Mailand - Sanremo: Eurosport-Experte Jens Voigt heiß auf den Klassiker - "Mit dem Hammer auf den Amboss"

Wer macht das Rennen bei Mailand-Sanremo? Eurosport-Experte Jens Voigt blickt im Interview auf das Duell der Superstars zwischen Wout Van Aert und Tadej Pogacar. Gewinnt erstmals seit Eddy Merckx ein amtierender Tour-Sieger den großen Klassiker, wie stehen die Chancen für einen lachenden Dritten und auf welche deutschen Fahrer können die Fans am Samstag beim längsten Rennen des Jahres hoffen?

Wout van Aert und Tadej Pogacar im Duell

Fotocredit: Getty Images

Das erste Radsport-Monument der Saison 2022 steht an - über fast 300 Kilometer geht es aus Norditalien an die Riviera und im Kampf um den Triumph auf der Via Roma bekommen die Sprinter in diesem Jahr Konkurrenz von den Champions der großen Rundfahrten.
Mit Tadej Pogacar und Primoz Roglic sind die Sieger von Tour und Vuelta am Start und haben große Ambitionen, die größten Chancen hat aus Sicht von Jens Voigt aber dennoch ein Klassikerspezialist.
Der Eurosport-Experte wird das Rennen am Samstag vom Start weg live in voller Länge bei Eurosport 2 und bei Eurosport mit Joyn+ begleiten.
Voigt erwartet dabei ein beinhartes Ausscheidungsfahren, erinnert aber auch an die Überraschungen der letzten Jahre.
Herr Voigt, Mailand - Sanremo ist oft eine Beute für Sprinter gewesen, wird das auch 2022 der Fall sein?Jens Voigt: Ich glaube, dass dieses Jahr Mailand-Sanremo kein Rennen für die Sprinter ist. Denn wenn Tadej Pogacar in einer so starken Form am Start ist, dann nicht, um 85. zu werden. Gewinnen kann er aber nur aus einer sehr kleinen Gruppe heraus, wie bei seinem Sieg in Lüttich etwa. Er braucht also ein sehr hartes, schweres Rennen, damit Fahrer, die deutlich schneller sind als er, einfach abgehängt werden. Und diesen Plan dürfte nicht nur er haben.
Was erwarten sie also?
Voigt: Bei Tirreno-Adriatico und Paris-Nizza war eines deutlich: Die Mannschaften von Pogacar und Wout Van Aert waren die stärksten im Feld. Der Belgier ist selbst ein schneller Sprinter und will am Samstag gewinnen - und zwar am liebsten ohne Risiko. Er und sein Jumbo-Team werden also alles dafür tun, damit die anderen Sprinter gar nicht erst mit bis aus die Zielgerade kommen. Und wenn neben Jumbo auch noch Team UAE vorne Tempo fährt, gibt es hinten keine Chance mehr - egal ob für Fabio Jakobsen, Caleb Ewan oder einen anderen reinen Sprinter. Wer wird dann am Ende das Rennen machen?Voigt: Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass vor dem letzten Anstieg, dem Poggio - und auch schon vorher in der Cipressa - so schnell gefahren wird, dass oben am Ende des Poggio nur noch Van Aert und Pogacar zusammen sind. Van Aert kann sogar am Poggio ein paar Meter verlieren die Abfahrt hinunter und das Flachstück entlang kann er Pogacar wieder einholen. Dann gewinnt Van Aert den Sprint der beiden - und Tom Pidcock ist dahinter mein Tipp für Platz drei aus der Verfolgergruppe heraus.
Im letzten Jahr schien vorher alles für einen Dreikampf der Superstars Van Aert, Julian Alaphilippe und Mathieu van der Poel zu sprechen, doch dann stand nur einer von ihnen überhaupt als Dritter auf dem Podest. Wie sind diesmal die Chancen für eine Überraschung? Voigt: Der alte Spruch stimmt ja: Sanremo ist von den großen Klassikern am leichtesten zu fahren - aber am schwersten zu gewinnen. In Lüttich, Roubaix oder Flandern siegt immer einer der allerstärksten Fahrer. In Sanremo ist das nicht immer so - Arnaud Démare etwa war bei seinem Erfolg 2016 nicht schlecht, aber sicher nicht der stärkste Fahrer im Feld. Es gibt immer wieder Sieger, die glücklich und clever durchkommen und nicht schon Wochen vorher als heiße Kandidaten gehandelt wurden. Aber diese Überraschungen sind selten. Ein Kandidat ist für mich eben Cross-Weltmeister Pidcock von Ineos. Oder Matej Mohoric von Bahrain, der superclever ist und sich auf die Minute, nicht nur auf den Tag, perfekt vorbereiten kann um fast aus dem Nichts zuzuschlagen.
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Als Überflieger zu Gold: Pidcock dominiert Cross-WM

