Flandern-Rundfahrt - Bernhard Eisel im Interview: "Tadej Pogacar hat Bock - Mathieu van der Poel die Coolness"
VonJan Zesewitz
Update 06/04/2025 um 10:09 GMT+2 Uhr
Bei der Flandern-Rundfahrt kommt es nach Mailand - Sanremo zum nächsten großen Duell zwischen Tadej Pogacar und Mathieu van der Poel bei einem Monument. Nach La Primavera führt der Niederländer im direkten Vergleich, das letzte Aufeinandertreffen bei der Ronde ging 2023 allerdings an den amtierenden Weltmeister. Eurosport-Experte Bernhard Eisel blickt voraus auf das zweite Monument des Jahres.
Die Strecke der Flandern-Rundfahrt: 16 Anstiege auf 269 Kilometern
Quelle: Eurosport
16 Mal nahm Bernhard Eisel während seiner aktiven Karriere an der Flandern-Rundfahrt teil und erreichte 14 Mal das Ziel. Der Österreicher bringt also jede Menge Erfahrung für die Analyse des Klassikers mit, wenngleich das Rennen inzwischen ein völlig anderes ist.
"Zu meiner Zeit gab es fünf oder sechs Schlüsselstellen, heute sind es wohl mehr als 20. Streckenkenntnis und Erfahrung sind entscheidend, auch für die sportlichen Leiter", sagte Eisel im exklusiven Interview mit Eurosport.de. Die Entscheidung falle heutzutage um einiges früher und endgültiger, abgewartet werde in der heutigen Radsport-Generation kaum noch.
Das Monument in Flandern wird aller Erwartung nach wieder im Zeichen der Sieger der vergangenen beiden Jahre stehen: Pogacar und van der Poel. Auch für Eisel rangieren die beiden Stars etwas über dem Rest der Konkurrenz, die sich aber zeigen und das Rennen früh aktiv gestalten wird.
Das dürfte auch für das Team Visma-Lease a Bike gelten, das bei Quer durch Flandern mannschaftliche Stärke zeigte, dann allerdings den Sieg kolossal verspielte.
Auch für Eisel "sah das nicht gut aus", das Team solle allerdings das Positive mitnehmen. "Hochachtung davor, wie sie in Mannschaftsstärke attackiert und das Feld auseinandergenommen haben", sagt der Experte: "Dass sie dann noch zu dritt vorne ankommen, war schon sehr stark."
Bernie Eisel, welchen Rennverlauf erwarten Sie bei der Flandern-Rundfahrt?
Bernhard Eisel: Es werden sich sehr früh starke Gruppen bilden, wodurch es passieren könnte, dass sich das Rennen neutralisiert und wir ein großes Finale bekommen, in dem alle am Limit sind. Das zeichnet den modernen Radsport aus: Es wird nicht mehr abgewartet, sondern von der ersten bis zur letzten Sekunde Vollgas gegeben. Ein gutes Beispiel für unerwartete Faktoren ist Gent - Wevelgem. Dort hat der Wind schon früh vieles durcheinandergebracht, keine Mannschaft war mehr komplett und plötzlich war Mads Pedersen als Solist vorne. Dahinter konnte und wollte keiner richtig nachfahren, weil es oft besser ist, Zweiter zu werden, als alles zu opfern und nachher keinen Anfahrer zu haben. Das ist ein neueres Phänomen.
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"Pogacar auf einer Mission": Die Attacken-Serie in Flandern
Quelle: Eurosport
Woran liegt das?
Eisel: Ich denke, dass die UCI-Punkte und das Ranking um Auf- und Abstieg eine Rolle spielen. Vielleicht wäre Astana nachgefahren, aber sie sagen sich: "Lieber drei Leute in den Top 15 als gar keine Punkte." Diese Punktevergabe sorgt für neue Konstellationen und beeinflusst die Rennstrategie vieler Teams. Dazu kommt, dass sich viele Mannschaften bei der Anwesenheit von Fahrern wie Tadej Pogacar oder Mathieu van der Poel fragen, um welchen Platz sie realistisch überhaupt fahren können.
Das ist schon das Stichwort - wer sind die Favoriten für das Monument? Kann jemand in das Duell Pogacar vs. van der Poel eingreifen?
Eisel: Die beiden sind natürlich die Topfavoriten. Man wird sehen, ob ein Team wie Lidl-Trek mit seiner Stärke etwas entgegensetzen kann. Alpecin-Deceuninck ist ebenfalls sehr stark, aber bei der Ronde komplett auf van der Poel ausgerichtet. Dazu kommen Mannschaften wie Ineos Grenadiers und Red Bull-Bora-hansgrohe, die ihre Chancen suchen und sich möglichst aktiv zeigen wollen.
Die Attacken werden bei der Flandern-Rundfahrt und vielen anderen Eintagesrennen einfach immer früher gefahren. Gerade die Attacken aus der "zweiten Reihe", also noch nicht von den Kapitänen, beginnen mittlerweile sehr früh, und genau damit rechne ich auch am Sonntag.
