Joachim Löw wusste, was auf seine Mannschaft zukommt.
Überschwänglich lobte der 61-Jährige den Gegner im Vorfeld der Partie. "Die sind mit allen Wassern gewaschen", so der Bundestrainer über die Nordmazedonier, die in diesem Sommer bei der EM ihr Debüt bei einem Großturnier geben werden.
Allerdings hätte wohl nicht einmal Löw selbst geglaubt, wie unangenehm das Treffen werden würde. Auf eine Niederlage in seinem letzten Qualifikationsspiel als Bundestrainer hätte er gerne verzichtet.
WM-Qualifikation
Sensation! Deutschland kassiert Heimpleite gegen Nordmazedonien
31/03/2021 AM 20:41
Drei Dinge, die uns bei der peinlichen Niederlage gegen Nordmazedonien auffielen:

1.) DFB-Team vom Drehbuch überrascht

Hoppla, 0:1 zur Pause. Gegen Nordmazedonien. Zu Hause. Und wenn schon! Es waren ja noch 45 Minuten Zeit, früher oder später würden die Kräfte bei den Gästen nachlassen, die Ordnung verloren gehen. Kennt man ja, wenn ein Außenseiter den Favoriten ärgert und am Ende doch mit leeren Händen da steht. So sieht es das Drehbuch vor. Nur: Die erfrischend mutigen Nordmazedonier schrieben das entscheidende Kapitel kurzerhand um und blieben bis zum Schlusspfiff bissig.
Stattdessen war es die deutsche Mannschaft, die "müde gewirkt" und der die "Frische gefehlt" hat, wie Bundestrainer Joachim Löw offen zugab. "Wir hatten nicht das Tempospiel, nicht die schnellen Ballpassagen."
Dieser Mangel entschied die Partie, denn statistisch lag Deutschland in nahezu allen Bereichen vorne. Ob Passquote (89:72 Prozent), Ballbesitz (70:30 Prozent), Torschüsse (11:6) oder Zweikampfbilanz (55:45 Prozent) - die DFB-Kicker machten ihre Hausaufgaben, mehr aber auch nicht.
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Die passende Antwort auf die taktische Cleverness des Gegners blieb Löws Auswahl komplett schuldig. "Wir haben keine Mittel gegen tief stehende Nordmazedonier gefunden, sind in Konter gelaufen und hatten dabei keinen Zugriff", brachte der Bundestrainer die Misere auf den Punkt.
Wer es noch deutlicher braucht, dem mag ein Blick auf die Tabelle der Qualifikationsgruppe J helfen. Dort wird Deutschland nach drei von zehn Spieltagen nur noch auf Rang drei geführt - das direkte WM-Ticket löst nur der Sieger.

2.) Volksheld mit Killerinstinkt

Goran Pandev. Wer sonst? Der 37-Jährige gilt in Nordmazedonien als Volksheld, nachdem er das Land im vergangenen November gegen Georgien in den Play-offs zur EM schoss - und auch gegen Deutschland traf der Stürmer. Pandev, der 2010 mit Inter Mailand die Champions League gewann, ist noch immer der Fixstern im Spiel der Südosteuropäer.
Und die machten ihre Sache in Duisburg hervorragend. Technisch versiert, taktisch gut eingestellt und mutig boten die Nordmazedonier der DFB-Auswahl die Stirn. "Wir haben keine Mittel gefunden, den Gegner vor Probleme zu stellen", gab Löw nach der Partie bei "RTL" unumwunden zu.

Deutschland - Nordmazedonien: Pandev trifft gegen ter Stegen

Fotocredit: Imago

"Das ist in dieser Qualifikation der spielerisch beste Gegner, es passieren kaum einfache Fehler", lobte Ex-Nationalspieler und "RTL"-Experte Steffen Freund den Auftritt des Außenseiters. Diese Klasse stellt die Mannschaft von Trainer Igor Angelovski beim Führungstreffer eindrucksvoll unter Beweis. Über mehrere Stationen kombinierten sich die Roten in den deutschen Strafraum, der freistehende Pandev vollstreckte souverän.
Fast noch überraschender: Die Gäste, als Nummer 65 der FIFA-Weltrangliste 52 Plätze hinter Deutschland platziert, hielten ihr hohes Niveau auch in der zweiten Halbzeit. Selbst nach dem Ausgleich durch einen Elfmeter von Ilkay Gündogan suchte - und fand - Nordmazedonien seine Chance.
Eljif Elmas schlug in der Schlussphase (85.) zu und sorgte damit für die Sensation. Die Gastgeber hatten sogar noch Glück, dass es nach einem klaren Handspiel von Emre Can in der 76. Minute keinen Strafstoß für Nordmazedonien gab. Am Ende überstanden die Angelovski-Schützlinge die mehr als achtminütige Nachspielzeit auch so.

3.) Eiskalt nur aus elf Metern

Joachim Löw redete gar nicht erst um den heißen Brei herum. "Den muss er normalerweise machen", urteilte der Bundestrainer und meinte damit jenen Moment in der 80. Minute, als Timo Werner freistehend aus sechs Metern den Ball nicht richtig traf und die große Chance zum 2:1 liegen ließ.
Eine Szene, die symptomatisch ist für das aktuelle Problem der deutschen Mannschaft: Es fehlt der Killerinstinkt. Schon beim 1:0 im zweiten WM-Qualifikationsspiel gegen Rumänien ging der viermalige Weltmeister allzu sorglos mit seinen Chancen um.

Ilkay Gündogan trifft zum 1:1 gegen Nordmazedonien

Fotocredit: Getty Images

Gegen Nordmazedonien wurde diese Nachlässigkeit gnadenlos bestraft. Es rächte sich bitter, dass Leon Goretzka und Serge Gnabry in der ersten Halbzeit gute Möglichkeiten vergaben, denn: Viele Gelegenheiten boten sich dem Favoriten nicht mehr. Als Gündogan nach 63 Minuten vom Elfmeterpunkt traf, war das gleichzeitig der erste Torschuss in der zweiten Hälfte für die deutsche Mannschaft.
"Wir hatten nicht die Dynamik und Spritzigkeit. Man hatte das Gefühl, dass eine gewisse Müdigkeit vorhanden ist", fand Löw eine Erklärung für den fehlenden Punch seines Teams. "Das Problem war, dass die einzelnen Spieler zu lange am Ball waren. Das ging zu langsam."

Löw legt Finger in die Wunde: Darum kam es zur Niederlage

Am Ende könnte einer von der Pomadigkeit profitieren, der eigentlich gar nicht mehr zum Kader gehört. Die Rede ist natürlich von Thomas Müller. Der Weltmeister von 2014 gehöre "unbedingt rein" in die Mannschaft, betonte Uli Hoeneß einmal mehr bei "RTL". Müller sei "immer für Tore gut" und könne "jeder Mannschaft der Welt in bestimmten Situationen helfen".
Das Spiel gegen Nordmazedonien war ohne Zweifel so eine "bestimmte Situation".
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