WM 2022 - Deutsche Nationalmannschaft vor dem Spiel gegen Spanien bei weitem nicht chancenlos

Die deutsche Nationalmannschaft steht bei der WM 2022 in Katar schon nach dem ersten Spiel gegen Japan mit dem Rücken zur Wand. Die Kritik fiel heftig aus, greift aber an manchen Stellen zu kurz. Die WM 2018 taugt nicht als Vergleich, Deutschland hat gegen Japan mitnichten alles falsch gemacht. Und es gibt gute Grunde für einen Erfolg gegen auf den ersten Blick übermächtig erscheinende Spanier.

Flick will von fehlender Reife in seiner Mannschaft nichts hören

Quelle: Perform

Luis Enrique wollte sich nicht lange beschäftigen mit dem überaus gelungenen WM-Auftakt seiner Mannschaft.
"Alles, was positive Energie versprüht, ist in Ordnung, aber morgen beginnen wir mit dem Training, um uns auf das Spiel gegen Deutschland vorzubereiten", sagte Spaniens Nationaltrainer unmittelbar nach dem 7:0 der Furia Roja gegen Costa Rica.
Enrique interessierte sich auch nicht für das Schicksal des nächsten Gegners. "Die Tatsache, dass Deutschland verloren hat, ändert weder etwas an unserer Wertschätzung für sie, noch an unserer Herangehensweise für das Spiel am Sonntag", sagte er.
Unterschätzen werde er sowieso keine Mannschaft bei dieser Weltmeisterschaft, schon gar nicht den großen Rivalen aus Alemania. "Wir werden sicher gelobt für unseren Auftritt gegen Costa Rica. Aber wir wissen ja: Lob macht schwach. Davon werden wir uns nicht einlullen lassen, sondern höchst konzentriert weiter arbeiten."

Deutschland hatte Japan lange im Griff

Über die Auswirkungen von Lob muss sich die deutsche Nationalmannschaft keine Gedanken machen. Damit hat sie schon länger nichts mehr zu tun, erst recht nicht nach der dritten Auftaktpleite bei einem großen Turnier in Folge. Im Gegenteil, die Kritik war heftig und prasselte von allen Seiten auf die Spieler ein.
Zu "schwach" (Holger Badstuber), zu "soft" (Andreas Möller), zu "schlecht" (Bastian Schweinsteiger), zu "inkonsequent" (Leon Goretzka) habe Deutschland gegen Japan gespielt, bisweilen auch "arrogant" (Didi Hamann).
Ja, dieses Spiel darf Deutschland niemals verlieren. Ja, die Fehlerkette vor den beiden Gegentoren war enorm. Und ja, die Chancenverwertung war verheerend bei 26 Torschüssen. Vielleicht hat Hansi Flick auch falsch aufgestellt (Niklas Süle als Rechtsverteidiger) und/oder falsch gewechselt (Ilkay Gündogan, Thomas Müller und Jamal Musiala raus).
Was aber in der Nachbetrachtung des Spiel zu kurz kommt ist die Tatsache, dass Deutschland einen unangenehmen Gegner knapp 70 Minuten total im Griff hatte. Die Niederlage war total unnötig und daher auch brutal ärgerlich.
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Asensio warnt vor Duell mit Deutschland: "Jeder kann Probleme bereiten"

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Süle nach innen, Kehrer für Schlotterbeck

Deutschland hat aber nicht verloren, weil die Mannschaft sich nicht reingehängt hat, ihr offensiv nichts einfiel oder die ganze Statik des Spiels nicht gepasst hat. Insofern sind Vergleiche mit der WM 2018 sinnlos, denn vor viereinhalb Jahren in Russland war alles falsch.
Hansi Flick sagte bei einer Video-Schalte aus dem DFB-Trainingszentrum am Donnerstag die Wahrheit: "Über 70 Minuten war unser Spiel positiv." Davon "kann ich mir nichts kaufen und die Mannschaft auch nicht“, sagte Thomas Müller. Aber dass Flick mit seinen Spielern nicht auf dem völlig falschen Weg sind, zeigten weite Strecken des Japan-Spiels.
Der Bundestrainer muss und wird Änderungen vornehmen gegen Spanien. Dass Süle als Rechtsverteidiger keine WM-taugliche Lösung ist, war offensichtlich. Dass Nico Schlotterbeck nicht nur einmal zu naiv in Zweikämpfe geht, ebenfalls. "ZDF"-Experte Per Mertesacker plädiert daher für Thilo Kehrer auf rechts und Süle als Innenverteidiger, also "auf der Position, auf der er sich deutlich wohler fühlt".
Auf die Frage eines Reporters, ob Joshua Kimmich eine Option für die Rechtsverteidigerposition ist, antwortete Flick: "Sie können wirklich davon ausgehen, dass wir jede Personalie und jede Position diskutieren. Das tun wir vor jedem Spiel. Es ist unsere Aufgabe als Trainerteam, die Mannschaft so aufzustellen, dass sie top besetzt ist."

