Jan Ullrich gesteht erstmals Doping - Ex-Radstar im Interview: "Bei mir ging es 1996 los"

Jan Ullrich beendet sein Versteckspiel. Der einzige deutsche Tour-Sieger räumt mit seiner Vergangenheit auf und äußert sich konkret zu seinen Dopingvergehen. Im Rahmen der Veröffentlichung der Dokumentarserie "Jan Ullrich - Der Gejagte" auf der Streaming-Plattform "Amazon Prime Video" räumte der 49-Jährige endgültig mit seiner Lebenslüge auf und gab tiefe Einblicke in seine Doping-Vergangenheit.

Ullrich legt Doping-Geständnis ab: "1996 ging es los"

Quelle: SID

Jan Ullrich hat sein Schweigen gebrochen.
Nach jahrelangem Versteckspiel bekennt sich der Tour-Sieger von 1997 klar zu seiner Doping-Vergangenheit. "Ja ich habe gedopt", sagte der 49-Jährige am Mittwoch in München bei einer Podiumsdiskussion am Rande der Vorstellung der Dokumentarserie "Jan Ullrich - Der Gejagte" (ab 28. November/"Prime Video").
"Wenn ich meine Geschichte erzählt hätte, hätte ich viele schöne Jahre gewinnen können. Ich hatte die Eier nicht. Es tut total gut, es auszusprechen", so Ullrich weiter.
Die Aussagen des einzigen deutschen Tour-Siegers folgen hier im Wortlaut.
Herr Ullrich, das Wichtigste vorab: Wie geht es Ihnen?
Jan Ullrich: Aktuell geht es mir sehr gut. Ich bin gesund, stehe wieder mit beiden Beinen im Leben und habe meine Mitte gefunden. Das hat lange gedauert.
Wie sehr hilft es Ihnen, so offen über die Vergangenheit zu sprechen?
Ullrich: Es ist das eingetreten, was ich mir davon erwartet hatte. Es ist leichter geworden. Am Anfang war es schwer, bis hin zu Panikattacken, weil ich mich mit meinem Leben auseinandersetzen musste. Ich musste auch Barrieren einreißen und mich trauen. Es war schwer, sich mit der Vergangenheit und den großen Fehlern zu beschäftigen. Aber ich war mir sicher, wenn ich es rauslasse, wird es leichter.
Warum ist es Ihnen so schwer gefallen?
Ullrich: Weil es mein Leben war. Der Radsport war praktisch alles für mich. Und dann wurde über Nacht der Boden weggerissen. Dass ich anfangs geschwiegen habe, liegt an vielen Sachen - und später hab ich dann keine Kraft mehr gehabt. Ich wollte die Probleme nicht wieder auftun, mich mit der Öffentlichkeit, Journalisten und Anwälten herumschlagen. Dazu hatte ich nicht mehr die Substanz und habe es mit Verdrängen versucht. Das war ein Fehler.
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Lance Armstrong und Jan Ullrich

Fotocredit: Getty Images

Welche Botschaft wollen Sie mit Ihrer Offenheit vermitteln?
Ullrich: Gebt niemals auf! Das Leben ist zu schön und zu wichtig - man muss immer weiterkämpfen, egal wie schlecht es geht. Die Vergangenheit ist Vergangenheit und wichtig ist, im Hier und Jetzt zu sein und in die Zukunft zu gucken. Und wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt, hilft es auch ein bisschen.
Sie sind wieder regelmäßig auf dem Rad unterwegs. Wie hilfreich ist Radsport heute für Sie?
Ullrich: Ganz wichtig. Sport insgesamt, aber ich kann körperlich fast nur noch Radfahren. (lacht) Es hat mir extrem geholfen, hat viele Knoten im Kopf gelöst. Das, was ich geliebt habe, wieder betreiben zu können, ist die beste Medizin für mich.
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Ullrich: "Radsport ist die beste Medizin für mich"

