Nadia Comăneci war verwirrt. Sie glaubte, vergessen worden zu sein. Ihre Errungenschaften - verstaut in den Kisten einer glorreichen, aber blutbefleckten Geschichte. Ihr Land war jetzt ein anderes. Es gab keine Diktatur mehr, Nicolae Ceauşescu war längst verschwunden, zusammen mit der Securitate, der Geheimpolizei seines kommunistischen Regimes, die jede Freiheit erstickte. Es war fünf Jahre her, seit Nadia Comăneci im November 1989 aus Rumänien geflohen war, als das Land kurz vor einer Revolution stand.
"Meine Rückkehr war privat und sehr persönlich, und ich dachte nicht, dass das irgendjemand außer meiner Familie interessieren würde", schreibt sie in ihrer Autobiografie "Briefe an eine junge Turnerin", die sie 2003 veröffentlichte. "Da lag ich falsch."
Als Nadia Comăneci 1994 in Bukarest mit ihrem Verlobten Bart Conner, dem ehemaligen US-Turner, aus dem Flugzeug stieg, erwartete sie ein überwältigender Willkommensbahnhof. "Da waren Tausende von Rumänen, die Schilder schwenkten und Blumensträuße warfen", erzählt sie. "Sogar der neue Premierminister war da. Es war sehr besonders. Ich habe mich in meinem Leben nie so glücklich und von so vielen Menschen geliebt gefühlt."
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Dabei gab es eine Zeit in ihrem Leben, in der Comăneci im Applaus baden konnte. Bereits im Sommer 1976, bei ihrer triumphalen Rückkehr aus Montreal, wurde die kleine Turnfee aus Oneşti wie eine Königin gefeiert. Die selbstbewusste und prominente Frau, die sie in den Neunzigern im Westen geworden war, konnte diesmal die ganze Aufmerksamkeit genießen, mit der sie als 14-Jährige in den Siebzigern nicht umgehen konnte und die ihr Angst machte.
"Ich erinnerte mich an die Angst, die ich 1976 hatte, als ich nach den Spielen von Montreal von einer schreienden Menge begrüßt wurde", erinnert sie sich. "Ich hatte gar nicht verstanden, was ich den Menschen in Rumänien bedeutete. Wie konnte sich ein Kind das auch vorstellen?" Fast zwei Jahrzehnte trennten diese unterschiedlichen Erinnerungen an ein und dieselbe Person. Doch diesmal spürte sie nicht mehr die ganze Welt auf ihren Schultern, sie war keine politische Schachfigur mehr, sie war einfach nur noch sie selbst: Nadia Comăneci.

Die großen Olympia-Geschichten: Nadia Comăneci und Mythos der perfekten 10

Wer kann ein Rad schlagen?

Comăneci wurde am 12. November 1961 in Oneşti, drei Monate nach dem Bau der Berliner Mauer, geboren. Diese Geschichte beginnt sechs Jahre später in dieser kleinen Stadt in Westmoldawien, als ein großer Mann mit einem ungepflegten Schnurrbart ihr Klassenzimmer betritt. Béla Károlyi, ein 25-jähriger ehemaliger Handballspieler und Diskuswerfer, würde eine zentrale Figur in ihrem Leben einnehmen. Károlyi suchte nach jungen Talenten für seine brandneue Turnhalle. "Wer kann ein Rad schlagen?", fragte er in die Runde. Zwei Hände schossen hoch, darunter auch Nadias. Ihr Schicksal war besiegelt.
Rasend schnell wurde das Turnen zum Inbegriff ihres Lebens. Sieben Tage die Woche, drei Stunden täglich, das ganze Jahr trainierte sie unter der strengen Aufsicht von Károlyi. Dem Ehepaar Károlyi, um genau zu sein, Béla erarbeitete seine Trainingsmethodik mit seiner Frau Márta zusammen, wie er in der Dokumentation "Die Turnerin und der Diktator" erklärte: "Wir haben die Verantwortlichkeiten aufgeteilt. Márta übernahm die künstlerische Darbietung, dazu die Arbeit am Schwebebalken und bei den Bodenübungen. Meine Verantwortung lag beim Sprung und am Stufenbarren sowie in der allgemeinen körperlichen Fitness."
Das kleine Mädchen führte das Leben einer Strafgefangenen, aber Nadia fand schon bald Gefallen daran. Neben ihrem offensichtlichen Talent und ihrer außergewöhnlichen Vielseitigkeit (von klein auf fühlte sie sich an allen Geräten wohl), machte sie große Fortschritte in diesem starren Trainingskonzept, in dem "Organisation" und "Disziplin" die Schlüsselwörter waren. "Meine Kindheit hat mir gezeigt, dass Disziplin einen weiter bringt", sagt sie heute. "Wenn ich gut trainierte, ordentlich aß und um 22 Uhr ins Bett ging, war ich ausgeruht und bereit für die Herausforderungen des nächsten Tages."

