Es ist wie ein unkontrollierbarer Reflex, der im Fußball-Business so häufig wie in keiner anderen Sportart immer wieder ausgelöst wird. Bei anhaltendem Misserfolg eines Klubs, wird es oft in Rekordzeit eng für den Trainer. Doch gilt das auch für den FC Liverpool?
Eine berechtigte Frage, immerhin ist dort mit Jürgen Klopp der Mann am Ruder, der den Klub in nur sechs Jahren Amtszeit aus dem Niemandsland der Tabelle auf den europäischen Thron führte. Unter Klopp gewannen die Reds den ersten Champions-League-Titel seit 2005, und noch viel wichtiger: die erste englische Meisterschaft seit 30 Jahren.
Mal ehrlich: Welch sportliche Krise würde eine Entlassung dieses Mannes rechtfertigen?
Premier League
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21/02/2021 AM 16:03
Genau: (fast) keine!

FC Liverpool: Historisch schlecht

"Ein Szenario, in dem Klopp gefeuert wird, ist kaum vorstellbar. Selbst, wenn sie die Top 4 verpassen", sagt Pete Sharland, Premier-League-Experte von Eurosport UK in London deshalb bestimmt. "Die einzige Möglichkeit, dass Klopp und Liverpool sich trennen, wäre, wenn er selbst sich zum Rücktritt entscheidet. Aber auch das ist aktuell sehr unwahrscheinlich."
Wohl dem, der so ein Standing hat. Denn die jüngsten sportlichen Entwicklungen an der Anfield Road hätten mutmaßlich jeden anderen Trainer zumindest an den Rand einer Entlassung gebracht.

Liverpool-Trainer Jürgen Klopp (links) und seine enttäuschten Spieler nach dem verlorenen Merseyside-Derby gegen den FC Everton

Fotocredit: Getty Images

Zwei Siege aus den vergangenen elf Ligaspielen, vier Heimpleiten in Serie, was seit knapp 100 Jahren (zuletzt 1929) keinem amtierenden englischen Meister mehr passierte - hinzu kommen jede Menge Verletzungssorgen und der Absturz auf Tabellenplatz sechs mit fünf Punkten Rückstand auf einen Champions-League-Qualifikationsrang.
Liverpool ist am vorläufigen Tiefpunkt der Ära Klopp angekommen - keine Frage.

Liverpool: Verletzungssorgen immer dramatischer

Immerhin: Die seit Wochen anhaltende Abwärtsspirale lässt sich zumindest teilweise nachvollziehbar erklären.
Seit Monaten nämlich läuft Liverpool personell auf dem Zahnfleisch - vor allem in der Defensive. Virgil van Dijk fehlt seit vergangenem Oktober wegen eines Kreuzbandrisse, mit Joe Gomez (Patellasehnenprobleme) und Joel Matip (Knöchelverletzung) fallen zudem auch die Innenverteidiger Nummer zwei und drei vermutlich für den Rest der Saison aus.
In der Innenverteidigung half deshalb in den vergangenen Monaten vor allem Kapitän Jordan Henderson als Notlösung aus, der sich nun bei der 0:2-Pleite im Merseyside-Derby gegen den FC Everton zu allem Überfluss auch noch verletzte.
"Es ist der Oberschenkel, die Adduktoren, und niemand aus dem medizinischen Team ist positiv gestimmt. Es sieht nicht gut aus", sagte Klopp nach der Partie sichtlich bedröppelt.
Im Winter legte man deshalb mit Ben Davies vom Zweitligaklub Preston North End und Ozan Kabak von fast Zweitligaklub Schalke 04 nach. Dass der türkische Nationalspieler bereits in der Champions League gegen RB Leipzig sowie in den vergangenen beiden Ligaduellen bei Leicester City und gegen Stadtrivale Everton in der Startelf stand, zeigt, wie es um die letzte Linie des englischen Meisters bestellt ist.

