Renato Sanches und seine "Waffe" mit Ladehemmung: Darum verpufft seine Klasse regelmäßig
Renato Sanches gilt als einer der größten Transferflops der jüngeren Bayern-Geschichte. Ex-FCB-Kaderplaner Michael Reschke gestand zuletzt sogar, dass es in München bereits im Vorfeld der Verpflichtung Bedenken gegeben habe. Beim OSC Lille fand der Portugiese eine passendere fußballerische Heimat. Doch seine größte Stärke ist gleichzeitig das grundlegendste Dilemma.
Renato Sanches vom OSC Lille
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Musgueira im Norden Lissabons, unweit des Flughafens Humberto Delgado. Heruntergekommene Hütten, graue Hochhäuser, abblätternder Putz. Das Problemviertel der portugiesischen Hauptstadt. Hier beginnt die Reise eines kleinen Jungen mit Dreadlocks, der aufgrund seiner Schlitzohrigkeit den Beinamen "coração malandro", Schelm mit Herz, trug. Renato Sanches schlug, anders als viele andere der Kinder und Jugendlichen in Musgueira, keine kriminelle Laufbahn ein, Renato Sanches war mit einem Talent gesegnet, das ihm eine Perspektive, einen Weg heraus aus der Tristesse bescherte.
Der hiesige Spitzenklub Benfica erkannte das Potenzial früh und überwies Sanches‘ erstem Verein, Recreativo Águias da Musgueira, 750 Euro für den damals Zehnjährigen. In den Folgejahren entwickelte sich die Karriere des robusten Edeltechnikers zu einem modernen Fußball-Märchen. Er packte den Sprung aus der renommierten Jugendakademie zu den Profis, mit 18 Jahren gehörte er bereits zum erweiterten Stammpersonal. Im Februar 2016 reiste eine Delegation des FC Bayern nach Lissabon, um diesen Ausnahmekönner genauer unter die Lupe zu nehmen.
Noch vor der Europameisterschaft, die in ebenjenem Sommer in Frankreich stattfand, sicherten sich die Münchner Sanches‘ Dienste - und setzten sich gegen namhafte Konkurrenz durch. 35 Millionen Euro machte der deutsche Rekordmeister locker, exklusive Boni wohlgemerkt. Nach einer starken EM, die Portugal als Sieger und Sanches mit der Auszeichnung des besten Nachwuchsspielers abschloss, sah alles danach aus, als erweise er sich als absoluter Glücksgriff. Es kam anders.
Sanches wirkte mit zunehmender Zeit immer unglücklicher, mit gesenktem Haupt trottete er regelmäßig nach Spielschluss durch die Mixed-Zone, eines Tages blieb er vor einer kleinen Reportertraube stehen, erklärte, dass er doch einfach nur spielen wolle. Der verheißungsvolle Wunderknabe, das stellte sich bald heraus, hatte keine große Zukunft in München. Öffentlich eingestehen wollten sich die Verantwortlichen diesen Umstand lange nicht.
Dabei habe es bereits im Vorfeld der Verpflichtung Zweifel innerhalb des Klubs gegeben. Das verriet der damalige Bayern-Kaderplaner Michael Reschke, der mitverantwortlich für den Transfer zeichnete, unlängst in einem Gespräch mit "DAZN". "Seine beeindruckende Athletik, seine Dynamik und sein außergewöhnlich raumgreifendes Tempodribbling zeichneten Renato aus", erklärte Resche und schob nach: "Allerdings wurden seine Leistungen, auch bei der EM, etwas überbewertet, seinem Spiel fehlten damals definitiv noch Reife und Konstanz."
Reschke: Sanches' Wechsel nach München "zu früh"
Reschke, gemeinsam mit Karl-Heinz Rummenigge ein Sanches-Fürsprecher, gestand weiter: "Ich habe Renato positiv beurteilt und natürlich die Verpflichtungsentscheidung mitverantwortet. Aus heutiger Sicht kann man sagen: Es war zu früh. Der Zeitpunkt hat nicht gepasst." Deutliche Worte.
Carlo Ancelotti, damaliger Trainer bei den Bayern, habe "zurecht viel in ihm gesehen", sagte Reschke. Aber Sanches‘ "Fehlerquote war noch zu hoch, um Stammspieler bei den Bayern zu werden (…) Die Konkurrenz war damals einfach stärker als der junge Renato."
Nach einem Jahr einigten sich die Münchner mit Swansea City auf ein Leihgeschäft, Sanches sollte mehr Spielzeit erhalten. Doch seine Zeit auf der Insel sollte sich als einziges Fiasko herausstellen. Nach 15 Pflichtspielen und ausgestandener Oberschenkelverletzung kehrte er mit non-existentem Selbstbewusstsein an die Isar zurück, unter Nico Kovac feierte er sein bestes Spiel im Bayern-Dress. Ausgerechnet in Lissabon, gegen seine alte Liebe. Ein kurzes Strohfeuer, im Anschluss fristete er erneut ein Reservisten-Dasein.
Lille erhielt 70-Millionen-Angebot für Sanches
Im Sommer 2019 wurde das Missverständnis zwischen den Bayern und Sanches beendet, der OSC Lille überwies immerhin 20 Millionen Euro für den Mittelfeldmann. Im Norden Frankreichs avancierte er nach und nach zum Leistungsträger, bereits nach einer Spielzeit enthüllte Lille-Boss Gérard López im Interview mit der Sportzeitschrift "L’Équipe", dass der Verein eine extrem lukrative Offerte für Sanches abgelehnt habe. "Unsere Prioritäten sind die Wettbewerbsfähigkeit und das Gleichgewicht des Teams. Zum Beispiel hatten wir Angebote über 70 Millionen Euro für Renato Sanches. Er wird aber nicht gehen, unser sportliches Projekt hat Priorität."