Nadia Comaneci bei den Olympischen Spielen 1976

Fotocredit: Getty Images

Ihre Angst normal zu sein

In ihrer Autobiografie erzählt Comăneci eine Anekdote über ihre ausgeprägte Sorgfalt, der sie ihren Aufstieg zur Spitzenturnerin verdankte. "Meine Mutter war extrem gut organisiert und sie hasste es, wenn Dinge in ihrem Haus nicht am richtigen Platz waren. Ich habe das von ihr übernommen. In der Schule hatte ich ein Mäppchen für blaue Stifte und eines für schwarze. Es mag ein bisschen seltsam und zwanghaft klingen, aber 'normal' zu sein, im Leben normale Dinge tun, bringt dich nirgendwo anders hin als in die Normalität. Ich aber wollte immer außergewöhnlich sein."
Und das war sie. Nadia war talentierter als alle anderen Mädchen der Trainingsgruppe und sie arbeitete doppelt so hart. "Ich sagte: 'Mädchen, zehn Liegestützen!' Und wie viele hat sie gemacht? Zwanzig. Das ist Nadia. Sie ist eine Kämpferin. Sie war diejenige, die von sich aus ein großer Star werden wollte", erinnert sich Béla Károlyi in der Filmdokumentation. "Ich wollte immer mehr tun, als Béla oder Márta von mir verlangten. Ich wollte perfekt sein und ich war ein sehr entschlossenes, junges Mädchen", bestätigt Comăneci. In Béla fand Nadia jemanden, der das Beste aus ihr herausholte. Hätte sie ohne ihren Entdecker die gleiche Weltkarriere gemacht? Darauf kann es kaum eine vernünftige Antwort geben, aber die Rolle ihres Trainers, der genauso außergewöhnlich war wie sein kleiner Champion, kann nicht groß genug gewürdigt werden.
Dabei war Károlyi eine umstrittene Figur, deren Trainingsmethoden in den Augen einiger seiner ehemaligen Schüler an Brutalität und Grausamkeit grenzten. Nicht so bei Nadia Comăneci. "Wenn ein Kind nur spielen möchte, melden Sie es für ein Gymnastikprogramm an, das zum Herumtollen gedacht ist. Wenn es nach den Sternen greifen will, arbeiten Sie mit Béla", sagt sie. "All die bösen Geschichten, die im Laufe der Jahre über Bélas Stil aufgetaucht sind, habe ich nie verstanden. Ich weiß, dass er ein guter Mensch ist."

Ihr Leben in Károlyis Händen

Comăneci erinnert sich an Károlyi als einen sehr harten, aber immer fairen Trainer, der in der Lage war, auf ihre Gefühle Rücksicht zu nehmen, und der sogar gelegentlich Witze machte. "Aber im Allgemeinen", ergänzt sie, "ist es auch wichtig, im Leben jemanden zu haben, der dich fordert, um dein Bestes aus dir herauszuholen. Béla war für mich dieser jemand, und ich bin froh, dass sich unsere Wege gekreuzt haben." Als Trainer war Béla Károlyi nicht jedermanns Geschmack, für Nadia Comăneci war er der ideale Mentor.
Ihre Beziehung beruhte auf absolutem Vertrauen. Im Training versuchte Nadia ab ihrem zehnten Lebensjahr regelmäßig Übungen mit Höchstschwierigkeiten. Károlyi war immer da, um sie dabei zu unterstützen. "Mein Leben lag in Bélas Händen", sagte sie einmal, "er hat mich buchstäblich davor bewahrt, dass ich mir den Hals breche." Die einzige Person, die noch anspruchsvoller war als die Károlyis, war Nadia selbst. Der kleinste Fehler verärgerte sie und die Ermahnungen von Béla oder Márta waren nichts im Vergleich zu dem, was sie sich selbst an Kritik auferlegte: "Ich tat mich immer schwer damit, mir meine Fehler zu verzeihen."
Talent, Arbeit, Entschlossenheit - in all diesen Bereichen setzte sich Comăneci gegen ihre nationale Konkurrenz durch. Ihr Aufstieg war sagenhaft. Sie war erst neun Jahre alt, als sie bei einem Länderkampf zwischen Rumänien und dem ehemaligen Jugoslawien ihren ersten internationalen Wettbewerb gewann. Das Jahr ihres Durchbruchs kam 1975. Mit 13 Jahren siegte Comăneci bei der Turn-Europameisterschaft im Mehrkampf und in den Einzelfinals an allen Geräten mit Ausnahme am Boden - dort wurde sie Zweite. Nur ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Montreal hatte die Rumänin die ersten Markierungen ihres zukünftigen Reiches abgesteckt.

