Tadej Pogacar ist normalerweise eher zurückhaltend, cool. In Bergamo war das am Samstag anders. "Das ist verrückt. Nach einer solchen Saison am Ende noch so ein Rennen zu gewinnen, das ist unglaublich. Mir fehlen die Worte", brabbelte Pogacar im Siegerinterview nach seinem Husarenritt bei der Lombardei-Rundfahrt 2021.
Keine Frage: Durch den Triumph von Bergamo hat Pogacar seiner jetzt schon langen Liste von herausragenden Resultaten ein weiteres hinzugefügt. Als Debütant und erster Fahrer seines Landes gewann der 23-jährige Slowene Il Lombardia und sicherte sich damit nach dem Sieg bei Lüttich-Bastogne-Lüttich im Frühjahr sein zweites Radsport-Monument.
Mit einer Attacke bereits 36 Kilometer vor dem Ziel setzte sich Pogacar am letzten schweren Berg des Tages zunächst aus der Favoritengruppe ab und ließ schließlich nach 239 Kilometern von Como nach Bergamo im Sprintduell dem aus dem Zielort stammenden Fausto Masnada (Deceuninck-Quick-Step) keine Chance.
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Der Italiener hatte als einziger der Verfolger noch den Anschluss an den wie entfesselt fahrenden zweimaligen Tour-Sieger geschafft. Rang drei sicherte sich aus der siebenköpfigen Verfolgergruppe heraus der Brite Adam Yates (Ineos Grenadiers) vor Pogacars Landsmann Primoz Roglic (Jumbo-Visma) und dem Spanier Alejandro Valverde (Movistar).

Highlights: Pogacar-Triumph mit Mut und Schrecksekunde

Pogacar fürchtet am Ende nur Masnada

"Als ich attackierte, dachte ich erst, dass sich mir jemand anschließen würde, aber da zuvor schon so hart gefahren wurde, hat sich jeder nur auf das Finale konzentriert und ich ging als Solist", sagte Pogacar, der damit rechnete, dass Masnada noch zu ihm aufschließen würde und ihm Probleme bereiten könnte.
"Ich wusste, dass er die Straßen hier sehr gut kennt", meinte der Slowene.
Und weiter: "Mir war klar, dass er im technischen Part wieder zu mir vorfahren würde. Was ich aber nicht wusste war, dass er nicht mit mir zusammenarbeiten würde. Zum Glück sind wir mit Vorsprung zum letzten Anstieg und zum Sprint gekommen. Ich habe schon lange davon geträumt, Il Lombardia zu bestreiten und mich mit den Besten zu messen. Jetzt bin ich hier und hole gleich den Sieg, das ist verrückt."

Pogacar im Sieger-Interview: "Unglaublich - mir fehlen die Worte!"

Masnada zufrieden

Auch wenn es nicht zum ganz großen Coup reichte, so konnte der 27-jährige Masnada auf seine Vorstellung stolz sein. Denn nicht Weltmeister Julian Alaphilippe, der Sechster wurde, Jungstar Remco Evenepoel oder Joao Almeida, die beide im Finale abgehängt wurden, erwiesen sich als stärkste Deceuninck-Fahrer, sondern der als Edelhelfer geltende Bergamasker.
"Ich bin Zweiter geworden, damit bin ich sehr zufrieden. Es war ein hartes Rennen und das Team ist den ganzen Tag super gefahren. Ich konnte heute auf eigene Rechnung fahren und als ich ganz vorne war bei Pogacar, habe ich dann nicht mehr mitgeführt, da wir ja Alaphilippe dahinter in der Gruppe hatten", erklärte Masnada, der aber doch auch die Ambitionen seines Teamkollegen in seine Rechnung miteinbezog.

Gerade noch mal gut gegangen - Teamwagen beschleunigt zu schnell

"Ich dachte sogar kurzzeitig, dass Alaphilippe wieder zu uns vorfahren kamn, das hat aber nicht geklappt, da Tadej richtig stark war und die ganze Zeit von vorne gefahren ist. Er hat dann noch versucht, mich am letzten Anstieg abzuschütteln. Letztlich war nicht mehr möglich als Platz zwei. Hier in Bergamo auf dem Podium zu stehen, da wird ein Traum wahr", freute er sich über sein bisher bestes Ergebnis bei einem der fünf Monumente.

