Eurosport-Experte Jens Voigt hat mit Unverständnis auf die Disqualifikation von Michael Schär (AG2R-Citroën) wegen sogenanntem "Litterings" bei der Flandern-Rundfahrt reagiert und versteht den Unmut im Fahrerfeld.
"Die Aufregung um seine Disqualifikation bei der Flandern-Rundfahrt kann ich nachvollziehen", sagte Voigt zu Eurosport.de: "Man konnte auf dem Video sehen, dass er sie gezielt einem Fan, der an der Straße stand, zurollte."
Der Schweizer wurde von der Jury aus dem Rennen genommen, weil er außerhalb der sogenannten "litter zone" eine Trinkflasche weggeworfen hatte.
Flandern-Rundfahrt
Nach Disqualifikation: Schär schreibt offenen Brief an UCI
05/04/2021 AM 15:27
Das ist seit dem 1. April verboten und hat eine "Rote Karte" zufolge. Schär schrieb daraufhin einen emotionalen offenen Brief an die UCI.

Voigt zieht Vergleich zur Polen-Rundfahrt

Für Voigt kam die strenge Auslegung der Regel überraschend. "Es gab nur einen sehr kurzen Übergang zwischen Einführung der neuen Regelung und deren Umsetzung mit diesen harten Strafen", sagte der zweimalige Etappengewinner der Tour de France.
Es irritiere ihn, "dass die UCI auf der anderen Seite bei der Entschärfung einer lebensgefährlichen Stelle wie bei der Polen-Rundfahrt so lange braucht. Da muss erst - sechs Jahre, nachdem ich da noch gefahren bin - ein furchtbarer Unfall wie der von Fabio Jakobsen im Vorjahr passieren, bis reagiert wird."

Fauxpas führt zu Disqualifikation: Flaschenwurf kostet Schär alle Chancen

Prinzipiell sei es um die Beziehung zwischen Profis und dem Weltverband aktuell nicht besonders gut bestellt. "Das Verhältnis zwischen der UCI und den Mannschaften ist angespannt", weiß Voigt: "Zerrüttet würde ich noch nicht sagen, aber angespannt. Da herrscht eine Menge Konfliktpotenzial."

Wie kann man "Littering" vermeiden?

Dabei sei die Idee, "Littering" zu vermeiden, prinzipiell eine gute. "Grundsätzlich ist das eine gute Idee, da damit dem Umweltschutz Rechnung getragen wird. Dass den Profis damit aber der fahrerische Todesstoß, nämlich der Rennausschluss droht, ist übertrieben", so Voigt.
Denn: "Es galt auch vor dem 1. April die Vorgabe, Trinkflaschen nicht in Flüssen oder Landschaft an sich zu entsorgen. Aber wenn ein Fahrer seine Flasche in einem belgischen Ort auf die Straße wirft, dauert es keine drei Sekunden, dann hat sie sich einen Fan schon als Andenken gesichert."
Schär selbst hatte in seinem offenen Brief erklärt, dass genau eine solche weggeworfene Flasche ihm als kleiner Junge bei einer Tour-de-France-Etappe ein grandioses Andenken beschert hatte. "Dieses kleine Stück Plastik machte meine Radsportsucht komplett. Ich fuhr jeden Tag mit meiner gelben Team Polti-Flasche. Jeden Tag!", schrieb der Schweizer.

Voigt regt kreativen Protest an

Um die Interessen der Fahrer besser zu wahren, regt Voigt nun sogar einen kreativen Protest an. Das Feld solle sich zusammentun und verabreden, "dass bei Kilometer 53 alle Teams parallel zwei Fahrer mit jeweils fünf Flaschen zu den Autos des Renndirektors beziehungsweise Rennkommissars schicken". Diese sind nämlich wie alle Begleitfahrzeuge verpflichtet, die Flaschen anzunehmen, sodass sie nicht in der Landschaft landen.
"Da kämen dann bei 20 Teams auf einen Schlag 200 Flaschen an den Autos an. Und dann möchte ich mal sehen, was passiert", sagte der 49-Jährige: "Nehmen sie die Flaschen nicht an, müssten sie eigentlich aus dem Rennen ausgeschlossen werden. Denn: Umweltschutz muss in alle Richtungen funktionieren, das ist nicht nur Sache der Fahrer und Mannschaften."
Voigt stellt zudem infrage, ob bei der UCI auch in anderen Bereichen "grün" gedacht werden wird. "Ich bin mal gespannt, ob die bei der Tour de France dann auch die Werbekarawane aus dem Programm nehmen – da bleibt nämlich auch einiges an Müll liegen", sagte er. Bei der Tour de France werfen Werbepartner traditionell vor der Etappe Werbegeschenke in die Zuschauer-Menge – dabei wird nicht jedes auch wirklich eingesteckt.

Ein Helfer als Flaschenträger?

Sollte die Regel jedoch weiterhin so hart eingesetzt werden, müssten die Teams umdenken, fürchtet Voigt.
"Man kann natürlich sagen: Okay, jede Mannschaft stellt einen Fahrer ab, der das Team auf der Strecke mit Trinkflaschen versorgt und diese danach wieder zum Begleitfahrzeug zurückbringt. Das ist dann aber eine derart zeitraubende Aufgabe, dass dieser Fahrer mannschaftstaktisch nicht mehr einsetzbar wäre", so Voigt: "Man denke nur daran, was der leisten müsste auf einer Tour-de-France-Etappe bei mehr als 30 Grad. So eine Regelung würde die Taktik komplett verändern."
Voigts Idee, um der Umwelt nachhaltig zu helfen, geht daher in eine ganz andere Richtung: "Mein Vorschlag generell: Warum nicht Trinkflaschen einsetzen, die aus biologisch abbaubarem Material bestehen und sich nach etwa einem Jahr zu Humus zersetzen – damit wären langfristige Belastungen der Umwelt per se ausgeschlossen."
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