Am Mittwoch leistete sich Visma - Lease a Bike nach einem starken Auftritt bei Quer durch Flandern einen riesigen Fehler und verlor das Rennen trotz numerischer Überlegenheit. Wie haben Sie das als Experte, aber auch als sportlich Verantwortlicher bei einem WorldTour-Team wahrgenommen?
Eisel: Das sah natürlich nicht gut aus für das Team. Sie hätten es taktisch anders angehen können oder müssen, aber man muss auch sagen, dass Neilson Powless an diesem Tag einfach einer der stärksten Fahrer war. Es ist schwierig, wenn Wout, wie er selbst gesagt hat, zu eigensinnig war und dann auf der Zielgeraden noch Krämpfe bekam. Man kann aber auch das Positive herausheben: Hochachtung davor, wie sie in Mannschaftsstärke attackiert und das Feld auseinandergenommen haben. Dass sie dann noch zu dritt vorne ankommen, war schon sehr stark.
Was bedeutet das für das Team und für Wout van Aert mit Blick auf die Flandern-Rundfahrt?
Eisel: Sie wissen jetzt, dass sie als Mannschaft zu den stärksten gehören. Das ist wichtig, denn die Attacken werden bei der Flandern-Rundfahrt und vielen anderen Eintagesrennen immer früher gefahren. Gerade jene aus der "zweiten Reihe", also noch nicht von den Kapitänen, beginnen mittlerweile sehr früh, und genau damit rechne ich auch am Sonntag.
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Mathieu van der Poel auf dem Weg zum Sieg bei der Flandern-Rundfahrt 2024
Fotocredit: Getty Images
Wie sollte Red Bull-Bora-hansgrohe das Rennen angehen?
Eisel: Die Taktik und Zielsetzung überlasse ich den sportlichen Leitern Roger Hammond und Heinrich Haussler, die sind mit Herzblut in Flandern dabei. Ich konzentriere mich auf meine Rolle bei Eurosport und finde aus deutscher Sicht auch die Funktion von Nils Politt interessant. UAE Emirates-XRG hat eine extrem starke Mannschaft am Start und es wird spannend zu sehen, wie sie ihn einsetzen. Und genau diese Frage stellen sich auch andere Teams: Wie sollen sie reagieren, wenn Politt oder Florian Vermeersch attackieren?
Die Entscheidung fällt immer an den Schlüsselstellen. Zu meiner Zeit gab es fünf oder sechs, heute sind es wohl mehr als 20.
Was wäre eine realistische Zielsetzung für Red Bull-Bora-hansgrohe?
Eisel: Ein Top-Ten-Ergebnis wäre gut und ist möglich. Fahrer wie die Van-Dijke-Brüder oder Laurence Pithie könnten das schaffen. Letzterer hatte viel Pech und ist jetzt auch bei Quer durch Flandern gestürzt. Es wäre ihm zu wünschen, dass er ein gutes Ergebnis einfährt. Das gilt auch für Mick und Tim van Dijke, die jetzt zum Saisonhöhepunkt in Topform kommen. Ich hoffe auf ein starkes Resultat für sie und das Team.
Sie sind die Flandern-Rundfahrt 16 Mal gefahren. Worauf kommt es an?
Eisel: Die Entscheidung fällt immer an den Schlüsselstellen. Zu meiner Zeit gab es fünf oder sechs, heute sind es wohl mehr als 20. Streckenkenntnis und Erfahrung sind entscheidend, dazu kann der Wind das Rennen noch zusätzlich durcheinanderbringen. Hier sind auch die sportlichen Leiter gefragt, um an den richtigen Stellen vorne dabei zu sein.
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Flandern-Highlights: Die Solo-Perfektion trägt einen Namen
Quelle: Eurosport
Wodurch unterscheiden sich Pogacar und van der Poel in ihrer Herangehensweise an das Rennen?
Eisel: Pogacar hat einfach Spaß. Er fährt diese belgischen Klassiker, weil er Bock darauf hat. Er reagiert intuitiv auf Rennsituationen. Van der Poel dagegen lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Seine Coolness zeichnet ihn aus. Es ist ihm egal, um welchen Klassiker es sich handelt - diese Rennen stecken in seiner DNA.
Was ist Ihre liebste Anekdote aus 16 Teilnahmen an der Flandern-Rundfahrt?
Eisel: Das Rennen hat sich stark verändert. Ich erinnere mich noch an die Zeiten mit dem Ziel in Ninove, mit der Muur-Kappelmuur und dem Bosberg im Finale. Damals durfte man nie aufgeben, das Feld lief oft wieder zusammen. Das gibt es im modernen Radsport nicht mehr. Früher konnte man mit ein bisschen Glück und Köpfchen ein gutes Ergebnis einfahren, heute geht es um pure Stärke, Form und Streckenkenntnis. Hochachtung vor allen, die da vorne mitfahren können. Einmal war ich mit Peter Wrolich abgehängt, wir hingen zwischen zwei Gruppen im Niemandsland, und an einem Anstieg wurde uns ein Bier gereicht. Wir haben es uns dann gemeinsam gegönnt, weil wir weder nach vorne kamen noch die hintere Gruppe verpassen konnten.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Eisel.
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Highlights: Visma verzockt sich in verrücktem Finish
Quelle: Eurosport
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T. PogacarBeendet
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