Lüttich - Bastogne - Lüttich: Tadej Pogacar gegen Remco Evenepoel - Experte Jens Voigt blickt exklusiv auf Klassiker

Mit Lüttich - Bastogne - Lüttich steht das vierte Monument des Jahres auf dem Programm und wieder ist Tadej Pogacar der Topfavorit auf den Sieg. Vieles spricht für ein Duell mit dem Sieger von 2022 und 2023, Remco Evenepoel. Eurosport-Experte Jens Voigt analysierte im exklusiven Interview die Topfavoriten, die deutschen Chancen und die Schlüsselstellen des Klassikers.

Strecke und Profil: Der Kurs des Klassikers durch die Ardennen

Quelle: Eurosport

Pogacar und Evenepoel jagen beide ihren dritten Sieg beim Ardennen-Klassiker. Pogacar gewann 2021 und im vergangenen Jahr. "Am Ende wird es auf ein Duell zwischen den beiden Topfahrern hinauslaufen", sagte auch Voigt im Interview.
Die Superstars trafen bereits bei den ersten beiden Rennen der Ardennen-Trilogie aufeinander, die ihren Höhepunkt am Sonntag (ab 12:00 Uhr auf Eurosport und discovery+) findet. Beide befinden sich dabei aber an sehr unterschiedlichen Punkten ihrer Saison.
Für Pogacar endet mit dem Monument die Klassiker-Saison, bei der er bisher jedes Rennen auf dem Podium beendete. Evenepoel stieg nach seinem Unfall im Dezember erst beim Pfeil von Brabant in die Saison ein, wird am Sonntag erst sein viertes Rennen des Jahres bestreiten.
Für Voigt verspricht diese Ausgangssituation ein spannendes Rennen: "Pogacars Formkurve muss irgendwann nach unten zeigen, Evenepoels sollte steigen - irgendwo werden sich die Kurven treffen", so der Experte. "Vielleicht ist das am Sonntag der Fall." Im Exklusiv-Interview blickt Voigt auf die Besonderheiten von "La Doyenne", das bevorstehende Duell und eine Schlüsselrolle für den Deutschen Max Schachmann.
Herr Voigt, Lüttich – Bastogne – Lüttich ist das Monument, das Sie am häufigsten bestritten haben. Vor fast genau 20 Jahren wurden Sie Zweiter hinter Alexander Vinokourov. Sie sind also genau der richtige Experte für "La Doyenne"...
Jens Voigt: Das war einer der wenigen Momente in meiner Karriere, die ich bereue. Ich hätte damals nicht auf Vinokourov warten sollen, sondern selbst durchziehen müssen. Entweder hätte ich das Rennen dann verloren oder ich wäre allein durchgekommen. Aber "Vino" hatte einfach den besseren Punch im Sprint. Im Nachhinein war es ein Fehler - ich hätte volles Risiko gehen müssen: alles oder nichts.
Seit Beginn der Saison reden wir immer über denselben Topfavoriten, wenn er denn teilnimmt: Tadej Pogacar.
Voigt: Pogacar hat die Chance, bei allen großen Klassikern des Frühjahrs auf dem Podium zu stehen. Das ist unglaublich und hat es seit Eddy Merckx nicht mehr gegeben. Und er ist in jedem Rennen Favorit. Mal fährt er gegen Mathieu van der Poel, Filippo Ganna und Mads Pedersen, dann gegen Remco Evenepoel. Immer andere wollen ihn schlagen, aber er bleibt immer der Gleiche.
picture

