Leroy Sané gibt Rätsel auf: Warum der Bayern-Star beim DFB-Team ins zweite Glied rückt
Leroy Sané zählt zweifelsfrei zu den begabtesten Fußballern Deutschlands. Bei seinem Klub Bayern München ruft er seine Qualitäten jedoch nur in unregelmäßigen Abständen ab, zuletzt stand er wieder vermehrt in der Kritik. Beanstandungen gab es jüngst auch beim DFB-Team. Sané, qua Talent eigentlich gesetzt, sieht seine Konkurrenten davoneilen – und ist plötzlich nur noch Offensivmann Nummer sechs.
Leroy Sané
Fotocredit: Imago
Es lief die 85. Spielminute, als Leroy Sané sich in der eigenen Hälfte auf die Reise machte, gemeinsam mit Teamkollege Timo Werner raumgreifend in Richtung englisches Tor sprintete. Eine Situation, die wie gemalt für den pfeilschnellen Offensivmann schien. Doch Sané, der erst wenige Augenblicke zuvor eingewechselt worden war, verpasste den Zeitpunkt, Werner in Szene zu setzen, stattdessen landete sein Querpass in den Füßen des einzig verbliebenen Gegenspielers Kyle Walker.
Da dem Konter ein elfmeterwürdiges Foul von Nico Schlotterbeck an Harry Kane vorausgegangen war, hätte ein möglicher Werner-Treffer ohnehin nicht gezählt, dennoch stand die Szene sinnbildlich für die aktuelle Form Sanés. Dass er im Duell mit den Three Lions nämlich erst kurz vor Schluss von Bundestrainer Hansi Flick mit Spielzeit bedacht worden war, hat Gründe.
Am vergangenen Samstag, also drei Tage vor dem England-Spiel, maß die DFB-Auswahl sich im ersten Spiel der neuen Nations-League-Saison mit Italien (1:1). Sané durfte von Beginn an ran, vermochte Flicks Vertrauen allerdings nicht zurückzuzahlen. Nach rund einer Stunde musste er für seinen Vereinskameraden Jamal Musiala Platz machen.
Sanés Arbeitszeugnis las sich im Anschluss ernüchternd: 33 Prozent Zweikampfquote, kein Schuss aufs Tor und satte 13 Ballverluste standen zu Buche. Wer darauf gehofft hatte, dass der ehemalige Schalker im Kreise des Nationalteams seine zuletzt beim FC Bayern sinkende Formkurve wieder ins Positive rücken würde, sah sich enttäuscht.
Hansi Flick stärkt Leroy Sané den Rücken
"Diejenigen, die mich schon länger kennen, wissen, dass ich keinen rausnehme", antwortete Flick im Anschluss auf die direkte Nachfrage zur Leistung des 26-Jährigen. Erst vor dem England-Spiel, das sich Sané zu großen Teilen von der Bank ansehen musste, bezog der frührere Bayern-Coach zu seinem Sorgenkind Stellung: "Er ist ein sehr hochtalentierter Spieler", sagte Flick im Gespräch mit dem "ZDF". Er ergänzte: "Ich bin der Meinung, dass er im September, Oktober und November eine richtig gute Phase hatte. Bei den Länderspielen war er große Klasse."
Allerdings müsse er seine Qualitäten "über eine gewisse Kontinuität ins Spiel bringen." Ebenjene Kontinuität geht Sané aber seit geraumer Zeit ab. Nach einem schwierigen ersten Jahr beim deutschen Rekordmeister fand er zu Beginn der Spielzeit 2021/22 unter Neu-Trainer Julian Nagelsmann wieder in die Spur, lieferte in der Bundesliga-Hinrunde fünf Treffer sowie fünf Vorlagen, in der Champions-League-Gruppenphase gelangen ihm ebenfalls fünf Tore, während er seinen Mitspielern vier Treffer auflegte.
Nach dem Jahreswechsel kamen in der Liga lediglich zwei Tore hinzu, in der K.o-Phase der Königsklasse zeichnete Sané für einen Treffer verantwortlich. Zahlen, die die Schwankungen des Flügelspielers, der oftmals mit einem gewissen Phlegma aufwartet, untermauern.
