Herr Hamann, es war bereits ein attraktiver Transfersommer für die englische Premier League - und noch sind viele weitere Deals in der Luft. Manchester United hat vorgelegt, was tut sich noch?
Dietmar Hamann: United musste vorlegen und ich gehe davon aus, dass sich noch was tun wird. Juan Mata ist ein Wechselkandidat - ihn hat José Mourinho während seiner zweiten Amtszeit bei Chelsea schon verkauft. Bei Bastian Schweinsteiger ist das letzte Wort auch noch nicht gesprochen.
Ihr Ex-Klub FC Liverpool überraschte mit der vorzeitigen Verlängerung mit Jürgen Klopp bis 2022. Wie schwer wird nun sein zweites Jahr?
Transfermarkt
Transferwahnsinn nicht zu stoppen: Wann platzt die Blase?
15/07/2016 AM 22:06
Hamann: Die Verlängerung war ein Statement nach außen. Aber nun muss Klopp das Vertrauen auch bestätigen. Die zwei Finalniederlagen der Vorsaison waren schmerzhaft. In der Liga wird es gegen die Trainergrößen Pep Guardiola, José Mourinho und Antonio Conte nicht einfacher. Ich prognostiziere ein schweres Jahr für Liverpool und Klopp. Sie spielen nicht international, die Belastung ist nicht so groß. Aber Klopp muss den Kader jetzt verstärken und trotzdem alle bei Laune halten.
Stimmen Sie zu, dass er nun aus seiner Komfortzone raus und zeigen muss, dass er auch Stars einkaufen kann?
Hamann: Die Transferpolitik in Dortmund war nicht schlecht - mit Lewandowski und Gündogan hat man Spieler geholt, die im Verein Weltklasse wurden. Je mehr Geld du hast, umso schwerer wird es, denn umso mehr Druck ist auch da. Liverpool muss auf jeden Fall gut starten - sonst nützen dir sechs Jahre Vertrag auch nichts. Das Ziel muss Platz vier sein, wieder in die Champions League. Vorne werden die Manchester-Vereine diejenigen sein, die es zu schlagen gilt.
Wer muss noch auf dem Transfermarkt draufpacken'?
Hamann: Manchester City ist gerade dabei, Chelsea muss was tun - beide sind weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Die Blues sind im Umbruch, weg von der Generation Lampard, Drogba, Cech, Terry. Mit Conte kommt ein Coach, der sehr genaue Vorstellungen hat. Diego Costa ist ein Wackelkandidat. Bei Arsenal dagegen steht das Gerüst.
Was denken Sie: Wird das noch der 'Mega-Transfersommer', den alle erwartet hatten?
Hamann: Das heißt es doch jetzt fast schon jedes Jahr. Ich finde aber nicht, dass sich das Niveau der Premier League in den letzten Jahren verbessert hat. Für mich ist die Champions League der Gradmesser - und dort spielen sie weiter nur die zweite oder dritte Geige. Dass sich das allein durch das TV-Geld ändert, wage ich zu bezweifeln. Die Liga ist schon länger die reichste in Europa.
Der Reiz der Premier League ist aber da: Viele Stars, viel Geld und ein enormer Wettbewerb auf den vorderen Plätzen wie sonst nirgends…
Hamann: Aber spielen denn die Stars wirklich in England? Nein, die spielen beim FC Barcelona, Real Madrid, Juventus Turin oder Bayern München. Xavi, Iniesta, Busquets oder Pirlo haben nie in ihrer Blütezeit in England gespielt. Es ist höchst selten, dass ein Top-Star auf dem Zenit in die Premier League wechselt. Schweinsteiger war schon drüber, das gilt nun auch für Ibrahimovic.
Zlatan zu United - ein guter Deal?
Hamann: Ibrahimovic und Manchester United - das passt. Die Premier League hat ihn noch nicht gesehen. Man spürt schon: Ganz England freut sich auf ihn. Zlatan weiß immer noch, wo das Tor steht. Das hat er bei PSG eindrucksvoll bewiesen. United war vergangene Saison defensiv ordentlich, aber vorne fehlte ein Knipser. Deswegen haben sie die Champions League verpasst.
Mit Zlatan klappt das?
Hamann: Ich denke schon, dass er was bewegen kann. Er hat große individuelle Klasse. Ich glaube auch, dass er seinen Mitspielern von Haus aus mehr Selbstvertrauen gibt und sie dazu anspornt, bessere Leistungen zu bringen. Im Strafraum hat er eine andere Klasse als Rooney. Ich bin überzeugt, dass er einschlagen wird. Deswegen ist das ein hervorragender Deal.
Ist der Transfer von Henrich Mchitarjan nicht vielleicht sogar der wichtigere?
Hamann: Zumindest der langfristigere. Er hat seine beste Saison gespielt, zu Recht das Interesse vieler großer Klubs auf sich gezogen. Das ist ein toller Transfer für Manchester United, weil er in der Form der vergangenen Spielzeit für jede Mannschaft der Welt eine Bereicherung ist. Man darf nicht vergessen: Manchester United hatte in der Offensive doch erhebliche Probleme. Wenn ich mir jetzt Mchitarjan hinter Ibrahimovic vorstelle, dazu noch Anthony Martial - das hat schon Potenzial.
Sie trauen ihm zu, sofort zu glänzen?
Hamann: Ich denke, dass er einschlagen und mit dafür sorgen wird, dass Manchester United in der Premier League wieder eine bessere Rolle spielt, ja.
Aus der Bundesliga ist auch Ron-Robert Zieler in die Premier League gewechselt, er kämpft nun bei Leicester City mit Kaspar Schmeichel um einen Stammplatz. Was trauen Sie ihm zu?
Hamann: Es wird schwer für ihn. Ich habe selbst mit Schmeichel bei Manchester City gespielt. Ich weiß, wie gut er ist. Er hat in der Meistersaison hervorragend gehalten. Zieler kann keine Ansprüche stellen und wird erst mal zusehen müssen. Schmeichel muss sich schon verletzen oder einen außerordentlich schlechten Start in die Saison hinlegen, damit Zieler ins Tor kommt. Aber vielleicht darf und kann er sich in den nationalen Pokalwettbewerben hervor tun.
Was trauen Sie Leicester City zu?
Hamann: Wenn sie einen einstelligen Tabellenplatz schaffen, wäre das für mich als Erfolg zu werten. Auf die Champions-League-Plätze haben sie keine Chance - und in der Champions League selbst wird's als ungesetztes Team wohl auch verdammt schwer.
Am 7. August freuen sich die Fans auf den vorgezogenen Saisonauftakt: Das Supercup-Spiel um die Community Shield zwischen Leicester City und Manchester United live bei Eurosport.
Hamann: Das wird eine wichtige Standortbestimmung, die man nicht unterschätzen darf. Leicester will gleich ein Zeichen setzen. Die anderen Mannschaften sollen sehen: 'Hey, wir sind auch dieses Jahr wieder da! Die Meisterschaft war keine Eintagsfliege!' Manchester United hat eine enorm wichtige Saison vor sich und will gleich den ersten Titel mit José Mourinho. Sie wollen mit ihm wieder dahin zurück, wo sie mit Sir Alex Ferguson waren - nämlich ganz oben.
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