Turn-Wunderkind Nadia Comaneci

Fotocredit: Imago

Comăneci und die russischen Püppchen

In Kanada würde Comăneci gegen die Avantgarde der sowjetischen Stars antreten, die vor ihrem Aufstieg die Weltgymnastik dominierten. Darunter Olga Korbut, der "Spatz von Minsk", zweifache Goldmedaillengewinnerin von den Spielen von München, Nelli Kim, das jüngste kleine Wunder der russischen Schule und Ludmilla Tourischeva, die Mehrkampf-Olympiasiegerin von 1972 und Comănecis Idol.
Aber innerhalb des hochtalentierten sowjetischen Teams hatten sich in den Monaten vor Montreal Risse gebildet. Tourischeva war verärgert über die zunehmende Popularität ihrer deutlich jüngeren Landsfrau Korbut, die sie viele Jahre in Schach gehalten hatte, deren Charisma sie jedoch allmählich in den Schatten stellte. Der parallele Aufstieg von Nelli Kim erhöhte die Spannungen innerhalb der Gruppe noch zusätzlich.
Trotz der Dominanz Rumäniens bei der Turn-Europameisterschaft im norwegischen Skien im Jahr zuvor, als Comăneci vier Goldmedaillen gewann, blieben die Sowjets in den Augen der Medien der Maßstab. Mit einer einzigen Bronzemedaille in seiner gesamten olympischen Turn-Geschichte wurde Rumänien nicht erst genommen. Immer noch nicht.
Béla Károlyi machte dieser mangelnde Respekt schier verrückt, als er in Montreal ankam. "Wir alle waren sehr aufgeregt, es waren schließlich Olympische Spiele. Leider schenkten die Medien der rumänischen Mannschaft null Aufmerksamkeit. Das großartige sowjetische Team hatte bei der Ankunft die ganze Aufmerksamkeit für sich, was natürlich auch die Wertungsrichter beeinflusste. Das kleine rumänische Team wurde völlig ignoriert. Wir machten unser reguläres Training, aber meine Frustration nahm Tag für Tag zu. Aber ich sagte mir: 'Unsere Zeit wird kommen.'"

Alles war kostenlos

Als Nadia Comăneci vor ihrem Wettbewerb in Montreal ankam, entdeckte sie eine Welt, die ihr völlig fremd war.
"Als ich ankam, war ich verblüfft", erinnert sie sich später in "Briefe an eine junge Turnerin". "Das olympische Dorf hat mich umgehauen. Seine Größe, die Anzahl der Sicherheitsbeamten, Trainer und Athleten aus so vielen Sportarten, von denen ich niemals zuvor gehört hatte. Ich erinnere mich am meisten daran, dass alles kostenlos war. Mit unserer Akkreditierung konnten wir im Kino des olympischen Dorfes Filme schauen, man bekam Erfrischungsgetränke, Kleidung in seiner Größe, Taschen, Hüte und Anstecknadeln. Für mich war das so seltsam und aufregend und absolut wunderbar. Am ersten Tag wollte ich gar nicht die Augen schließen, ich hatte Angst, etwas zu verpassen."
Károlyis Aufgabe war es, seinen Star am Boden zu halten. Vom Tag vor Beginn der Spiele verbot er ihr auszugehen oder sogar fernzusehen, damit sie nicht die Konzentration auf ihre bevorstehende Aufgabe aus den Augen verlor. Es war seine Art, sie zu beschützen. Er weigerte sich auch, seine Turner an der Eröffnungsfeier teilnehmen zu lassen, da der Wettbewerb am nächsten Tag beginnen sollte.
Am Sonntag, dem 18. Juli, wurden in der legendären Indoor-Arena des "Forums", in der die Montreal Canadiens ihre NHL-Spiele austrugen, die Turnveranstaltungen mit dem Mannschaftswettbewerb begonnen. Wenn Nadia Comăneci bereits ein Name in der kleinen Welt des Turnens war, so würde sie schon bald die ganze Welt kennenlernen. Alles in allem würde sie nur 19 Sekunden brauchen, um in die olympische Folklore einzugehen und ihren Sport zu revolutionieren. 19 Sekunden, die in der Geschichte des Turnens zwischen einem davor und danach unterscheidet - einer Zeit vor und einer nach Nadia Comăneci.

Nadia Comaneci und die Verwirrung über ihre perfekte Wertung bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal

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Sie startet mit einer 1,00

Ihre erste Übung am Stufenbarren, gespickt mit schwindelerregenden Höchstschwierigkeiten, beendete sie ohne den geringsten Mikrofehler. Comăneci begrüßte die Richter, lächelte und wartete. Nach ungefähr 30 Sekunden und während sie sich bereit für ihre nächste Übung am Schwebebalken aufwärmte, blitzte ihre Note an der Anzeigetafel auf: 1,00. Dieser Moment würde eines der berühmtesten Bilder in der Geschichte Olympischer Spiele werden - und es dauerte eine Weile, bis alle verstanden hatten, was gerade passiert war.
"Die Menge war still und verwirrt", erinnert sie sich. "Niemand wusste, was 1,00 bedeuten sollte. Béla deutete fragend und aufgebracht Richtung Wertungsrichter, was meine Punktzahl bedeuten würden? Ein schwedischer Richter hielt zehn Finger hoch. Der Grund, warum meine Punktzahl mit 1,00 angezeigt wurde, war, dass die Anzeigetafel von ihrer technischen Programmierung keine 10,0 anzeigen konnte, eine solche Anzeige war nie zuvor benötigt worden. Béla kam zu mir und ich fragte ihn: 'Herr Professor, war das wirklich eine 10?' Er strahlte und nickte mit dem Kopf. Es kommt selten vor, dass ich Emotionen zeige, aber ich lächelte sofort, und als einer meiner Teamkollegen mir sagte, ich solle hochgehen und der Menge winken, tat ich das auch. Danach bin ich zum Balken und habe sofort weitergeturnt."
Trotz ihrer ersten "Perfect 10" in der olympischen Geschichte reichte die größere Konstanz unter allen Turnern der sowjetischen Mannschaft aus, um die Goldmedaille zu gewinnen. Trotzdem wurde Comăneci von der Silbermedaille für Rumänien überwältigt. Und: Sie hatte sich nach den ersten beiden Wettkampftagen für das Mehrkampffinale einen deutlichen Vorsprung vor Tourischeva und Kim herausgeturnt.

