Sein Gesicht angestrengt, seine Kiefern zusammengepresst, die Muskeln angespannt - Linford Christie war außer sich. Der Brite hatte wieder einmal eine Gelegenheit verpasst, seine Inschrift im Pantheon des Sports zu hinterlassen. Alte Knochen machen keinen guten Sprinter, sagen Sprinter, und Christie, 31, drehte bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Tokio 1991 – bildlich gesprochen - bereits Überstunden.
Immer noch diesseits der 30 hatte der große Carl Lewis noch einmal die Oberhand behalten. Genau wie vier Jahre zuvor in Rom. Und 1988 in Seoul. Sowohl bei der WM als auch bei den Olympischen Spielen hatte König Carl die clevere Idee, am Rockschoß des erst unberührbaren, bald ausgestoßenen Ben Johnson zu hängen. Nachdem Big Ben oder Benoid, wie ihn einige seiner Kollegen nannten, entlarvt und von den Behörden gefasst worden war, musste er seinen illegalen Goldschatz an Lewis weiterreichen. Lewis bekam, was ihm rechtens zustand. Und Christie wurde regelgemäß Olympia-Zweiter (obwohl er nach dem Rennen selbst einen eigenen positiven Dopingtest hatte, den er mit seiner Vorliebe für Ginseng-Tee erklärte, weshalb die medizinische Kommission ihn freisprach).
Drei Jahre später - 1991 - befand sich Christie in Tokio in einer schier aussichtslosen Situation. Das goldene Zeitalter des US-Sprints mochte sich dem Ende neigen, aber in Japan machten die Sternenbanner-Sprinter noch einmal einen Riesenwind. Carl Lewis, Leroy Burrell und Dennis Mitchell explodierten regelrecht an diesem Abend und setzten Christies Flügel in Flammen. Und es war gar nicht so, als hätte der Brite enttäuscht oder irgendetwas besser machen können: Nie zuvor war er die 100 Meter schneller gelaufen wie in jener Nacht. Ein neuer Europarekord in 9,92 Sekunden war jedoch kaum ein Trost dafür, dass er eine Medaille verpasst hatte.
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Die größten 100 Meter der Geschichte

Christies einziger Fehler bestand darin, dass er bei den größten 100 Metern in der Geschichte der Leichtathletik lediglich als Nebenfigur besetzt worden war. Dieser 100-Meter-Thriller hatte mehr Hauptrollen im Cast als ein einschlägiger Hollywood-Blockbuster. Ein Weltrekord von Carl Lewis (in 9,86 Sekunden), zwei Kontinentalrekorde und vor allem sechs Athleten in weniger als 10 Sekunden: Ein solches Sensationsfinale sollte es erst bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking wieder geben. Dann mit einem gewissen Usain Bolt in der Hauptrolle…
Für den Mann, der Vierter wurde, war das kaum tröstlich. Christie konnte sein Unglück kaum fassen. Zumal er glaubte, dass der Amerikaner, der ihn vom Podium verdrängte, dies zu Unrecht tat. Dennis Mitchell hatte einen Fehlstart, das behauptete Christie. Und es stimmte, dass Mitchells Reaktionszeit verdächtig schnell war, denn er verließ seinen Block nach 90 Millisekunden (0,09). Wissenschaftliche Studien sind sich allerdings einig, dass eine Reaktion, die schneller als 100 Millisekunden (0,1) ist, menschenunmöglich ist. Für Mitchell machte man eine Ausnahme. Christie verstand die Welt nicht mehr.

Die großen Olympia-Geschichten - Bailey & Christie: Ein denkwürdiges Sprintfinale

Natürlich hätte der Starter alle zurückrufen können. Aber er tat es nicht. Und Christie war der große Verlierer. In den kommenden Monaten würde der Mann, den sie "Sphinx" nannten, sich dafür stark machen, die Regel zu verschärfen. Letztendlich mit Erfolg: Schon bald danach wurde offiziell festgelegt, dass jede Reaktionszeit unter 0,1 Sekunden automatisch als Fehlstart zu ahnden ist. Ironischerweise würde diese neue, verschärfte Starter-Regel ausgerechnet ihn selbst treffen - an jenem schicksalhaften, olympischen Juliabend 1996 in Atlanta.
Nach dem Tokio-Finale von 1991 bestand der verbitterte Linford Christie darauf, dass er "der beste 31-jährige Sprinter der Welt" sei. Der Brite, ältester Läufer im Finale, überlegte ernsthaft, seine Spikes an den Nagel zu hängen.
Und doch kam es ganz anders…
Weniger als ein Jahr später war der gleiche Linford Christie 100-Meter-Olympiasieger. Der älteste in der Geschichte der 100 Meter - mit 33 Jahren, drei Monaten und drei Tagen. "Es gibt keinen Carl, es gibt keinen Ben", sagte der Mann, der 1988 in Seoul schon Silber gewonnen hatte. "Heute ist mein Tag."
Und für Christie wurde es immer besser. Zwei Jahre später, 1993, wurde er in Stuttgart Weltmeister über die Strecke. Diesmal war Lewis zwar dabei, aber Linford ließ sich sein Mitspracherecht an Gold nicht mehr streitig machen. Er war auf den Geschmack gekommen.

