Die spanische Presse kannte am Donnerstag keine Gnade mit Real Madrid.

"Jeden Tag schlimmer. Madrid im freien Fall", titelte die "Marca". "Peinlich und irritierend", befand "El Mundo". Die "AS" wurde sogar noch etwas drastischer: "Real wird für die schlechteste erste Halbzeit seiner jüngsten Geschichte und für eine extravagante Aufstellung des Trainers bestraft."

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22/10/2020 AM 10:45

Nun kennen wir die Medienlandschaft rund um die spanische Hauptstadt ohnehin als sehr kritisch, doch nach der 2:3-Heimniederlage in der Champions League glich die Reaktion einer Empörung.

Es war nicht das Ergebnis, welches schockierte, es war die Art und Weise, wie sich das Team von Zinedíne Zidane - immerhin amtierender spanischer Meister - in der ersten Hälfte präsentierte.

Nicht etwa eine europäische Spitzentruppe hatte das königliche Starensemble (Halbzeitstand 0:3) vorgeführt, es war eine B-Elf von Schachtjor Donezk, die Reals Baustellen am Mittwochabend schonungslos offenlegte.

Real Madrid: Der Meister ist nicht wiederzuerkennen

Die Gäste, die aufgrund von Corona-Fällen im Team auf zehn Spieler (unter anderem Taison, Júnior Moraes und Mykola Matvienko) verzichten mussten, wussten selbst nicht, wie ihnen geschah.

"Es war, als hätten uns die Gegner in der ersten Hälfte unterschätzt. Das konnte man sehen", sagte Linksverteidiger Viktor Kornienko nach Abpfiff. Einen Tag vor dem prestigeträchtigen Clásico beim FC Barcelona (Samstag, 16:00 Uhr im Liveticker bei Eurosport.de) schrillen in Madrid die Alarmglocken.

"Es ist schwierig zu begreifen, was passiert ist", sagt La-Liga-Insider und Fußball-Experte Felix Martin von Eurosport in Madrid: "Noch vor ein paar Monaten hat Real großartigen Fußball gespielt und den Gegnern in Valdebebas nicht den Hauch einer Chance gelassen".

In Valdebebas, einer Neubausiedlung im nordöstlichen Teil Madrids, trägt das weiße Ballett im Estadio Alfredo Di Stéfano aktuell seine Heimspiele aus, weil das Estadio Santiago Bernabéu, Reals eigentlicher Fußball-Tempel, umgebaut wird.

Alle sechs Spiele hatten die Königlichen dort vergangene Saison nach der Corona-Pause gewinnen können und sich durch einen furiosen Endspurt den 34. Meister-Titel gesichert. Nun setzte es nach der 0:1-Niederlage am vergangenen Samstag gegen Aufsteiger Cádiz gleich die nächste Heim-Blamage innerhalb von vier Tagen.

Reals Baustellen werden schonungslos entblößt

"Sie können sich nicht mehr auf ihre Defensive verlassen und haben auch offensiv an Power verloren", so Martin: "Benzema (ein Tor, eine Vorlage in sechs Spielen) konnte seine Form aus der vergangenen Saison nicht konservieren, Marcelo ist nicht mehr der Linksverteidiger, der er einmal war und die Bank um Militão, Valverde, Asensio und Rodrygo springt nicht in die Bresche. Wenn ich den besten Spieler der bisherigen Real-Saison benennen müsste, es wäre wohl Torhüter Thibaut Courtois."

Dass gegen Donezk Kapitän Sergio Ramos verletzt fehlte, machte die Sache nicht einfacher. Raphaël Varane fiel als Abwehrchef in Abwesenheit des 34-Jährigen wie schon im August gegen Manchester City glatt durch und krönte seine Leistung mit einem Eigentor. Ob Ramos am Samstag dabei sein kann, ist noch offen.

Langsam fällt Zidane sein unausgewogener Kader auf die Füße. Aufgrund der finanziellen Folgen der Corona-Pandemie konnten die Madrilenen im Sommer keine neuen Spieler verpflichten. Teure Einkäufe aus der Vorsaison wie Luka Jovic (kam für 60 Mio. Euro von Eintracht Frankfurt) stagnieren in ihrer Entwicklung, Superstar Eden Hazard ist mehr verletzt als eine Hilfe und mit Dani Carvajal und Alvaro Odriozola fallen aktuell auch noch beide angestammten Rechtsverteidiger aus.

Zinédine Zidane kassierte mit Real die zweite Heimniederlage in Folge

Fotocredit: Getty Images

Das Urvertrauen in Held Zidane schwindet

Zidane fehlen die Optionen, doch auch der Coach selbst rückt vor dem Clásico ins Zentrum der Kritik. Dass er nach der Niederlage gegen Cádiz Benzema, Vinicius Junior und Toni Kroos aus der Startelf rotierte, legten ihm die Medien als arrogant aus.

"Uns fehlt ein bisschen von allem", bilanzierte der Franzose selbst nach dem Donezk-Schock und nahm einen Großteil der Schuld auf sich: "Ich bin der Trainer, ich muss die Lösung finden. Ich habe sie aber nicht gefunden, und deshalb war es schwierig für meine Spieler. Wir verdienen die Kritik, wir alle, und ich zuerst."

Der 48-Jährige glaubt aber weiterhin, dass er der richtige für den schwierigen Job in Spaniens Hauptstadt ist: "Ich halte mich für fähig, die Situation zu lösen."

Eine baldige Entlassung dürfte Zidane aufgrund seines Heldenstatus als Spieler und Coach (drei CL-Titel) nicht drohen, sollte sein Team in Barcelona aber ähnlich uninspiriert wie in den zwei Spielen zuvor auftreten, wird sich zumindest eine mediale Trainerdiskussion nicht mehr vermeiden lassen.

El Clásico wird für Madrid zum Gradmesser

El Clásico wird für Real in vielerlei Hinsicht zum Gradmesser. Klar im Nachteil sieht Fußball-Experte Martin die Madrilenen aber nicht: "Ich glaube nicht, dass die vergangenen Spiele am Samstag relevant sein werden. Der Clásico ist der Clásico. Es ist ein Match. 90 Minuten."

Auch Barça hat Probleme und ist nicht perfekt in die Saison gestartet. Mit dem 5:1 in der Champions League gegen Ferencváros Budapest im Gepäck gehen die Katalanen allerdings mit einer ganz anderen Grundlage ins Prestigeduell als das gedemütigte weiße Ballett.

Viel mehr Spannung geht nicht.

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