Der Comăneci-Salto

Nach ihrer historischen "10" am Stufenbarren turnte Nadia während des Mannschaftswettbewerbs zwei weitere perfekte Übungen, beide mit der höchsten Note 10,0 gewertet - am Schwebebalken und ein zweites Mal am Stufenbarren. Das erste Mal aber war wohl der größte Moment dieser Spiele. Nadia hatte sich selbst übertroffen. Das Raunen im Publikum während jeder ihrer einzelnen Turnsequenzen spiegelte sowohl die kollektive Bewunderung für sie als auch die Angst wider, sie während ihres so schwierigen Repertoires stürzen zu sehen.
Aber ihr Programm war ohne Kompromisse geturnt, mit einem gewagten Salto oder einem Sprungsalto nach vorne, den man so noch nie zuvor am Reck gesehen hatte: Der "Comăneci-Salto" - eine von zwei Übungsteilen, die nach ihr benannt wurden und die sie bis heute unvergessen machen.
Nadia: "Um einen Comăneci-Salto auszuführen, beginnt die Turnerin in einer Stützposition am Reck. Sie stößt sich von der Stange ab, unternimmt einen nach vorne gespreizten Salto und greift dann wieder nach der Stange. Die Fähigkeiten eines Turners zeigen sich vom einfachsten bis zum schwierigsten Übungsteil. Eine A-Übung ist am einfachsten, dann gibt es B-, C-, D-, E- und Super-E-Übungsteile. Super-E-Übungsteile sind die schwierigsten und normalerweise können nur wenige Turner auf der Welt solche Übungen zeigen. Der Comăneci-Salto wird als E-Übung bewertet. Selbst heute, viele Jahre nach den Spielen von 1976, versuchen sich nur sehr wenige Turner daran, die Übung ist vielen zu schwierig."
Experten wie die breite Öffentlichkeit äußerten Bedenken an dem körperlich schwierigen und gefährlichen Abgang. Joseph Goehler, ein deutscher Sporthistoriker und Turnexperte, äußerte sich nach den Spielen in der Zeitschrift „International Gymnast“ skeptisch: "Aus biomechanischer Sicht ist das kaum machbar." Und Max Bangerter, der Generalsekretär der International Gymnastics Federation, führte eine erfolglose Kampagne an, die Übung mit der Begründung zu verbieten, sie könne zu Beckenfrakturen führen.

Sieben Mal eine Zehn

Dann kam Mittwoch, der 21. Juli. Es war der Tag der Krönung der neuen Turn-Prinzessin Comăneci. Das Forum war gegen Ende des Mehrkampffinales zum Epizentrum der Spiele geworden. Alle für Montreal akkreditierten Fotografen versammelten sich in der Halle, um einen perfekten Schuss von der neuen Königin des Sommers 1976 zu bekommen. Mit einem Vorsprung von vier Zehnteln gegenüber Nelli Kim sah der Schützling von Béla Károlyi wie die sichere Siegerin aus. Zwei weitere fehlerfreie Übungen am Schwebebalken und am Stufenbarren wurden mit zwei weiteren 10,0-Wertungen belohnt, die ihr den Olympiasieg einbrachten. Die russischen Turnerinnen Kim und Tourischeva umrahmten sie zu beiden Seiten auf dem Siegerpodest, aber alle Augen waren auf sie gerichtet: Nadia Comăneci - in der Halle und auf der ganzen Welt.
Nachdem sich Comăneci für alle Einzelgeräte qualifiziert hatte, sammelte sie drei weitere Medaillen: Bronze am Boden und - wie erwartet - Gold am Stufenbarren und Schwebebalken. In weniger als einer Woche hatte sie das Turnen an diesen beiden Geräten revolutioniert - mit insgesamt sieben höchsten Wertungen, sieben Mal die 10,0.
Wenn der Stufenbarren immer ihre Lieblingsübung war - "Der Barren erfordert viel Nachdenken und ich liebte die Präzision, die Winkel und die Komplexität" - konnte sie am Schwebebalken die ganze Vielfalt ihrer Fähigkeiten zeigen, ein fließendes Zusammenspiel ihrer Anmut, Finesse, Eleganz, Dynamik, technischen Perfektion und körperlichen Leistungsfähigkeit. Der bekannte Sportjournalist Antoine Blondin sprach von der "olympischen Lolita", die einer "Ballerina und Sylphe" gleicht, über den Stufenbarren balancierte, während sie auf dem Schwebebalken wie "eine Waldtaube auf dem Dach" herumspazierte und mit jeder ihrer "Berührungen dem Seitpferd Flügel verlieh und in Pegasus verwandelte". Nadia Comăneci hat die Poesie in den Olympischen Spitzensport eingeführt.

