Gut mitgehalten, aber zu harmlos und ungeschickt: Durch ein Eigentor von Unglücksrabe Mats Hummels ist die deutsche Nationalmannschaft mit der ersten Auftaktniederlage bei einer EM-Endrunde ins letzte Turnier unter Bundestrainer Joachim Löw gestartet.
Drei Jahre nach dem Desaster bei der WM in Russland droht nach einem 0:1 (0:1) gegen einen abgezockten Weltmeister Frankreich der nächste sportliche Tiefschlag.
Die DFB-Auswahl spielte engagiert, viele Dinge klappten gut, ein wirklich strukturiertes Offensivspiel gehörte jedoch bis auf eine vielversprechende Drangphase in der zweiten Halbzeit nicht dazu, trotz der Bemühungen von Rückkehrer Thomas Müller.
EURO 2020
Reaktionen: Kroos hadert mit Hummels' Eigentor
15/06/2021 AM 21:42
Drei Dinge, die auffielen:

1. Knapp, aber trotzdem deutlich

Das Ergebnis mag knapp aussehen. Noch dazu kassierte Deutschland "nur" ein Eigentor - und das gegen den Weltmeister. 58 Prozent Ballbesitz standen für die DFB-Elf am Ende in der Statistik bei einem Torversuch-Verhältnis von 10:4. Insgesamt wirkte es, als sei die erste EM-Auftaktpleite überhaupt für das deutsche Team sehr unglücklich zustande gekommen.
Die wahren Kräfteverhältnisse waren allerdings jenseits der Zahlen deutlich zu erkennen. Denn wie sich Deutschland auch mühte, die Franzosen zu überwinden, der Gegner hatte für alles eine passende Antwort parat. Die direkten Duelle auf den Außen gingen an Lucas Hernández (gegen Joshua Kimmich) und Benjamin Pavard (gegen Robin Gosens). In der Mitte "rasierten" N'Golo Kanté und ein brillant aufgelegter Paul Pogba alles weg.

Deutschland gegen Frankreich (Gündogan und Mbappé)

Fotocredit: Getty Images

Die Zentrale mit Ilkay Gündogan und Toni Kroos war somit abgemeldet und sogar noch mit Defensivaufgaben beschäftigt, sodass ihre Bindung zum Angriff nahezu komplett verloren ging. Im letzten Drittel wurde es hektisch, unpräzise, wirkungslos. Um Pogba aus dem Konzept zu bringen, bediente sich Antonio Rüdiger sogar schmutzigster Mittel.
Thomas Müller? Ungefährlich! Kai Havertz? Unsichtbar! Serge Gnabry hatte immerhin eine große Chance. Kämpferisch warf Deutschland alles in die Waagschale - trotzdem wurde deutlich, wie groß der Unterschied zwischen einer guten Vorstellung und der absoluten Weltklasse der Franzosen ist. "Ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen, die Durchschlagskraft hat uns gefehlt", bemängelte Bundestrainer Joachim Löw lediglich im "ZDF". Und auch Kroos stellte fest: "Wir haben viel umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben."
Gegen Portugal (Samstag ab 18:00 Uhr im Liveticker bei Eurosport.de) muss sich das DFB-Team jetzt schnell steigern, um dem Ruf als ein Turnierfavorit gerecht zu werden. "Wir können noch alles geradebiegen", weiß Löw.

2. Am Ende fehlt die Brechstange

Bis zuletzt hatte Deutschland die Chance, die Auftaktniederlage zu vermeiden. Löw brachte mit Leroy Sané, Timo Werner und Kevin Volland drei frische Angreifer. Doch die spielten kurioserweise mit angezogener Handbremse. Volland agierte nach seiner Einwechslung in der 87. Minute sogar noch einige Minuten als linker Verteidiger!
Wo war der Impuls von der Trainerbank? Warum gab es keine klaren Ansagen auf dem Rasen? "Wir haben es verpasst, komplett ins Risiko zu gehen", erklärte Kimmich. Noch ist so etwas zu verschmerzen, doch für den weiteren Turnierverlauf müssen "Jogis Jungs" diese Defizite abstellen und sich direkt für den Erfolg zerreißen.

Joshua Kimmich

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Gegen Portugal steht Deutschland unter gehörigem Druck. Es wird spannend zu beobachten sein, ob die große individuelle Klasse im deutschen Team gebündelt werden kann. Insbesondere da ist Löw auch an der Seitenlinie gefragt. Gündogan und Kroos sind Genies mit dem Ball, aber in der Zentrale keine Lautsprecher. Kimmich ist - im Gegensatz zu seiner Leader-Rolle beim FC Bayern - als Außenverteidiger zu weit weg, um jedem Kollegen Kommandos zu erteilen.
Vielleicht bringt genau diese Tatsache Löw doch noch darauf, ihn gegen Portugal zurück ins defensive Mittelfeld zu beordern. An der Motivation wird es der Traum von Titel nicht zerplatzen. Kimmich gab sich kämpferisch: "Wir haben gezeigt, dass wir mit Topteams mithalten können. Jetzt müssen wir gegen Portugal zeigen, dass wir auch gewinnen können."

3. Pogba überragt alle

Im Nationaltrikot blüht Paul Pogba so richtig auf. Während er im Verein bei Manchester United oft nicht einmal die Hälfte seines Könnens auf den Rasen bringt, zeigt er im Team von Didier Deschamps regelmäßig, dass er weiterhin zu den weltbesten Mittelfeldspielern gehört. Mit seiner Präsenz stellte er Kroos komplett in den Schatten, sein Pass vor dem Eigentor von Mats Hummels auf Antoine Griezmann war unvergleichlich gut.

Paul Pogba (l.) setzt sich gegen Toni Kroos durch

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"Es sieht aus, als würde er gegen Kinder spielen!", wunderte sich der ehemalige deutsche Nationalspieler Christoph Kramer in seiner Rolle als TV-Experte beim "ZDF". Pogbas Präsenz stand sinnbildlich für das starke Kollektiv Frankreichs, in dem jeder zu wissen scheint, wie er seinen Kollegen helfen kann. Die Mannschaft ist kompakt und hat das geschafft, was Deutschland noch sucht. Individuelle Klasse verschmilzt hier zu einem echten Team – offensiv wie defensiv.
"Deutschland hat uns Trouble bereitet, aber wir haben stark dagegengehalten und uns den Sieg verdient", konstatierte Pogba, der auch offiziell zum "Star Of The Match" gekürt wurde, treffend. Es war eigentlich schon vorher klar, doch der Erfolg gegen Deutschland hat noch einmal eindrucksvoll gezeigt, dass der Weg zum Titel nur über den amtierenden Weltmeister führen kann.
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