einer der besten Rechtsverteidiger Europas.
Sie alle sind wichtige Bausteine des Erfolges, herausgesucht und gesetzt von Klaus Allofs und Dieter Hecking. Wie die Mannschaft außerdem das Drama um ihren in der Winterpause tödlich verunglückten Kollegen Junior Malanda verarbeitete, das nötigt höchsten Respekt ab und zeigt, wie charakterstark diese Truppe ist. Mit schönen und gefühlvollen Gesten gedachten sie auch in Berlin des Belgiers, der viel zu früh aus dem Leben gerissen wurde.
Noch kein Meisterschaftsfavorit, aber ...
Der VfL - der ja auch Vizemeister wurde - verfügt also dank seines Führungsduos über eine starke, sportlich und charakterlich stabile Einheit. Die Wolfsburger sind in meinen Augen noch kein Meisterfavorit. Dies kann in dieser Zeit immer nur der FC Bayern sein. Aber ich bin ganz sicher, die "Wölfe" können auf Dauer ein bissiger und unangenehmer Konkurrent für den Rekordmeister werden.
Gratulation auch an die Macher im Hintergrund. VW-Konzernchef Martin Winterkorn und seine engsten Mitstreiter Garcia Sanz und Stephan Grühsem - beide auch Mitglied im Aufsichtsrat des VfL Wolfsburg - sind auf dem besten Weg, ihren Fußballklub - genau wie den Konzern - zumindest erstmals auch in Europa ganz oben zu platzieren.
Euer Calli
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