Linford Christie (l.) krönt sich 1992 zum Olympia-Sieger in Barcelona

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Champion aus dem Nichts

In der Nacht, in der Linford Christie amtierender Olympiasieger, Welt- und Europameister und Commonwealth-Sieger war, war Donovan Bailey ein Champion von Nullkommanix. Man könnte sagen, er wartete sportlich immer noch auf seinen Durchbruch. Zugegeben, der 25-Jährige nahm an den Weltmeisterschaften in Stuttgart teil, allerdings nur als Ersatzmann in der kanadischen 4x100-Meter-Staffel. Das Einzige, was er mit dem Mann gemeinsam hatte, dessen Regierungszeit er bald beenden würde, waren seine jamaikanischen Wurzeln.
Während Christies Familie sich für England und London entschied, bevorzugte Baileys Vater Kanada. Oakville, Ontario, war meteorologisch gesehen weit entfernt vom karibischen Klima, in das Bailey hineingeboren wurde. Donovan Bailey tauschte seine Gemeinde in den jamaikanischen Bergen gegen den Norden des amerikanischen Kontinents, aber er blieb dem Sport treu. "Von der ersten Klasse an stellte er seine sportlichen Fähigkeiten unter Beweis. Bei offiziellen Rennen war er immer der Erste", erinnert sich Claris Lambert, einer seiner Lehrer. Mit 16 Jahren lief Bailey die 100 Meter in 10,65 Sekunden.
Der Kanadier war ein Rohdiamant. Er rannte schnell, sprang hoch und fühlte sich in praktisch allen Sportarten wohl. Der jüngste von vier Bailey-Brüdern war schnell und beweglich und spielte leidenschaftlich gerne Basketball. Dort aber erwies sich seine Größe als Stolperstein: 1,85 m war für einen Power Forward schlicht zu klein. Zu schade aber auch, dachte sich Bailey - seine Zukunft lag nicht auf einem Basketballfeld.

Ein Porsche mit 22

Sport mag Baileys Leidenschaft gewesen sein, aber in den Augen seines Vaters George war das keine seriöse Beschäftigung, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Papa Bailey, der Jamaika verließ, um seiner Familie eine bessere Zukunft zu ermöglichen, war ein sehr bodenständiger Mann. Das Laufen seines Sohnes - alles schön und gut, aber echte Arbeit sei etwas ganz anderes, so der Vater. Schon bald jonglierte Bailey Junior mit zwei Karrieren. Mit 22 war Bailey bereits ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden. Durch seine Arbeit als Marketing- und Anlageberater kaufte er sich ein Haus und fuhr einen Porsche 911 Cabrio. Das Rennen ließ er nebenher laufen.
"Ich hätte die High School verlassen und sofort professionell laufen können, aber das wollte ich nicht", sagte Bailey 1996 zu "Sports Illustrated". "Ich wollte ein schönes Haus, Geld, schnelle Autos. Mir wurde von zuhause beigebracht, hart zu arbeiten. Als ich die materiellen Dinge besaß, die ich wollte, und ich mich wieder dem Sprinten zuwandte, gab es viel Gegenwind. Die Trainer sagten, ich hätte eine schlechte Einstellung, keine Arbeitsmoral. Ich denke, sie waren einfach neidisch. Ich war 22 Jahre jung und fuhr einen Porsche. Und sie waren 35-jährige Männer, die in Kombis unterwegs waren."
Es ist nicht schwer zu verstehen, warum die Trainer Bailey zu Beginn mit Vorsicht genossen. Als Teenager hatte er einmal herumposaunt, dass er nur deshalb zum Laufen gekommen war, um leichter Mädchen kennenzulernen (O-Ton: "Niemals ein dickes Mädchen auf der Bahn, außer vielleicht beim Kugelstoßen"). Bailey wollte eine gute Zeit haben. Ein solcher Lebensstil war aber kaum mit dem vereinbar, was man als Spitzensportler benötigte.

10,36 im Jahr 1993

Bailey machte am Steuer seines Autos zunächst mehr Eindruck als auf der Tartanbahn. Das war keine große Überraschung. Er investierte einfach nicht genug Zeit in den Sport. Für ihn war Laufen etwas, das er genießen wollte und für das er ein seltenes und angeborenes Talent besaß. Aber er hatte sich immer noch nicht gänzlich dem Sport verschrieben. Und so begann er unweigerlich zu stagnieren. Zehn Jahre nach seinen 10,65 Sekunden im Jahr 1983 war seine persönliche Bestzeit immer noch nur 10,36. Das war nicht viel, aber es reichte, um bei den kanadischen Meisterschaften erfolgreich zu sein, angesichts des Vakuums, das Ben Johnson hinterlassen hatte. Für die Weltbühne des Sprints war das aber viel zu wenig.
Donovan Bailey war sehr enttäuscht, dass er bei der Weltmeisterschaft 1993 in Stuttgart nicht zum Einsatz kam. Sein Charakter war stets darauf bedacht, dass er später im Leben nichts bereuen müsste, er wollte sehen, ob er wirklich das Zeug zu einem echten Sprintstar hatte. Er ging "All in", wie man in Nordamerika sagt. Ab diesem Zeitpunkt trainierte er bei einem Mann, der alles ändern würde: Dan Pfaff. Der Leichtathletik-Trainer an der Louisiana State University war der Trainer von Baileys altem Highschool-Freund Glenroy Gilbert, der später Teil der siegreichen 100-Meter-Staffel in Atlanta werden sollte. Pfaff war neugierig, was Bailey so alles im Ärmel hatte.
Also zog Bailey nach Louisiana, wo er Pfaff schnell von seinem außergewöhnlichen Talent überzeugte. Pfaff ließ seinen Läufer stundenlang üben. Sprinttraining, Gewichtheben und eine neue Ernährung. Bailey arbeitete wie ein Besessener unter seinem neuen Trainer. Und bald geschah ein kleines Wunder. Bailey wurde nicht der schöne Sprinter, der die Mädchen verzauberte, aber er wurde schneller. Viel schneller. Nach einigen Monaten ernsthaften Trainings war der Kanadier drei Zehntel schneller als zuvor. Im Juni 1994 lief er die 100 Meter bei einem Sportfest in Duisburg bereits in 10.03 Sekunden. Keine 13 Monate später würde er über diese Strecke Weltmeister werden.

