1. Bellingham weckt Hoffnungen

Wütend drosch Jude Bellingham den Ball in den Dortmunder Nachthimmel und sah dafür von Schiedsrichter Robert Kampka die Gelbe Karte. Auslöser war allerdings keineswegs ein Dortmunder Gegentreffer. Ganz im Gegenteil: Bellingham war gerade durch drei Duisburger Gegenspieler getanzt, nur der finale Pass in die Mitte kam nicht bei Topstürmer Erling Haaland an, sondern wurde von MSV-Keeper Leo Weinkauf abgefangen.

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14/09/2020 AM 17:49

Die Szene belegte Bellinghams enormen Ehrgeiz, der ihn gleich zum Saisonauftakt in die Startelf befördert hatte, offenbarte aber auch seine noch ungebändigte Jugendlichkeit. Doch gerade diese Mischung scheint ihn für Dortmund zu einem so wertvollen Puzzlestück zu machen.

17 Jahre ist Bellingham erst jung, trotzdem war der BVB bereit, kolportierte 26,5 Millionen Euro an Birmingham City für ihn zu überweisen. Auch wenn sein Talent unbestritten ist, wunderten sich doch einige über die Summe, die für einen Spieler gezahlt wurde, der sich erst einmal über einen gewissen Zeitraum auf höherem Niveau beweisen musste. Doch Bellingham deutete sein Können bereits in der Vorbereitung an - und spätestens nach seinem 45-minütigen Pflichtspieldebüt im Pokal dürften etwaige Zweifler verstummt sein.

Bellingham agierte von Beginn an sehr präsent im Mittelfeld, holte sich viele Bälle ab und war überall auf dem Feld zu finden. Zudem zeigte er eine erfrischende Mischung aus sicherem Passspiel und mutigem Offensivdrang. Immer wieder ging er ins Dribbling, drängte in die Spitze.

Jude Bellingham

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Sein Tor in der 30. Minute nach feiner Vorlage von Thorgan Hazard war die Krönung eines starken Auftritts. Doch des Tores hätte es gar nicht bedurft. Auch so bewies Bellingham, dass Favre auf ihn in dieser Form eigentlich nicht verzichten kann. Seinen Partner auf der Doppelsechs, Axel Witsel, ließ er fast schon blass erscheinen. Bellingham konnte in seinen 45 Minuten 49 Ballkontakte bei einer Passquote von 92 Prozent vorweisen. Witsel hatte zu diesem Zeitpunkt zehn Stück weniger gesammelt.

Dass Bellingham in der Pause für Thomas Delaney Platz machte, lag einzig und allein daran, dass Favre angesichts des deutlichen Vorsprungs anderen Spielern noch einmal Spielzeit gewähren wollte.

2. Rolle rückwärts in der Systemfrage

Viel wurde ausprobiert, am Ende blieb alles beim Alten. Im ersten Pflichtspiel der neuen Saison lief der BVB mit einer Dreierkette auf. Und das obwohl Trainer Lucien Favre im Sommer-Trainingslager ausschließlich auf eine Viererkette setzte. Auch in den ersten Trainingseinheiten und Testspielen wurde ausschließlich die Viererkette einstudiert, mit der der BVB auch die vergangene Hinrunde bestritt. Damals bewegten Abwehrschwächen Favre im Spätherbst 2019 zu einer Umstellung.

Als nun die Ergebnisse in den Testspielen nicht stimmten, wurden auch die Rufe nach einer Rückkehr zur Dreierkette lauter. Für das Pokalspiel hatte Favre diese offenbar erhört und stellte wieder auf das alte System um. In der abgelaufenen Saison blühten insbesondere die beiden Außenverteidiger Achraf Hakimi und Raphael Guerreiro in der Fünferkette auf, da sie verstärkt ihren Offensivdrang ausleben konnten.