Besagtes sportliche Projekt entpuppte sich als enormer Erfolg. in seiner zweiten Saison holte Sanches mit den Bulldoggen sensationell vor der langjährigen Übermacht Paris Saint-Germain die Meisterschaft in der Ligue 1. Obwohl er zwischenzeitlich abermals von einer langwierigen Muskelverletzung außer Gefecht gesetzt wurde, biss sich der Nationalspieler durch, kam wettbewerbsübergreifend zu 29 Einsätzen.
Sanches: "Mein Körper ist eine meiner Waffen"
Bei der anschließenden EM im Sommer dieses Jahres wurde Sanches in jedem Spiel berücksichtigt, im Achtelfinale, das 1:2 gegen Belgien verlorenging, stand er 78 Minuten auf dem Platz. "Mein Körper ist eine meiner Waffen, wenn ich spiele", sagte der mittlerweile 24-Jährige kurz vor dem Duell mit den Roten Teufeln im Rahmen einer Presserunde. "Andere Spieler haben andere Stärken. Meine ist mein Körper und ich setze ihn gut ein."
Veritable Aussagen, tatsächlich kommt Sanches über seine Athletik und die damit verbundene Dynamik. Eine Paarung, die ihm sowohl im Zweikampf als auch im Dribbling zugutekommt.
Allerdings ist die aufwendige Spielweise, die nun einmal eng an die Physis geknüpft ist, gleichzeitig Sanches' größte Schwäche. Wie bereits aufgeführt, hatte er in der Vergangenheit immer wieder mit teils hartnäckigen Verletzungen zu kämpfen. Eine negative Begleiterscheinung, die ihm auch nach der Europameisterschaft treu blieb.
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Renato Sanches (l.) behauptet sich gegen Kevin De Bruyne
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Ständige Verletzungen: "Renato ist ein komischer Fall"
Anfang August musste sich Sanches einer Operation am Meniskus unterziehen, erst vor wenigen Wochen feierte er sein Comeback. Seit seinem Wechsel zu Lille vor zwei Jahren verpasste er 36 Pflichtspiele, was kumuliert beinahe einer ganzen Saison entspricht. Sanches' Körper ist in gewisser Weise eine Waffe mit Ladehemmung. Cyril Morin, Redakteur bei Eurosport Frankreich in Paris, sieht genau darin auch einen Hauptaspekt, warum die Klasse des Strategen regelmäßig verpufft.
"Renato ist ein komischer Fall. Er ist ein ganz besonderer Spieler, der im letzten Jahr erheblichen Einfluss aufs Spiel hatte, sofern er denn auf dem Platz stand", sagt Morin. "Aber es ist immer das gleiche Problem mit ihm: Es mangelt ihm an physischer Konstanz. Er hat ständig körperliche Beschwerden, die es ihm nicht erlauben, regelmäßig zu spielen." Morins Fazit: "Wenn er fit ist, dann ist er Spitzenklasse. Er ist nur leider oft nicht fit."
Mittlerweile ist Sanches zwar wieder genesen, einen positiven Effekt aufs Spiel seiner Mannschaft vermag er jedoch noch nicht zu haben. Lille dümpelt nach der Sensations-Meisterschaft im Niemandsland der Tabelle herum, zuletzt sprang ein Remis gegen Brest heraus, eine Woche zuvor musste man sich – erstmals wieder mit Sanches in der Startelf – gegen Aufsteiger Clermont Foot geschlagen geben.
Renato Sanches nach Rückkehr in ungewohnter Rolle
Eine passende Rolle scheint Trainer Jocelyn Gourvennec, der im Sommer für den gen Nizza abgewanderten Meistermacher Christophe Galtier übernommen hatte, indes für Sanches noch nicht gefunden zu haben.
Gegen Clermont Foot fungierte Sanches auf der für ihn ungewohnten Zehnerposition, quasi als hängende Spitze hinter Mittelstürmer Timothy Weah. Nach 60 Minuten war Sanches' gebrauchter Arbeitstag, an dessen Ende eine schwache Zweikampfbilanz von 20 Prozent und acht Ballverluste zu Buche standen, beendet.
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Renato Sanches im Trikot des OSC Lille
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Trotzdem ist sein ehemaliger Förderer Reschke davon überzeugt, dass Sanches nach seiner schwierigen Zeit bei Bayern zu einem gestandenen Spieler herangewachsen ist. "Sein Talent und seine Klasse sieht man ja jetzt. Renato musste seinen persönlichen Reifeprozess durchlaufen, um seine Qualität voll abzurufen."
Lille-Präsident deutet Sanches-Abgang an: "Dann darf er gehen"
Auch bei seinem aktuellen Arbeitgeber sieht man ganz offensichtlich weiterhin viel Potenzial, vor allem mit Blick auf eine mögliche Ablöse, die durch einen Verkauf generiert werden könnte. Lille hat enorme Schulden, schon im Sommer mussten die Leistungsträger Boubakary Soumaré (Leicester City) und Torhüter Mike Maignan (AC Mailand) abgegeben werden.
"Ich habe bereits mit Renato gesprochen. Wenn es ein Angebot von einem großen Klub gibt, dann darf er gehen", sagte Präsident Olivier Letang zu "BFM Lille". Er ergänzte: "Wir werden sehen, was passiert."
Zunächst einmal muss Sanches mit seinen Teamkollegen am Freitagabend bei PSG ran (ab 21:00 Uhr im Liveticker), wohin die Reise des Jungen mit den Dreadlocks aus Musgueira vielleicht schon im Winter führt, steht noch in den Sternen.
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Quelle: SNTV
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