Donovan Bailey (l.) im Gespräch mit seinem Coach Dan Pfaff

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Hässlich, aber schnell

Das war natürlich kein Wunder. Sein Talent war immer vorhanden, ihm fehlte nur der Fokus und die harte Arbeit. Das Wunderliche war, dass Bailey, während er so schnell lief, so urkomisch dabei aussah.
Die 1980er Jahre waren ein Jahrzehnt, in dem die gegensätzlichen Laufstile des anmutigen Stilisten Carl Lewis und des übermenschlichen, aufgepumpten Ben Johnson aufeinanderprallten. Donovan Bailey führte eine dritte Stilistik ein, eine, die niemand kopieren wollte. "Ich bin der hässlichste Sprinter, den es über die 100 Meter zu sehen gibt! Lewis bewegt sich so geschmeidig, während ich durch die Luft stampfe. Es ist wirklich schrecklich", gab er 1995 am Rande der Leichtathletik-Weltmeisterschaft im schwedischen Göteborg zu.
Von Kopf bis Fuß sah Bailey während seiner Läufe tatsächlich seltsam aus. Über seinen kräftigen, langen Beinen hatte er eine schmale, 71 cm breite Taille und darauf einen massigen Oberkörper, der nicht im Verhältnis zu seiner unteren Körperhälfte zu passen schien. Eine neurologische Störung in seiner linken Hüfte verursachte, dass der Kanadier mit seinem rechten Bein einen größeren Schritt machte als mit seinem linken - eine seltsame Unwucht, die ihn aus den Blöcken torkeln und mit gekrümmtem Rücken die Tartanbahn bearbeiten ließ. Oder um es mit den Worten von "Sports Illustrated" zu schreiben: "[Er] sah aus wie jemand, der den letzten Hubschrauber aus Saigon heraus noch erwischen wollte". Ein ziemlich martialisches Kompliment.
Auch wenn sein Stil mit den Gesetzen der Physik wenig zu tun hatte, schien Baileys Training immer effektiver zu werden. Im April 1995 durchbrach er in Baton Rouge die 10-Sekunden-Schallmauer mit 9,99 – es war zugleich kanadischer Rekord. Bei den kanadischen Meisterschaften blieb die Stoppuhr wenig später bei 9,91 Sekunden stehen. Auf einmal war Bailey eine Nummer. Zusammen mit Sprinterkollege Bruny Surin war er das Beste, was der kanadischen Leichtathletik passieren konnte - nach dem Sturz des Mannes, dessen Name aus dem kollektiven Gedächtnis und den Rekordlisten für immer getilgt war.

Das Vertrauen von 27 Millionen

Sieben Jahre nach dem Doping-Skandal von Seoul war der dunkle Schatten von Ben Johnson immer noch groß. Als Jugendlicher hatte Bailey Johnson vergöttert - wie der Rest des Landes. Jetzt war er gezwungen, sich deutlich von dem Mann zu distanzieren. Big Ben sei Dank – hörten die Menschen von einem Kanadier, der schnell rennen konnte, zogen sie unweigerlich die Augenbrauen nach oben. Wer sollte es ihnen verdenken.
Vor den Weltmeisterschaften in Göteborg 1995, Bailey war einer der Favoriten über die 100 Meter, sprach er über das Misstrauen, das jeden seiner Läufe und seine Zeiten begleitete: "Ich gebe Ihnen ein Beispiel für die Paranoia, die uns umgibt: Während der letzten drei Wochen wurde ich sechs Mal getestet ... Zu Hause in Kanada hat die Öffentlichkeit und haben uns die Sponsoren den Rücken gekehrt. Mit Bruny Surin und mir beginnt sich das wieder zu ändern. Ich will das Vertrauen von 27 Millionen Menschen wieder zurückgewinnen."
Bailey wollte die Lücke, die nach Johnsons Verrat entstanden war, füllen und er würde zugleich auch den Raum besetzen, der durch den Niedergang des US-Sprints leer stand. Mit einem Carl Lewis, der nicht mehr in Topform war und Leroy Burrell, der Weltrekordhalter (9,85), der gar nicht erst für Göteborg gemeldet war. Gold schien frei für Bailey oder Surin oder einen anderen Läufer, der in diesem Jahr in der Lage war, die 10-Sekunden-Marke zu unterbieten. An Linford Christie zehrte bereits das Alter. Der britische Veteran mühte sich in den Vorläufen und erreichte das Finale. Aber eine Verletzung brachte ihn um den nötigen Speed – am Ende lag er weit hinter Bailey.
Trotz der zweitschlechtesten Reaktionszeit aller acht Finalisten – eine Art Markenzeichen Baileys - überquerte er in einer Zeit von 9,97 Sekunden die Ziellinie, vor seinem Landsmann Surin (10,03) und Shootingstar Ato Boldon aus Trinidad (10,03). Bailey, der noch vor zwei Jahren ein Niemand war, war nun der König eines kanadischen Doppeltriumphs geworden - und er war noch nicht einmal 28 Jahre alt.

