Eine nicht wiederholbare Karriere, die ihren Höhepunkt bei den Spielen in Peking 2008 erreichte. Der Amerikaner ging mit einem ganz bestimmten Plan nach China: Der Gewinn von acht Goldmedaillen, um den Uralt-Rekord seines Landsmanns Mark Spitz zu übertreffen. Am Ende hat es geklappt, aber es kam alles auf einen Vorsprung von 0,01 Sekunden an, die Winzigkeit eines halben Armzugs seiner gewaltigen Schmetterlingsflügel.
Michael Phelps konnte nie über Wasser gehen. Er verwandelte auch kein Wasser in Wein, er vermehrte keine Brote oder machte aus Blinden Sehende. Es heißt, seit dem Alten Testament gibt es keine Wunder mehr. Dennoch gelang es Phelps während seines Sportlerlebens im Wasser, zu völlig anderen Zeiten, eine Handvoll Wunder zu vollbringen, die ihm den Status eines Halbgottes einbrachten. Nach Maßstäben des 21. Jahrhunderts sollten wir ihn einfach danach beurteilen, was er geleistet hat - er ist der größte Olympionike aller Zeiten, vielleicht sogar der berühmteste Athlet in der Geschichte des Sports. Seinen Status kann man in Gold aufwiegen.
Die erstaunlichste Leistung gelang dem Schwimmer aus Baltimore an einem Augusttag auf der anderen Seite des Planeten. An jenem Morgen verwandelte Michael Phelps ein verloren geglaubtes Rennen in einen fantastischen Sieg, der ihn für immer in Erinnerung behalten lässt. Hätte Phelps jenes Rennen verloren, wäre er noch immer ein einzigartiger Champion. Er hätte mit einem anderen gleich gezogen, aber er hätte ihn nicht mehr übertroffen - gemeint ist Mark Spitz.
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Angesichts der Tatsache, dass Phelps nie wirklich einen Gegner auf Augenhöhe duldete, wäre das für ihn eine bittere Pille gewesen. Viele haben versucht, ihn vom Sockel zu stoßen, ihn zu schultern, wie man im Ringerdeutsch sagt, gelungen ist es keinem. Es gibt eine Redensart, die auf Phelps Größe passt und die Hilflosigkeit seiner Gegner: Wenn man auf den Schultern von Riesen steht, hat man für einen Moment einen klareren Blick, aber man weiß auch, man kann nicht für immer dort oben bleiben.

Die großen Olympia-Geschichten - Michael Phelps: Der fliegende Fisch

Cavic war schneller, aber nicht stärker

Milorad Cavic war einer der wenigen, die sich tapfer dem Biest aus Baltimore stellten. 1.98 Meter groß und 90 Kilo schwer, war der stramme Serbe weder der größte noch der talentierteste Gegner, dem Phelps während seiner herausragenden Karriere begegnete. Aber er wird für immer einen besonderen Platz im wichtigsten Rennen des Amerikaners auf dem Weg zu seinen acht Goldmedaillen einnehmen. Denn es war Cavic, der Phelps fantastische Suche nach olympischer Unsterblichkeit in der Pekings Water Cube Arena beinahe beendete. In der Winzigkeit einer Hundertstelsekunde musste sich das Schicksal zwischen beiden Männern entscheiden. Am 16. August 2008 war Cavic nach mehr als zwei Bahnen der Schnellste. Aber er war nicht der Stärkste.
Es gibt nicht viel, was ein Mensch in einer Hundertstelsekunde tun kann. Aber in diesem winzigen Zeitraum, 30 Mal schneller als ein Wimpernschlag, gelang es dem Wasseralchemisten Phelps eine Silbermedaille in Gold zu verwandeln. Mit einem nie zuvor gesehenen, zusätzlichen halben Armzug zog der Schwimmer aus Baltimore mit seinen Schmetterlingsflügeln gegen seinen Landsmann Spitz gleich, den siebenmaligen Olympiasieger von München 1972. Am darauffolgenden Tag würde Phelps seiner sportlichen Wiederauferstehung den letzten Schliff verleihen, mit der Hilfe seiner Staffelfreunde über die 4x100 m Freistil. Die einfache Teilnahme an Olympischen Spielen reichte Phelps aus, um acht Goldmedaillen zu gewinnen. Ein Weltrekord, der ihn bis heute von allen anderen Sportlern unterscheidet und abhebt.

Michael Phelps magischer Rekord: 8 Goldmedaillen in Peking 2008

Kaum zu glauben, dass nichts davon passiert wäre, hätte Mama Phelps nicht so viel Angst um das Wohlergehen ihres Sohnes gehabt. "Der einzige Grund, warum ich jemals ins Wasser bin, war, dass meine Mutter unbedingt wollte, dass ich schwimmen lernte. Meine Schwestern und ich haben uns prompt in den Sport verliebt, von da an waren wir ständig im Wasser", sagte der größte Olympionike der Welt Late Night-Talker Jimmy Fallon in einem Interview im Jahr 2016. Phelps hatte zwei ältere Schwestern, Whitney und Hilary. Auch Whitney war eine überaus talentierte Schwimmerin - bevor Michael berühmt wurde, ging es nur um sie. Mit nur 14 Jahren nahm sie an den Schwimm-Weltmeisterschaften in Rom teil, beim Schmetterlingsrennen über 200 Meter belegte sie den neunten Platz. Vor den Olympischen Spielen in Atlanta galt sie als eine der großen Medaillen-Hoffnungen der USA. Eine Rückenverletzung und eine Essstörung nahmen ihre jede Chance auf Edelmetall und beendeten ihre aufstrebende Karriere früh.

