Ciro Immobile drehte in "seinem" Stadion eine Ehrenrunde, Roberto Mancini applaudierte gelöst den Tifosi in der Kurve: Mitfavorit Italien genoss nach dem historischen Sieg zum EM-Auftakt gegen die Türkei ausgelassen die rauschende Sommernacht.
Vor 16.000 Fans im Römer Olympiastadion gewann der viermalige Weltmeister das Eröffnungsspiel hochverdient mit 3:0 (0:0) und befeuerte die Hoffnungen auf den ersten EM-Titel seit 1968.
Ein Eigentor von Merih Demiral (53.), der bei Lazio Rom spielende Ex-Dortmunder Immobile (66.) und Lorenzo Insigne (79.) sorgten für den klaren Sieg. Im 39. EM-Spiel schoss Italien gegen völlig überforderte Türken erstmals mehr als zwei Tore.
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Drei Dinge, die uns auffielen.

1. Italien zündet die Lunte an

Für die Italiener soll die EM ein Feuerwerk werde. Nach dem Auftaktsieg gegen die Türkei lässt sich immerhin konstatieren, dass die Lunte brennt.
Die Tifosi sind sowieso heiß. Italiens Trainer Roberto Mancini schickt in diesem Jahr eine interessante Kadermischung ins Turnier. Die "Opa"-Abwehr, bestehend aus Giorgio Chiellini (36) und Leonardo Bonucci (34), dazu Abräumer Jorginho, Mittelfeldjuwel Nicolò Barello, der trickreiche Lorenzo Insigne sowie Knipser Ciro Immobile – das hat was.
"ARD"-Experte Bastian Schweinsteiger erkannte treffend: "Charakter und Mentalität sind da." Die Art und Weise, wie sie spielen, ist indes durchaus eine kleine Überraschung für jemanden, der die italienische Nationalmannschaft zuletzt nicht intensiv verfolgt hat.

Roberto Mancini

Fotocredit: Getty Images

Denn das Italien unter Mancini, das nun seit 28 Länderspielen ungeschlagen ist, steht nicht mehr nur ausschließlich für ausgezeichnete Defensivarbeit. Diese "Squadra Azurra" will Ballbesitz, Chancen kreieren und attraktiven Offensivfußball bieten.
Von den destruktiven Türken ließen sie sich am Freitag in Rom nicht von ihrem Plan abbringen, blieben griffig und erzwangen die Führung durch ein Eigentor. Danach öffneten sich Räume, die die Italiener lustvoll bespielten. "Wir haben Spaß auf dem Platz", bemerkte Linksverteidiger Leonardo Spinazzola. Der ehemalige Dortmunder Immobile ergänzte: "Das ist Adrenalin pur."
Drei Tore in einem EM-Spiel hatten die Italiener zuvor noch nie erzielt. Dieser historische Sieg war ein schöner Vorgeschmack darauf, was noch kommen kann. Der nächste Gegner ist die Schweiz.

2. Das große Problem der Türkei

Das Team ist jung, hungrig und hoffnungsvoll. Nach dem Debakel gegen Italien herrschte allerdings Ernüchterung vor. Der Plan von Trainer Senol Günes war schnell zu lesen - der Ball sollte tief erobert werden, um dann schnell den Weg ins Umschaltspiel zu finden und Konter wie Nadelstiche zu setzen.
Was herauskam, war ein destruktives Defensivbollwerk. Gewonnene Bälle waren sofort wieder weg, der Druck der Italiener nahm von Minute zu Minute zu. Und letztlich brach die Mauer komplett zusammen. "Wir haben verdient verloren", gab Kenan Karaman zu.
Genau wie es bei den Italienern überraschte, dass sie nicht nur defensiv Begeisterung zeigten, war es bei der Türkei die Fokussierung auf die Abwehr. Sie beraubten sich ihrer Stärken in der Offensive selbst.

EM: Türkei gegen Italien

Fotocredit: Getty Images

Denn eigentlich sind die Akteure vorne recht vielversprechend. Hakan Calhanoglu kann immer besondere Momente erzeugen, der 35-jährige Burak Yilmaz hat genug Erfahrung gesammelt, um zu wissen, wo das Tor steht. Das Torschussverhältnis von 3:24 spricht Bände und wird den Ansprüchen der Türkei sicher nicht gerecht. "Wir müssen daraus lernen", weiß Karaman. Das muss vor allem schnell gehen, gegen Wales steht die Türkei gleich unter Zugzwang.
Andererseits: Das Turnier ist für die türkische Auswahl nach der Auftaktpleite sicher nicht zu Ende. Das Team ein Stück weit höher positionieren, etwas mehr Unterstützung vorne für Yilmaz - dann sollte es schon weitaus besser aussehen.

3. Interessante neue Auslegung der Handspiel-Regel

Immer wieder Aufregung wegen der Handspiel-Regel und der VAR-Unterstützung. Es gab in der Bundesliga viele kontroverse Situationen, die oft nicht nachzuvollziehen waren. Bei der EM gibt es eine neue Leitlinie für die Schiedsrichter: Hand ist nicht gleich Hand, die "Verbreiterung der Körperfläche" bedeutet nicht automatisch Strafstoß. Genauer ausgelotet werden soll jetzt: Steckt wirklich Absicht hinter dem Handspiel? Ist es eine natürliche Handbewegung - zum Beispiel aus dem Lauf heraus - ist es kein Elfmeter.
Danny Makkiele (Niederlande) legte das Handspiel von Zeki Celik kurz vor dem Seitenwechsel so aus. Er pfiff nicht, obwohl der Ball klar die Hand getroffen und die Italiener heftig protestiert hatten - getreu der neuen Linie, die sympathischer wirkt als die Auslegung in der Bundesliga. Kontrovers wird sie dennoch bleiben, wie der Kommentar von Schweinsteiger zu der Szene zeigte: "Wenn es so ist, dann ist es so. Dennoch wäre der Ball in die Mitte ohne Handspiel anders gekommen…", deutete er eine Verhinderung einer klaren Torchance an. Es wird spannend zu beobachten sein, wie die neue Linie weiter durchgezogen wird.
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