Donovan Bailey (l.) feiert gemeinsam mit seinem Landsmann Bruny Surin die Gold - und Silbermedaille bei der WM in Göteborg 1995

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Es war vor allem Baileys mentale Stärke, die ihm einen Vorteil verschafft hatte. "Donovan war vor Göteborg total ruhig, während die anderen Jungs so angespannt wirkten. Ich denke, das liegt daran, dass er ein Leben vor dem Sprint hatte und weiß, dass er auch ein Leben nach dem Sprint haben wird. Selbst wenn das größte Chaos ausbrechen würde und er wäre völlig mittellos, er hätte immer noch sehr gute Freunde. Es gibt nicht viele Menschen, die das von sich behaupten können", sagte Dan Pfaff, der Mann, der Bailey in einen Sieger verwandelte und das - bemerkenswerterweise - ohne seinen unästhetischen Laufstil zu verändern.
"Sehen Sie sich die Aufzeichnung der Weltmeisterschaft an", sagt Bailey. "Ich laufe aus den Blöcken. Mein Kopf ist oben, mein Rücken ist gewölbt. Ab 30 [Meter] bis 70 Meter ist alles in Ordnung, aber dann fange ich an zu schreien, weil ich Geschwindigkeit verliere. Sprint ist Kraft, Explosion. Wie ein Dunking beim Basketball. Das Göteborg-Rennen war für mich, als hätte ich mich für einen Korbleger durch die Gasse gedribbelt und habe mich dann am Ring für ein wuchtiges, einhändiges Dunking entschieden." Nun, was er auch damit sagen wollte, Bailey war immer ein Basketballfan...

Der Mann, den es zu schlagen gilt

Mike Marsh versuchte ebenfalls einen trommelnden Slam Dunk, und wurde, wie seine amerikanischen Mitläufer, mitten im Flug aus der Bahn geworfen. Seit den Erfolgen des Briten Harold Abrahams (1924) und des Kanadiers Percy Williams (1928) hatten die Amerikaner bei zwei olympischen 100-Meter-Finals in Folge ihr Gold nicht mehr verpasst. Konnten sie diese Serie fortsetzen? Oder würde Bailey, nach dem Sieg Christies für Großbritannien vier Jahre zuvor, nun für die Kanadier zuschlagen? Es würde sich alles in Atlanta 1996 entscheiden. Für US-Sprinter Mike Marsh (WM-Fünfter in Göteborg in 10.10 Sekunden) schien das unvorstellbar …
"Ein Jahr vor den Heimspielen müssen wir reagieren. Das können wir nicht zulassen", sagte Marsh. Auch wenn der US-Sprint noch einen großen Talentpool hatte, aus dem er schöpfen konnte, besaß er keine außergewöhnlichen 100-Meter-Sprinter mehr wie Carl Lewis. Und 1996 sollte für die Sprinter des Star-Spangled-Banner nicht besser werden.
Am Vorabend der Spiele in Atlanta war der Mann, der alle anderen mit Kopf und Schultern überragte, kein Amerikaner. Er war auch kein Kanadier. Er kam aus Namibia und hieß Frankie Fredericks, 1,80 Meter groß. Der 28-Jährige war ein eleganter Sprinter mit vielen guten Ergebnissen, ein sogenannter "High Finisher", aber Frankie gewann selten. Im olympischen Jahr war er bisher der Schnellste und Leroy Burrells Weltrekord zweimal sehr nahegekommen (9,86 in Lausanne und 9,87 in Helsinki). Fredericks war der Mann, den man schlagen musste.
Und was war mit seinem Trainingspartner und guten Freund Linford Christie? Seine Teilnahme an den Spielen blieb zunächst mysteriös - obwohl das für den alternden britischen Läufer nichts Neues war. Und Bailey? Zu Beginn des Jahres hatte er bei den Reno Air Games einen neuen 50-Meter-Weltrekord in der Halle aufgestellt. Und er war in Lausanne sehr ordentliche 9,93 gelaufen, bei all den anderen Meetings, an denen er teilnahm, wurde er regelmäßig deutlich geschlagen.
"Es gibt Experten, die Göteborg für einen Zufall halten", so sein Trainer Dan Pfaff. Aber er selbst war nicht allzu besorgt. "Selbst wenn ich in 11,50 Sekunden gewinnen würde, wäre das immer noch großartig", sagte Bailey. Er wusste genau, dass Olympia nicht mit einem Meeting vergleichbar war. Nicht der Schnellste würde gewinnen, sondern der Stärkste. Und er war zuversichtlich, dass er bei seinen ersten Olympischen Spielen der Stärkste sein würde. "Ich werde gewinnen, wenn ich alles richtig mache", garantierte er.