Sein Trainer war wie ein zweiter Vater

Als Whitney ihren Traum aufgab, war Michael noch ein Kind. Aber auch er hatte bereits erste eigenen Qualitäten im Pool gezeigt - unter der Leitung von Bob Bowman, der seine ganze Karriere über sein Trainer sein würde und wie ein zweiter Vater zu ihm war. Sein leiblicher Vater Fred hatte die Familie verlassen, als Michael gerade neun Jahre alt war.
Bob war für den jungen Mann eine feste Schulter zum Anlehnen. Beim Training verstand Bob keinen Spaß. Wenn er um zehn Bahnen bat, wollte er 10 - nicht neun. Bob erkannte in dem dürren, langen Kind, das im North Aquatic Baltimore Club herumsprang, einen zukünftigen Champion, den es zu formen galt. "Wenn Bob mich gebeten hatte, zur vollen Stunde in der Schwimmhalle zu sein, und ich kam eine Minute zu spät, hätte er umgehend an meiner Haustür geklopft, um mich zu fragen, was das soll. Wenn ich hinter seinem Rücken einen Teamkollegen nass spritzte, hatte er auch das gesehen. Manchmal glaubte ich, Bob hatte Augen am Hinterkopf, er konnte mir richtig Angst machen", gab Phelps in seiner Autobiografie Beneath the Surface zu – auf Deutsch: Unter der Oberfläche.

Michael Phelps und sein Trainer Bob Bowman

Fotocredit: Getty Images

Michael hatte zeitweise Angst vor Bob, aber er selbst hatte immer noch starke Probleme, sich unter zu ordnen, er tanzte regelmäßig aus der Reihe. In der sechsten Klasse wurde bei ihm eine sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, diagnostiziert. Seine Hyperaktivität wurde mit dem Medikament Ritalin behandelt, das er während der Woche einnehmen musste, um sich selbst kontrollieren zu können. Jeden Samstag kanalisierte er seine überschüssige Energie in den Sport. Baseball, Fußball, Lacrosse und natürlich Schwimmen. Aber Wasser hatte eine zusätzliche Qualität: Es beruhigte ihn. "Als ich gelernt hatte, wie man schnell schwimmt, fühlte ich mich frei. Im Pool konnte ich meine Gedanken auf einmal herunterpegeln. Im Wasser fühlte ich mich zum ersten Mal selbst unter Kontrolle."

Natürliche Perfektion

Aus dem Pool heraus war Phelps wieder das nervöse Kind, das an seinen Fehlern und Unvollkommenheiten verzweifelte. Es waren die gleichen Dinge, die seine Karriere und sein Leben als junger Erwachsener prägen würden. In der Schule gab sich Phelps äußerst selbstbewusst: Er stritt sich häufig mit seinen Klassenkameraden, die sich über seine langen Gliedmaßen und großen Ohren lustig machten. Auch wenn er sich in seinem Körper nicht ganz wohl fühlte, war er dennoch das perfekte Modell für das, was er werden sollte: ein Schwimmer wie keiner je vor ihm. Er wusste es noch nicht, aber Phelps besaß jenseits seiner naturgegebenen Motivation außergewöhnliche Voraussetzungen.
Phelps war 1,93 Meter groß und gebaut wie eine robuste Armbrust. Im Verhältnis zu seiner relativen Körpergröße war sein Oberkörper übergroß, fast länglich. Während sein Oberkörper dem eines Mannes mit einer Körpergröße von 2,03 m entsprach, waren seine Beine wiederum viel zu kurz. Dieses ungewöhnliche Verhältnis von Ober- zu Unterkörper verursachte einen geringeren Widerstand im Wasser. Seine Flügelspannweite von etwas mehr als zwei Metern war genauso wichtig wie seine gigantischen Hände, besonders an diesem Augustmorgen im Jahr 2008 als er neben Milorad Cavic auf dem Startblock stand. Hinzu kam die Auffälligkeit, dass er unter Belastung weniger Milchsäure als ein durchschnittlicher Schwimmer produzierte. Alles das zusammen genommen machte aus Phelps den Archetypus eines Menschenfisches. Michael, the man-fish!
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Beim Schwimmen, wie auch sonst im Spitzensport, reichen Natur und Talent nie aus, um ein großer Champion zu werden. Übung und harte Arbeit sind mindestens genauso wichtig. Und auch wenn der zukünftige Champion gelegentlich Probleme mit den schweißtreibenden und unbarmherzigen Prinzipien des Leistungssportes hatte, war Bob Bowman dafür verantwortlich, den Menschen Michael Phelps in eine Maschine zu verwandeln. An dem Tag, als der Coach Michaels Mutter seine Ambitionen für ihren Sohn offenbarte, antwortete sie besorgt: "Aber Bob, er ist doch erst 12 Jahre alt." Darauf antwortete Bob, der Trainer: "Ich weiß Debbie, aber 2008 wird er 23 Jahre alt sein…“ Bob dachte um viele Jahre voraus.

