Erstmals in seiner Karriere war Ilkay Gündogan Kapitän der deutschen Nationalmannschaft - und dann das.
Ein ebenso überraschendes wie peinliches 1:2 gegen Nordmazedonien, die Nummer 65 der Fifa-Weltrangliste. Auf drei Fragen antwortete der Mittelfeldspieler von Manchester City im TV-Interview nach Abpfiff mit: "Ich weiß es nicht."
Selten hat man einen DFB-Akteur so ratlos unmittelbar nach einer Pleite gesehen. "Viele Worte fallen mir ehrlich gesagt gerade nicht ein", stammelte Gündogan, der lediglich feststellte: "Fakt ist, dass das nicht passieren darf. Das ist nicht unser Anspruch. Gefühlt waren sie zweimal vor unserem Tor und haben zweimal getroffen, das ging zu leicht. Wir sahen bei beiden Gegentoren nicht gut aus."
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Wie überhaupt in den 90 Minuten gegen den Underdog.

Löws erste Niederlage in einem WM-Qualispiel

Daraus resultierte die erst dritte Niederlage für eine deutsche Nationalmannschaft in einer WM-Qualifikation, zuletzt hatte man im September 2001 mit 1:5 gegen England verloren.
Besonders bitter für den nach der EM scheidenden Bundestrainer Joachim Löw: Es war sein letztes Pflichtspiel vor der Endrunde im Juni/Juli, zugleich sein 73. und letztes Qualifikationsspiel. Vor Mittwoch hatte er dabei lediglich sieben Remis und vier Niederlagen auf seiner Malus-Seite. "Die Enttäuschung ist riesengroß nach diesem Spiel", sagte ein geknickter Löw und meinte: "Wir haben uns das selber eingebrockt." Der Trainer schon auch.
Und so schnell kippt die Stimmung. Denn nun bleibt ein Negativ-Erlebnis und Negativ-Ergebnis haften. Der ordentliche bis gute Eindruck der ersten beiden Partien ist schon wieder verflogen.
Ein herber Rückschlag, nach drei Spieltagen ist man nur Dritter hinter Tabellenführer Armenien und den nun punktgleichen Nordmazedoniern. Nach dem 3:0 gegen Island und dem 1:0 in Rumänien verpasste es das DFB-Team am Mittwochabend in Duisburg mit dem dritten Erfolg eine solide Basis für den Rest des Jahres zu schaffen.
Einerseits für das gute Gefühl mit Blick auf die EM im Sommer und andererseits für die Tabelle in der WM-Qualifikation, die erst im September fortgesetzt wird - dann mit einem anderen Bundestrainer. Aus den drei angestrebten (Pflicht-)Siegen zum Auftakt des Länderspieljahres wurden drei Fragezeichen.

Herbe Enttäuschung für Antonio Rüdiger (li.) und die deutsche Mannschaft

Fotocredit: Imago

Warum stellt Löw das System um?

Löw ließ mal wieder mit seiner geliebten Dreierkette agieren - mit Antonio Rüdiger als Abwehrchef, rechts Matthias Ginter und links Emre Can. Bergamos Robin Gosens, anstelle von Leipzigs Lukas Klostermann in der Startelf, sollte im linken Mittelfeld agieren.
"Ich bin kein großer Freund von System-Wechselei", meinte "RTL"-Experte Uli Hoeneß im Studio in Köln. "Deshalb bin ich überrascht, dass von der Vierer- auf eine offensivere Dreierkette gewechselt wurde." Bei den Toren des EM-Teilnehmers, aber dennoch krassen Außenseiters, konnte man in der deutschen Abwehr die drei großen "U" ausmachen: Unruhe, Unordnung, Unsicherheit.
Nach Ende des Spiels wurde Bayerns Ehrenpräsident Hoeneß noch deutlicher: "Ich verstehe es überhaupt nicht, dass man ein erfolgreiches System ändert - ohne Not. Ich hätte gerade in der Abwehr, die eingespielt sein muss, nichts durcheinandergewirbelt. Bei dem Tor zum 0:1 sieht man, dass die Abstimmung nicht stimmt. Wenn man schon vorne nichts reinbringt, muss man zu Null spielen."
Löw jedoch hält stur daran fest, möglichst viele Systeme spielen lassen zu wollen. Mit höchster Flexibilität. Ein Risiko.

Wieso rotierte Löw aufgrund der hohen Belastung nicht?

Beim dritten Spiel der Nationalelf innerhalb von nur sieben Tagen (klar, für die Gäste auch) wirkten die Nationalspieler "relativ müde", bemerkte Hoeneß.
Löw, der neben dem Torhüterwechsel von Manuel Neuer zu Marc-André ter Stegen nur einen Feldspieler ausgetauscht hatte, meinte dazu: "In unseren Aktionen nach vorne hat die Frisch gefehlt. Der Gegner stand tief, aber wir haben keine Mittel gefunden." Er wollte in diesem März ein Grundgerüst seiner ersten Elf finden, das sich - ohne die verletzten Toni Kroos und Niklas Süle - einspielen kann.
Den einzigen Treffer für das DFB-Team gegen den augenscheinlich stärksten Gegner in der Quali-Gruppe erzielte Ilkay Gündogan per Elfmeter. Aus der vermeintlich leichten wurde eine knifflige Aufgabe für das DFB-Team, ein echter Härtetest nach Rückstand. Den sie nicht bestanden haben.
Der eingewechselte Timo Werner (Löw: "Den muss er normalerweise machen") vergab kläglich den Siegtreffer (80.). Den erzielte fünf Minuten später auf der anderen Seite Elif Elmas, nachdem sich die Gäste viel zu einfach durchgespielt hatten.

Ilkay Gündogan (vorne), Emre Can und Marc-André ter Stegen (hinten) - DFB-Elf

Fotocredit: Getty Images

Wann beruft Löw Thomas Müller?

Wohl zum Start der Vorbereitung, die mit einem elf- bis zwölftägigen Trainingslager in Seefeld (ab dem 25. Mai) eingeläutet wird.
Ein fehlender Mittelstürmer, die mangelnde Präsenz eines echten Torjägers im Strafraum und nicht zuletzt die hängenden Köpfe ohne rechtes Aufbäumen nach dem Rückstand haben gegen Nordmazedonien erneut herausgestrichen, wie wichtig Bayern-Profi Thomas Müller für diese Mannschaft sein könnte.
Auch als Stimmungsaufheller und Animateur des Kaders. "Thomas ist einer, den man immer gebrauchen kann", sagte Hoeneß und erneuerte seine Forderung, dass der 31-Jährige nach der Ausbootung im Frühjahr 2019 zur EM sein Comeback gehen müsse. Wie auch Dortmunds Abwehrchef Mats Hummels, nicht aber Bayerns Jérôme Boateng. Die Rufe nach den Weltmeistern von 2014 werden jetzt wieder lauter werden.
"Meine ganze Euphorie ist verflogen", bekannte Hoeneß und versuchte Hoffnung zu verbreiten: "Die Niederlage tut weh. Aber sie ist kein Weltuntergang."
Serge Gnabry wurde gefragt, ob er sich Sorgen mache mit Blick auf die EM. Seine trockene Antwort: "Nee, warum? Die hat ja noch nicht begonnen."
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