Entscheidung beim Giro d'Italia vertagt - dank Teamstärke von UAE-Emirates-XRG bei Königsetappe - Drei Dinge, die auffielen
VonJan Zesewitz
Update 30/05/2025 um 22:08 GMT+2 Uhr
Die Königsetappe des Giro d'Italia durch das Aosta-Tal nach Champoluc mit fast 5000 Höhenmetern brachte keine Umwälzungen im Gesamtklassement. Das lag auch an der wiedererlangten Kontrolle des UAE-Emirates-XRG-Teams des Gesamtführenden Isaac Del Toro. Ganz vorne setzte sich ein Ausreißer durch, der auch als es knapp wurde noch an den Sieg glaubte. Drei Dinge, die auffielen.
Giro-Highlights XXL: Ausreißer-Triumph auf der Königsetappe
Quelle: Eurosport
Fünf Bergwertungen, 5000 Höhenmeter, lange, steile Anstiege - die 166 Kilometer lange Etappe von Biella nach Champoluc bot drei Tage vor dem Ende des Giro in Rom die vermeintlich ideale Bühne für einen großen Showdown der Favoriten im Gesamtklassement.
Der große Schlagabtausch blieb aber aus - Richard Carapaz konnte Isaac Del Toro mit seiner Attacke rund sechs Kilometer vor dem Ziel nicht abschütteln, die anderen Favoriten in der Gesamtwertung kamen gemeinsam mit 24 Sekunden Rückstand auf das Maglia Rosa und den härtesten Herausforderer an.
Die Entscheidung wurde auf den nächsten Tag verlegt: Mit dem Colle delle Finestre steht dann der wohl schwierigste Anstieg der Rundfahrt an - mit 18,4 Kilometern Länge und 9,2 Prozent Durchschnittssteigung auf teilweise nicht asphaltierter Straße.
Diese - für einige - furchterregenden Zahlen dürften Nicolas Prodhomme nicht zu sehr schocken. Der Franzose feierte mit seinem Ausreißer-Coup seinen zweiten Profisieg überhaupt - beide innerhalb von rund fünf Wochen. Es war ein Sieg von UAE-Gnaden, aber auch ein Sieg des Glaubens.
Drei Dinge, die bei der 19. Etappe des Giro d'Italia auffielen:
1. Ein Sieg des Glaubens: Prodhomme schlägt die Favoriten
Prodhomme muss ein echter Optimist sein, ein Mann, der an seine Chance glaubt. Zehn Kilometer vor dem höchsten Punkt der vorletzten Bergwertung des Tages, dem Col de Joux, gab kaum ein Zuschauer noch einen Pfifferling auf die verbliebenen Ausreißer.
Der Abstand zur Favoritengruppe betrug circa 90 Sekunden - viele rechneten mit Attacken der Schwergewichte, um den Mann in Rosa in Bedrängnis zu bringen. Drei "Überlebende" waren noch vor der Gruppe, Prodhomme, Carlos Verona und Antonio Tiberi hatten einen harten Tag hinter sich, drei Pässe schon überwunden und immer wieder auf Attacken aus der ursprünglich 37-köpfigen Ausreißergruppe reagiert oder selbst initiiert.
Die beiden Italiener schienen den Glauben verloren zu haben - Prodhomme nicht. Er setzte sich 28 Kilometer vor dem Ziel, sieben vor der Bergwertung, endgültig von seinen Begleitern ab und machte sich alleine auf den Weg Richtung Ziel - fast in Sichtweite der Favoriten.
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Ausreißer Prodhomme jubelt im Ziel der Königsetappe
Quelle: Eurosport
"Ich konnte am letzten Anstieg sehen, dass der Abstand nicht sehr groß war, daher musste ich ins Risiko gehen", sagte der Etappensieger im Ziel-Interview. "Vor heute hatte ich zwei Top-Fünf-Ergebnisse, weil ich weniger riskant gefahren bin. Aber heute wollte ich auf den Sieg setzen."
Es funktionierte, weil UAE-Emirates-XRG hinten das Tempo erfolgreich verschleppte, der Abstand wuchs in der Abfahrt und im letzten kürzeren Anstieg vor dem Ziel. Prodhomme feierte seinen zweiten Profisieg, nachdem er Ende April bei der Tour of the Alps zum ersten Mal jubeln konnte - und das mit 28 Jahren.
Während seiner Karriere musste der Decathlon-AG2R-Profi auch gegen diverse Widrigkeiten an seine Chance glauben. In jüngeren Jahren fuhr er auf Club-Ebene für die Nachwuchsteams des AG2R-Teams - zweimal durfte er als Stagiaire, als Praktikant, WorldTour-Luft schnuppern, zweimal reichte es nicht für einen Profivertrag. Erst als er bei Cofidis ein drittes Mal Stagiaire war, gab ihm AG2R einen längeren Vertrag - mit 24. Glaube und Hartnäckigkeit zahlt sich aus.
2. Angriffe abgewehrt: UAE hat die Kontrolle zurück
Prodhomme profitierte von der Teamtaktik bei UAE. Nachdem die Equipe am Tag nach dem Ruhetag nach San Valentino erstmals während des Giro Schwäche zeigte und im Anschluss die starken Bergfahrer Jay Vine und Juan Ayuso verlor, war die Dominanz während der Königsetappe wieder zurück.