Der jüngste Weltrekordler aller Zeiten

Selbst wenn Bob Bowman gewusst haben sollte, dass sein noch namenloser Stern aufgehen würde, hätte er dennoch nicht geglaubt, dass es so schnell gehen würde. Phelps musste nicht bis 2008 warten, um die Welt zu seinen Füßen zu legen. Bowman hatte Phelps, als dieser elf Jahre alt war, gebeten, seine Ambitionen auf ein Blatt Papier zu schreiben. Phelps schrieb, dass er eines Tages an Olympischen Spielen teilnehmen wollte. Bowman war überzeugt, dass dies möglich war, wenn er alles dafür geben würde. Zu Beginn seiner Karriere trainierte Phelps zehnmal pro Woche. Er verbrachte Stunden um Stunden im Pool, einschließlich seiner gesamten Freizeit außerhalb der Schule.
Seine erste große Talentprüfung war die nationale Juniorenmeisterschaft 1999 in Orlando. Phelps erinnert sich daran, als wäre es gestern gewesen: "Im Alter von 13 Jahren habe ich die erste Kerbe meiner Karriere hinterlassen. Ich habe keines der Rennen gewonnen, aber ich bin dreimal unter die ersten vier gekommen. Ich bin die 200 Meter Schmetterling in 2:04 Minuten geschwommen, eine erstaunliche Verbesserung von zehn Sekunden gegenüber dem, was mir sechs Wochen zuvor im Training gelang. So gut zu schwimmen und keine Titel zu gewinnen, war trotzdem ein bisschen enttäuschend", gestand er in seiner Autobiografie. Bowman war glücklich mit dem, was sein Schützling gezeigt hatte. Bowman dachte weiter. Siegreiche Junioren waren selten auf dem nächsten Level siegreich: Olympia.
Bowman sollte Recht behalten. Ein Jahr später verwirklichte Phelps seinen olympischen Traum. In Sydney wurde der Junge aus Baltimore, der in einem Jahr zehn Zentimeter gewachsen war, der jüngste US-Schwimmer bei Olympia seit Ralph Flanagan im Jahr 1932. Phelps sollte die Spiele in Down Under ohne große Siegerfanfare wieder verlassen - sein bestes Resultat war ein fünfter Platz über 200 Meter Schmetterling - aber das sollte sich in Zukunft ändern.
Zu diesem Zeitpunkt wäre es noch einfach gewesen, die unzähligen Medaillen und internationalen Titel aufzuzählen, die Phelps von 2001 an nach seinem ersten Erfolg bei den Schwimm-Weltmeisterschaften im japanischen Fukuoka, gewinnen würde. Mit diesem spektakulären Sieg über 200-Meter Schmetterling ging das Phelps-Zeitalter los. Seine Zeit von 1,54:58 verbesserte einen Weltrekord, den er selbst seit März diesen Jahres gehalten hatte. Phelps war zum Zeitpunkt gerade 15 Jahre und neun Monate alt. Nie zuvor hatte es einen Weltrekordhalter gegeben, der so jung war wie er.

So viele Medaillen wie Indien

Von diesem ersten Erfolg in Japan bis zu seinem endgültigen Rücktritt im Jahr 2016 umfasst Phelps' Ausbeute 33 WM-Medaillen (einschließlich 26 Goldmedaillen) und unglaubliche 28 olympische Medaillen (23 Gold-, drei Silber- und zwei Bronzemedaillen). In der Historie der Spiele kommt niemand auch nur annähernd in seine Nähe. Die sowjetische Turnerin Larissa Latynina belegt mit ihren 18 Medaillen mit Abstand einen zweiten Platz. Selbst wenn wir zurückgehen zu Leonidas von Rhodos, der zwischen 164 und 152 v. Chr. in zwölf Einzelwettbewerben zum Olympiasieger gekrönt wurde, wurden auch die Olympiasieger der Antike von Phelps 13-fachem olympischen Einzelgold übertroffen.
Wäre Phelps ein Land, wäre er in der ewigen Medaillentabelle aller Sommerspiele gleichauf mit Kolumbien, der Slowakei und Indien. Der Amerikaner kommt mit seiner Medaillensammlung auf 2,2 Prozent aller Olympiasiege, die die Vereinigten Staaten seit Beginn der modernen Ära im Jahr 1896 jemals gewonnen haben. Viermal in Folge, von Athen nach Rio, über Peking nach London, war er der erfolgreichste Athlet der Spiele. "Ich erinnere mich, wie ich mit 15 oder 16 bei meinem Agenten saß und sagte: ‚Ich möchte etwas erreichen, was noch keinem im Sport gelungen ist‘", so Phelps kürzlich im Podcast des amerikanischen Life-Coach‘ Tony Robbins. "Ich wollte es anders machen. Ich wollte nicht der zweite Mark Spitz sein. Ich wollte der erste Michael Phelps sein."
Seine erste Chance, es anders zu machen, bot sich ihm 2004 in Athen, wo er sechs Goldmedaillen und auch zweimal Bronze gewann (im 200 m Freistil-Rennen und in der 4x100 m-Freistil-Staffel). Niemand ist perfekt, nicht zuletzt ein 19-jähriger Rookie. Auch wenn dies die zweitbeste Medaillenausbeute für einen einzelnen Schwimmer bei den Spielen war, lag er weiter hinter Spitz und seinem legendären Schnurrbart, dessen Rekord noch immer galt. Dann kam Peking. Speedo, Phelps Hauptsponsor, sorgte für eine zusätzliche Würze in der sportlichen Konstellation. Der Sponsor versprach Phelps einen Bonus von einer Million US-Dollar, sollte er Spitz’ Rekord einstellen oder übertreffen.