Nadia Comaneci

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Ihre Leistungen in Montreal sorgten dafür, dass die ganze Welt 14 Jahre, 39 Kilo und 150 Zentimeter mit nur einem Namen verband, dem ihren. Im Rückblick erscheinen Nadia Comăneci diese Tage heute so, als wären sie jemandem passiert, über den sie in einem Buch gelesen habe. Diese Distanzierung von sich selbst mag viele überraschen, erklärt aber auch ihren Erfolg.
"Niemand weiß, wann ein Athlet Geschichte schreiben wird", sagt Nadja selbst über ihre erste 10,0. "Es gibt kein Warnschild und auch keine Anleitung dafür, wie man mit dem Moment umgeht. Ich kann Ihnen nur sagen, es war anfangs so wie immer, als ich mich auf den Stufenbarren hinaufschwang."
In ihrer Autobiografie "Briefe an eine junge Turnerin", die sie 27 Jahre nach Montreal geschrieben hat, ist Comăneci nicht mehr erstaunt über die Wirkung, die sie auf die Welt hatte. Nüchtern wie eine Reporterin beschreibt sie ihre Leistungen von damals: "Ich habe die Mehrkampf-Goldmedaille gewonnen, dazu Gold am Schwebebalken und am Stufenbarren und Bronze am Boden ... und damit Geschichte geschrieben. Das war mein Job. Ich hatte meine Ziele erreicht, dabei war es keine große Überraschung, dass ich den Wettbewerb auch gewinnen würde. Das war schlicht das, wofür ich trainiert hatte."

Nikolai wer?

Mehr als die Medaillen waren es ihre perfekten Darbietungen, die Comăneci ins Rampenlicht einer staunenden Welt führten. Die Wiederholungen ihrer makellosen 10,0-Wertungen in Montreal (auch Nelli Kim würde zweimal eine perfekte Übung zeigen, am Boden und beim Sprung) hätte die Öffentlichkeit auch ermüden können, das in den letzten Tagen der Spiele rief: "Keine 10 mehr!", "Keine 10 mehr!" Das Besondere war zur Routine geworden. Aber ohne ihre historischen 10-Punkte-Wertungen wäre der Komet Comăneci nicht im gleichen Maße in die Umlaufbahn geschossen. Hinzu kam die Panne mit der Anzeigetafel, die ihren Mythos noch größer machte.
Sollte Sie das nicht gänzlich überzeugen - haben Sie jemals von Nikolai Andrianov gehört? Sie werden fragen, Nikolai wer? Abgesehen von den Puristen des Sports dürfte der Name heute vielen kaum noch etwas sagen. In Montreal war der sowjetische Turner mit sieben Medaillen, vier davon Gold, sportlich noch erfolgreicher als Comăneci. Aber die Schubkraft, die von der jungen Turnerin aus Oneşti ausging, war um ein Vielfaches größer.
Dieses junge Mädchen, die ihre halsbrecherischen Übungen wie ein von den Károlyis programmierter Roboter turnte, hatte zugleich etwas Geheimnisvolles und Unergründliches an sich. Und trotz ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten, Comăneci war immer noch ein Kind, was in Montreal zu einigen lustigen Anekdoten führte.
Vier Jahre nach den Bombenanschlägen bei den Spielen von München weigerte sich der aufmerksame Sicherheitsdienst einmal, sie in das olympische Dorf zu lassen. Die Security hielt sie für einen jungen Fan, der neugierig auf die Stars der Spiele war. Nadia trug keinen offiziellen Trainingsanzug, auch hatte sie ihre Akkreditierung vergessen und es bedurfte der Intervention des in Panik geratenen Leiters der rumänischen Delegation, um ihren Eintritt sicher zu stellen. "Glauben Sie mir, in ein paar Tagen werden Sie sie erkennen, wenn sie das Dorf betreten will", sagte er spitz zu den Wachleuten.

Wichtiger als Rumänien selbst

Andere Erlebnisse waren ein noch größerer Test für Comăneci. Wegen der großen Nachfrage sollte sie auf zahlreichen Pressekonferenzen erscheinen. Sie konnte ein paar Wörter Französisch, sprach aber kein Englisch und fand die Gruppe der Reporter verstörend. Diese Pflichttermine wurden zu einer Tortur für sie. Auf die Frage "Was ist dein größter Wunsch?", antwortete sie: "Nach Hause gehen." Die Öffentlichkeit war irritiert. Plötzlich erschien sie vielen jünger als ihre 14 Jahre.
Das Comăneci-Phänomen spielte sich auf den Titelseiten aller großen Magazine ab. "Sie ist perfekt", schrieb das „Time Magazine“. "Sie hat uns die Spiele geklaut", kommentierte "Sports Illustrated". "A Star is born", ergänzte "Newsweek". Erst am Flughafen, als sie Montreal wieder verließ, realisierte sie die weltweiten Schlagzeilen. All das war zu viel für sie. Aber der größte Schock erwartete sie bei ihrer Rückkehr nach Rumänien. "Es war beängstigend", gab sie in ihrer Biografie zu, "all die Jahre, in denen sich niemand darum kümmerte, was ich tat und auf einmal kamen alle, um mich zu drücken, an mir herum zu ziehen und mich zu berühren."
Die Regierung organisierte für sie in Bukarest eine offizielle Empfangszeremonie. Aus den Händen von Staatspräsident Nicolae Ceauşescu persönlich wurde sie als "Held der sozialistischen Arbeit" geehrt, der angesehensten Auszeichnung des Landes. Diese Szenen des Jubels und der vielfachen Auszeichnung würden in ihr das Gefühl hervorrufen, "wichtiger geworden zu sein als Rumänien selbst". Nadia wurde die ihr zuteilgewordene Ehre in der Folgezeit zunehmend zur Last.