Tragödie und Jubel

Der 27. Juli 1996. Es war noch keine neun Uhr morgens, aber viele wünschten sich, man könnte die Zeit zurückdrehen. Die XXVI. Olympischen Spiele wurden an diesem Samstag der zweiten Woche vom Terrorismus ins Mark getroffen. Um 1:25 Uhr morgens wurden bei einer Bombenexplosion im Centennial Park zwei Menschen getötet und 111 verletzt. Dies geschah nur zehn Tage nach der Explosion und dem mutmaßlichen Abschuss einer TWA 800-Maschine vor Long Island über dem Atlantik. Die Atmosphäre in Atlanta war zum Zerreißen gespannt.
Ein Tag, der mit einem Schock begann, würde nach einem der verrücktesten Abende in der Geschichte der Leichtathletik doch noch im patriotischen Jubel enden - die Leistungen der US-Protagonisten hatten das Drehbuch noch einmal umgeschrieben. Sprinterin Gail Devers wurde zum zweiten Mal in Folge Olympiasiegerin über die 100 Meter und mit Unterstützung des ebenfalls siegreichen Dreispringers Kenny Harrison waren die beiden Balsam für das wunde Herz einer ganzen amerikanischen Nation.
Am anderen Stadionende hörte man deutlich das Echo von David, der Goliath besiegt hatte. Irgendwie hatte es Harrison geschafft, den scheinbar unbezwingbaren Jonathan Edwards zu schlagen - und damit die Dreisprung-Regentschaft des Mannes, der in Göteborg gleich zweimal den Weltrekord verbessert hatte, zu beenden. In einer drastischen Wendung des Schicksals trat der Star der Leichtathletik-Weltmeisterschaft vom Jahr zuvor bei seinen ersten beiden Sprüngen über – es waren just die Sprünge, mit denen er in Schweden die Rekorde aufgestellt hatte. Diesmal würde der Mann mit dem Spitznamen "The Northampton Pope", zu Deutsch: Der Papst aus Northampton, - Edwards galt damals als sehr religiös - Donovan Bailey nicht die Show stehlen. Diese Ehre würde Linford Christie zukommen. Oder besser: diese Unehre.
Das Olympiastadion von Atlanta war gerammelt voll, als die bulligen Athletentiere in die Arena gelassen wurden. Der Weltrekord, den Leroy Burrell zwei Jahre zuvor Carl Lewis abgenommen hatte (9,85 Sekunden), würde bald der Vergangenheit angehören. Ato Boldon zeigte sich vor dem Rennen als wahrer Visionär und sah alles voraus: "Dem Weltrekord haben seine letzten Stunden geschlagen. Ich bin der Erste, der sagt, dass das Finale in 9,8 oder 9,7 Sekunden gelaufen wird!"
Auf dem Weg ins Finale gewann der Mann aus Trinidad & Tobago souverän seine drei Rennen und lief im Halbfinale sogar eine beeindruckende 9,93. Bailey unterdessen sparte sich allzu großen Aufwand. Er dominierte seinen Vorlauf. Danach war der Weltmeister glücklich, am Rockzipfel der Sieger zu hängen. In seinem Viertelfinale wurde er Zweiter hinter Christie, in seinem Halbfinale Zweiter hinter Fredericks.
Und dann war sie da, diese beispiellose Faszination und Erregung, die mit jedem 100-Meter-Finale einhergeht. Kein anderes olympisches Ereignis ist von derart großer Emotion geprägt. Die 85.000 Zuschauer, die sich auf den Tribünen des neu errichteten Olympiastadions in der Hauptstadt Georgias versammelten, waren seltsam nervös und besorgt, was den tragischen Ereignissen der vergangenen Nacht geschuldet war. Dieses 100-Meter-Finale war keines wie sonst. Was das Sportliche anging, stand für zwei Amerikaner, die sich für das Finale qualifiziert hatten, viel auf dem Spiel: Mike Marsh und Dennis Mitchell. Neben diesen beiden, die den Druck einer ganzen Nation schultern mussten, gab es noch einen alten Löwen, der von einem allerletzten Kriegsgebrüll träumte…