Zum Mond oder zum Mars?

In Griechenland gewann Phelps die 100 Meter-Schmetterling mit nur vier Hundertstelsekunden Vorsprung und besiegte damit seinen amerikanischen Teamkollegen, internen Rivalen und Weltrekordhalter Ian Crocker. In Peking wollte er es noch besser machen als in Athen. Aber sieben Medaillen wären in seinen Worten "wie der zweite Mann auf dem Mond". Und acht, "der erste Mann auf dem Mars". Danach wählte Phelps seinen Planeten: einen, auf den noch kein Mensch je zuvor einen Schritt gesetzt hat.
Als der Amerikaner in China landete, hielt er sieben Weltmeistertitel aus dem Sommer zuvor in Melbourne. Genauer waren es sieben Siege mit sechs Weltrekorden. Er würde die gleichen sieben Rennen in Peking schwimmen, wobei Rennen Nummer acht, die 4x100 m Lagen-Staffel, das letzte Puzzlestück war. Die Auswahl der Rennen war ein bewährtes Erfolgsrezept für Phelps - er musste es jetzt nur noch auf der größten Bühne der Welt durchziehen.
Seine Finals waren ungewöhnlich früh angesetzt, weil NBC, der amerikanische Rechteinhaber und Broadcaster der Olympischen Spiele, einen Prime-Time-Slot für zu Hause haben wollte. Der Fernsehsender hatte sowohl das IOC als auch Phelps selbst um Erlaubnis gebeten. Bowmans Schützling begann seine Challenge mit einer pulsierenden Leistung über 400 m-Freistil und gewann mit neuem Weltrekord. In einem spannenden 4x100 m Freistil-Finale glückte ihm zusammen mit seinen Jungs der zweite Sieg - nach einem grandiosen Comeback von Kollege Jason Lezak. Am Ende reichte den Amerikanern gegen Frankreich ein Vorsprung von acht Hundertstelsekunden.

Michael Phelps - der Mann mit den goldenen Flügeln

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Das am Ende schwächelnde französische Quartett hatte die Medaillenhoffnungen Phelps am Leben gehalten. Lezak ging nach dem letzten Wechsel mit mehr als eine halben Körperlänge hinter Alain Bernard ins Wasser und schwamm die schnellsten 100 Meter Kraul in der Staffelgeschichte (46.06), um den Franzosen noch einzuholen, der zuvor herumposaunt hatte, dass sein Team "die Amerikaner zerschlagen würde". Sportlich half Phelps ein einbrechender Bernard, der später noch die 100 m-Freistil gewinnen konnte. Nach den Schmetterlingen, die Phelps in seinem Bauch gehabt haben muss, angesichts der letzten spannenden Staffelbahn, sollten die nächsten Rennen deutlich entspannter werden:
200 m Freistil: Goldmedaille, Weltrekord. Der Amerikaner war nach Paavo Nurmi, Larissa Latynina, Carl Lewis und Mark Spitz nun der fünfte Athlet der Neuzeit, der neun olympische Goldmedaillen um den Hals hängen hatte.
200 m Schmetterling: Gold, Weltrekord. Trotz einiger Probleme mit seiner Brille während des Rennens.
4 x 200 m Freistil-Staffel: Gold, Weltrekord.
200 m Lagen: Gold, Weltrekord.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Phelps in Peking sechs Goldmedaillen in der Tasche und ebenso viele Weltrekorde. Es waren nur noch zwei Stufen zu erklimmen - und die nächste erwies sich als die steilste.

Milo gegen Michael

Als es soweit war, hatte Phelps über seine verschiedenen Vorläufe, Halbfinals und Finalläufe bereits 3.100 m und 15 Rennen auf dem Zähler. Und das unermüdliche Ross spürte allmählich die Brechstange von Bob Bowman. Auch wenn es sonst niemand wusste, Bob wusste es. "Ich bin fertig, ich habe keine Energie mehr. Ich kann nicht mehr", sagte Phelps erschöpft, nachdem er sein Halbfinale über 100 Meter-Freistil in 50:97 gewonnen hatte. Phelps erinnert sich an die Reaktion seines Trainers: "Um es klar zu sagen, [Bowman] sagte 'Tough shit. Du hast noch ein paar Rennen vor dir, und du kannst jetzt nicht schlappmachen.'"
Die Qualifikationszeit von Phelps war die zweitschnellste aller Finalisten, im anderen Halbfinale gab es einen gewissen Milorad Cavic, der noch schneller war - um fünf Hundertstelsekunden. Am Tag zuvor war der Serbe olympischen Rekord über die Distanz (50:76) geschwommen. Cavic war eindeutig frischer als Phelps. Er war nach Peking gereist, um an zwei Wettkämpfen teilzunehmen - die 100 m-Freistil und die 100 m-Schmetterling. Er kannte sein Niveau und seine Grenzen und trat zum Halbfinale über die 100-m-Freistil nicht mehr an. Cavic wusste, wenn er eine Chance auf eine olympische Medaille haben würde, dann in der Schmetterlingsdisziplin. Er hatte seine Ziele hoch gesetzt, er wollte eine Medaille.
Vor China hatte Cavic seine Ansprüche deutlich formuliert. "Ich möchte auf jeden Fall um Gold mitschwimmen", sagte er in einem Videointerview mit Swim Network im Juni, zwei Monate vor dem Showdown mit Phelps in Peking. "So sehr die Welt entertained werden möchte, dass Michael Phelps seine acht Goldmedaillen bekommen soll, möchte ich ihm dabei im Weg stehen. Ich hoffe, ich kann den Drachen erlegen. Jeder denkt, dass er unschlagbar ist, ich glaube aber, dass ich eine echte Chance haben werde."

