Olympia 2021: Simone Biles und der Abbruch - warum die Geschichte eine Warnung ist

Simone Biles ist bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio beim Mannschaftswettbewerb vorzeitig ausgestiegen. Für Eurosport-Blogger Sigi Heinrich ist der Fall der 24-jährigen US-Amerikanerin ein weiteres Beispiel dafür, dass Superstars immer häufiger mit Druck und Depressionen zu kämpfen haben. Die psychologische Betreuung für Leistungssportler ist daher schon zu Beginn der Karriere enorm wichtig.

Heinrich-Blog: Simone Biles steigt in Tokio beim Mannschaftswettbewerb vorzeitig aus

Fotocredit: Getty Images

Eine Drehung um die Körperlängsachse beim Sprung zu wenig. Nur Schwierigkeitsgrad 5,00 statt 5,80.
Unterirdisch für einen Superstar wie Simone Biles. Normalerweise holt sie die Sterne vom Himmel, wenn sie an die Turngeräte geht.
Mit kurzen Trippelschritten stapfte sie von der Matte. Die Landung zuvor war ebenfalls misslungen und nur durch einen großen Ausfallschritt konnte sie einen Sturz verhindern.
Dabei war der Sprung für ihre Verhältnisse ein simpler, der so allerdings wohl nicht gewollt war. Sie wollte mehr. Sie wollte alles. Sie wollte sechs Goldmedaillen bei diesen Olympischen Spielen in Tokio gewinnen.

Simone Biles erlebt sportlich bitterste Stunde

Biles wurde als Superstar schlechthin in Japan vorgestellt und ist jetzt nur noch ein Häufchen Elend.
Sie sah sich nach ihrem Missgeschick dann nicht einmal mehr in der Lage, ihren Kolleginnen beim Kampf um Mannschaftsgold zu helfen. Sie ging noch von Gerät zu Gerät mit und musste tatenlos mit ansehen, wie das US-Team letztlich klar der Vertretung des Russischen Olympischen Komitees (ROC) unterlag.
Es war die bitterste Stunde im Leben der Kunstturnerin Biles, die schon im Vorfeld für Furore gesorgt hatte, weil sie gleich reihenweise neue, schier unvorstellbar schwere Übungsteile erfand.
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Simone Biles bei Olympia in Tokio

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Vor allem der Doppelsalto rückwärts am Boden mit drei Schrauben, mittlerweile "Biles" genannt, faszinierte die Turnwelt.
Nicht einmal ausgewiesene Experten hatten so etwas für möglich gehalten.

Simone Biles empfindet keine Freude mehr am Turnen

In der Qualifikation für den Mannschaftswettkampf hatte Biles ihre Neuschöpfung noch perfekt präsentiert, musste dann aber nach einem anderen Salto die Bodenfläche verlassen.
Sie wurde dabei förmlich hinauskatapultiert, abgeworfen wie von einem wild gewordenen Gaul und landete zwei Meter neben dem Teppich.
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Seltener Patzer: Biles fliegt in der Quali von der Matte

Quelle: Eurosport

Vielleicht war dieser Fehler, der mit einem Abzug von 0,3 Punkten bestraft wurde, bereits das erste Signal einer mentalen Blockade, die immer größere Ausmaße annahm bis hin zum Blackout beim Sprung im Finale für das Team.
Biles wird auch den Mehrkampf, in dem sie als klare Favoritin galt, nicht bestreiten. Wobei sie bekannt gab, nicht verletzt zu sein. Nicht äußerlich. Es sind keine Tapes, keine Verbände zu sehen. Biles hat offensichtlich dem Druck, den sie sich auch selbst auferlegt hat, nicht standgehalten.
Sie empfinde plötzlich keine Freude mehr am Turnen, sagte sie. Das klingt nicht nur dramatisch, das ist es auch. Jetzt will sie von Tag zu Tag entscheiden, wie es weitergeht, denn die Gerätefinals stehen in der nächsten Woche noch an.

Sexueller Missbrauch: Biles zeigt Mut und sagt aus

Aber es ist abzusehen, dass wir Biles als Kunstturnerin nicht mehr oft sehen werden. Wenn überhaupt noch mal.
Vielleicht haben diese Olympischen Spiele bei Biles auch die Vorkommnisse der Vergangenheit noch einmal derart offengelegt, dass der Körper nicht mehr funktionierte, weil der Kopf nicht mehr konnte und die geplagte Seele die Belastung nicht mehr aushielt.
Sie ist vor einigen Jahren im Trainingszentrum der USA von Larry Nassar, der 2018 wegen massenhaften sexuellen Missbrauchs von Frauen und Mädchen zu 40 bis 175 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde, missbraucht worden. Biles gehörte zu den Opfern. Nassar war der Arzt des US-Verbandes.
Biles ist damals an die Öffentlichkeit gegangen und hat den Mut besessen, gegen Nassar auszusagen.
Sie hat damit viel auf sich genommen und auch dafür gesorgt, dass die Beziehung der Trainer und aller Verantwortlichen zu den Turnerinnen mittlerweile intensiv hinterfragt wird.

Zuspruch von Obama und Phelps

Jetzt hat ihr sogar Michelle Obama Zuspruch gegeben, viele andere große Sportler wie der erfolgreichste Olympionike aller Zeiten, Michael Phelps, haben sich bei ihr gemeldet.
Es ergießt sich eine Welle der Solidarität über Biles und wieder einmal wird deutlich, wie sehr der Leistungssport die Psyche belastet und fordert - und eben nicht nur den Körper.
Naomi Osaka, der japanischen Tennisspielerin, geht es ähnlich. Sie hat das Feuer bei der Eröffnungsfeier entzündet und sollte das Gesicht der Spiele werden.
Ein ganzes Land schaute auf sie. Gold. Nicht mehr und nicht weniger wurde von ihr erwartet. Sie scheiterte bereits in der dritten Runde.
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Naomi Osaka

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Vor knapp einem Monat hatte sie schon erklärt, dass sie unter Depressionen leide und es er ihr schwerfalle, in der Öffentlichkeit zu stehen. Jetzt stand sie unter täglicher Beobachtung und spielte schlecht.
Osaka und Biles haben uns noch einmal in aller Deutlichkeit klar gemacht, auf welch dünnem Eis sich Leistungssportler bewegen und wie wichtig psychologische Betreuung schon von Beginn der Karriere an notwendig ist.
Es ist ein unentschuldbares Versäumnis, dass die Diskussion darüber noch immer mit einem Stigma verbunden ist.
Da gibt es noch eine Menge Nachholbedarf. Überall.
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Biles erklärt Abbruch bei Olympia: "Wollte die Medaille nicht riskieren"

Quelle: Perform

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