Nadia Comaneci (rechts) und Theodora Ungareanu im Jahr 1974

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Ruhm und Rückschläge

Die Zeit nach Montreal wurde für Comăneci zunehmend schwieriger. Ihre Beziehung zu Károlyi wurde ab 1977 anstrengend. Ihr Trainer und Mentor traf mehr denn je auf einen pubertierenden Jugendlichen, der ernst genommen werden wollte. "Ich habe versucht, meine Flügel zu strecken und erwachsen zu werden", erklärte sie, "und wie jeder Teenager hatte ich den Wunsch und das Bedürfnis, selbst zu entscheiden. Ich sah Mädchen in meinem Alter, die sich verabredeten, ins Kino gingen, Autos fuhren. Ich wollte alle diese Dinge auch. Plötzlich gab es andere Ablenkungen und weil ich sechzehn war und ich wusste, dass meine Karriere eher früher als später enden würde, verlagerte sich mein Fokus und ich kam auch mal zu spät zum Training. Béla war das überhaupt nicht gewohnt, mich so trotzig zu sehen."
Ein Jahr nach den Spielen von Montreal gewann Nadia bei den Turn-Europameisterschaften in Prag dennoch erneut den Mehrkampf-Titel, dazu noch Gold am Stufenbarren. Aber die rumänische Delegation boykottierte mitten im Gerätefinale - aus Protest und auf Befehl der Regierung gegen die Punktzahl, die Comăneci beim Sprung erhalten hatte - den weiteren Wettbewerb. So verlief auch der Rest ihrer Karriere zwischen Ruhm und Rückschlägen. Nehmen wir zum Beispiel die Spiele in Moskau 1980.
Montreal schien Welten entfernt. Nadia war jetzt 18 Jahre alt, sie war um 15 cm gewachsen und hatte knapp zehn Kilogramm zugenommen. Die letzten zwei Jahre, nachdem sie von den Károlyis getrennt worden war, waren ein Albtraum für sie. Wegen ihrer angeblich ungarischen Abstammung war die Regierung auf einmal gegen eine weitere Zusammenarbeit mit den Károlyis, sodass Nadia gezwungen war, sich in Bukarest einer neuen Trainingsgruppe anzuschließen. Nadia kämpfte mit diesen Veränderungen und versank in Depressionen. Es gab sogar Gerüchte über einen Selbstmordversuch, den sie aber immer bestritten hat.
Sportlich war Rumänien nicht mehr unantastbar, trotz eines erneuten Europameistertitels im Jahr 1979 und Mannschaftsgold bei der Heim-WM im gleichen Jahr. Für ihr Land war das eine großartige Premiere, doch kurz vor den Olympischen Spielen 1980 in Moskau machte Ceauşescu einen Rückzieher und befahl Károlyi, Nadia erneut zu trainieren, um sie wieder an die Spitze zu führen.

In der Löwengrube

Die Moskauer Spiele begannen mit einem Drama. Die neue große Rivalin von Comăneci, Elena Mukhina, die Weltmeisterin von 1978, brach sich zwei Wochen vor Beginn der Spiele bei einem Trainingssprung den Hals. Folglich spielte sich der Titelkampf zwischen Comăneci und einer anderen sowjetischen Turnerin, Elena Davydova, ab. Das Schicksal um Gold im Mehrkampf sollte sich an ihrer letzten Übung am Schwebebalken entscheiden. Comăneci brauchte mindestens eine Wertung von 9,95, um den Sieg zu erringen.
Trotz einer leichten Verzögerung beim Abgang schien sie ihre Pflicht erfüllt zu haben. Die Richter aber brauchten sage und schreibe 28 Minuten, um ihr Urteil zu verkünden. Ihre niedrigere Punktzahl von 9,85 ergab sich durch die beiden Wertungen des sowjetischen und polnischen Richters, die ihr jeweils nur eine 9,8 gaben. Nadia musste mit der Silbermedaille vorlieb nehmen. Károlyi protestierte und verursachte einen Skandal. "Ich habe mich hingesetzt und Béla überall herumlaufen sehen", erinnert sich Comăneci. "Ich habe gehört, dass Béla in große Schwierigkeiten geriet, als er nach Rumänien zurückkehrte, weil er die Wertung der Richter anzweifelte. Er musste dem Zentralkomitee erklären, warum er unsere sowjetischen Freunde beleidigt hatte."
"Ich dachte, sie würden mich jetzt verhaften und wegbringen", erklärte Károlyi in "Die Turnerin und der Diktator". "Aber sie haben mich nicht abgeholt. Warum werde ich wohl nie erfahren. Wahrscheinlich waren wir einfach zu bekannt, um weggesperrt zu werden."
Aber tief in ihrem Inneren wusste Comăneci, dass sie ihre Goldmedaille zwei Tage zuvor während des Warmmachens verloren hatte, als sie - sehr ungewöhnlich für sie - am Stufenbarren gestürzt war. "Elena war einfach besser gewesen", gibt sie heute zu. "Ich habe einen Fehler gemacht; das verlorene Gold war allein meine Schuld. Trotzdem war ich von Rang vier auf Rang zwei nach oben gerutscht und das war sehr befriedigend. Ein Freund sagte mir später, dass die Zuschauer glaubten, dass wir betrogen worden wären, sie waren voller Hass auf die Russen. Aber ich hatte einfach meine Konzentration verloren."