Quelle: Eurosport

Wen haben Sie noch auf dem Zettel?
Voigt: Ansonsten vielleicht noch Fahrertypen wie im Vorjahr Jasper Stuyven: Jemand, der kein Topfavorit ist, aber auch nicht aus der zweiten oder dritten Reihe kommt. Ein bergfester Klassikerspezialist, der über die Anstiege mitgeht und sich da drüberquälen kann, um auf den letzten flachen Kilometern eine erfolgreiche Attacke zu starten. Da hängt es davon ab, ob am Poggio jemand den Anschluss an Van Aert und Pogacar halten kann.
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Die letzten 1000 Meter: So entschied Stuyven Mailand - Sanremo für sich

Quelle: Eurosport

Eine Schlüsselstelle?
Voigt: Ich hatte gerade erst in meinem Podcast mit Bobby Julich den Sanremo-Sieger von 2008 zu Gast, Matt Goss aus Australien. Was keiner mehr so weiß: Als das Rennen damals in zwei große Felder zerriss, war er der einzige Fahrer seines Teams in der ersten Gruppe. Er hat dann dort 100 Kilometer auf sich allein gestellt das Rennen bestritten, war immer selbst am Teamwagen für Trinkflaschen, musste sich selbst immer wieder in Position bringen - und gewann am Ende!
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Cavendish schlägt Sagan & Co: Das Finale von Mailand - Turin

Quelle: Eurosport

Wie sieht es bei den deutschen Fahrern aus, wem ist da ein Spitzenergebnis zuzutrauen?
Voigt: Am ehesten Phil Bauhaus! Der gibt seine Premiere bei Sanremo, hat aufsteigende Form und gerade erst die Schlussetappe von Tirreno-Adriatico gewonnen. Er kam nach Verletzungsproblemen schwer in die Saison, aber jetzt ist er endlich da, wo er sein wollte. Auch Max Kanter wäre ein gutes Ergebnis zuzutrauen, bei Mailand-Turin hat er gerade als Vierter einen richtig guten Eindruck gemacht. Für Maximilian Schachmann wäre es nach seinem Ausstieg bei Paris-Nizza ein tolles Ergebnis, wenn er es in die Top Ten schaffen könnte. Ich würde mich irrsinnig gerne täuschen, aber ein Podiumsplatz scheint mir bei diesen Voraussetzungen für ihn noch nicht drin. Pascal Ackermann hat leider auch bei Mailand-Turin seine Chance verpasst, sich durch starke Leistungen einen Platz als Joker in Pogacars Team zu sichern.
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"Wahnsinn!" Bauhaus sprintet zum Triumph auf der Schlussetappe

Quelle: Eurosport

Viel spricht dafür, dass es dieses Jahr nicht erst am Poggio, sondern schon an der Cipressa richtig ernst werden könnte – wie wahrscheinlich ist das und welche Rolle spielt dann das Flachstück zwischen den beiden Anstiegen?Voigt: Als Jumbo-Team würde ich mich erstmal verstecken, das ganze Rennen über - bis 20 Kilometer vor der Cipressa. Sie haben mit Van Aert einen Mann, der gegen Pogacar bestehen kann. Sie müssen also nicht permanent verzweifelt attackieren, um den Slowenen zu isolieren, denn sie sind auf Augenhöhe. Erst nach 255 Kilometern würde ich Tempo fahren, dabei ein, zwei Helfer verbrauchen und dann in diesem Flachstück mit absolut Vollgas weiterfahren: Für die verbliebenen Helfer gilt dann: Eure Ziellinie ist am Fuß des Poggio. Bis dorthin fahrt ihr, bis ihr vom Rad fallt - im besten Fall 60 km/h im Flachstück, wenn ihr’s könnt. Im Poggio attackiert dann Van Aert mit Pogacar und die zehn oder zwanzig anderen Fahrer, die mithalten konnten, fliegen alle weg. Einfache Strategie: Mit dem Hammer auf den Amboss und alles zerquetschen, was dazwischen ist. Subtile taktische Spiele bringen nichts, es wird ein sehr einfaches Ausscheidungsfahren werden.
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"Noch immer Gänsehaut!" Stuyven über seinen Sanremo-Sieg 2021

Quelle: Eurosport

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