Milorad Cavic

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Wer genau war dieser Cavic, der es wagte, den großen Michael Phelps so direkt herauszufordern? Milorad Cavic war Serbe, aber er kam aus dem Westen - genauer gesagt aus dem amerikanischen Westen. Seine Eltern, Dujko und Lili, hatten Jugoslawien auf der Suche nach einem besseren Leben Richtung Vereinigte Staaten verlassen. Sie ließen sich in der kalifornischen Stadt Anaheim nieder, einen Steinwurf von Los Angeles entfernt. Hier wurde Milorad, besser bekannt als Mike oder Milo, geboren, hier wuchs er auch auf. "Hier draußen am Pazifik bringen sie vielen Kindern das Schwimmen bei, indem sie sie einfach ins Wasser werfen und dann schauen sie, was passiert", erzählte Cavic einmal über die Erziehungsmethoden seines heimwehkranken Vaters in einem Interview mit dem Swimming World Magazine. "Eine meiner frühesten Erinnerungen war, dass mein Vater mich unter Wasser hielt. Das klingt ziemlich intensiv, und es war auch sehr intensiv, aber Jahre später wusste ich, dass sein Ziel nicht darin bestand, mich zu ertränken, sondern dass er mich damit lehrte zu kämpfen."
Nachdem er gelernt hatte, wie es geht, zeigte der kleine Milo im Pool vielversprechende Ergebnisse und sorgte an der Tustin High School bald für Furore. Cavic besaß die amerikanische und serbische Staatsbürgerschaft und beschloss, unter der Flagge seiner Vorfahren zu schwimmen. Wie Phelps träumte auch er von den Olympischen Spielen. Und wie Phelps konnte er das erste Mal im Jahr 2000 in Sydney daran schnuppern. Als 16-Jähriger erreichte er kein Finale. Und vier Jahre später in Athen? Immer noch kein Erfolg. Aber in Griechenland gab es erste ermutigende Anzeichen. Im Halbfinale des 100-Meter-Schmetterlings lag er vorne, als sich sein Anzug am Hals öffnete und Wasser ansaugte. Cavic wurde schließlich letzter.
Und so machte Cavic das erste Mal 2008 eine große Welle im Schwimmbecken. Bei der Europameisterschaft in Eindhoven knackte er seinen ersten Medaillen-Jackpot über 50 Meter-Schmetterling. Sein erster großer internationaler Erfolg gelang ihm im neuen Europarekord von 23:11 Sekunden. Aber er konnte den Sieg nicht lange genießen. Cavic machte den Fehler, Sport und Politik zu vermischen und befand sich umgehend im Zentrum einer Kontroverse. Während der Medaillenzeremonie trug der Serbe auf der höchsten Stufe des Podiums ein rotes T-Shirt mit der kyrillischen Aufschrift: "Kosovo ist Serbien". Das Kosovo hatte gerade seine Unabhängigkeit angekündigt, Cavic wurde in Ungnade von der Europameisterschaft nach Hause geschickt. "Ich habe es nicht getan, um Ärger zu provozieren. Ich habe es nicht getan, um Gewalt zu provozieren", sagte er nach der Entscheidung gegenüber der Nachrichtenagentur Associated Press.

"Gut für den Sport, wenn Phelps verlieren würde"