Das 100-Meter-Finale in Atlanta (Olympia 1996) sollte ein denkwürdiges werden

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Fehlstart nach Fehlstart

Linford Christie auf Bahn 2 wurde von Mike Marsh zu seiner Linken und Ato Boldon zu seiner Rechten eingerahmt. Er war längst nicht mehr der Allerschnellste, wenn er es denn je gewesen war. Er wollte der Cleverste sein, also setzte er auf eine andere Taktik. Er wusste: Für den Raub des Jahres brauchte es viel mehr als nur eine Spritzpistole, so eine englische Redensart.
Nicht nur Lokalmatador Mike Marsh wurde von der Menge angefeuert, sondern vor allem auch Christie, der völlig ruhig blieb. Sein Gesicht zeigte keinerlei Emotionen. Wie ein Wächter am Buckingham Palace verzichtete er auf jegliche Regung und fixierte mit seinem toten Blick einen Punkt am Horizont. Wie später von "Sports Illustrated" beschrieben, glich er „einer Moai, einer dieser kolossalen Steinstatuen, wie man sie auf den Osterinseln im Pazifik“ entdeckt hatte (es gab einen guten Grund, warum Bailey ihn "Mr. Stonehenge" nannte). Christies Tunnelblick zielte auf sein einziges Ziel: die weiße Linie in einhundert Metern Entfernung, die ihm alles bedeutete.
Die acht Finalisten nahmen ihre Position ein. In diesem Moment hätte man die Spannung mit einem Messer durchschneiden können. "Auf die Plätze, ... fertig, ..."
…Los!“ Christie schoss vor den anderen aus den Blöcken. Fehlstart! Er hob frustriert beide Arme zum Himmel, aber er akzeptierte seine Strafe. Andererseits hatte er gar keine andere Wahl: Wenn der Elder Statesman unter den Finalisten sein Ziel erreichen wollte, brauchte er jeden Vorteil, den er bekommen konnte. Anders formuliert: Sein Start im Finale musste so dramatisch gut sein wie der im Halbfinale schlecht.
Die Läufer wurden für einen zweiten Start zurückgerufen. Sie gingen ihre Routinen noch einmal durch. Christie war immer noch die Ruhe selbst, obwohl ein Damoklesschwert über seinem Kopf schwebte in Form der Gelben Karte, die an seinem Startblock zu sehen war.
Der zweite Startschuss. Boldon katapultierte sich wie eine Kugel aus dem Block. Er lag sofort vorn. Aber weniger als zwei Sekunden nach dem Start - eine Ewigkeit im Maßstab eines Sprints - ertönte ein zweiter Schuss, der auch diesem zweiten Versuch einen Strich durch die Rechnung machte, das Rennen zu Ende zu bringen. Der Nigerianer Davidson Ezinwa hatte einen sehr guten Start hingelegt und schlug die Hände an seinen Kopf, er wollte es nicht wahrhaben. Diesmal bekam der ungestüme Boldon die Gelbe Karte gezeigt.
Versuch Nummer drei. Das leise Murmeln von den Tribünen hatte sich in ein lautes Grollen verwandelt, das die Spannung auf der Tartanbahn widerspiegelte. Wieder gingen alle acht Männer ihren typischen Vorbereitungsmätzchen nach. Einige schlugen sich auf die Wangen, andere auf die Schenkel; manche sprangen, manche hockten tief; Christie starrte wieder nur. Alle taten so, als wäre nichts geschehen, tatsächlich waren alle nun im Endkampfmodus.

Der König ist tot? Lang lebe der König!

Bang! Der nächste Schuss aus der Starterpistole. Sie machten sich zum dritten Mal auf den Weg… Aber ein weiterer Schuss hallte plötzlich durch das aufgebrachte Stadionrund.
Mit dem bloßen Auge war der Verstoß kaum wahrnehmbar. Der Täter hatte sich nicht einmal bewusst einen Vorteil verschafft, sondern lediglich den Schuss antizipiert. So wie Mitchell fünf Jahre zuvor bei der WM in Tokio. Christie tat überrascht, während er darauf wartete, dass der Schuldige zur Rechenschaft gezogen wurde. Aber sein Gesichtsausdruck täuschte niemanden: Er wusste, wer der Schuldige war. Der Starter näherte sich und zeigte ihm eine weitere Gelbe Karte. In seinem Gesicht machte sich Bestürzung breit. Christie schwor, dass er nichts falsch gemacht hatte. Er schien sagen zu wollen: "Wofür? Warum ich?" Die Monitoranzeige bestätigte seinen Fehler. Ein zweiter Fehlstart bedeutete aber die Disqualifikation. Der letzte große Traum war ausgeträumt für den amtierenden Champion.
Christie fühlte sich dennoch keiner Schuld bewusst und entschied kurzerhand, dass das Rennen nicht ohne ihn laufen sollte. Der König ist tot? Lang lebe der König! Er kehrte zurück auf die Bahn und stellte sich vor seinen Block. Seine Zeit war abgelaufen, aber der Löwe weigerte sich, den Dschungel ohne eine letzte Beute preiszugeben. Um sein selbstzerstörerisches Verhalten zu komplettieren, entfernte er gereizt die Rote Karte auf seinem Block und warf sie hinter die Absperrung.
Schlimmer noch als im Finale geschlagen zu werden, sah sich Christie einem Albtraum gegenüber, nicht einmal in der Lage zu sein, seinen Titel verteidigen zu dürfen. Er beharrte darauf, dass er nirgendwo hingehen würde, es war deutlich zu spüren, wie peinlich berührt der Olympiasieger wie auch die Offiziellen waren. Alle seine Rivalen wurden ungeduldig, Christie forderte sogar die Menge im Stadionrund auf, ihn zu unterstützen. Das Rennen war zu einer Farce geworden.
Kurz danach trat der Schiedsrichter für alle Laufentscheidungen auf den Plan, John Chaplin, der wie ein Zirkusdirektor versuchte, die Ordnung wiederherzustellen. Der Amerikaner hielt an der Entscheidung fest und erklärte Christie noch einmal seine zu schnelle Reaktion. "Ich ging einfach auf ihn zu, zeigte ihm die Rote Karte und erklärte ihm sehr höflich: 'Du hast zwei Fehlstarts gehabt und jetzt musst du gehen'."

