Das Manchester-City-Imperium stürzt ein: Die Gründe für den freien Fall der Guardiola-Elf in der Premier League
VonThomas Gaber
Update 04/12/2024 um 10:07 GMT+1 Uhr
Sechs Pleiten in den letzten sieben Spielen, dazu ein peinliches 3:3 in der Champions League - Manchester City erlebt einen beispiellosen Absturz und musste beim 0:2 in Liverpool eine neue Erfahrung machen: absolute Chancenlosigkeit. Was Pep Guardiola auch versucht - es funktioniert nicht. Kritiker mutmaßen, der Erfolgscoach verliere allmählich die Kabine. Für den Turnaround kann nur eines helfen.
Guardiola und City in der Krise: "Sollen wir die ganze Zeit weinen?"
Quelle: Perform
Letzten Freitag feierte der FC Barcelona seinen 125. Geburtstag. Der Verein schmiss eine pompöse Party in einem der teuersten Hotels der katalanischen Hauptstadt und versammelte viele Klublegenden.
Pep Guardiola ließ sich entschuldigen, erschien aber für etwas mehr als eine Minute auf einer großen Videoleinwand.
Der ehemalige Barça-Spieler und -Trainer sang pantomimisch zu "Aniversari", einem von der katalanischen Band Manel komponierten Happy-Birthday-Song. Im Saal gab es lang anhaltenden Applaus der begeisterten Partygäste für Playback-Pep.
Es war eine etwas skurrile Darbietung des 53-Jährigen, aber eine aus Respekt für seinen Herzensverein und Dankbarkeit für viele erfolgreiche Jahre als Spieler und Coach - und das in der bei weitem schwierigsten Phase seiner Trainerkarriere.
Sechs Finger: Guardiola reagiert auf Spott der Liverpool-Fans
Das Video wurde nach dem 3:3 von Manchester City in der Champions League gegen Feyenoord Rotterdam aufgenommen. Als Beweis dient die Schramme in Guardiolas Gesicht, die er sich während der Partie selbst zugefügt hatte.
Die sportliche Krise seiner Mannschaft geht an Guardiola nicht spurlos vorbei. Gegen Feyenoord war es Selbstverstümmelung, nach dem 0:2 in Liverpool eine Geste. Die hämischen Gesänge der Reds-Anhänger, die Guardiola prophezeiten, Montagmorgen gefeuert zu werden, konterte er mit sechs ausgestreckten Fingern. Einen für jeden Meistertitel in den letzten sieben Jahren.
Der "Guardian" interpretierte dies als Zeichen von Schwäche. "Der City-Manager kann es sich nicht verkneifen, auf die Hänseleien der Liverpooler Fans zu reagieren. Dies zeigt, wie verunsichert er ist", hieß es.
Die sechs Finger hätte man auch anders interpretieren können. Für jeden eine Niederlage aus den vergangenen sieben Spielen. Oder einen für jeden Ballkontakt von Erling Haaland in Liverpool im letzten Drittel.
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Sechs Finger für sechs Meistertitel: Guardiola reagiert auf hämische Liverpool-Fans
Fotocredit: Getty Images
City an der Anfield Road hoffnungslos unterlegen
Die Krise der Cityzens entwickelt sich zu einem Dauerzustand. Besonders besorgniserregend für Guardiola ist nicht die bloße Anzahl an Misserfolgen, sondern die Art und Weise, wie sie zustandekommen.
Beim 0:4 gegen Tottenham brach das Kartenhaus nach einem vernünftigen Start mit dem ersten Gegentor zusammen. Gegen Feyenoord verspielte Manchester in den letzten 15 Minuten einen 3:0-Vorsprung und kassierte abenteuerliche Gegentore.
Und am Sonntag an der Anfield Road war der Meister hoffnungslos unterlegen. So etwas hat es seit Guardiolas Amtsantritt 2016 noch nie gegeben.
"Vor 14 Tagen war die Geschwindigkeit und die Intensität von Citys Niedergang noch unvorstellbar. Aber es ist die Realität. Das unerschütterliche Imperium bricht zusammen und wurde von einer gnadenlosen Liverpooler Mannschaft weiter gedemütigt", urteilte der "Guardian".
