Alfred Gislason war sauer. Rund sechs Minuten waren nach Wiederanpfiff in der zweiten Halbzeit vergangen und seine Mannschaft hatte noch immer kein Tor erzielt. "Verdammt nochmal, wir haben jetzt vier technische Fehler gemacht in diesen paar Minuten und einer dümmer als der andere", sagte Gislason seiner Mannschaft in der Auszeit.

Danach verkürzte Deutschland den Vier-Tore-Rückstand, doch der Eindruck, den die Mannschaft mit ihrem letzten Eindruck bei der WM in Ägypten hinterließ, war kein positiver. "Das Spiel war insgesamt nicht so gut wie die letzten Spiele", sagte der Isländer nach dem Spiel in der "ARD".

WM
"Nutzen unsere Chancen nicht": Deutschland historisch schlecht
25/01/2021 AM 21:42

Das 23:23-Unentschieden gegen Polen offenbarte noch einmal die Probleme, die schon das ganze Turnier über präsent waren: Inkonstanz, mangelnde Chancenverwertung und zu wenig Zugriff in der Abwehr.

Drei Dinge, die uns im letzten WM-Spiel der DHB-Auswahl auffielen:

1. Schwacher Angriff, schwache Abwehr – Deutschland enttäuscht auch gegen Polen

"Wir wollen uns mit einem Sieg aus dem Turnier verabschieden“, hatte Torhüter Johannes Bitter, der gegen Polen erstmals bei der WM nicht im Sechzehner-Kader stand, als Ziel der Partie vorgegeben. Doch von Beginn an ließ das deutsche Team vieles von dem vermissen, was es für einen Sieg gebraucht hätte. Nach dem Treffer zum 1:0 durch Kreisläufer Johannes Golla lag Deutschland in der ersten Halbzeit nie wieder in Führung.

Die Abwehr war wie in den vergangenen Spielen zu passiv, die Lücken zu groß. Immer wieder schafften es die Polen, entweder aus dem Rückraum durchzubrechen oder den Kreisläufer freizuspielen. Das sind die undankbarsten Würfe für einen Torhüter. So konnte Andreas Wolff abermals nicht glänzen und hielt in der ersten Halbzeit nur drei Bälle.

Dieses Bild bestätigte sich auch in der zweiten Halbzeit. Zudem war auch die Angriffsleistung über 60 Minuten nicht gut. Der Mannschaft unterliefen zu viele technische Fehler (insgesamt zehn), außerdem schlossen die Rückraumspieler zu häufig unvorbereitet ab. So konnte sich Polens Torwart Adam Morawski phasenweise in einen Rausch spielen. "Wir sind extrem schlecht mit unseren Chancen umgegangen", sagte Gislason nach dem Spiel. "Nach der Pause machen wir viele dumme Fehler und spielen unsere Taktik nicht zu Ende. Dass Polen mit vier Toren wegzieht, war alleine unsere Schuld."

Was man der Mannschaft zugutehalten muss: Sie hatte, ebenfalls wie bei den Niederlagen gegen Ungarn und Spanien, auch eine gute Phase. Dieses Mal zwischen der 46. und der 53. Spielminute. Doch die Schlussphase war wieder symptomatisch für dieses Turnier. Gegen die in Unterzahl spielenden Polen gab es mehrere Chancen, in Führung zu gehen. Doch Marcel Schiller warf beispielsweise einen Sieber-Meter deutlich am Tor vorbei. Knapp zwei Minuten vor dem Ende führte das DHB-Team dann doch mit 23:22, kassierte aber den Ausgleich, hatte wieder Ballbesitz – und verlor um ein Haar noch das Spiel. Andreas Wolff hielt mit der letzten Parade des Turniers einen Tempogegenstoß und rettete immerhin das Unentschieden.

2. Kühn glücklos, Weber überzeugt – das Fazit zur deutschen WM-Leistung

Die erschwerten Kaderbedingungen, mit denen die deutsche Mannschaft in Ägypten antrat, wurden hinlänglich diskutiert. Trotzdem rückte beim DHB-Team niemand von der Zielsetzung ab, die Hauptrunde zu überstehen. "Wir brauchen nicht drumherumreden, wir wollten ins Viertelfinale und haben die Aufgabenstellungen dahingehend nicht erfüllt", sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning vor dem Spiel gegen Polen. Trotzdem sind sie im deutschen Lager darum bemüht, Positives aus dieser WM mitzunehmen.

Hanning griff dann auch die zwei Spieler heraus, die ihr Standing bei diesem Turnier verbessert haben: Kreisläufer Johannes Golla und Spielmacher Philipp Weber. Der 23-jährige Flensburger Golla sammelte sehr viel Spielanteile. Auch wenn er in der Abwehr auch Ausschläge nach unten hatte, war die Defensivleistung insgesamt gut. Im Angriff spielte er eine sehr starke WM. Der 28-jährige Weber war auf Rückraum-Mitte ebenfalls gesetzt. Der Leipziger traute sich im Vergleich zu seinen vergangenen Turnieren deutlich mehr zu, setzte seine Explosivität in den Eins-gegen-Eins-Situationen ein und leitete das Angriffsspiel der Mannschaft an.