Quelle: SID

Sie bekennen sich zum Eigenblutdoping. Was war der ausschlaggebende Grund für diese Methode?
Ullrich: Ich wusste intern, dass ich mich auch medizinisch anpassen musste. Es ging mir immer um Chancengleichheit. Ich wollte gerne gewinnen und an meine Erfolge anschließen. Ich hatte damals ein neues Team und da wurde mir dann Dr. (Eufemiano, d.Red.) Fuentes empfohlen - so bin ich da gelandet.
Hatten Sie keine gesundheitlichen Bedenken?
Ullrich: Ich hatte da keine Sorgen, weil alles medizinisch kontrolliert war. Letzendlich war es mein eigenes Blut, das ich mir abnehmen ließ - etwas Natürliches. Unter medizinischer Aufsicht hatte ich keine Angst.
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Jan Ullrich

Fotocredit: Imago

Wann haben Sie mit dem Blutdoping begonnen?
Ullrich: Das war 2003 im Sommer. Der Effekt ist zum Anfang da, wenn man es abnimmt, da ist man ein bisschen müder. Und das kriegt man dann wieder zurück. Doping ist nur das letzte Quäntchen. Du musst trotzdem das Riesentalent haben, trotzdem fleißig sein und das ganze Leben unterordnen.
1995 sind Sie zum Team Telekom gestoßen. Wie haben Sie die Atmosphäre wahrgenommen?
Ullrich: Radfahren ist eine große Familie. Gerade im Team, das ist dein Freundeskreis. Du bist permanent mit den Jungs unterwegs. Ich kam als Amateurweltmeister, aber ich habe erstmal meine Idole angeguckt - Olaf Ludwig und Erik Zabel. Das war eine tolle Atmosphäre und ich hab mich da sehr gut aufgehoben gefühlt.
Doping war allgegenwärtig...
Ullrich: Bei mir ging es 1996 los. Als ich damit in Kontakt kam, gab es schon Substanzen, die nicht zu kontrollieren waren. Es war schon ein paar Jahre im Radsport drin. Der Radsport hatte damals schon ein Problem und ich hatte vorher überhaupt keine Ahnung von Doping, weil es zu der Zeit noch gar kein Thema war. Heute weiß jeder, was Doping ist.
Warum entschieden Sie sich fürs Doping?
Ullrich: Als ich gemerkt habe, dass ich die Chancengleichheit nicht mehr habe, kam auch das Mentale dazu. Du hast dein ganzes Leben geopfert, du weißt, du hast das Talent in dir, wirst jedes Jahr besser. Und dann zu wissen, dass man sonst von vornherein keine Chance hat, das war das Schwerste. Weil ich ein fairer Mensch bin, ging es mir nie darum, jemanden zu betrügen oder sich einen Vorteil zu verschaffen, sondern um Chancengleichheit.
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Jan Ullrich sitzt nach einer schweren Zeit mit persönlichen Problemen wieder auf dem Rennrad

Fotocredit: From Official Website

Einige Weggefährten sind im Profi-Radsport in verschiedenen Funktionen aktiv. Sehen Sie für Ihre Zukunft eine Rolle im Radsport?
Ullrich: Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich die Chance wahrnehmen, weil auf diesem Gebiet bin ich irgendwo auch Meister und fühle mich nach wie vor wohl. Ich liebe diesen Sport einfach und er wird mich mein ganzes Leben lang prägen. Meine zwei jüngsten Söhne fahren auch mittlerweile Rennen. Wenn ich da wieder irgendwo Fuß fassen könnte, würde ich meine Erfahrung nach so vielen Jahren gerne zurückgeben.
Denken Sie, dass Ihre neue Offenheit dabei hilfreich sein wird?
Ullrich: Das müssen andere entscheiden. Das ist jetzt weit über eine Generation zurück, eine immense Zeit. Jeder weiß, dass damals der Sport ein Problem hatte und nicht nur die einzelnen Fahrer. Vielleicht sollte man da mal einen Schlussstrich drunter ziehen.
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(SID)
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"Er wollte es allen recht machen": Experten-Talk zu Jan Ullrich

Quelle: Eurosport

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