Flick: Sané kann "der Unterschiedsspieler" sein
"Wir unterstützen ihn mit allem, was wir haben. Er hat enorme Qualität, er ist schnell, trickreich – er kann der Unterschiedsspieler sein", sagte Flick. Das Rüstzeug zum viel zitierten Unterschiedsspieler bringt er sicherlich mit, er bedient sich seiner Qualitäten allerdings nur selten. Ein Umstand, der ihn mittlerweile ein ums andere Mal bei den Bayern und nun auch im Nationalteam ins zweite Glied rücken lässt.
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Leroy Sané nach dem 1:1 gegen England ernüchtert
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Dabei hatte vor zwei Jahren noch alles anders ausgesehen. Nach der Ausbootung im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2018, die bei vielen Experten und Fans für Unverständnis gesorgt hatte, sollte Sané eines der Gesichter für den Umbruch werden, der im Zuge des verheerenden Abschneidens in Russland bitter nötig war.
Mit Thomas Müller, der seinerzeit gemeinsam mit Mats Hummels und Jerome Boateng von Joachim Löw aufs Abstellgleis gestellt wurde, fiel beispielsweise ein potenzieller Konkurrent weg, Mesut Özil hatte schon kurz nach dem Turnier seinen Rücktritt aus der DFB-Auswahl bekanntgegeben.
Leroy Sané eigentlich gesetzt, aber ...
Sané stand mit Spielern wie Serge Gnabry oder Kai Havertz für das Neue, das Frische und Unverbrauchte im deutschen Offensivspiel. Aufgrund der starken Darbietungen bei seinem damaligen Arbeitgeber Manchester City galt der gebürtige Essener als künftig gesetzt.
Derzeit gerät der Stammspieler-Status nicht nur aufgrund der eigenen Leistungen ins Wanken, sondern, weil seine Mitstreiter ihrerseits deutlich mehr zu überzeugen wissen. Havertz, der sowohl im Sturmzentrum als auch auf der Außenbahn agieren kann, erhielt kürzlich ein Sonderlob von Flick für seine Entwicklung unter Thomas Tuchel beim FC Chelsea.
Müller, der im vergangenen Jahr sein Comeback in der Nationalmannschaft feierte, nimmt unter Flick ohnehin eine Sonderrolle als verlängerter Trainerarm auf dem Platz ein. Gnabry fühlt sich im Kreise der DFB-Auswahl für gewöhnlich sehr wohl und kommt in 33 Einsätzen auf beeindruckende 20 Tore, darüber hinaus betrieben Musiala und Gladbachs Jonas Hofmann, der gegen England die Rolle des Schienenspielers in der Fünferkette einnahm (kann Sané ebenfalls spielen), reichlich Eigenwerbung.
Müller lobt Musiala: "Immer wieder beeindruckend"
Musiala sorgte ein ums andere Mal mit seinen Tempodribblings für Gefahr, was Müller ins Schwärmen brachte. "Es ist für uns immer wieder beeindruckend, wie er aus Situationen mit dem Ball herauskommt, in denen man nicht mehr damit rechnet", erklärte er mit Blick auf seinen Bayern-Kumpel und schob nach: "Auch der Offensivgeist und die Eigeninitiative, nach vorne etwas bewirken zu wollen, zählt zu seinen Stärken."
Auch Hofmann, zumeist in der Offensive zu finden, überrumpelte die Hintermannschaft der Three Lions regelmäßig mit Läufen in die Tiefe und steuerte zudem den einzigen Treffer für Flicks Mannschaft bei. Aktionen, die man sich auch von Sané wünschen würde, Aktionen, auf die man dieser Tage jedoch vergeblich wartet.
In der dritten und vorletzten Partie der laufenden Länderspielrunde gegen Ungarn (Samstag, 20:45 Uhr im Liveticker) blüht dem Angreifer dementsprechend erneut die Rolle des Reservisten, Sané ist im Rennen um die Offensivstartplätze kurzfristig auf den sechsten Platz zurückgerutscht.
Das Rätselraten, warum ein Spieler mit einer solch herausragenden Veranlagung immer wieder Talsohlen durchschreiten muss, wird voraussichtlich weitergehen – zumindest bis der nächste magische Moment kommt.
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Quelle: Perform
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