Bora-hansgrohe-Profi Anton Palzer exklusiv: "Ich habe seit zwei Jahren Beinschmerzen und bin dauerhungrig"
Der ehemalige Skibergsteiger Anton Palzer startete mit 27 Jahren von null auf hundert eine Karriere als Radprofi. Drei Jahre später spricht der Leistungssportler aus Bayern im Exklusiv-Interview über seine Anfänge im Team Bora-hansgrohe und seine Erfahrungen im Peloton. Außerdem erklärt Palzer, warum er nie eine Rundfahrt gewinnen und nicht bei Olympia 2026 mit von der Partie sein wird.
Palzer: "Vom Sieger zum Lehrjungen zu werden, war nicht einfach"
Quelle: Eurosport
"Es gibt keine Schule, das Radfahren im Peloton zu lernen, man muss es einfach machen”, gewährt Anton Palzer beim Medientermin in der Bora-Zentrale im bayerischen Raubling einen Einblick in seinen Einstieg als Radprofi.
Dabei macht der ehemalige Skibergsteiger einen topfitten Eindruck. Palzer absolviert rund 1.000 Trainingsstunden im Jahr und spult dabei 30.000km ab. Alles für ein Ziel: Einmal auch in der neuen Sportart auf zwei Rädern ganz oben auf dem Podium zu stehen.
Der Lernprozess im Profi-Radsport ist nach zwei Jahren weitestgehend abgeschlossen, die Lerneffekte enorm: "Das Peloton ist wie eine Waschmaschine. Ist man einmal vorne positioniert, muss man darauf achten, nicht wieder nach hinten durchgespült zu werden", erklärte Palzer und fügte hinzu: "Positionierung ist alles. Die besten Plätze sind an der Spitze des Feldes."
Palzer, der quasi von null in den Profi-Radsport eingestiegen ist, hat "aus den eigenen Fehlern” sowie den Fehlern der anderen gelernt. Inzwischen ist er zwei Kilogramm schwerer als in seiner Zeit als Skibergsteiger, verfügt über weniger Muskulatur am Oberkörper und hat dafür mehr Power in den Beinen.
Im Exklusiv-Interview mit Eurosport lässt Palzer die letzten beiden Jahre im Team Bora-hansgrohe Revue passieren und spricht über das Nachwuchs-Scouting-Programm “Red Bull Junior Brothers”.
Herr Palzer, die Rennen in diesem Jahr haben eine klare Leistungssteigerung gezeigt, wie gelang dieser Sprung nach vorne?
Anton Palzer: Ich denke durch konsequente Arbeit in den vergangenen zwei Jahren. Ich habe echt viel investiert und tue das immer noch. Ich lebe meinen Traum und bin hoffentlich in Zukunft wieder ein erfolgreicher Sportler. Ich weiß, dass ich viel investieren muss, ich kann aber mit meinem Prozess auch ziemlich glücklich sein. Es geht bergauf und es macht wahnsinnig viel Spaß. Das ist besonders wichtig.
Die Lehrjahre auf dem Rad sind nach Tausenden Rennkilometern zum Großteil abgeschlossen: wann und auf welchem Terrain kann es auch mal um Siege gehen?
Palzer: Um ein großer Fahrer fürs Gesamtklassement zu werden, so ehrlich muss man sein, dafür bin ich wahrscheinlich schon zu alt und zu unerfahren in diesem Sport. Dafür hat der Wechsel zu spät stattgefunden. Ich glaube aber, dass ich in Außreißergruppen auf wirklich schweren Bergetappen das Potenzial habe, erfolgreich zu sein. Aber eigentlich geht es mir da gar nicht darum.
Wie meinen Sie das?
Palzer: Es ist mir schon wichtig, weil ich aus einem Einzelsport komme und auch ein erfolgreicher Sportler im Skibergsteigen und Laufen war. Das ist mir von einen auf den anderen Moment weggenommen worden - durch meine eigene Entscheidung. Ich will dafür kein Mitleid haben.
Für mich ist es wichtig, dass ich am Ende eines Renntages sagen kann, dass ich meinen Beitrag zum Teamerfolg geleistet habe. Wenn man dann auch noch Siege feiern darf, habe ich mittlerweile das gleiche Glücksgefühl wie damals, als ich alleine auf dem Podium stand.
