In dem Quarantäne-Hotel von Holstein Kiel wurde vor einigen Tagen ein Banner aufgehangen. Die Aufschrift: "Scheißegal, wir packen das!"
Dieses Motto gilt jetzt mehr als je zuvor. Die Kieler gehen nämlich in zweierlei Hinsicht geschwächt in die Relegationsspiele gegen den 1. FC Köln – mental und physisch.
Mental dürften die letzten beiden Saisonspiele gegen den Karlsruher SC und dem SV Darmstadt 98 Spuren hinterlassen haben. Ein einziger Sieg hätte genügt, um sich den Direktaufstieg zu sichern. In beiden Spielen lagen die Kieler zur Halbzeit mit 1:0 in Führung und verloren trotzdem jeweils mit 2:3. Dadurch rutschten die Norddeutschen auf den dritten Tabellenplatz ab. So nahe am großen Ziel vorbeigeschrammt zu sein, ist schwer aus den Köpfen zu bekommen.
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Genau das ist laut Trainer Ole Werner allerdings erforderlich: "Du kannst dich nur auf neue Dinge einstellen, wenn du die Dinge, die hinter dir liegen, auf gewisse Art und Weise verarbeitet hast."
Hinzu kommt die physische Belastung: Weil die Kieler Mannschaft im März und April corona-bedingt gleich zwei Mal in Quarantäne musste, gab es ein Mammutprogramm mit vielen Nachholspielen. Innerhalb von 30 Tagen waren neun Pflichtspiele zu bestreiten.
Dies hat ordentlich Kraft gekostet.

Relegations-Historie: Die Bilanz spricht für die Erstligisten

Ohnehin setzen sich in den Relegationsspielen meist die Bundesligisten durch. In den vergangenen acht Jahren war Union Berlin der einzige Zweitligist, der über die Entscheidungsspiele den Aufstieg gepackt hat. Holstein Kiel scheiterte zuletzt 2018 am VfL Wolfsburg.
Diesmal kommt erschwerend hinzu, dass die Kieler nicht in Bestbesetzung auflaufen können. Gelbgesperrt fehlen beim Hinspiel am Mittwoch in Köln (18:30 Uhr im Liveticker auf Eurosport.de) die beiden Mittelfeldspieler Alexander Mühling und Jonas Meffert.
Meffert gilt im defensiven Mittelfeld eigentlich als der Taktgeber der Kieler. Mühling ist im Offensivspiel sehr effektiv und mit zwölf Saisontoren der zweitbeste Torjäger der Mannschaft.
Kurzum: Vieles spricht vor den Relegationsspielen gegen Holstein Kiel. Genau daraus könnte der Zweitligist allerdings frische Kräfte schöpfen.
"Wir hatten schon häufiger in dieser Saison die Situation, dass niemand mehr groß auf uns setzt. Das wird jetzt erneut so sein", sagt Werner. Nun gehe es darum, "sich wieder aufzurichten, Haltung zu bewahren und unsere Haut so teuer wie möglich zu verkaufen, und vielleicht das Unmögliche dann auf diesem Wege doch noch möglich zu machen."
Es wäre nicht das erste Mal, dass den Kielern dies gelingt.

Bayern-Star Thomas Müller: Holstein Kiel ist "eine eingeschworene Gruppe"

Am 13. Januar sorgte Holstein Kiel für die wahrscheinlich größte Sensation der Spielzeit 2020/2021, als der FC Bayern München im DFB-Pokal mit 8:7 nach Elfmeterschießen bezwungen wurde.
Selbst ein frustrierter Thomas Müller zollte dem Gegner danach Respekt: "Kiel hat mit einer Kaltschnäuzigkeit gespielt. Die Innenverteidiger haben sich gut bewegt, auch mit dem Ball. Das war eine eingeschworene Gruppe von Kiel."
Kiel bewies damals Nervenstärke und verwandelte alle sechs Elfmeter. Auch im darauffolgenden Pokal-Achtelfinale gegen den SV Darmstadt 98 setzte sich Kiel per Elfmeterschießen durch. Die "Störche" könnten also im Vorteil sein, sollten auch die Relegationsspiele auf diese Art entschieden werden.
Das letzte Elfmeterschießen der Kölner endete im Februar mit einem blamablen Pokalausscheiden gegen den Zweitligisten SSV Jahn Regensburg.

Holstein Kiel hat die beste Verteidigung der 2. Liga

Auch in der regulären Spielzeit hat Kiel genug Potenzial, um Köln vor Probleme zu stellen.
Da wäre zunächst einmal die starke Verteidigung: Nur 35 Gegentore ließ Holstein in dieser Saison zu. Dies war der beste Wert der 2. Bundesliga. Kapitän Hauke Wahl und Simon Lorenz bilden ein zweikampfstarkes Innenverteidiger-Duo, welches schwer zu knacken ist.

Holstein-Kapitän Hauke Wahl (l.) im Spiel gegen den 1. FC Heidenheim

Fotocredit: Getty Images

Dies dürfte für Köln eine besonders große Herausforderung sein, weil sie voraussichtlich ohne echten Mittelstürmer antreten. Da für den verletzten Sebastian Andersson das Hinspiel vermutlich zu früh kommt und Emmanuel Dennis gar nicht erst mit in das Quarantäne-Hotel kam, muss der Bundesligist eine andere Lösung finden.
Kiel agiert normalerweise in einem 4-1-4-1 System. Aufgrund der Sperren von Meffert und Mühling wird eine personelle Umstellung notwendig sein.
Aleksandar Ignjovski, der auf 117 Bundesligaspiele für Werder Bremen, den SC Freiburg und Eintracht Frankfurt zurückblickt, könnte zum Beispiel eine Option für das defensive Mittelfeld sein. Das Problem ist nur: Der Serbe kommt im Jahre 2021 auf eine Einsatzzeit von nur einer Minute.
Doch Werner weiß: "Allzu viele andere Optionen gibt es nicht."

Lee, Reese, Bartels, Serra: Auch die Kieler Offensive kann sich sehen lassen

Für die Kreativität im Mittelfeld sind ohnehin andere Spieler zuständig.
Der südkoreanische Mittelfeldspieler Jae-sung Lee, der bei der Weltmeisterschaft 2018 gegen Deutschland auf dem Platz stand, zählt fußballerisch zu den besten Spielern der 2. Bundesliga – auch wenn er zuletzt überspielt wirkte. Flügelspieler Fabian Reese hat acht Tore vorbereitet und ist somit der beste Vorlagengeber der Mannschaft.

Fabian Reese (Mitte), hier im Pokalspiel gegen den FC Bayern München, ist aktuell der beste Vorlagengeber bei Holstein Kiel

Fotocredit: Getty Images

Für Gefahr vor dem gegnerischen Tor sorgen vor allem der Außenspieler Fin Bartels und Mittelstürmer Janni Serra, die auf 11 beziehungsweise 13 Saisontore kommen.
Ob all das genügt, um Köln den letzten noch zu vergebenen Platz in der Bundesliga wegzuschnappen? Kiels Geschäftsführer Uwe Stöver glaubt, dass die Psyche das Duell entscheiden könnte: "Köln hat immer noch mehr zu verlieren. Auch dort wird der Kopf mitspielen."

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