Klopp schwärmt von Kabak: "Hat großes Potenzial"

Reds: Erfolge müssen verarbeitet werden

Große Personalsorgen, die allgemeine Anspannung aufgrund der Coronavirus-Pandemie, kaum Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Das alles setzt dem Meister derzeit mehr zu als anderen Klubs. Gerade einmal acht Monate ist es her, dass die schier endlose Zeit ohne Meistertitel beendet wurde - richtig gefeiert, und damit irgendwie auch verarbeitet, wurde der Triumph aber noch nicht.
Es ist nichts Neues, dass nach dem Gewinn eines Titels mentale Probleme auftreten können, insbesondere nach einer solch langen Wartezeit. Es ist wichtig, Erfolge zu verarbeiten, um den Fokus neu auszurichten. Das gilt nicht nur für die Spieler, sondern natürlich auch für den Trainer.
Klopp ist bekannt als wohl bester Motivator im Geschäft, sollte seiner Truppe also wieder den altbekannten Titelhunger einimpfen können. Doch was wenn das nicht gelingt? Was, wenn die Krise in Liverpool auch die kommenden Wochen weitergeht und das Verpassen der Champions League plötzlich nicht mehr bloß ein weit entfernter Albtraum bleibt?

Auffällige Parallelen zur BVB-Zeit

Entlassen, da sind sich alle Experten einig, wird Klopp in Liverpool niemand. Doch das war auch in Dortmund nicht der Fall. Auch beim BVB kriselte es rund um das 300. Pflichtspiel als Trainer, nachdem es zuvor fast durchgehend Erfolge zu vermelden gab.
Nach der Hinrunde 2014/15 kriselte sich Schwarzgelb bis auf einen Abstiegsplatz, rangierten am 18. Spieltag gar auf dem letzten Tabellenplatz. Dank einer deutlichen Steigerung in der Rückrunde schaffte es die Borussia zwar noch in die Europa League, die Ära Klopp endete dennoch am Saisonende - und zwar auf Wunsch des Trainers.

Klopp verabschiedet sich im Mai 2015 in seinem letzten Heimspiel von den BVB-Fans

Fotocredit: SID

Ob es so oder so ähnlich auch in Liverpool laufen könnte? Klar, aber davon sind wir noch ein ganzes Stück entfernt.

Lampard und der FC Chelsea: ein mahnendes Beispiel

"Ich denke, dass er eine siebte Saison bekommen wird", sagt Sharland. Sollte es allerdings keine offensichtlichen Anzeichen für eine Verbesserung geben, ist eine Trennung in der kommenden Saison laut Sharland gar nicht mal so unrealistisch.
"Liverpool und Klopp haben eine besondere Verbindung, aber Fußball und insbesondere die Premier League sind ein Geschäft, das sich an Ergebnissen orientiert. Schauen Sie sich nur Frank Lampard und Chelsea an."

Frank Lampard (FC Chelsea)

Fotocredit: Getty Images

Die Blues-Legende hatte ebenfalls ein außergewöhnlich inniges Verhältnis zu seinem Arbeitgeber, fiel aber den üblichen Mechanismen des Trainerjobs zum Opfer, weil sein millionenschweres Team nicht funktionierte. Thomas Tuchel übernahm schließlich und brachte schnellen Erfolg.

Wenn Klopp geht, kann es nur einen geben!?

Bei Klopp stellt sich die Situation jedoch anders dar. "Es gibt eigentlich keinen Kandidaten, der ihn ersetzen könnte. Der einzige, der mir in den Sinn kommt, ist Julian Nagelsmann. Aber es sieht so aus, als würde dieser von Real Madrid und Bayern München ins Visier genommen", so Sharland, der als Liverpool-Kenner schon länger Verfechter einer spannenden These ist.
"Ich habe immer gesagt, dass ich glaube, dass Klopp Liverpool verlassen wird, wenn sein Vertrag im Jahr 2024 ausläuft. Ich denke, Liverpool hofft, dass Steven Gerrard in den kommenden drei Jahren die Chance bekommt, einen Premier League-Club zu trainieren - idealerweise schon diesen Sommer nach dem Gewinn der schottischen Meisterschaft. Dann könnte er sich die Sporen verdienen, Klopp im Jahr 2024 zu ersetzen."
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