Inzwischen haben Sie viele unterschiedliche Rennen und Rundfahrten kennengelernt: Welche haben Ihnen besonders gefallen, wo gab es Überraschungen?
Palzer: Ich bin ein Riesenfan von den schweren und bergigen Rundfahrten, weil mir das vom Körper her liegt. Ein toller Moment war mit Sicherheit die Katalonien-Rundfahrt im vergangenen Jahr mit dem Sieg von Sergio Higuita. Es war mein erster World-Tour-Sieg mit dem Team. Das war ganz besonders. Man hat den Spirit und die coole Stimmung die ganze Woche gemerkt und aufgesaugt. Aber im Endeffekt hat irgendwo jedes Rennen seinen Reiz. Ich hatte die Ehre, in Belgien ein paar Rennen fahren zu dürfen. Mit der Tour de Wallonie und ein paar Eintagesrennen - das ist natürlich alles extrem speziell für mich. Aber der Radsport ist dort zu Hause und deshalb ist es megacool, wenn ich dort Rennen fahren darf.
Die Stimmung ist großartig, man hat das belgischen Flair, teilweise auf Kopfsteinpflaster. Wie gesagt, das ist überhaupt nicht mein Gebiet, aber als Rennfahrer muss man das schon mal gesehen haben. Ansonsten freue ich mich auf die bergigen Rundfahrten. Die Vuelta war ein Highlight für mich. Auch wenn ich damals gesagt habe, dass es nicht die richtige Entscheidung war, dort zu fahren, weil es zu hart war, nach fünf Wochen Radsport-Erfahrung eine Grand-Tour zu bestreiten. Mittlerweile denke ich anders darüber. Ich habe wahnsinnig viel mitgenommen und das hat zu meiner Entwicklung als Berufsradfahrer viel beigetragen.
Wer hat Sie im Profi-Peloton besonders beeindruckt - und warum?
Palzer: Es gibt viele Radsportler und Menschen, die mich beeindrucken. Aber ich lege den Fokus ungern auf andere Personen, sondern versuche, mein Ding durchzuziehen. Gerade für mich ist es extrem wichtig, dass ich von anderen profitieren kann, indem ich mir dies oder das abschaue.
Im Team sind ganz viele Freundschaften entstanden, für die ich extrem dankbar bin und die so die vergangenen Jahre um einiges leichter gemacht haben. Die Kollegen haben in mich investiert und mir Dinge erklärt. Das ist nicht selbstverständlich. Es ist nicht normal, dass man in der World Tour jemandem Basics erklären muss. Aber das ist in meinem Fall vielleicht eine etwas andere Situation und deswegen bin ich um jeden dankbar, der mir geholfen hat und immer noch unter die Arme greift.
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Bora-Chef Denk im Interview: "Das fühlt sich schon geil an"
Quelle: Eurosport
Spricht man mit anderen Quereinsteigern, davon gibt es ja inzwischen etliche, über die speziellen Erlebnisse?
Palzer: Ich glaube, von den Quereinsteigern kann jeder seine Geschichte erzählen. Es gibt ein paar herausragende wie Primoz Roglic oder Michael Woods und es werden anscheinend immer mehr, die von anderen Sportarten in den Profiradsport wechseln. Ich finde es cool. Jeder hat seinen eigenen Weg, der eine kommt später zum Wechsel, der andere früher. Der eine war erfolgreich in seiner alten Sportart, der andere weniger. Deshalb, glaube ich, darf man da nie alle über einen Kamm scheren. Solange jeder glücklich ist, mit dem was er macht, ist es gut.
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Anton Palzer vom Team BORA-hansgrohe
Fotocredit: From Official Website
Olympia 2026 rückt näher, lockt die Chance auf Gold gar nicht Richtung Rückkehr zum Skibergsteigen, je konkreter die Winterspiele in Sicht geraten?
Palzer: Das werde ich extrem oft gefragt. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, ist das kein Thema mehr für mich. Ich hatte eine richtig gute Zeit als Skibergsteiger, bin echt stolz auf das, was ich gemacht habe. Es war ein langer Weg, bis ich 28 Jahre alt war. Ich blicke gerne darauf zurück. Aber ich habe beschlossen, als Sportler einen neuen Weg einzuschlagen und diesen verfolge ich zu hundert Prozent.