Gegen Duisburg stand keiner der beiden auf dem Platz – Hakimi wechselte im Sommer zu Inter Mailand, Guerreiro fiel mit einer Zerrung aus. Stattdessen übernahmen Neuzugang Thomas Meunier und Thorgan Hazard die Positionen. Meunier dürfte als rechter Mittelfeldpart gesetzt bleiben, Hazard wird bei Guerreiros Rückkehr allerdings eher eine Position weiter vorne zu finden sein.

Lucien Favre gibt im Spiel gegen Duisburg Anweisungen

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In der Innenverteidigung lief neben Mats Hummels und Manuel Akanji auch Emre Can auf. Der 26-Jährige soll mit Blick auf die Nationalmannschaft eine Rolle in der Abwehr sogar begrüßen. Hinten dürften sie also mit dem System zufrieden sein. Ob das in der Offensive, wo eine Position weniger zu vergeben ist, auch der Fall ist, bleibt offen (dazu gleich mehr).

Duisburg als Gradmesser für den Erfolg des Systems zu nehmen, ist schwierig. Mehr Aufschluss dürfte der erste Härtetest zum Bundesliga-Auftakt gegen Borussia Mönchengladbach geben.

3. Diese Offensive bereitet Favre Kopfzerbrechen

Am 4. Februar stand Marco Reus zuletzt in einem Pflichtspiel für Borussia Dortmund auf dem Platz, mehr als ein halbes Jahr später benötigte der Dortmunder Kapitän nur drei Sekunden und einen Ballkontakt, um sich eindrucksvoll zurückzumelden. Bei einem Freistoß von Jadon Sancho schlich sich Reus in den Rücken der Duisburger Abwehr, bekam den Ball perfekt serviert und schob locker ins Tor zum 5:0 ein (58.). Am Ende trugen sich fünf verschiedene Spieler in die Torschützenliste ein – und genau das dürfte Lucien Favre Kopfzerbrechen bereiten.

Denn der Trainer hat angesichts seiner Offensiv-Talente beim Bundesliga-Auftakt die Qual der Wahl. In dem System mit der Dreierkette sind neben den beiden Sechsern eigentlich nur noch drei offensive Positionen zu vergeben. Auch deshalb gab Thorgan Hazard in Vertretung von Raphael Guerreiro einen (sehr offensiven) linken Mittelfeldspieler.

Erling Haaland dürfte im Sturmzentrum gesetzt sein, ähnliches gilt für Jadon Sancho. Schon bliebe nur noch ein Platz, auf den sich gleich mehrere Spieler Chancen ausrechnen. Reyna gilt als einer der großen Gewinner der Vorbereitung, Hazard ist einer von Favres Lieblingen und Reus hat als Kapitän ohnehin eine besondere Rolle in der Mannschaft.

Marco Reus traf bei seinem Pflichtspiel-Comeback nach wenigen Sekunden

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Auch mit in der Verlosung ist Julian Brandt, der seine Position beim BVB noch nicht wirklich gefunden zu haben scheint und weder auf der Sechs, Acht, Zehn oder dem Flügel erste Wahl ist. Der von Real Madrid ausgeliehene Reinier braucht zunächst noch Zeit.

Viel hochklassiges Spielermaterial also für wenige freie Plätze. Für Favre wird die größte Aufgabe darin bestehen, diese Situation gut zu moderieren und Unzufriedenheit zu vermeiden. Zugute dürfte ihm dabei kommen, dass auch in der kommenden Saison fünf Auswechslungen erlaubt sind.

Das Potential ist enorm, wie auch Teamkollege Emre Can nach der Partie anmerkte: "Es ist geil, was für Kicker wir in der Mannschaft haben. Wir haben eine überragende Mannschaft mit sehr, sehr jungen Kickern. Aber sie haben auch gut nach hinten gearbeitet."

Auch deshalb gab Favre schon vor dem Spiel hohe Ziele aus: "Wir wollen den Pokal gewinnen."

Mit diesem Spielermaterial stehen die Chancen zumindest nicht schlecht.

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