Fast so schnell, wie Marcell Jacobs über 100 Meter zum Olympiasieg sprintete, wurden auch die Zweifel um die Sauberkeit seines Erfolgs laut.
Bis Jahresanfang hatte die Bestzeit des Italieners bei 10,03 Sekunden gelegen, im olympischen Finale lief er dann mit 9,80 Sekunden und Europarekord zum Sieg. Wenige Tage später folgte das ebenso überraschende Olympia-Gold mit der italienischen 4x100-Staffel.
Doping-Experte Fritz Sörgel sieht die Leistung des 26-Jährigen, sowie auch weitere Auftritt einiger Athleten während der Olympischen Spiele, kritisch. Gegenüber dem "Deutschlandfunk" hatte Sörgel bereits am Sonntag mit Blick auf Jacobs erklärt: "Ich wage zu sagen, dass hier noch etwas herauskommen wird, was nicht zu Gunsten dieser zwei Olympiasiege sein wird."
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Im "Sport1"-Interview legte der Pharmakologe nun nach und antwortete auf die Frage, ob er bei Jacobs einen Verdacht hege: "Auf jeden Fall. Mit zunehmendem Alter versucht man den Abbau in Griff zu bekommen. Wenn man eine Grundversorgung mit Dopingmitteln macht, kann es unter bestimmten Bedingungen zu einer Leistungsexplosion kommen. Es war überraschend, aber es könnten einfach mehrere Dinge zusammengekommen sein."

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Jacobs mit Kontakt zu italienischem Betrüger

Sörgels Verdacht wird insbesondere davon gestützt, dass Jacobs bis vor wenigen Monaten noch mit Giacomo Spazzini als Ernährungsberater zusammengearbeitet hatte, bis gegen diesen wegen illegalen Handels mit Steroiden ermittelt wurde.
"Dieser Herr Spazzini ist ein Krimineller, der an Betrug und Diebstahlverfahren beteiligt war", schimpfte Sörgel und legte nach: "Dass Jacobs auch in diesem Schuppen war, sagt einiges aus. Dort gab es Rezeptfälschungen, um an bestimmte Medikamente zu kommen."
Die erinnere ihn "auch an die Geschichte in Freiburg, wo solche Dinge auch schon passiert sind. Es ist also im Prinzip nichts wirklich Neues - einfach nur ein italienisches Modell."
Jacobs selbst äußerte sich allerdings bereits und sagte, er habe sich umgehend von Spazzini distanziert, sobald er gehört habe, dass diese Vorwürfe gegen ihn bestünden.
"Ganz ehrlich, damit habe ich nichts zu tun. Ab dem Moment, an dem wir von dem Vorwurf gehört haben, haben wir die Zusammenarbeit beendet. Ich habe für meinen Erfolg sehr lange und hart gearbeitet. Das ist alles", so Jacobs.

Dopingtests gingen während Corona auf zehn Prozent zurück

Die Corona-Pandemie habe laut Sörgel jedoch mögliche Doping-Praktiken in den vergangenen Monaten begünstigt. "Von den Zahlen her haben wir (...) zuverlässige Daten, die besagen, dass Dopingtests im vergangenen Jahr bis auf zehn Prozent oder noch weniger zurückgegangen sind", erklärte Sörgel.
Dies sei insbesondere in Ländern, die weniger stark gegen Doping vorgehen, kritisch zu sehen. "Wenn die Zahlen bei uns schon so weit zurückgehen, wo Dopingtests unter einer starken medialen Kontrolle sind, darf man davon ausgehen, dass es in anderen Ländern, bei denen wir wissen, dass sie etwas oberflächlicher testen - wie Italien, Spanien oder Slowenien - erst recht so ist", merkte Sörgel an.
Er betonte: "An so eine Leistungsexplosion der Italiener kann ich mich bei den vergangenen fünf, sechs Olympischen Spielen nicht erinnern." Jacobs hielt dem entgegen, dass er 2021 laut eigener Aussage 21 mal negativ getestet wurde.

Sörgel: Doping-Verdacht gegen russische Sportler wird bleiben

Auch die russischen Athleten standen in Tokio unter besonderer Beobachtung, nachdem das Land aufgrund von Staatsdopings von den Spielen ausgeschlossen worden war und die Sportler nicht unter russischer Flagge starten durften.
"Der Generalverdacht wird auf lange Zeit bleiben", glaubt Sörgel und ergänzte mit Blick auf die Dopingvorwürfe des Schwimmers Ryan Murphy gegen seinen Konkurrenten Jewgeni Rylow: "Die Dinge hängen auch mit dem politischen System zusammen, man traut dem Land und der politischen Führung nicht. Insofern war der Vorwurf nicht überraschend."
Für Sörgel hat ein solcher Vorwurf eines anderen Athleten eine hohe Aussagekraft: "Wenn er keine persönliche Aversion gegen seinen Konkurrenten hat, kann es ein Sportler, der seinen Konkurrenten neben sich schwimmen sieht, eigentlich am besten beurteilen, ob hier unsaubere Dinge gelaufen sind."
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