Es ist sehr selten, dass man direkt in der höchsten Liga einsteigen darf. Dies werde ich mit Sicherheit nicht mit Füßen treten. Ich schaue wahnsinnig gerne zurück auf das, was ich als Skibergsteiger gelernt habe und jetzt genieße ich die Zeit als Profi-Radsportler.
Wilde Abfahrten, Gedränge im Peloton, Stürze, Wetter-Wahnsinn - welche Erlebnisse als Radprofi stechen für Sie heraus?
Palzer: Unheimlich viele Stressmomente im Peloton sowie die Angst vor Stürzen und Verletzungen. In meiner ersten Saison war die Gewissheit, nicht stürzen zu dürfen, eine mentale Hürde für mich. Ich brauchte dringend Rennerfahrung, wollte so viele Wettkämpfe wie möglich mitnehmen, weil ich mit null Rennen angefangen habe. Mittlerweile habe ich ein paar Erfahrungen als Berufsradfahrer gemacht. Ich bin bei Schneeregen über den Puig Major (Anm. d. Red.: Höchster Berg auf der Baleareninsel Mallorca) gefahren und saß bei 45 Grad Hitze in Südspanien bei der Vuelta auf dem Rad. Aber jede Erfahrung hat mir einen Dienst erwiesen und ich bin klüger aus den jeweiligen Situationen herausgegangen.
Welche Vorurteile über Radprofis haben sich bestätigt, welche sind falsch?
Palzer: Als ich zum Team Bora-hansgrohe gestoßen bin, hat mich Patrick Konrad vorgewarnt, ein Radsportler habe immer Hunger und Beinschmerzen. Das hat sich bestätigt.
Ich weiß nicht, mit welchen Vorurteilen der Radsport in Verbindung gebracht wird. Radprofis sind allesamt junge und motivierte Sportler. Viele denken wohl, dass wir ständig mit Schmerzen am Po kämpfen würden und Probleme mit dem Sattel haben. Ab und zu zwickt es schon mal hier und da, aber normalerweise sitzen wir relativ gut auf dem Fahrrad (lacht).
Was geben Sie den jungen Fahrern der “Red Bull Junior-Brothers” mit auf den Weg?
Palzer: Wenn jemand den Traum hat, in den Berufsradsport zu wechseln, sollte er die Chance nutzen und sein Bestes geben. Dabei sollte der Spaß stets im Vordergrund stehen, sonst kommt man im Leistungssport nicht weit. Ich blicke auf zehn Jahre Profisport zurück und ich hatte immer Freude daran. Natürlich sind Momente dabei, in denen es nicht so läuft und man zwischendurch auch mal die Lust verliert. Aber im Großen und Ganzen muss man Motivation, Passion und Leidenschaft mitbringen. Wenn man es nur macht, weil man Teil eines großen Teams sein will oder mit der Ambition, viel Geld zu verdienen, dann sollte man lieber die Finger davon lassen. Mein Motto lautet:
Worin liegen die Vorteile, bei den “Red Bull Junior-Brothers” unterzukommen und damit hautnah am Profi-Team von Bora-hansgrohe dran zu sein?
Palzer: Das Team Auto Eder gehört zu den besten U19-Mannschaften der Welt. Dort verfügen die jungen Radfahrer über nahezu dieselbe Infrastruktur wie das Team Bora-hansgrohe. Sie fahren die guten Räder der Profis und tragen dieselben Klamotten. Wenn man in solch einem professionellen Umfeld groß werden kann, stehen einem ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung. Allein die Tatsache, dass das World-Tour-Team an der Hintertür wartet, macht die Chance sehr groß.
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"Red Bull Junior Brothers" ist ein globales Straßenradsport-Scouting-Programm, das vom UCI World Tour Radprofiteam Bora-hansgrohe und Red Bull ins Leben gerufen wurde, um die nächste Generation von Radprofis aufzubauen. Zwei erfolgreiche Teilnehmer erhalten einen Bora-hansgrohe U19-Profivertrag und einen Red-Bull-Athletenpartnerschaftsvertrag.
Die Teilnehmer können sich vom 1. Februar bis 31. Mai 2023 über Strava oder Zwift um die Chance bewerben, ein "Red Bull Junior Brother" zu werden. Weitere Details zum Anmeldeprozess findet Ihr hier.
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Quelle: Eurosport
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