Das Team manipulierte in voller Mannschaftsstärke den Abstand zur Spitzengruppe so geschickt, dass die von Visma-Lease a Bike und EF Education-EasyPost ausgesandten Fahrer nicht als "Relais-Station" dienen konnten. Die Gruppe war zunächst zu nah, sodass unter anderem Georg Steinhauser viel Arbeit investieren musste, um die Ausreißer auf Distanz zu halten.
Igor Arrieta wurde selbst zurückbeordert, um der Mannschaft in der Favoritengruppe eine nummerische Überlegenheit zu verleihen. Nach dem letzten schweren Anstieg ließ UAE dann Prodhomme ziehen und konnte selbst Kräfte sparen, als Angriffe aufgrund der Topografie unwahrscheinlich wurden.
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Kein Trikotwechsel! Del Toro wehrt Carapaz-Attacken ab
Quelle: Eurosport
Der Dirigent dieser taktisch starken Leistung: Rafal Majka. Der 35-jährige Pole ist mit seiner Erfahrung und seiner Stärke am Berg für Del Toro und Co. Gold wert - und geht seit er 2021 von Bora zum Team aus den Emiraten wechselte in der Rolle des Adjutanten noch einmal auf. "Wir glauben an Isaac und morgen werden wir genau das Gleiche zeigen", sagte er im Ziel gegenüber Eurosport. "Letztes Jahr habe ich versucht, Tadej Pogacar zu helfen, und heute habe ich Isaac geholfen. Ich hätte gerne die Etappe gewonnen, aber ich arbeite für das Team."
Als dann Carapaz doch noch einmal angriff, war dann auch der Kapitän zur Stelle: Del Toro reagierte hellwach und war - nach einer kleinen Schwächephase nach dem Ruhetag - auch an diesem Tag mit dem Ecuadorianer der stärkste Fahrer im Finale. Dank seiner Sprintqualitäten konnte er seinen Vorsprung in der Gesamtwertung sogar noch um zwei Sekunden ausbauen. "Morgen werden wir es wie heute machen", sagte Del Toro im Ziel. "Wir müssen klug fahren und dann muss ich bei den Top-Leuten dabei sein."
3. Carapaz scheitert - aber hat noch einen Pfeil im Köcher
Der wohl stärkste dieser Top-Leute ist Richard Carapaz. Das zeigte der Ecuadorianer auch heute. Er war der einzige der Favoriten, der ernsthaft versuchte, UAE und Del Toro in Bedrängnis zu bringen.
"Ich denke, wir waren alle ganz schön am Limit", sagte der 32-Jährige im Ziel. "Ich wollte es trotzdem versuchen und ich denke, es war eine ganz gute Etappe. Ich habe einige Jungs hinter mir gelassen und bin mit Del Toro angekommen, damit bin ich zufrieden."
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Steinhauser und Co.: Ullrich und Eisel erklären Bedeutung von Helfern
Quelle: Eurosport
Das kann der Giro-Sieger von 2019 auch sein - wenn man es aus seiner Sicht positiv betrachtet. Er konnte seinen zweiten Platz in der Gesamtwertung festigen und er dürfte weiterhin mit dem Selbstvertrauen ausgestattet sein, der stärkste Kletterer im Feld zu sein. Auf der anderen Seite kam er bei der vorletzten Gelegenheit nicht näher an den Mann in Rosa heran - die Lücke ist sogar zwei Sekunden größer.
Aber eine Chance bleibt noch. "Der Colle delle Finestre ist ein Anstieg, der sich ewig anfühlt", erklärte der sportliche Leiter des EF-Teams, Juan Manuel Garate. "Er hört scheinbar nie auf. Alles kann passieren und danach muss man immer noch nach Sestriere kommen." In seinen Schützling hat der Spanier vollstes Vertrauen: "Richie ist sehr gut drauf. Er hat so viel investiert und sich an die Fahrer und das Team angepasst - und die Mannschaft mit ihm. Jetzt ist er in der besten Form seit er zu uns kam. Jetzt ist er noch stabiler als bei der Vuelta im vergangenen Jahr, er ist der Richard Carapaz der bei Grand Tours mitreden kann."
Auch dem Team wird bei dem finalen epischen Showdown am Finestre eine zentrale Rolle zukommen. EF (und Visma für Simon Yates) müssen die UAE-Dominanz durchbrechen. Eine zentrale Rolle könnte dabei wieder Steinhauser zukommen, der heute aus der Ausreißergruppe nur kurz helfen konnte und dann zurückfiel. Eine "Relais-Station" am Finestre ist wohl weniger eine Option, da die Etappe bis zum Berg-Monster wenig topografische Schwierigkeiten bereithält. Dem Deutschen ist aber zuzutrauen, lange an der Seite von Carapaz am Anstieg zu bleiben und möglicherweise sogar eine Attacke zu lancieren.
So viel zur Theorie - an den steilen Hängen des Finestre wird der Giro durch die Beine der Favoriten entschieden - irgendwo auf der Naturstraße sind sie alle auf sich gestellt. Danach wissen wir, wer die Italien-Rundfahrt 2025 gewinnen wird.
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Vorschau zur 20. Etappe mit Ullrich: Die Entscheidung am Finestre
Quelle: Eurosport
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