Linford Christie kann sich mit seiner Disqualifikation nicht abfinden

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Alles rächt sich irgendwann

Aber Christie konnte oder wollte sein grausames Schicksal nicht akzeptieren. Wie Mitchell vor fünf Jahren hatte der Brite den Fehler gemacht, den Startschuss antizipieren zu wollen. Und jetzt weigerte er sich, die Bühne zu verlassen. Die Reaktionszeit des Olympiasiegers von 1992 betrug 0,086 Sekunden anstelle der erlaubten 0,1 Sekunden. Wegen dieser 14 Millisekunden war er von der verschärften Regel betroffen, deren Durchsetzung er selbst nach der WM in Tokio 1991 nachdrücklich unterstützte - als er das Gefühl hatte, Mitchell hätte ihm Bronze gestohlen. Das war die grausame Ironie.
"Das passierte mir zum ersten Mal in meiner Karriere", sagte er später über seine Disqualifikation. "Kameras blitzten, Leute schrien, es war Chaos. Man selbst reagiert auf jedes Geräusch, das man hört. Es tut mir nur leid für die Menschen in Großbritannien." Christie sprach sogar von einer Verschwörung gegen ihn und glaubte, dass sein Protest überall erfolgreich gewesen wäre, nur eben nicht hier in Amerika, der Heimat des 100-Meter-Sprints.
Nach einer gefühlten Ewigkeit drehte sich Christie Richtung Haupttribüne, zog sein Trikot aus und verließ die Bahn. Prompt drehte er noch einmal um, obwohl die freiwilligen Helfer längst die Order hatten, ihn aus dem Stadion zu eskortieren. Nein, er wolle das Rennen vom Streckenrand aus verfolgen, darauf bestand Christie - in der Hoffnung, dass sein Freund Frankie Fredericks an seiner Stelle gewinnen würde. Er dachte nicht mehr klar und hatte eine verrückte Idee gefasst: Er wolle nach dem offiziellen Rennen noch sein eigenes Rennen laufen – eine Ehrenrunde vor den Leuten im Stadion. "Warum nicht? Ich hatte das Gefühl, dass ich es war, den sie sehen wollten. Ich war der Champion des Volkes. Ich fand es einfach zu traurig, das Stadion durch den Tunnel verlassen zu müssen. So habe ich mir einen Extrawunsch erfüllt und noch eine Runde Applaus bekommen."

"Das unprofessionellste Rennen aller Zeiten"

Währenddessen warteten die verbliebenen Finalisten auf das Ende von Christies absurder Theatervorstellung. Vor allem Ato Boldon, der auf der Bahn neben ihm plötzlich keinen Läufer mehr hatte, an dem er sich orientieren konnte, war wütend. Durch die lange Verzögerung hatte er offensichtlich seinen Fokus verloren. Der 23-Jährige wurde von seinen Emotionen überwältigt; sein Blick, als wollte er den britischen Troublemaker, der immer noch nur wenige Meter von ihm entfernt stand, mit den Augen erdolchen. "Ato dachte, ich sei respektlos, weil ich die Bühne nicht geräumt habe", erklärte Christie später großmütig. "Er ist ein leicht erregbarer, beeindruckbarer junger Mann. Ich vergebe ihm."
Boldon war nicht der einzige Läufer, der wütend war. Auch Mike Marsh sollte später behaupten, dass Christies "total unsportliches Verhalten" einen großen Einfluss auf das Rennen hatte, während Dennis Mitchell "NBC" unter Tränen gestand: "Ich war noch nie in meinem Leben so gut auf ein Rennen vorbereitet. Die Verzögerung hat alles ruiniert. Das war das unprofessionellste Rennen, an dem ich je teilgenommen habe." Marsh und Mitchell hatten guten Grund, sich ungerecht behandelt zu fühlen, denn keiner von beiden wurde an diesem Abend in Atlanta Olympiasieger über die Königsdisziplin der Leichtathletik. Zum ersten Mal seit Montreal 1976 standen überhaupt keine Amerikaner mehr auf dem Siegerpodest.
Aber was war mit Donovan Bailey? Nun, er blieb cool! Zwanzig lange Minuten gingen die Finalisten im Kreis herum, setzten sich, standen wieder auf und vergruben sich in ihre Gedanken. Nicht so Bailey. Die angespannte Atmosphäre ging völlig an ihm vorüber.
Während seine Rivalen zunehmend mit der Situation überfordert waren, blieb er entspannt. Immerhin bedeutete Christies Disqualifikation einen Gegner weniger; jetzt wetteiferten also nur noch sieben um den Heiligen Gral, das war seine Gemütsverfassung. "Konzentriere dich auf die kleinen Dinge, auf deinen Block, denke nicht an die anderen, sieh niemanden an ... Ich dachte an alles, was Dan mir mitgegeben hatte. Dadurch konnte ich entspannt bleiben. Hätte gleich der erste Start geklappt, ich wäre wohl kein so entspanntes, cooles Rennen gelaufen."
Sein Schlüssel war Gelassenheit - ein Wort, das Bailey verkörperte. Als das Rennen zum vierten und damit letzten Mal gestartet wurde, war er allerdings derart entspannt, dass er einen seiner Wackelstarts, für die er bekannt geworden war, wieder nicht vermeiden konnte. Es war wie immer: Seine Reaktionszeit war eine einzige Katastrophe. Mit einer Reaktion von 0,174 Sekunden kam er als Letzter aus den Blöcken. Und doch, während sein Motor anfangs noch stotterte, schaltete er schon bald in den höchsten Gang Richtung Ziel.