Nadia Comaneci

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Bélas Flucht

Moskau war das letzte große sportliche Statement der Turnkönigin. 1981, mit gerade einmal 20 Jahren, fiel der letzte Vorhang von Comănecis großer Karriere. Im selben Jahr, während einer Galaveranstaltung in New York, beschloss Károlyi, nicht mehr nach Rumänien zurückzukehren. Da die Spannungen in der Heimat zunahmen, blieb er mit seiner Frau in den USA, ihre siebenjährige Tochter brachten sie vorübergehend bei Verwandten in Rumänien unter.
Auf der anderen Seite des Atlantiks setzte Károlyi seine Trainingsmethoden mit dem gleichen großen Erfolg fort: 1984 gewann die Amerikanerin Mary Lou Retton - unter Bélas Anleitung - bei den Spielen in Los Angeles die Goldmedaille im Mehrkampf. Retton war während der Spiele von Montreal 1976 acht Jahre alt, wie gebannt saß sie vor dem Fernseher, inspiriert von Comănecis Performance, wollte auch sie mit dem Turnen beginnen. Ein weiteres Beispiel für Nadias weltweite Ausstrahlung.
Als die Károlyis den Sprung über den Großen Teich wagten, hätte Nadia Comăneci ihnen folgen können. Als ihr Trainer sie darüber informierte, in den USA bleiben zu wollen, entschied sie sich trotz allem, nach Rumänien zurückzukehren. Das aber, was sie in ihrer Heimat erwartete, war die schwierigste Zeit ihres Lebens. Nach Károlyis Flucht stand sie nun unter ständiger Beobachtung, jede ihrer Entscheidungen und Handlungen wurde vom Regime misstrauisch hinterfragt, es konnte sich nicht leisten, jetzt auch noch seinen größten Star zu verlieren.
"Mein Leben hatte sich drastisch verändert, nachdem die Károlyis übergelaufen waren", sagt sie heute. "Ich durfte aus Rumänien nicht mehr ausreisen, weil die Regierung befürchtete, dass auch ich fliehen würde. Es gab niemanden, mit dem ich darüber sprechen konnte, wie ich mich fühlte. In Rumänien waren zu dieser Zeit zwei von drei Personen Informanten der Staatssicherheit. Man konnte nicht einmal mehr seinem eigenen Schatten trauen. Ich fühlte mich wie eine Gefangene - tatsächlich aber war ich immer eine gewesen. Mir war das Reisen verboten, ich hatte keine Liebesbeziehung und ich musste jeden Monat dafür kämpfen, genug zu essen zu haben. Eines Tages wurde mir klar, dass ich in einer Sackgasse gelandet war."
In ihrem Kopf keimte die Idee, das Land zu verlassen, so wie es Béla getan hatte. Neben der Fluchtgefahr und den logistischen Schwierigkeiten eines solchen Plans kam die Angst dazu, ihre Familie - ihre Eltern und ihren Bruder Adrian - zurückzulassen. 1989 war es dann endlich so weit, Nadja wagte den Sprung. "Wir bekamen mit, dass überall in Osteuropa die Zeichen auf Veränderung standen. Aber ich war immer noch hinter dem Eisernen Vorhang eingesperrt. Allein die Vorstellung meiner Flucht beflügelte mich und ich konnte mir plötzlich alles vorstellen. Meine Freiheit war zum Greifen nah, wenn ich bereit war, alles dafür zu riskieren. Aber war ich das?"

Was musste Nadia opfern?