Cavic war keine Mimose, er hatte keine Angst zu sagen, was er dachte. Er hatte auch keine Angst vor Phelps. Auch am Vorabend des 100 Meter-Schmetterlingsfinales in Peking verzichtete er auf jede allzu große Vorsicht. "Ich denke, es wäre gut für den Sport und gut für ihn [wenn Phelps verliert]. Ich respektiere ihn, aber so hart es auch scheinen mag, er ist ein Mensch. Es wäre schön, wenn Historiker einmal davon erzählen, dass Michael Phelps sieben Goldmedaillen gewann und die achte gegen irgendeinen gewöhnlichen Typen verlor. Ich wäre gerne dieser Typ."
Der Serbe glaubte wirklich, dass er es schaffen konnte. Und er war nicht der Einzige. Am Tag vor dem Finale stieg Aaron Peirsol, der US-Schwimmer, den Cavic schon lange kannte, mit seiner Silbermedaille über 200 m-Rücken vom Siegerpodest herunter. "Ich sehe ihn und gratuliere ihm", erinnert sich Cavic in einem Dokumentarfilm und erzählt ihm von seinem Duell mit Phelps. "Ich möchte seine Medaille berühren. Er zieht sie weg und sagt: 'Nein, Mann. Du denkst, es ist cool, aber ich werde sie dich nicht berühren lassen. Du schwimmst um Gold gegen einen von uns.'"
Bowman, der Phelps besser kannte als jeder andere, sah, dass sein Schwimmer unter dem Druck zu schwächeln begann und die Vollendung seines Plans, die nur vergleichbar schien, mit den 12 Herkulesaufgaben mit der Säuberung der Augias-Ställe, ins Wanken geriet. Um Phelps wieder neu zu motivieren, beschloss er, ihm Cavics Kommentare vorzulesen. Bingo! "Wenn Leute solche Sachen über mich sagen, macht es mich nur wütend. Es war wie bei der Freistil-Staffel. Einer der französischen Schwimmer sagte etwas, das uns erst ins Rollen brachte. Wir benutzen Kommentare wie diese, um uns aufzuputschen. Dafür sind wir Amerikaner bekannt. Wir nutzen solche Gelegenheiten zum Gegenschlag", gab Phelps einige Monate später gegenüber Sports Illustrated zu. "Als Bob mir das zum ersten Mal zeigte, sagte ich: 'Okay, wir lassen meine Zeit im Becken sprechen'. Ich bin für solche Kommentare dankbar. Das motiviert mich definitiv."
Ausreichend motiviert wartete Phelps am nächsten Morgen um 10:10 Uhr Pekinger Zeit auf dem Startblock der Bahn 5 auf den Dreikampf mit seinen Kontrahenten. Rechts neben ihm auf Bahn 4, Cavic, und auf der linken Seite direkt neben ihm auf der 6, Ian Crocker, der Weltrekordhalter. Es war der perfekte Rahmen für den Kugelfisch aus Baltimore oder wie die US-Zeitungen Phelps nannten: "Baltimore Bullet".

Milorad Cavic und Michael Phelps bei der WM 2009

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Cavic allein auf der Welt

Um sein Ziel zu erreichen, wusste Phelps eines: Er darf auf den ersten fünfzig Metern nicht zu viel Zeit verlieren. Cavic, der als exzellenter Starter bekannt war, war sich dessen auch bewusst: "Ich wusste, dass ich auf den ersten 50 Metern schnell bin und ich wusste, dass ich nach der erste Bahn führen würde. Ich wusste aber auch, dass Michael auf der zweiten Bahn aufkommen und mich bis zum Ende jagen würde."
Wie erwartet startete Cavic stark. Nach 23,42 Sekunden wendete er neun Hundertstelsekunden schneller als beim Weltrekord. Nach einem verschlafenen Start lag Phelps sehr weit zurück. Auch zu weit? Es schien so. Nach der Hälfte der Strecke wendete der Titelverteidiger in 24,04 als Siebter. Auch Crocker auf dem zweiten Platz lag drei Zehntelsekunden deutlich hinter Cavic. Der Serbe ging aufs Ganze.
Phelps schien distanziert. Aber ein Hai gibt seine Beute niemals auf. Er hatte immer noch die Kontrolle über das Rennen. "Ich wusste, dass der Rückstand bei der Wende maximal eine halbe Körperlänge betragen durfte. Ich bin so oft gegen Crocker geschwommen, er hat seinen Speed vor allem auf der ersten Bahn. Ich wusste, mit nur einer halben Körperlänge hätte ich noch alle Chancen. Als ich Crocker an der Wende sah, wusste ich, dass Cavic irgendwo in seiner Nähe sein würde. Ich konnte ihn irgendwie aus dem Augenwinkel heraus erspähen." Wie immer hatte Phelps alles geplant. Sagen wir, fast alles. Er hatte sich wohl kaum vorstellen können, dass Cavic an diesem Morgen regelrecht übers Wasser fliegen würde.
Im US-Fernsehen war Rowdy Gaines, ein ehemaliger Olympiasieger und Phelps-Berater, im Live-Kommentar kurz davor, die Niederlage seines Schützlings einzugestehen. Bestenfalls glaubte er noch an eine Silbermedaille für Phelps. Und dann geschah das Wunder, obwohl Phelps nicht an Wunder glaubt, sondern nur an sich selbst. Bildlich gesprochen biss er sich bis zum finalen Anschlag an Cavics Badehose fest und holte Zentimeter für Zentimeter, Hundertstel für Hundertstel auf. "Ich wusste, dass [Cavic] die letzten 15 Meter immer zu kämpfen hatte. Das war meine Chance", erinnert der sich. Und Phelps packte sie mit beiden Händen.
An dem Tag, als Phelps sich endgültig aus dem Sport zurückzog, erinnerte sich sein Trainer Bob an ein Detail, das seinen Schwimmer außergewöhnlich machte. Neben der mechanischen Präzision seiner körperlichen Biologie besaß Phelps, laut Bowman, "die emotionale Fähigkeit, sich besonders in große Rennen reinsteigern und unter Druck bessere Leistungen erbringen zu können". Er konnte schwimmen, daran bestand kein Zweifel, und er konnte glasklare Entscheidungen treffen. Aber er konnte diese beiden Dinge auch gleichzeitig unter allergrößten Stressbedingungen tun, etwas, was die allerwenigsten Menschen beherrschen.

