N'Golo Kanté beim FC Chelsea: Gefangen im falschen System

N'Golo Kanté gehört zweifelsohne zur Riege der besten Mittelfeldspieler der Welt. Sowohl bei Leicester City als auch beim FC Chelsea galt er lange Zeit als unverzichtbar. Doch nach drei Jahren an der Stamford Bridge fällt der Franzose langsam aber sicher der Systemänderung von Trainer Frank Lampard zum Opfer. So komisch es sich auch anhört: Ein Wechsel würde wohl für beide Seiten Sinn ergeben.

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Steve Walsh gehört sicher nicht zu den bekanntesten Funktionären der Premier League, bei Leicester City wird sein Name aber auf ewig mit der märchenhaften Meisterschaft 2016 verbunden bleiben.
Als einer der umtriebigsten Scouts seiner Ära entdeckte er so manchen Rohdiamanten und verhalf ihm zum Sprung in die Premier League. Einige seiner Entdeckungen, zu denen während seiner Zeit bei Chelsea (bis 2005) auch Didier Drogba gehörte, legten Weltkarrieren hin.
Bei Leicester City empfahl er unter anderem den Kauf von Jamie Vardy und Riyad Mahréz, die er später als Co-Trainer der Foxes zum Titel führte. Genau wie eine seiner größten Entdeckungen: N’Golo Kanté.

N'Golo Kanté: Unaufhaltsam an die Weltspitze

Der Franzose eroberte die Premier League im Sturm, brach in seiner Premierensaison etliche Defensivrekorde und verließ die Foxes nach nur einem Jahr als frischgebackener englischer Meister und als einer der besten Sechser der Welt in Richtung Stamford Bridge.
Bei den Blues setzte er seinen Siegeszug als absoluter Leistungsgarant uneingeschränkt fort. Kanté wurde zum ersten Spieler seit Eric Cantona im Jahr 1993 (Leeds United, Manchester United), der die Premier League mit zwei verschiedenen Vereinen in aufeinanderfolgenden Spielzeiten gewinnen konnte. 2018 kam dann noch der WM-Titel dazu.
Der französische Nationalspieler schien nicht aufzuhalten zu sein.

Lampard-System wird zum Problem

Doch zwei Jahre später hat sich das Blatt gewendet. Unter Trainer Frank Lampard ist Kanté nicht mehr unantastbar. Vielmehr fällt es dem Coach immer schwerer, den 29-Jährigen in sein System zu integrieren.
Das Problem: Lampard lässt im 4-3-3 mit einer Sechs und zwei vorgezogenen Achtern, also drei zentralen Mittelfeldspielern, spielen. Die etwas defensivere Sechserposition, auf der sich der 29-jährige Kanté auf höchsten Niveau bewegt, ist jedoch durch Jorginho besetzt.
Der Franzose mit senegalesischen Wurzeln muss daher meist auf eine der beiden offensiveren Mittelfeldpositionen ausweichen.
Dort aber kommt Kantés große Stärke in der Balleroberung nicht mehr so zum Tragen. Dabei war es gerade diese unermüdliche und laufintensive Interpretation der Sechs, die ihn in der Vergangenheit so speziell machte.
"In Kantés erstem Jahr bei Chelsea habe ich ihn öffentlich als besten zentralen Mittelfeldspieler der Welt bezeichnet", erklärte der frühere Chelsea-Profi Gustavo Poyet kürzlich in einem Interview:

Statistiken sprechen gegen Kanté

Lampard sieht das anders und die Statistik gibt ihm Recht. Jorginho, Mittelpunkt der Chelsea-Zentrale, weist in Sachen Zweikämpfe und Balleroberungen pro 90 Minuten bessere Werte auf als Kanté. Noch bemerkenswerter sind allerdings die Ergebnisse, die Chelsea ohne den einstigen Mittelfeldchef im Team erzielte.
Nur fünf von 16 Ligaspielen mit Kanté in der Startelf endeten mit einem Sieg (31,2 Prozent). Blieb der Franzose draußen, gewannen die Blues neun von 13 Spielen (69,2 Prozent). Zahlen, die Kantés Qualitäten keineswegs infrage stellen. Vielmehr machen sie deutlich, dass Lampards System ohne den 29-Jährigen besser funktioniert. Eckige Bauklötze passen eben nicht in runde Löcher.
Was also nun? Chelsea ist genau wie die der meisten anderen Vereine durch die Coronavirus-Pandemie finanziell angeschlagen. Ein Verkauf von Kanté könnte helfen - schließlich würde man nicht nur eine stattliche Ablösesumme kassieren, sondern würde auch den Topverdiener des Klubs (16 Millionen Euro pro Jahr) von der Gehaltsliste streichen.

Chelsea und Kanté: Die Trennung macht Sinn

Wie die "L’Equipe" kürzlich berichtete, haben die Blues ihrem Mittelfeldabräumer bereits ein Preisschild von 70 Millionen Euro umgehängt. Angesichts eines Marktwertes von rund 80 Millionen Euro und eines noch bis Juni 2023 laufenden Vertrags ist das vertretbar. Schließlich ist der Spieler in einem Alter, das auf noch einige weitere Jahre auf Top-Niveau hoffen lässt. PSG, Real Madrid und der FC Barcelona sollen zu den Interessenten gehören.
Trainer Lampard macht derweil kein Geheimnis aus seinem Wunsch, dem Team in der kommenden Saison viele frische Gesichter hinzuzufügen. Dafür braucht es das nötige Kleingeld, das ein Kanté-Verkauf bringen würde. Die wirtschaftliche Grundlage für eine Trennung ist also gegeben.
Und Kanté selber? Der 29-Jährige könnte bei einem neuen Verein auf alter Position wieder sein Toplevel erreichen - immerhin hat er schon bewiesen, dass er dies nicht nur bei einem Klub schaffen kann.
So unvorstellbar ein Abschied bei seiner Vertragsverlängerung im November 2018 auch noch erschien, so sinnig wäre er zum Ende der laufenden Saison.
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