Sieben Siege, drei Unentschieden, keine Niederlage.
Thomas Tuchel hatte am Mittwoch gut lachen, als er von einem Reporter auf seine Gefühlslage nach seinem erfolgreichen Start als Cheftrainer des FC Chelsea angesprochen wurde. "Ich genieße es", strahlte der Deutsche im Vorfeld des Topspiels beim FC Liverpool: "Es ist eine unglaubliche Aufgabe und eine unglaubliche Liga. Das Team und mein Staff sind super und wir spüren die große Unterstützung des Klubs."
Tuchel hat es innerhalb von fünf Wochen geschafft, die unter Frank Lampard kriselnden Blues wieder zu stabilisieren - vor allem defensiv. Er hat das System auf 3-4-2-1 umgestellt – mit Erfolg. Er hat Chelsea von Platz neun auf Platz vier in der Premier League geführt, das Achtelfinalhinspiel bei Atlético Madrid und am Donnerstagabend in Anfield jeweils mit 1:0 gewonnen.
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Viel mehr hätte das Management nicht vom 47-Jährigen erwarten können. Die einzige Überraschung bislang ist, dass die beiden Stareinkäufe aus der Bundesliga, Timo Werner und Kai Havertz, unter ihrem Landsmann weiterhin nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Havertz bei Chelsea: "Der vergessene Mann"

Während der Ex-Leipziger Werner (sieben Startelfeinsätze unter Tuchel) zumindest langsam Fahrt aufzunehmen scheint, bleibt das Thema Havertz bei den Blauen weiter ein Rätsel.
"Es ist eine bizarre Situation", meint Fußball-Experte Ben Snowball von Eurosport in London: "Er ist im Grunde der vergessene Mann."
Zwar verpasste Havertz fünf der zehn Partien unter Tuchel aufgrund einer Verletzung, doch auch im Spitzenspiel gegen ManUnited (0:0) am vergangenen Sonntag musste der 21-Jährige über 90 Minuten die Bank hüten. In Madrid spielte er ganze drei Minuten, in Liverpool sogar nur eine. Einzig in Tuchels erstem Spiel Ende Januar gegen die Wolverhampton Wanderers (0:0) stand Havertz in der Startelf.
Wer erwartet hatte, der deutsche Trainer würde bedingungslos auf seinen Landsmann setzen und endlich das Potenzial aus ihm herauskitzeln, in das Chelsea vergangenen Sommer 80 Millionen Euro investiert hatte, der sieht sich bislang getäuscht.

Tuchel von Havertz überzeugt: "Wird bei Chelsea einschlagen"

Die Kritiker in England hielten sich bislang auffällig zurück. Auch, weil Havertz im vergangenen Herbst an einem schweren Verlauf von COVID-19 litt und schwer einzuschätzen ist, inwiefern ihn die Langzeitfolgen der Erkrankung weiter beeinträchtigen.
"Wenn dann noch ein neues Land dazu kommt und dir die Möglichkeit genommen wird, dich aufgrund der ganzen Corona-Einschränkungen richtig einzuleben, ist es nicht überraschend, dass er Schwierigkeiten hat", so Snowball.
Tuchel zumindest macht sich überhaupt keine Sorgen um den Ex-Leverkusener. "Für mich ist es einfach zu erklären. Seit ich da bin, ist das Einzige, was ihn davon abgehalten hat, voll einzuschlagen, seine Verletzung gewesen", erklärte der neue Coach jüngst. Havertz "strotze" nur so vor Talent.
"Ich sehe in ihm einen Spieler, der bei Chelsea einschlagen wird. Ich bin davon fest überzeugt."

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Chelseas Offensive: Riesige Konkurrenz für Havertz

Das glaubt auch Ex-Teamkollege Jonathan Tah: "Das Spiel dort ist anders als in Deutschland. Es wird in solchen Phasen viel geredet: Er muss das und das leisten, weil er so und so viel gekostet hat. Das ist aber Quatsch", sagte der Leverkusener im Gespräch mit "Sport1": "Gebt dem Jungen Zeit, dann wird er seine enormen Qualitäten auch bei Chelsea zeigen. Kai wird alle Kritiker dort drüben überzeugen!"
Havertz' großes Problem aktuell ist, dass das Team auch ohne ihn erfolgreichen Fußball spielt. Mit Mason Mount, Hakim Ziyech, Olivier Giroud, Tammy Abraham, Christian Pulisic und Werner ist die Konkurrenz in der Offensive zudem riesig.
Tuchel wird abwägen müssen, ob er Havertz in der entscheidenden Phase der Saison, in der die Blues um die erneute Qualifikation für die Champions League kämpfen, einem eingespielten Spieler vorzieht.

Havertz: Tuchel deutet neue Rolle an

Zumindest was Havertz' Position angeht, scheint Tuchel schon einen Plan zu haben. Zuletzt hatte er den deutschen Nationalspieler als "irgendetwas zwischen einem Neuner und einem Zehner" bezeichnet. Mit dieser Einschätzung war der Deutsche bei den Anhängern der Blues auf viel Zustimmung gestoßen.
In diesem Zusammenhang ist der 47-Jährige auf jeden Fall schon einen Schritt weiter als sein Vorgänger Lampard, der Havertz in der Hinrunde quasi wie eine Schachfigur zwischen Linksaußen und Rechtsaußen von Spiel zu Spiel über das Feld schob, ohne wirklich zu wissen, auf welcher Position der 21-Jährige sein Potenzial am Besten entfalten kann.
Solange ihm der Erfolg recht gibt, droht Tuchel kein Ungemach. Dass er vor unpopulären Entscheidungen nicht zurückschreckt, hat er in seiner Trainerlaufbahn bereits des öfteren bewiesen.
Auf lange Sicht sollte er Havertz und Werner aber in seine Stammformation integrieren. Schließlich ist auch das ein Grund, warum ihn die Chelsea-Verantwortlichen nach London geholt haben.
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