Alles andere als ein Lehrbuchfinale

An diesem Augustmorgen gelang es Phelps, seine Finger an die Zeiger der Stoppuhr zu bekommen. Als Cavic seine langen Extremitäten streckte für den finalen Anschlag am Beckenrand, der ein berühmtes Kapitel in der Geschichte Serbiens schreiben würde - Serbien hatte bei den Spielen in Peking noch keine Medaillen gewonnen -, weigerte sich Phelps, seine Waffen zu strecken und beschloss, einfach weiter zu schwimmen. Im Gegensatz zu Cavic würde er nicht Richtung Rand gleiten, stattdessen holte er ein letztes Mal mit seinen Schmetterlingsflügeln aus und nahm einen letzten Armzug. Es war entweder ein Meisterstück oder eine selbstmörderische Idee - vielleicht auch ein bisschen von beidem. Aber Phelps entschied sich für diesen letzten Kniff, wohl wissend, dass es ihn Gold und Gesundheit kosten könnte.
"Er war hinter mir", erinnert sich Cavic. "Er wusste, dass er hinter mir war, und er wusste, dass er das lange Finish verlieren würde. Seine einzige Möglichkeit war also, einen weiteren Armzug auszuführen und einen halben Schlag daraus zu machen. Das steht in keinem Lehrbuch, kein Schwimmtrainer der Welt wird das jemals von seinen Schützlingen fordern." Es wäre dem Serben nie in den Sinn gekommen, es genauso zu machen. Er war voraus, der Pool war zu Ende, es wären nicht seine Hände gewesen, die auf die Beckenwand prallten, sondern sein Gesicht - und das frontal.
Cavic streckte seine Hände nach dem sicher geglaubten Gold aus und berührte die Kachelwand. Zur exakt gleichen Zeit wie Phelps. Es war unmöglich zu sagen, wer das Rennen gewonnen hatte - auch wenn der erste Eindruck auf Cavic hinauslief. "Mit bloßem Auge hat er das Rennen gewonnen", gab Phelps viel später in einer Dokumentation zu. "Der Sauerstoffmangel in deinem Körper und in deinem Kopf lässt die Dinge vor deinen Augen stark verschwimmen", sagt Cavic in dem Film. "Es dauert ein paar Momente, bis alles klarer wird. Erschöpft wende ich meinen Kopf zur Anzeigetafel. Es dauert ein wenig, bis ich verstehe, was ich da lese. Ich habe meinen Namen gesehen und daneben eine ‚2‘. Ich denke, Michael hat wirklich Glück gehabt."

Phelps gegen Cavic: 100 Meter Schmetterling von Peking 2008

Auch Phelps dachte, er hätte verloren - bis er die "1" neben seinem Namen sah. Phelps war bei 50,58 Sekunden gestoppt worden, Cavic bei 50,59. Gary Hall Jr., zehnfacher Medaillengewinner bei Olympia und Trainingspartner von Cavic, war davon nicht überzeugt. Wie er der New York Times sagte: "Er [Phelps] beendete das Rennen mit gebeugten Armen, und sie sollten im Ziel vollständig ausgestreckt sein, so wie bei Mike Cavic. Michael Phelps kann heute Abend ins Bett gehen und sich sehr glücklich schätzen mit Gold Nr. 7 um seinem Hals."
Noch im Becken, noch bevor er seinen Kopf auf das Kissen legte, das dem großen Mark Spitz ebenbürtig war, brüllte Michael Phelps seine Freude heraus, prügelte mit beiden Händen auf die Wasseroberfläche ein, sodass das Nass hoch in die Luft spritzte. Sobald er aus dem Wasser war, unterschied sich seine Analyse von der von Gary Hall grundsätzlich. "Er [Cavic] kommt hoch und versucht seinen Kopf anzuheben, bevor er die Wand berührt. Dadurch verliert er etwas an Aerodynamik. [Mein Kopf] ist in einer geraden Strömungslinie. Das ist der Unterschied im Rennen. Wenn sein Kopf unten ist, gewinnt er." Für den großen Mark Spitz war es keinesfalls ein derart "episches Rennen“, wie Phelps es nannte. Er betonte aber auch, dass Phelps "der größte Schwimmer der Welt“ sei - "mit oder ohne diese Medaille".

Wer hat an der Uhr gedreht?

Der Unterschied zwischen den beiden war der kleinstmögliche offizielle Spielraum: Eine Hundertstel. An das ikonische Fotofinish erinnert heute ein gerahmtes Bild in Phelps 'Büro, doch viele Menschen haben am korrekten Ausgang bei heute ihre Zweifel. Unabhängig davon, wie oft sie die TV-Bilder sehen, bleibt das vorherrschende Gefühl: Milorad Cavic schien zuerst die Wand zu berühren. Die serbische Delegation war davon von Anfang an überzeugt. Sobald das Ergebnis bekannt gegeben wurde, reichte Serbien einen Protest bei der FINA ein, dem Schwimmweltverband.
Gründe, das offizielle Ergebnis anzuzweifeln, gab es durchaus. Omega, der offizielle Zeitnehmer der Pekinger Spiele, war auch persönlicher Sponsor von… Michael Phelps. Die Öffentlichkeit zählte zwei und zwei zusammen. Darüber hinaus hat die FINA sehr wenig unternommen, um den Verdacht auszuräumen. Als die FINA ihre Entscheidung bekannt gab und den Protest abschmetterte, hielt sie es für angebracht, die Bilder des Fotofinishs zurückzuhalten. Aus welchem ​​Grund? "Wir werden kein Filmmaterial verbreiten. Alles ist gut. Was werden sie mit dem Filmmaterial machen? Sehen Sie, was die Serben darin gesehen haben? Für uns ist der Fall zweifelsfrei geklärt", reagierte Cornel Marculescu, Geschäftsführer der FINA, äußerst ungeschickt.

