Die Auferstehung der deutschen Nationalmannschaft im Jahr 2024 - vom Sorgenkind zum Sommermärchen bei der Heim-EM

Das DFB-Team hat sich 2024 trotz des bitteren Ausscheidens im Viertelfinale der Heim-Europameisterschaft gegen Spanien dank Julian Nagelsmann und seinem Zauberduo Florian Wirtz/Jamal Musiala zurück in die Herzen der Fans gespielt. Für das Jahr 2025 darf man viel erwarten, zumal der Bundestrainer schon getönt hat: "Ich kann den Kader so bestimmen, dass immer zwei Topteams auf dem Feld stehen."

Nagelsmann lobt DFB-Kader und "Gegenpressing wie Manchester City"

Quelle: Perform

Hätte, hätte. Fehlerkette - klar. Aber man stelle sich einmal vor, die deutsche Nationalmannschaft wäre bei ihrer Heim-EM krachend gescheitert und Julian Nagelsmann als Bundestrainer mittlerweile schon wieder Geschichte.
Womöglich wäre Thomas Tuchel, im Mai 2024 beim FC Bayern vom Hof gejagt, einer der Nachfolgekandidaten beim DFB gewesen.
Es kam ganz anders. Nagelsmann ist weiter im Amt - und beliebter denn je. Man könnte sagen, dass kein Bundestrainer - außer dem über allen schwebenden Teamchef Franz Beckenbauer (78†) - nach einem Viertelfinal-Aus bei einem Turnier solch ein hervorragendes Standing hatte oder gehabt hätte.
Was mit einer Hand und vielen Tränen zu tun hat. Das eine bedingte das andere.

Wie Anthony Taylor zum Buhmann der Fußball-Nation wurde

Stuttgart, das EM-Viertelfinale gegen Spanien an einem heißen Juli-Nachmittag 2024: Florian Wirtz gleicht in einer intensiven, emotionalen Auseinandersetzung kurz vor Schluss zum 1:1 aus - Verlängerung. Dann bekommt der Spanier Marc Cucurella einen Schuss von Jamal Musiala an die Hand, der Ball fliegt dadurch nicht weiter Richtung Tor. Schiedsrichter Anthony Taylor pfeift nicht, der VAR greift nicht ein. Nicht! Nicht! Nicht! In der 119. Minute köpft Mikel Merino wuchtig ein - das 1:2. Das Aus. Das DFB-Team fällt in ein tiefes Tal der Tränen.
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Cucurella blockt den Schuss von Musiala mit dem Arm

Fotocredit: SID

Die Phantomschmerzen halten an, werden noch intensiver als die Schiedsrichterkommission der UEFA im September zum Entschluss kommt, dass es ein Handelfmeter hätte sein müssen. "Sie haben jetzt drei Monate gebraucht, um mitzubekommen, dass es Hand war - was eigentlich alle, fast alle, schon in der Sekunde geschafft haben. Das beruhigt mich ungemein", meinte Ex-Nationalspieler Toni Kroos als einer der Leidtragenden sarkastisch. Es war schließlich sein letztes Länderspiel. 
Der Kreis, der sich mit dem Gewinn des in seiner Sammlung noch fehlenden EM-Titels für den Weltmeister von 2014 schließen sollte, erfuhr einen jähen Riss.

Kroos und das Erweckungserlebnis von Lyon

Dabei hatte die 2024er-Reise der Nationalelf mit Kroos auf dem Fahrersitz im März so fantastisch begonnen. Der 2:0-Achtungserfolg gegen Frankreich, den amtierenden Vizeweltmeister, leitete das Wendemanöver ein. Mit dem Erweckungserlebnis von Lyon, als Real-Profi Kroos - von Nagelsmann zuvor in mehreren Gesprächen überzeugt - sein DFB-Comeback als Spielmacher gab, nahm die Auferstehung der Nationalelf ihren Lauf. Binnen zweier Spiele, es folgte ein starkes 2:1 gegen die Niederlande in Frankfurt, wurde der Weg vom Sorgenkind zum Sommermärchen 2024 bereitet.
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Kroos' Karriere endet nach Thriller: Eine Legende nimmt Abschied

Quelle: Perform

Nach trüben Turnieren mit krachenden Misserfolgen (WM 2018, EM 2021, WM 2022) sorgte der juvenile Nagelsmann für den ersehnten Klimawandel im Verband und rund um das - eigentlich - liebste Kind des Landes, der Nationalelf. Nach dem November-Schock von 2023, den dramatisch schlechten Niederlagen gegen die Türkei (2:3) und in Österreich (0:2), formte Nagelsmann ein neues DFB-Team aus Spätentwicklern (Robert Andrich, Maximilian Mittelstädt, Deniz Undav, im Herbst stieß Tim Kleindienst hinzu) und den Jungstars Wirtz und Musiala. Euphorie, dieses lange vermisste, weil verschüttete Gefühl rund um die Nationalelf, kam plötzlich auf im Lande.
Die EM sorgte für Leichtigkeit, die Nationalelf endlich einmal wieder für Abwechslung, die Freude bereitete. In Erinnerung bleiben: Der 5:1-Kantersieg zum Auftakt gegen die sangeslustigen Schotten. Das Last-Minute-Tor durch Joker Niclas Füllkrug zum 1:1 gegen die Schweiz. Der Blitz- und Donner-Erfolg von Dortmund, das 2:0 im Achtelfinale gegen Dänemark. Stets geprägt von den Zauberfüßen, dem magischen Offensiv-Duo "Wusiala". Bis zur Kokolores-Entscheidung beim Cucurella-Moment gegen Spanien.

Nagelsmann und das forsche Ziel WM-Titel

Der trotzige Bundestrainer hatte nach dem Abpfiff in Stuttgart Tränen in den Augen und zwei Visionen im Kopf. Erstens: "Dass man zwei Jahre warten muss, dass man Weltmeister wird, tut weh." Bei seiner emotionalen Abschlussrede am Tag nach dem Ausscheiden warb er darüber hinaus für mehr Miteinander in der Gesellschaft, sagte: "Wenn ich dem Nachbarn helfe, die Hecke zu schneiden, ist er schneller fertig." Mit Blick auf das Pflänzchen namens Euphorie unter den Fans, das seit der EM wächst und gedeiht, meinte Nagelsmann: "Eine kleine Hecke haben wir schon. Das Pflänzchen ist zart, aber es hat Potenzial zu wachsen. Ich habe gelernt, dass das Wir-Gefühl von großer Bedeutung ist."
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Nagelsmann zieht Bilanz: "Glaube, dass da viel entstehen kann"

Quelle: Perform

Nach der EM qualifizierte man sich als Gruppensieger souverän (vier Siege, zwei Unentschieden) für die Viertelfinal-Duelle der Nations League. Die mehr als passable Jahresbilanz lautet: 15 Spiele, zehn Siege, vier Remis und eben diese eine, so bittere Niederlage gegen Spanien. Aber, aber – zum Vergleich: 2023 gab es lächerliche drei Siege, 2022 auch nur vier.
Für den neuen DFB-Kapitän Joshua Kimmich war 2024 alles in allem "ein sehr, sehr gutes Länderspieljahr. Generell haben wir noch Luft nach oben, sind aber auf einem sehr, sehr guten Weg. Einen Titel zu gewinnen ist das ganz große Ziel, darauf arbeiten wir hin." Nagelsmann, der im Team für eine klare Rollenverteilung, einen neu entstandenen Zusammenhalt und einen erfrischenden Siegeswillen, gespeist durch die Gier und den Hunger auf Erfolg, erschaffen konnte, glaubt: "Wenn wir 2025 genauso angehen, wie wir 2024 bestritten haben, werden wir 2026 deutlich präparierter sein, als wir es 2024 waren."

Die Rücktritte der vier Platzhirsche gut aufgefangen

Nagelsmanns Personal ist am Ende eines so erfreulichen Jahres breiter gefächert als zuvor. Und das, obwohl vier Platzhirsche nicht mehr da sind. Torhüter Manuel Neuer, EM-Kapitän Ilkay Gündogan, Thomas Müller und Kroos gaben nach dem Heim-Turnier ihren Rücktritt aus der Nationalelf bekannt. Dieser vierfache Verlust konnte bestens aufgefangen werden.
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Nagelsmann: "Gebe nicht mehr zu allem meinen Senf dazu"

Quelle: Perform

"Es ist ein guter Weg, ich bin unglaublich zufrieden. Ich kann den Kader so bestimmen, dass immer zwei Topteams auf dem Feld stehen", tönte Nagelsmann im November in Budapest. Angesichts der Spielweise und der Ergebnisse nimmt man dem Bundestrainer so viel Hochmut nicht übel. Alle nominierten Spieler akzeptieren ihre Rolle, erfüllen die ihnen zugewiesenen Aufträge klaglos.
Und Harry Kane, Bayerns Toreversicherung, dessen Titelfluch auch 2024 anhielt, kann nach dem 1:2 im Finale von Berlin gegen Spanien, seiner zweiten EM-Finalpleite in Folge, einen neuen Anlauf nehmen: Mit Tuchel, dem neuen Chefcoach der Briten. So klein ist die (Fußball-)Welt.

Nächster Halt: Zwei Viertelfinal-Duelle mit Italien

Der DFB-Blick nach vorn sieht verführerisch aus: Nagelsmann will mit dem DFB-Team erstmals das Final Four der Nations League Anfang Juni erreichen. Kommt man im März (am 20.3. auswärts in Mailand, Rückspiel am 23.3. in Dortmund) im Viertelfinale gegen Italien weiter, winkt ein Mini-Sommermärchen. Die Partien des Final Four darf der Gewinner des ewigen heißen Duells zwischen Deutschland und Italien zu Hause austragen. Vorgesehen sind Stuttgart und München.
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Nagelsmann adelt DFB-Star: "Hat einen großen Schub gemacht"

Quelle: Perform

Das Abschneiden im Viertelfinale bedingt auch den Start in die Qualifikation für die WM 2026 in Nordamerika. Los ginge es bestenfalls eben erst ab September, gegen die Slowakei, Nordirland und Luxemburg. Bei einem Aus gegen Italien schon im Juni, dann in einer Fünfergruppe gegen Norwegen, Israel, Estland und Moldawien (jeweils mit Hin- und Rückspiel). Der Gruppensieger erreicht die WM, für den Zweiten gibt es einen Hintertürchenweg via Playoffs. Alles machbar.
Und die Kombination Kane/Tuchel bei den "Three Lions"? Hat bereits ab März bis Jahresende acht Quali-Spiele gegen Serbien, Albanien, Lettland und Andorra. Easy going! Und bei der WM 2026 hätte ein Duell zwischen den Trainern Nagelsmann und Tuchel seinen ganz besonderen Reiz.
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Nagelsmann spricht über mögliche Verlängerung beim DFB

Quelle: Perform


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