Vor allem die Startphase ähnelte nicht einem Duell auf Augenhöhe zwischen zwei Teams, die sich über viele Jahre in der Premier League auf höchstem Niveau begegneten.
Es war eher ein Katz-und-Maus-Spiel. City hatte dem Tempo und der Wucht der Reds nichts entgegenzusetzen: kein Pressing, kein Druck auf den ballführenden Spieler im Zentrum, keine Leidenschaft für Zweikämpfe.
Zerwürfnis zwischen Guardiola und De Bruyne?
Dazu kassiert City einfache Gegentore wie bei Cody Gakpos Führungstreffer (12.), als Mohamed Salah auf dem rechten Flügel seelenruhig warten konnte, bis Gakpo am langen Pfosten in Position läuft.
Mit taktischen Fehlern kann ein derart lasches Defensivverhalten nicht erklärt werden. Vielmehr erwecken die City-Spieler den Eindruck, dass sie nicht bereit sind, zu leiden. "Wenn Alexander-Arnold ungehindert zwei 50-Meter-Pässe spielen kann, obwohl da drei City-Spieler in der Nähe sind, hat das nichts mit Taktik zu tun, sondern mit Unlust", sagte "Sky"-Experte Micah Richards.
Dessen Kollege Gary Neville zeichnete diesbezüglich ein düsteres Bild und warf die Frage auf, ob Guardiola allmählich die Kabine verliert: "Schauen Sie sich Kevin De Bruyne an. Der ist seit Wochen nur noch Ersatzspieler - als einer der besten Premier-League-Spieler der letzten fünf Jahre. Und wenn er reinkommt, läuft er nur nebenher. Das ist bizarr."
Richards mutmaßt gar ein Zerwürfnis zwischen Guardiola und De Bruyne. "Ich kann nicht verstehen, warum De Bruyne in so einem großen Spiel nicht in der Startelf steht. Er hat seine Wehwehchen und man muss ihn hin und wieder in Watte packen. Aber er kann in solchen Spielen Türen öffnen. Da muss etwas passiert sein zwischen Pep und Kevin."
Guardiolas Personalrochaden verpuffen
Auch Ederson soll schlecht zu sprechen sein auf Guardiola. Die langjährige Nummer eins wurde nach dem Feyenoord-Spiel aus dem Tor genommen und in Liverpool durch Stefan Ortega ersetzt.
Aber was Guardiola auch personell versucht - es hat keine positive Wirkung. Natan Aké verteidigte für den zuletzt schwachen Josko Gvardiol auf links und ließ Salah vor dem 1:0 gewähren. In der Offensive fielen nacheinander Matheus Nunes, Jack Grealish oder Rico Lewis durch. Alle bekamen ihre Chance, keiner konnte sie nutzen.
Das größte - und vorerst nicht zu lösende - Problem ist aber der Ausfall von Rodri. Man wird das Gefühl nicht los, dass City ohne den Taktgeber nur die Hälfte wert ist. In Liverpool waren Ilkay Gündogan und Bernardo Silva im Zentrum auf verlorenen Posten. "Die beiden haben nichts auf die Reihe bekommen", lautete das harte Urteil von TV-Experte Jamie Carragher.
Bericht: Guardiola darf im großen Stil shoppen gehen
Der Patient Manchester City liegt auf der Intensivstation und es fehlt die Fantasie, wer ihn da schnellstmöglich herausholen soll. Am Ende sind es vielleicht wieder ein paar Millionen Pfund Sterling. Die "Daily Mail" schreibt von 100 Millionen Investitionsmasse für neue Spieler - und zwar bereits im Januar.
Bis dahin muss sich City irgendwie über Wasser halten. Als Tabellenfünfter mit bereits elf Punkten Rückstand auf Liverpool ist die Meisterschaft in weite Ferne gerückt. Guardiola ist trotzdem bereit, weiterzukämpfen.
"Vielleicht haben die Liverpool-Fans recht. Aufgrund unserer Ergebnisse müsste ich entlassen werden. Und wenn ich das Problem bin, werde ich zurücktreten. Aber ich sehe es anders. Wir machen weiter", sagte der Spanier.
Schon am Mittwoch gibt es die nächste Chance für den Turnaround, wenn City in der Premier League Nottingham Forest empfängt (ab 20:30 Uhr im Liveticker).
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