Phelps gegen Cavic - ein denkwürdiges Finish

Fotocredit: Getty Images

Weniger als zwei Stunden nach Phelps historischem Touch am Beckenrand entschied sich die FINA für den Amerikaner. Dank diverser Digitalkameras, die über der Wasserlinie montiert waren und die in der Lage waren, eine Sekunde in zweitausend Bilder zu zerlegen, räumten die Serben schließlich ein, dass ihr Mann von dem Amerikaner besiegt worden war. Phelps wurde insgesamt zum 15. Mal und zum siebten Mal bei diesen Spielen ordnungsgemäß zum Olympiasieger gekürt und egalisierte damit Spitz' 36-jährigen Rekord. Das achte Gold sollte am nächsten Tag folgen.
Später stellte sich heraus, dass Cavic nicht deshalb verlor, weil er als zweiter die Beckenwand berührte, sondern weil er die auf einer Platte befestigten Sensoren der Zeitnahme nicht fest genug gedrückt hatte. Ein Druck von drei Kilo pro Quadratzentimeter war erforderlich, um die Uhr anzuhalten. Während also Cavic zuerst aber viel zu leicht die Wand berührte, traf Phelps, der wie ein Torpedo von hinten angerast kam, das Ziel einfach mit deutlich mehr Kraft.

Die Niederlage als größter Moment seines Lebens

So unvorstellbar es auch klingen mag, Cavic akzeptierte diese grausame Wendung des Schicksals auf sehr ruhige und stoische Art. Er hoffte, dass die Leute den Protest vergessen und sich stattdessen auf das Rennen selbst konzentrieren würden. "Ich bin begeistert von dem, was passiert ist. Ich bin sehr, sehr glücklich. Ich möchte nicht dagegen ankämpfen. Es ist schwer zu verlieren, aber man muss verstehen, dass ich mit dem Ziel angetreten bin, eine Bronzemedaille zu gewinnen. Ich bin die beste Zeit meines Lebens geschwommen, ich habe Silber gewonnen und beinahe Gold bekommen. Es war eine große Ehre, mich mit Michael Phelps zu messen, dass ich der Mann sein kann, auf den sich jetzt alle Augen richten, weil er in der Lage schien, Phelps zu besiegen. Es ist schade, dass wir nicht beide bei 50,58 Sekunden angeschlagen haben. Ich hätte mir die Goldmedaille gerne mit ihm geteilt."
In seinem Blog fügte er später hinzu: "Leute, dies ist der größte Moment meines Lebens. Lasst es uns akzeptieren und in die Zukunft schauen. Ich habe die Niederlage angenommen, es ist nichts falsch daran, gegen den größten Schwimmer zu verlieren, den es je gab“. Berichten zufolge schlief Cavic mehrere Nächte lang mit seiner Silbermedaille um den Hals. Am Jahresende wurde er in Serbien zum Sportler des Jahres 2008 gewählt.
Cavic ist nie Olympiasieger geworden. Dieses Silber war seine erste und einzige olympische Medaille in vier Spielen. Ehe er zurücktrat, wurde er 2009 bei der Schwimm-WM in Rom Weltmeister über 50 Meter-Schmetterling. Über 100 Meter-Schmetterling wurde er Zweiter hinter… Michael Phelps. Auch dieses Rennen war etwas Besonderes, ein Rennen, in dem gleich zwei Schwimmer das erste Mal überhaupt die 100 Meter Schmetterling unter 50 Sekunden absolvierten. Phelps in 49, 82, Cavic in 49, 95 Sekunden. Der Weltrekord, den Cavic erst zwei Tage zuvor aufgestellt hatte, ging nun wieder an Phelps zurück, der nie sehr gut darin war, etwas auszuleihen, was er rechtmäßig als sein Eigentum ansah.
Als sich der Wirbel um das umstrittene Finish in Peking gelegt hatte, sagte Cavic, er sei stolz auf das Rennen, das ihn sportlich um ein Haar unsterblich gemacht hätte. Nach der langen Zeit wolle er seine Medaille auch nicht mehr gegen Gold eintauschen, er habe niemals irgendeine Bitterkeit gegenüber Phelps gefühlt. Ganz im Gegenteil. "Er hat mir nichts gestohlen. Die Leute verstehen nicht, dass es so, wie es war, gut für mich war", erklärte er der französischen Sportzeitung L'Equipe im Jahr 2009. "Am Morgen des Rennens war ich ein Niemand. Niemand hätte auf mich gewettet. Und dann bin ich aus dem Schatten herausgetreten. Es war, als wäre ich immer mit einem Zastava Yugo gefahren und plötzlich fand ich mich hinter dem Steuer eines BMW wider."
Auf dem Weg zum Mars ist eine deutsche Limousine gegen eine amerikanische Rakete nur die zweitbeste Wahl. Vermutlich ist das Rennen gerade deshalb so unvergesslich geblieben.

Der Podcast zur Story: Das Duell Phelps gegen Cavic

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