Deutsche Fahrer chancenlos

Keine Rolle spielten die beiden deutschen Starter Simon Geschke (Cofidis) belegte mit mehr als 21 Minuten Rückstand Rang 93. Emanuel Buchmann (Bora-hansgrohe) stieg vorzeitig vom Rad. Als bester Fahrer von Bora-hansgrohe kam der Österreicher Felix Großschartner (+7:05) auf Platz 41.
Bereits im unteren Teil des letzten großen Anstiegs des Tages hatten Deceuninck-Quick-Step, DSM und Ineos Grenadiers mit Tempoverschärfungen das Feld in viele Teile zerbröckeln lassen. Kurz darauf attackierte Vincenzo Nibali (Trek-Segafredo) ein erstes Mal, und als er gestellt wurde, probierte es der zweimalige Lombardei-Gewinner erneut.

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Pogacar, Bardet und Pavel Sivakov (Ineos Grenadiers) klemmten sich an das Hinterrad des Italieners, ehe der UAE-Kapitän 36 Kilometer vor dem Ziel den Konter setzte.

Stallorder: Masnada wird eingebremst

Schnell fuhr sich der zweimalige Tour-Sieger einen Vorsprung von rund 30 Sekunden auf eine sich formierende Verfolgergruppe mit seinem Landsmann Roglic, dessen Helfer Jonas Vingegaard, Alaphilippe und dessen Teamkollegen Masnada, Valverde, Gaudu, Woods und Bardet heraus.

Pogacar stellt alle Mitfavoriten in den Schatten

Alaphilippe setzte sich kurz vor dem Gipfel an die Spitze der Gruppe und startete in der langen und mit zahlreichen Spitzkehren gespickten Abfahrt die Aufholjagd, die dann aber überraschend Masnada fortsetzte, der sich Pogacar als Solist immer weiter näherte.
Obwohl Vingegaard für seinen Kapitän Roglic für Tempo sorgte, wurde der Rückstand der Verfolger nicht geringer. Dagegen fuhr Masnada mit einer gewaltigen Kraftanstrengung und unter hohem Risiko am Ende der Abfahrt knapp 16 Kilometer vor dem Ziel noch zu Pogacar vor.
Nachdem sich der Lokalmatador zunächst sogar an der Führungsarbeit beteiligte, sorgte erst eine offensichtliche Order aus dem Deceuninck-Begleitfahrzeug dafür, dass sich Masnada auf den letzten rund zehn Kilometern im Windschatten seines Begleiters hielt.

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Verfolgergruppe arbeitet nicht zusammen

Da in der Verfolgergruppe allerdings keine Einigkeit herrschte, konnte das Duo seinen zwischenzeitlich auf unter 30 Sekunden zusammengeschrumpften Vorsprung auf dem Weg in die Altstadt von Bergamo wieder auf rund eine Minute ausbauen.
Am 1,6 Kilometer langen und teilweise über Kopfsteinpflaster führenden Colle Aperto hatte Masnada zeitweise Mühe, Pogacars Hinterrad zu halten. Gemeinsam nahm das Duo die letzte Abfahrt des Tages in Angriff und belauerten sich zunächst auf der breiten Zielgeraden, auf der Pogacar schließlich den Sprint von vorne anzog, dem Masnada nichts mehr entgegenzusetzen hatte.

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Bei den Verfolgern hatte Bardet am Colle Aperto attackiert und so dafür gesorgt, dass Roglic, Yates und Vingegaard zurückfielen. Doch auf den letzten Kilometern lief die Gruppe wieder zusammen, so dass sich letztlich der Brite im Sprint sogar noch den letzten freien Podiumsplatz vor dem dreimaligen Vueltasieger sichern konnte.

Pogacar auf den Spuren von Merckx und Co.

Pogacar tritt damit in die Fußstapfen von Fausto Coppi (1949), Eddy Merckx (1971/1972) und Bernard Hinault (1979), denen ebenfalls das Kunststück gelang, die Tour de France und die Lombardei-Rundfahrt in einem Jahr zu gewinnen.

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Die Tour de France, Lüttich-Bastogne-Lüttich und die Lombardei-Rundfahrt in einem Jahr gewann neben Pogacar aber nur Merchx (1971/1972).
"Im zweiten Teil der Saison gab es Höhen und Tiefen. An einem Tag war ich gut, am anderen nicht", sagte Pogacar: "Heute war ein guter Tag. Für mich ist jeder Sieg wichtig. Ich habe schon lange davon geträumt, Il Lombardia zu bestreiten und mich mit den Besten zu messen. Jetzt bin ich hier und hole gleich den Sieg - das ist verrückt."
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