Ihre Flucht Ende November 1989 ist Stoff für einen Abenteuerroman. Sie wurde von Constantin Panait organisiert, einem Rumänen, der in Comăneci verliebt war. Als stadtbekannter Kleinkrimineller würde Panait in die eigene Tasche arbeiten, sobald seine Mission erfüllt und er in den USA eingebürgert war. Mit der Flucht ließ Nadia ihre Familie und ihre olympischen Medaillen zurück, die ihr Bruder einst in eine Wand der familiären Wohnung eingemauert hatte, damit das Regime sie ihr nicht wegnehmen konnte.
Mit Panait und fünf anderen Flüchtenden marschierte sie sechs Stunden lang durch die Nacht, bis sie die ungarische Grenze erreichten, wo sie sich einer Gruppe anschlossen. Das Gelände war eisig und irgendwann erreichten sie einen zugefrorenen See. "Als wir auf das Eis traten, gab es unter unserem Gewicht nach und wir krachten in knietiefes Wasser. Es war höllisch kalt. Bitte, bitte, lieber Gott, dachte ich, lass es mich einfach auf die andere Seite schaffen, ohne dass der Fluss tiefer wird und das eisige Wasser mir bis über den Kopf geht."
Sie schafften es auf die andere Seite. Und nach weiteren sechs Stunden in einem bereitgestellten Auto erreichten sie Österreich, wo Nadia die amerikanische Botschaft in Wien aufsuchte. Am 1. Dezember 1989 traf Nadia Comăneci in New York ein, wo sie am Flughafen "JFK" eine Pressekonferenz gab. Endlich konnte ihr neues Leben - ein Leben in Freiheit - beginnen. Etwas mehr als sechs Jahre später würde Comăneci das erste Mal wieder - unter glücklicheren Umständen - in ihre Heimat zurückkehren - um im ehemaligen Präsidentenpalast in Bukarest ihren Lebensgefährten Bart Conner zu heiraten, das Fernsehen übertrug die Hochzeit live ins ganze Land.
Aber vor was genau floh Comăneci in diesen letzten Tagen der rumänischen Diktatur? Seit dreißig Jahren ist ihre filmreife Flucht Gegenstand von Spekulationen und Gerüchten. Ist sie vor dem Regime geflohen oder fürchtete sie, die sozialistische Staatsheldin, Repressalien von Ceauşescus Demokratie-bewegten Gegnern? Warum hat sie das Land so spät verlassen? Zu dem Zeitpunkt, als sie aus Rumänien floh, war die Berliner Mauer bereits drei Wochen zuvor gefallen. Die Tage des Conducătors, wie er sich gerne als "Führer" anreden ließ, waren gezählt. Tatsächlich wurden Ceauşescu und seine Frau Elena zu Weihnachten gestürzt und in einem Schauprozess verurteilt und im Innenhof des Gerichts hingerichtet.
"Es wird immer Diskussionen darüber geben, zu welchen Zeitpunkt sie sich dafür entschieden hat, das Land zu verlassen", sagt die rumänische Sportjournalistin Luminita Paul in "Die Turnerin und der Diktator". "Vor wem Sie Angst hatte, ob sie etwas wusste oder ob sie etwas ahnte, wir werden es nie genau erfahren…"

Nadia Comaneci bei ihrer Ankunft am Kennedy Airport in New York am 1. Dezember 1989.

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Comăneci & Ceauşescu

Für viele Landsleute war Nadia Comăneci vor dem Fall des Eisernen Vorhangs eine privilegierte Person mit engen Beziehungen zu Ceauşescu. In der 1980er Jahren gab es Gerüchte um die Olympiasiegerin, dass sie mit dem Sohn des Diktators, Nicusor, romantisch verbandelt war. Sie bestritt das immer und erwiderte darauf: "Ich lebte von 100 Dollar im Monat, es war nicht genug, um die Heizkosten zu bezahlen".
Gaby Geiculescu, eine ehemalige Teamkollegin aus der rumänischen Turn-Nationalmannschaft, glaubt nicht, dass Comăneci im Reichtum des Regimes schwimmen konnte: "Ich glaube nicht, dass das Land sie ganz anders behandelte als eine Fabrikarbeiterin. Bei Besuchen von internationalen Persönlichkeiten war sie regelmäßig eingeladen und wurde wie eine Spielfigur präsentiert, aber wie sehr kümmerten sie sich im Alltag um sie, wenn die Kameras wieder aus waren? Tatsächlich gefiel es Ceauşescu nicht, dass Nadia von der internationalen Presse so viel Aufmerksamkeit bekam."
Bis heute liegt ein Schleier des Zweifels über der wahren Geschichte der Nadia Comăneci. Das liegt auch daran, dass sie nie über diese Zeit sprechen wollte. Nicht aus Angst, sondern aus Stolz. Sie empfand es demütigend, sich ständig rechtfertigen zu müssen. "Ich denke bis heute, dass viele Rumänen sich immer noch falsche Vorstellungen machen, was ich alles zurückgelassen habe", verteidigt sie sich in ihrer Autobiografie. "Sie glauben, dass ich großen Reichtum, ein riesiges Zuhause, teure Autos, Schmuck und luxuriösen Komfort geopfert habe. Es ist mir persönlich unangenehm, Missverständnisse ständig korrigieren zu müssen. Ich habe einen ausgeprägten Stolz, der kann einem manchmal auch im Weg stehen."
Nadia Comăneci spricht nicht über ihre Vergangenheit und bewahrt ihre Geheimnisse. In ihrer Autobiografie schreibt sie: "Wissen sie, was man über Geschichten sagt? Es gibt immer drei Versionen - ihre, meine und die Wahrheit. Das hier ist meine." Eines aber ist sicher, von Oneşti bis in die USA, vom Kinder- bis zum Weltstar, von Bela Károlyi bis Bart Conner: Nadia Comănecis Geschichte ist keine Geschichte wie jede andere.
Geschrieben von Laurent Vergne, übersetzt von Thilo Komma-Pöllath

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