Kimmich muss im Mittelfeld bleiben

Auch wenn Flick die großen Titel mit dem FC Bayern mit Kimmich rechts in der Viererkette gewann (Champions League 2019/20), ist es doch sehr unwahrscheinlich, dass der 27-Jährige ein Comeback in der Abwehr feiern wird. Kimmich spielt seit längerer Zeit bei Bayern und in der Nationalmannschaft im zentralen Mittelfeld und hat dort viele sehr gute Spiele gemacht.
Flick wäre nicht gut beraten, seine Spieler auf eher ungewohnten Positionen einzusetzen, das hat das Beispiel Süle gegen Japan gezeigt. Das gilt auch für Musiala. Der 19-Jährige gehört auf die Zehn, dort, wo er im Verein in den letzten zwei Monaten vor der WM herausragende Leistungen gebracht hat und an jeder Menge Toren beteiligt war.
Personell wird sich die DFB-Elf hier und da aller Voraussicht nach verändern, große Experimente wird Flick indes nicht wagen. "So weit sind wir noch nicht", sagte er auf die Frage nach einer möglichen Umstellung auf eine Dreierkette. Und Flick wird auch gegen Spanien auf die Spieler setzen, die in ihren Vereinen auf höchstem Niveau spielen.
"Ich glaube einfach an Erfahrung. Die ersten Elf vom Japan-Spiel spielen in dieser Saison alle Champions League", sagte er. Das beantwortet unausgesprochen auch die Frage nach einer echten Nummer neun. Weder Youssoufa Moukoko noch Niclas Füllkrug haben die nötige Erfahrung, erst recht nicht in einem "Do-or-Die"-WM-Spiel gegen Spanien.
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Flick mahnt: "Haben keinen Schuss mehr frei"

Quelle: Perform

Bayern-Spieler haben beste Erfahrungen

Das Spiel gegen die Iberer hat ganz andere Voraussetzungen als das gegen die Japaner. Die Spanier lieben es, den Gegner mit viel Ballbesitz und ewigen Passstafetten zu erdrücken. Deutschland wird deutlicher weniger eigenen Ballbesitz haben, was der Mannschaft aber keineswegs schaden muss.
"Ein Gegner wie Spanien kommt uns entgegen", sagte Stefan Effenberg bei "t-online": "Die Spanier werden viel offensiver spielen als die Japaner und selbst versuchen, das Spiel zu bestimmen. Das gibt uns die Möglichkeit, die Partie aus einer defensiveren Grundordnung anzugehen und im Umschaltspiel Chancen zu kreieren."
Das Dreier-Mittelfeld der Spanier besteht ausschließlich aus Spielern vom FC Barcelona: Sergio Busquets, Pedri und Gavi. Dem gleichen Ensemble sind die Akteure des FC Bayern in dieser Saison schon zwei Mal begegnet - und haben positive Erfahrungen gemacht. 2:0 und 3:0 gewannen die Münchner in der Gruppenphase der Champions League gegen den FC Barcelona. Im Hinspiel standen alle drei Spanier in der Startelf, im Rückspiel Busquets und Pedri, Gavi kam nach einer Stunde dazu.
Insbesondere der Auftritt im Camp Nou am 26. Oktober war ein Machtdemonstration des FC Bayern. Kimmich, Leon Goretzka, Musiala (auf der Zehn) und Serge Gnabry waren vor einem Monat dabei. Sie wissen, wie man Busquets und Co. Die Lust am Fußballspielen nimmt, insofern wäre ein stabiler Bayern-Block kommenden Sonntag nicht die schlechteste Idee.

Hansi Flick fordert kompakte Einheit

Klar ist, dass Deutschland bei aller Diskussion hinsichtlich Aufstellung und Taktik nur eine Chance hat, "wenn wir als kompakte Einheit besser agieren und die Intensität über 90 Minuten hochhalten", wie es Flick formulierte.
Den Spaniern auf die Füße treten, ihnen die Freude am Fußball nehmen und dann selbst offensiv mit der nötigen Geilheit agieren - das könnte der Schlüssel sein für einen Erfolg.
"Wir müssen von der ersten Minute an ein Messer zwischen den Zähnen haben, rigoros und mutig sein und an die Chance glauben. Wichtig werden Herz und Leidenschaft sein, dann kann es klappen", sagte Thorsten Frings bei "ran.de".
Oder wie es der Bundestrainer vereinfacht ausdrückt: "Wir brauchen Charakter."
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Quelle: Perform

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