Highlights: Pogacar und Evenepoel in packendem Dreikampf geschlagen

Quelle: Eurosport

Beim Amstel Gold Race war fast so etwas wie eine Schwäche bei Pogacar zu erkennen. Gibt es Hoffnung für die Konkurrenz?
Voigt: Nach Roubaix braucht man eigentlich ein paar Tage zur Erholung. Ich habe mit Daan Hoole (Profi bei Lidl-Trek, Anm. d. Red.) gesprochen, der meinte: "Ich verstehe nicht, wie Pogacar schon wieder Podium-Material sein kann, wenige Tage nach Roubaix. Ich hätte nicht einmal die Verpflegungszone beim Amstel Gold Race erreicht." Das ist schon sehr herausfordernd, und auch für Pogacar Neuland. Normalerweise ist er im Frühjahr auch Rundfahrten gefahren, dieses Jahr hat er sich komplett auf die Klassiker konzentriert. Bei den Eintagesrennen fährt man alle paar Tage ein Rennen und macht dazwischen nur lockere Einheiten. In dieser Phase kann man keine Form aufbauen, nur halten. Beim Amstel hat man Pogacar das ein wenig angemerkt, aber beim Flèche Wallonne hat er gezeigt, dass er in der Lage ist, auch das letzte Rennen noch in Topform zu bestreiten. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass er Schwäche zeigen wird.
Fast alle rechnen mit einem Duell Evenepoel vs. Pogacar. Es ist das letzte Rennen des Weltmeisters nach einem intensiven Frühjahr, der Olympiasieger ist gerade erst eingestiegen. Was bedeutet das für die Ausgangslage?
Voigt: Man darf nicht vergessen, dass auf Pogacar bei jedem Rennen ein enormer Druck lastet. Und er ist erst 26 Jahre alt – er könnte mein Sohn sein. Er muss immer Interviews geben, alle schauen auf ihn, das Team verlässt sich auf ihn. Ich könnte verstehen, wenn er die Tage bis zum Ende von Lüttich - Bastogne - Lüttich herunterzählt. Evenepoel hat nach seiner langen Verletzung einen sehr starken Saisoneinstieg gefeiert. Ich glaube aber, beim Amstel Gold Race war er ein bisschen zu selbstbewusst und ist zu ambitioniert in den Sprint gegangen. Ansonsten gilt für diese drei Ausnahmekönner – neben ihm auch Jonas Vingegaard und Pogacar – dass sie bereits im Training solche Reize setzen können, dass sie sofort in Topform sind. Das hat Vingegaard ja im vergangenen Jahr bei der Tour de France bewiesen. Ich bin von der alten Schule und glaube, dass Rennpraxis durch nichts zu ersetzen ist. Im Training sind die Fahrer geschützter, aber ohne Rennhärte fehlt das Gefühl fürs Feld, fürs Nutzen von Lücken. Daran zu arbeiten kostet Kraft, und das konnte man bei Remco vielleicht sehen.
picture

Pogacar zündet Turbo an der Mauer und siegt beim Wallonischen Pfeil

Quelle: Eurosport

Wie muss der Rennplan aussehen, um Pogacar zu schlagen?
Voigt: Eine Erkenntnis für Remco aus den ersten beiden Ardennen-Rennen muss sein, dass er Pogacar vorher abhängen muss. Er muss an der Redoute oder der Côte de la Roche-aux-Faucons losfahren – oder ihn an anderer Stelle überraschen. Pogacar ist schwer zu schlagen, klar. Seine Konkurrenten müssen bereit sein, das Rennen zu verlieren. Wenn eine Spitzengruppe rausfährt, muss UAE alleine nachfahren oder die Gruppe kommt eben durch, andere Teams dürfen nicht in der Verfolgungsarbeit helfen. Ziel muss es sein, dass der Slowene bereits rund 70 oder 80 Kilometer vor dem Ziel, nach mehreren Anstiegen, isoliert ist. Die Rivalen müssen bereit sein, spektakulär zu scheitern, um eine realistische Siegchance zu haben. Das traut sich kaum jemand. Aber nach diesem Frühjahr müssen die Teams etwas verändern. Die entscheidende Rennphase beginnt immer früher, es ist kaum möglich, jemanden mit einer späten Attacke zu überraschen. Pogacar wird weniger schnell müde als andere, am Ende hat er den besten Punch. Darum darf man nicht mit ihm zusammenarbeiten – sonst fährt man um Platz zwei.
Welche Rolle kann Maximilian Schachmann als Teamkollege von Evenepoel spielen?
Voigt: Max stand in Lüttich schon auf dem Podium. Er ist eine Karte, die man spielen kann, und er ist ein Joker, kein Bluff. Wenn Schachmann vorne rausfährt, kann sich Evenepoel zurücklehnen und sagen: "Ich habe da einen Teamkollegen, der das Rennen gewinnen kann."
Wer kann wie Mattias Skjelmose beim Amstel Gold Race das Duo eventuell sprengen? Wie sieht Ihre Favoritenliste aus?
Voigt: Am Ende wird es auf das Duell Pogacar gegen Evenepoel hinauslaufen. Dahinter gibt es eine Reihe von Teams und Fahrern, die um das verbleibende Podium kämpfen. Es sind viele gute Fahrer dabei, aber ich sehe keinen weiteren klaren Siegfahrer: Ben Healy, Tom Pidcock, Thibau Nys, Giulio Ciccone – ich lasse Mattias Skjelmose nur wegen seines Sturzes beim Flèche Wallonne aus – Enric Mas und auch Kevin Vauquelin, der in sehr guter Form ist und dessen Team angesichts der finanziellen Schwierigkeiten topmotiviert sein wird. Man würde sich einen heldenhaften Auftritt eines Außenseiters wünschen, aber ich sehe nicht, dass jemand an den beiden vorbeikommt. Zwischen den Topstars wird vermutlich die Tagesform entscheiden. Pogacars Formkurve muss irgendwann nach unten zeigen, Evenepoels sollte steigen - irgendwo werden sich die Kurven treffen.
picture

Im Sprintduell: Evenepoel kocht van Aert ab

Quelle: Eurosport


Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen