DFB - Gewinner und Verlierer der deutschen Länderspielreise: Emre Can, Niclas Füllkrug - und viel Schatten
Publiziert 29/03/2023 um 11:36 GMT+2 Uhr
Nach den zwei jüngsten Auftritten der deutschen Nationalmannschaft stehen unter dem Strich mehr Frage- als Ausrufezeichen. Gerade die - teilweise erschreckend schwache - 2:3-Niederlage gegen Belgien ließ den Bundestrainer und Experten mit Stirnrunzeln zurück. Wirkliche Gewinner gab es in den beiden März-Länderspiele nur zwei. Bei den vielen Debütanten sah man dagegen mehr Schatten als Licht.
DFB-Stars nach Pleite selbstkritisch: "Wir haben gepennt"
Quelle: SID
Im Oberrang der Südtribüne, der traditionellen Heimat der Fans des 1. FC Köln, bildeten die Anhänger der deutschen Nationalelf vor dem Anpfiff großflächig schwarz auf weiß das Wort "Wille" - darunter hing ein kleines Transparent mit der Fortsetzung: "führt zu Erfolg - auf geht's zum neuen Sommermärchen 2024".
Nun ja, nach dem 2:3 im Test gegen Belgien muss man festhalten: dieser Weg wird kein leichter sein.
Die beiden März-Länderspiele sollten neue Energie erzeugen, am besten Euphorie entfachen – in der Nationalelf wie beim vom Fiasko bei der WM so enttäuschten Publikum. Unterm Strich stehen nach dem 2:0 gegen Peru und dem 2:3 gegen Belgien mehr Frage- als Ausrufezeichen.
Gegen die Südamerikaner, nicht für die WM in Katar qualifiziert, gelang ein solider Pflichtsieg dank eines Doppelpacks der Mittelstürmer-Entdeckung Niclas Füllkrug. Von den Belgiern, trotz des ebenso blamablen Vorrunden-Aus aktuell Vierter der FIFA-Weltrangliste, bekam man vor allem in der ersten halben Stunde eine Lehrstunde erteilt. Ob diese heilsam war, wird sich zeigen.
Deutschland gegen Belgien: "Ein Zweiklassen-Unterschied"
"Die ersten 20, 25 Minuten waren nicht das, was wir uns vorgenommen haben", erklärte Hansi Flick, "da waren wir zu verhalten, sehr passiv. Man muss die Zweikämpfe annehmen, das haben wir anfangs nicht gemacht.“ Milde ausgedrückt.
Die DFB-Elf wusste nicht, wie ihr geschah, war individuell überfordert, wurde im Kollektiv überfahren. Der belgische Angriffszug nahm rasch Fahrt auf. Wie der Hochgeschwindigkeitszug Thalys, mit dem wohl viel Gäste-Fans von Brüssel nach Köln gefahren waren.
Die deutsche Auswahl dagegen stand noch auf dem Bahnsteig - und nein, ein Generalstreik war es nicht, auch wenn es so aussah. Nach neun Minuten hieß es 0:2 durch die Tore von Yannick Carrasco und Romelu Lukaku, der schnellste Zwei-Tore-Rückstand in einem Heimspiel seit November 1939.
"Das war das Schlechteste, was ich in meiner langen, langen Laufbahn gesehen habe", urteilte DFB-Rekordnationalspieler Lothar Matthäus und sprach zur Pause bei "RTL" von einem "Zwei-Klassen-Unterschied".
DFB: Can belebt das deutsche Spiel
Doch dann kam Emre Can. Nicht ganz korrekt – der Dortmunder Mittelfeldspieler war bereits nach einer guten halben Stunde gemeinsam mit Debütant Felix Nmecha (VfL Wolfsburg), ins Spiel geschickt worden. Der völlig indisponierte Hoffnungsträger Florian Wirtz von Bayer Leverkusen und der angeschlagen ausgewechselte Bayern-Profi Leon Goretzka ("Ich bin umgeknickt. Es sollte aber schon reichen für das Spiel am Samstag gegen Dortmund") mussten raus.
Vor allem mit Can kamen Aggressivität, Eifer und Engagement ins Spiel, er grätschte sein Team und das Publikum zurück. "Emre war der aggressive Leader, den wir gebraucht haben", lobte ihn Flick am späten Abend, "er hat viele Zweikämpfe gewonnen und die Mannschaft wachgerüttelt. Die Verantwortung für die Defensive war da."
Genau das verlangt Flick von einem zentralen Mittelfeldspieler und nennt es so: "Stabilität im Spiel und Überzeugung in der Defensive." Eigenschaften, die eher Can bedient als Bayerns Goretzka.
Und so ist der 29-jährige Can der Gewinner dieser beiden März-Länderspiele, die Flick unter der Überschrift "Experimentieren und Ausprobieren" gestellt hatte. Fürs Einspielen einer Achse, die sich bei der Heim-EM 2024 beweisen soll, bleibt ab Herbst (von September bis November gibt es sechs Länderspiele) und in der unmittelbaren Turnier-Vorbereitung im Mai/Juni nächsten Jahres noch genügend Zeit.
Weil er wegen Verletzung nicht in Form und nicht im Rhythmus war, hatte Flick Can für die WM in Katar nicht nominiert. In dieser Form ist der gebürtige Frankfurter mit seiner Erfahrung und seinen schon 38 Länderspielen ein wichtiger Faktor, der dieser Mannschaft, die noch auf der Suche ist, Halt gibt.
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Emre Can überzeugte gegen Belgien nach seiner Einwechslung
Fotocredit: Getty Images
Deutsche Außenverteidiger kommen an ihre Grenzen
Auch Knipser Füllkrug, nun mit sechs Toren in sechs Länderspielen, ist vorerst nicht wegzudenken. Serge Gnabry drehte in der Schlussphase gegen Belgien auf, erzielte noch das 2:3.
Doch es war mehr Schatten als Licht, vor allem in der weiterhin wackligen Defensive – unabhängig von den Kandidaten, die Flick ausprobiert.
Offensive Außenverteidiger wie Marius Wolf und David Raum haben ihre Qualitäten im Spiel nach vorne, in der Rückwärtsbewegung – das haben die Belgier clever ausgenutzt – kommen sie auf diesem Niveau an ihre Grenzen.
Wer von den Talenten erhält eine zweite Chance?
Bleibt die Frage, wer – abgesehen vom 27-jährigen Wolf – von den jungen Testpiloten noch einmal eingeladen wird. Am meisten Eindruck hinterließ bei seinen zwei Kurzeinsätzen Kevin Schade. Der 21-jährige von Premier-League-Klub FC Brentford, bis Januar noch beim SC Freiburg, kam in der 80. Minute für Timo Werner und bereitete das 2:3 von Gnabry mit viel Tempo und Entschlossenheit mustergültig über links vor.
Der 22-jährige Wolfsburger Felix Nmecha brachte nach seiner Einwechslung, seinem DFB-Debüt, neuen Offensivschwung. Agierte im zentralen Mittelfeld meist ball- und passsicher, hatte dazu die nötige Zweikampfhärte.
Dagegen konnte sich Mittelstürmer Mergim Berisha (24/FC Augsburg) bei seinen beiden Kurzeinsätzen als Joker ebenso wenig zeigen wie Josha Vagnoman. Beim VfB Stuttgart oft nur Ersatz durfte der 22-Jährige gegen Belgien ab der 80. Minute seinen Einstand als Rechtsverteidiger feiern.
Als einziger der Talente-Boygroup kam Innenverteidiger Malick Thiaw (AC Mailand) in keinem der beiden Tests zum Einsatz. Ob sie wiederkommen dürfen? Eher nein. "Im Sommer ist auch die U21-EM. Ich werde daher mit Trainer Antonio Di Salvo genau absprechen, wie wir es machen", sagte Flick recht zurückhaltend.
Wie geht's mit der DFB-Elf weiter?
Die 2:3-Pleite gegen das Nachbarland Belgien war das 999. Länderspiel in der DFB-Historie. Das große Jubiläumsspiel soll im Juni gegen die Ukraine stattfinden, geplant in Bremen am 12. Juni.
Weiterhin geht es nach Ende der Saison zu einem Test nach Polen, ein Spiel in Frankfurt soll kurz darauf folgen.
Doch es braucht mehr Härtetests für diese Mannschaft gegen starke Gegner - denn auch eine Lehrstunde wie die von Köln kann einen weiterbringen.
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