Es war keine Wut, kein Ärger über eine bestimmte Situation. Keine Schiedsrichterentscheidung, kein individueller Fehler, über den sich Jürgen Klopp aufregte. Nein, der Trainer des FC Liverpool war am Donnerstagabend einfach genervt. Genervt, weil er dieses Interview schon zum x-ten Mal in der laufenden Saison geben musste.
"Es war ein schwerer Schlag", sagte er nach dem 0:1 (0:1) gegen den von Thomas Tuchel trainierten FC Chelsea: "Wenn wir diese Spiele verlieren, haben wir nicht das Recht, in die Champions League einzuziehen."
Der tiefe Fall der Reds, des amtierenden englischen Meisters, er hält an. Und er nimmt mit jeder Woche bedrohlichere Züge an.
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Magere zehn Punkte holte die Klopp-Elf in elf Liga-Spielen seit dem Jahreswechsel. Nur West Brom (neun), Newcastle (sieben) und Southampton (vier) waren schlechter.

Liverpool: Anfield ist keine Festung mehr

In der Heimtabelle belegt Liverpool mit nur einem Punkt im Jahr 2021 gar den letzten Platz. Die Niederlage gegen die Blues war bereits die fünfte Pleite an der Anfield Road in Folge. Das war dem stolzen Klub aus dem Nordwesten Englands in seiner mittlerweile 129-jährigen Geschichte nie zuvor passiert.
"Das ist nicht Anfield. Das ist nicht das alte Liverpool, nicht die Könige von the Kop", schrieb die "Times". Etwas pathetisch zwar, doch es zeigt das Ausmaß des Absturzes.
68 Liga-Spiele am Stück hatten die Reds bis zum 21. Januar diesen Jahres zu Hause gewonnen. Der Mythos Anfield, wo noch nie eine deutsche Mannschaft im Europa-Pokal gewinnen konnte, war die Basis für Klopps Erfolg in den vergangenen Jahren gewesen - besonders in der historischen Meistersaison 2019/2020.
Doch momentan hat die Heimstätte der Roten mehr von einem Klappzelt als von einer Festung. Dem LFC ist das Fundament weggebrochen.

Liverpool-Krise: Keine Fans, Müdigkeit, Verletzungen

"Die letzte Saison ist vorbei, damit ist Schluss", sagte Verteidiger Andy Robertson bei "Sky Sports": "Wir sind nicht im Ansatz so gut, wie ein Liverpool-Team eigentlich sein sollte. Wir dürfen uns nicht auf der Vergangenheit ausruhen."
Natürlich fehlen ihnen die Fans - aufgrund der Spielweise und der engen Verbindung mit den Profis vielleicht sogar mehr als anderen englischen Top-Klubs. Wie oft hatten die Anhänger die euphorisierten Spieler auf dem Platz in der vergangenen Saison in engen Spielen über die Ziellinie getragen.
Liverpool war unter Klopp immer eine Mannschaft, die am Limit gespielt hat. Auch das ist sicher ein Grund, warum es aktuell nicht läuft. Die Mannschaft wirkt einfach ausgelaugt.
"Es ist beispiellos. Sie haben mit vielen Ausfällen zu kämpfen, die Fans sind nicht da. Natürlich macht das einen Unterschied", meinte Ex-Profi Jamie Redknapp bei "Sky Sports". Eine Ausrede darf das bei all der Qualität im Kader aber nicht sein.

Liverpool: Klopp schafft sich die nächste Baustelle

Die defensiven Probleme ohne die Langzeitverletzten Virgil Van Dijk, Joe Gomez und Joel Matip waren zwar auch gegen Chelsea nicht von der Hand zu weisen. Doch es ist schwierig, diesen Umstand immer wieder für den anhaltenden Misserfolg verantwortlich zu machen, wenn auch die mit Stars besetzte Offensive überhaupt nicht mehr trifft.
Bis zur 85. Minute hatte es am Donnerstag gedauert, bis Georginio Wijnaldum Chelsea-Keeper Édouard Mendy zum ersten Mal prüfte. Es sollte der einzige Schuss der Reds auf sein Tor bleiben.
"Wenn man sich Liverpool im Moment anschaut, weiß ich nicht, wo die Tore herkommen sollten", meinte Ex-Liverpool-Verteidiger Jamie Carragher. Dass Klopp Top-Scorer Mohamed Salah in der 62. Minute vom Feld nahm, sorgte in England zusätzlich für Unverständnis. Der Ägypter nahm kopfschüttelnd auf der Bank Platz, woraufhin sich die sozialen Netzwerke aufgrund anhaltender Wechselgerüchte und eines vielsagenden Tweets seines Beraters schon Minuten danach überschlugen.
Damit hat sich Klopp womöglich die nächste Baustelle aufgemacht. Es kommt einfach viel zusammen beim FC Liverpool.

Liverpool: Klopp droht die Katastrophe

In der Tabelle haben die Reds als Siebter (43 Punkte) mittlerweile vier Zähler Rückstand auf die Champions-League-Ränge. Zudem können der fünftplatzierte FC Everton (46) und das sechstplatzierte West Ham United (45/beide ein Spiel weniger) durch Siege weiter davonziehen. Von hinten drängen Tottenham (42) und Aston Villa (39).
Auf die direkte CL-Qualifikation durch den Gewinn der Königsklasse sollte sich Liverpool in der aktuellen Verfassung besser auch nicht verlassen.
Klopp, der aufgrund seiner vergangenen Heldentaten weiter nicht zur Diskussion steht (und wohl auch von Vereinsseite nie zur Diskussion stehen wird), muss es trotz aller Widrigkeiten schaffen, die Saison irgendwie noch zu retten.
Sollte Liverpool tatsächlich die Champions League verpassen, käme das nämlich einer Katastrophe gleich. Neue Stars im Sommer, wie beispielsweise ein Kylian Mbappé, wären dann nur noch Wunschdenken, Abgänge vorprogrammiert. Die Reds müssen aufpassen, die erbauten Mauern des Erfolgs nicht innerhalb einer Saison wieder einzureißen.
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