"Zuerst habe ich beschleunigt, dann habe ich es durchgezogen"

Nach 30 Metern schien der Kanadier weit zurück. Ähnlich wie Fredericks lag er weit hinter Boldon, der trotz seines Ärgers der Ziellinie entgegenflog. Aber die unglaublichen Hebel von Baileys langen Beinen rollten das Feld von hinten auf. Boldon spürte den Atem des Mannes in Schwarz und Weiß immer stärker in seinem Nacken. Der Kanadier fasste sein Rennen später in neun Worten zusammen: "Zuerst habe ich beschleunigt, dann habe ich es durchgezogen."
Kurz vor der 60-Meter-Marke erreichte Bailey seine Höchstgeschwindigkeit. Länger als alle anderen schaffte es Bailey, seinen Topspeed aufrecht zu erhalten. Wie es aussah, wurde er überhaupt nicht langsamer. Mit seinem unorthodoxen Stil, der an eine Marionette erinnerte, der man die Fäden gekappt hatte, fegte er an Boldon vorbei und fing auch Fredericks noch ab.
Die Ziellinie war eine einzige Befreiung seiner Gefühle. Mit offenem Mund, geöffneten Händen und angewinkelten Knien flog Bailey der Unsterblichkeit entgegen. Vor zwei Jahren war er noch ein Niemand. Jetzt war er der schnellste Mann in der Geschichte. Seine Zeit: 9,84 Sekunden. Am Ende eines skandalträchtigen Szenarios, das normalerweise jede zeitliche Verbesserung verhindern würde, krönte der Kanadier mit einer neuen Bestzeit den größten Abend seines Lebens. Auch Bailey selbst hatte das nicht kommen sehen. "Ich habe überhaupt nicht an den Weltrekord gedacht. Zumal ich jedes Mal, wenn ich ihn vorher im Kopf hatte, es immer verbockt hatte."

Donovan Bailey krönt sich 1996 in Atlanta zum Olympia-Sieger und Weltrekordhalter

Fotocredit: Getty Images

Genau wie Carl Lewis, die Sprintikone, die sich von Baileys Stil unterschied wie Tag und Nacht, war der Kanadier nun Inhaber von WM- und Olympia-Gold und er hatte den Weltrekord inne. Aber es gab einen großen Unterschied zwischen Bailey und "King Carl", dem Helden von Los Angeles 1984. Im Gegensatz zu Lewis und anderen extravaganteren Champions, die das Rampenlicht genossen - Bailey blieb Bailey, er übte sich auch jetzt in großer Zurückhaltung. Und nur wenige Tage später würde einer dieser Champions, Michael Johnson, ihm alle Aufmerksamkeit schon wieder stehlen. Seine Heldentaten über 200 und 400 Meter, gelaufen in goldenen Schuhen, überstrahlten Baileys Leistung. Beide Männer sollten sich einige Monate später in Toronto treffen, um den "schnellsten Mann der Welt" über die nicht offizielle Distanz von 150 Metern zu ermitteln. Am Ende gewann Bailey den Shoot-Out und 1,5 Millionen Dollar gegen einen gesundheitlich angeschlagenen Johnson.
Aber in jener Nacht des 27. Juli 1996, mit seiner Tochter im Arm, seinem Vater an seiner Seite und einem kanadischen Ahornblatt über der Schulter, ist Bailey zu dem geworden, was er sonst nie gewesen wäre: Olympiasieger, unvergessen.
Was Linford Christie betrifft, so wurde der Mann, der Baileys Triumph beinahe kaputtgemacht hätte, auf der Hauptbühne nicht wieder gesehen. Sein Renommee war dahin, er kreuzte noch bei einigen zweitklassigen Meetings auf und sollte sich auch danach nicht aus den Schlagzeilen heraushalten. 1999 wurde er, elf Jahre nach seinem ersten positiven Test, noch einmal positiv auf Nandrolon getestet. Wieder war es ein Fall von two strikes and out, wie man im Baseball sagen würden. Zwei Fehlversuche und er war raus. Wie damals in Atlanta 1996. Nur dieses Mal war es sein endgültiges Karriereende.
Geschrieben von Maxime Dupuis, übersetzt von Thilo Komma-Pöllath

Der Podcast zur Story: Bailey vs. Christie - Gold-Coup im "unprofessionellsten Rennen aller Zeiten"

Die großen Olympia-Geschichten - Bailey & Christie: Ein denkwürdiges Sprintfinale

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