Bezeichnend dafür war die letzte Auszeit des Turniers im Spiel gegen Polen. Zunächst sprach Trainer Gislason, doch relativ schnell übernahm Weber das Wort. Er sagte den letzten Spielzug an, gab klare Anweisungen an die Mannschaft und reagierte geistesgegenwärtig auf das drohende Zeitspiel. Nach Wiederanpfiff zog er mit einer guten Szene eine Zeitstrafe für Polen. Insgesamt warf er im letzten WM-Spiel drei Tore und lieferte drei Assists.

Auf den anderen Positionen gelang es dem DHB-Team allerdings nicht, das volle Potenzial abzurufen. Kai Häfner war noch einer der Spieler, die am meisten Impulse setzten, doch ihm unterliefen einige technische Fehler und ausgelassene Chancen. Paul Drux spielte ebenfalls gut und verlieh dem Team Torgefahr, doch er war hinter Julius Kühn zweite Wahl. Dem wiederum gelang es viel zu selten, seine Wurfkraft gewinnbringend einzusetzen. Timo Kastening war nicht der gewohnte Torlieferant, Uwe Gensheimer gab ebenfalls zu, besser Handball spielen zu können und Fabian Böhm, der eher in der Abwehr zum Einsatz kam, wirkte bei seinen Offensivaktionen seltsam gehemmt.

"Leistungssteigerung muss her": DHB-Team zieht Bilanz

3. Olympia-Qualifikationsturnier als neues Ziel

Das ambitionierte Fernziel beim DHB bist immer noch Gold bei den Olympischen Spielen in Tokio. Doch dafür muss sich die deutsche Nationalmannschaft zunächst einmal das Ticket sichern. Im März geht es bei einem Qualifikationsturnier in Berlin gegen Schweden, Slowenien und Algerien – die besten zwei Teams gehen in Tokio an den Start. Bis dahin hat Alfred Gislason keine Möglichkeit mehr, in Länderspielen an der Feinabstimmung zu arbeiten. So war das Spiel gegen Polen gewissermaßen der letzte Test. "Ich habe extrem wenig Zeit, um die Mannschaft zu trainieren. Jedes Spiel ist wichtig, weil wir uns taktisch weiterentwickeln und verbessern wollen", sagte der 61-Jährige.

Es gibt folglich viel zu tun. Gislason ist mit Ausnahme der letzten Hauptrundenpartie mit der Entwicklung des Angriffsspiels zufrieden. Die Mannschaft spiele variabler und flüssiger. Dieses Niveau muss die Mannschaft aber über einen längeren Zeitraum halten können. Und zwar auch dann, wenn der Gegner die Abwehr umstellt. Denn das war bei diesem Turnier häufig ein Problem. Wenn es der anderen Mannschaft gelang, Beinschnelligkeit und Zweikampfhärte zu erhöhen, hatte das DHB-Team Phasen, in denen mehrere Minuten lang kein eigener Treffer gelang.

Die zweite, deutlich größere Baustelle ist die Abwehr. "Der Innenblock ist unser Problem", sagte Gislason nach dem letzten WM-Spiel. "Die Halben bekommen die Bälle zu leicht über den Innenblock zum Kreis, da kassieren wir billige Tore." Der Bundestrainer macht kein Geheimnis daraus, dass er auf die Rückkehr der beiden Kieler Innenblock-Spieler Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler, frisch gebackener Handballer des Jahres, hofft: "Dann haben wir eine große Möglichkeit, unsere Schwachstelle bei diesem Turnier, also die Abwehr, um ein paar Klassen zu steigern."

Pekeler, Wiencek, Golla als Optionen für den Innenblock – das klingt vielversprechend. "Ich habe keine Sorge, dass wir dort gut auftreten", sagt Hanning über das Quali-Turnier in Berlin. Die Rechnung beim DHB geht wie folgt: Mehr Qualität im Innenblock zwingt den Gegner, aus schwierigeren Positionen zu werfen. Das bringt die deutschen Torhüter besser ins Spiel und ermöglicht wiederum mehr Tore über Tempogegenstöße. Der Plan ist, die Spiele über die Abwehrleistung zu gewinnen. Eine bessere Abstimmung in der Deckung ist aber auch alternativlos, denn die WM in Ägypten hat gezeigt, dass die Mannschaft noch nicht soweit ist, die Spiele über den Angriff zu gewinnen.

Das könnte Dich auch interessieren: Deutschland nur Remis gegen Polen: Schlechteste WM-Platzierung perfekt

Unaufhaltsam zum Gruppensieg: Spanien zeigt Ungarn Grenzen auf

WM
"Dänische Dynastie": Goldene Generation um Landin gefeiert
01/02/2021 AM 13:55
WM
Hansen als MVP geehrt - Drei Schweden im All-Star-Team
31/01/2021 AM 19:37