Mailand - Sanremo: Tadej Pogacar muss das Rennen an der Cipressa entscheiden - Jens Voigts Vorschau zum Klassiker

Tadej Pogacar startet seinen fünften Anlauf, endlich bei Mailand - Sanremo zu triumphieren. In den vergangenen Austragungen konnte er seine Konkurrenten um Mathieu van der Poel & Co. am letzten Anstieg, dem Poggio, nie abschütteln. Jens Voigt erklärt im exklusiven Eurosport-Interview, was für den Weltmeister diesmal besser laufen muss und wirft einen Blick auf die anderen Favoriten.

Das muss Pogacars Taktik sein: Voigt über die Strategie zum Sieg

Quelle: Eurosport

Mailand - Sanremo gilt als das Monument, bei dem es am leichtesten ist ins Ziel zu kommen, aber das am schwierigsten zu gewinnen ist. Das musste auch Pogacar schon mehrfach erleben - und in den vergangenen beiden Jahren war es jeweils van der Poel, der die Attacken des Slowenen neutralisierte oder konterte.
Am Samstag (ab 10:30 Uhr im Liveticker und bei discovery+) bekommt der Dominator seine nächste Chance, um das vierte von fünf Monumenten abhaken zu können, nur "La Primavera" und Paris - Roubaix fehlen Pogacar noch.
Eurosport-Experte Jens Voigt entwirft im Interview einen Plan, wie es für den Weltmeister klappen kann: "Vier, besser fünf seiner Helfer fahren Vollgas über die Cipressa, sodass am Ende nur noch Pogacar und vielleicht zwei oder drei andere Fahrer übrig bleiben. Diese kann er dann im Finale abhängen."
Konkurrenz droht Pogacar laut Voigt vor allem durch van der Poel, aber auch Filippo Ganna und Mads Pedersen sollte man nicht abschreiben. Ein Fragezeichen steht hinter der Form des Vorjahressiegers Jasper Philipsen nach seinem Sturz bei Nokere Koerse.
Die große Vorschau zu Favoriten, Schlüsselstellen und taktischen Optionen bei der Classicissima:
Im vergangenen Jahr ist es Tadej Pogacar nicht gelungen, die Konkurrenz am Poggio abzuhängen. Was muss diesmal passieren, damit es für den Weltmeister klappt?
Jens Voigt: Ich habe eine Einschätzung von Sean Kelly gesehen, der ich zustimme: Pogacar hatte vergangenes Jahr das Zeug dazu, das Rennen zu gewinnen. Das Problem war, dass sein Team am Cipressa-Anstieg nicht vollständig präsent war. Er hatte nur zwei Teamkollegen an seiner Seite - eigentlich hätte er vier oder fünf gebraucht. Genau das muss in diesem Jahr der Plan sein: Vier, besser fünf seiner Helfer fahren Vollgas über die Cipressa, sodass am Ende nur noch Pogacar und vielleicht zwei oder drei andere Fahrer übrig bleiben. Diese kann er dann im Finale abhängen. Die Einzigen, die ihm noch folgen könnten, wären möglicherweise Mathieu van der Poel oder Mads Pedersen. Doch die werden sich zunächst gegenseitig belauern - schließlich sind sie keine Helfer, sondern Kapitäne, die selbst gewinnen wollen. Falls sie nicht gut zusammenarbeiten, könnte das Pogacar den entscheidenden Vorsprung verschaffen. Denn die eigentliche Vorentscheidung fällt an der Cipressa - am Poggio wäre es für ihn zu spät.
Wie schätzen Sie Mathieu van der Poel als zweiten großen Favoriten ein?
Voigt: Er kam nicht ganz so stark aus Tirreno - Adriatico wie erhofft. Ihm fehlte einfach das Erfolgserlebnis, der Sieg, der das Selbstvertrauen gibt, auch wenn seine Leistungsdaten sicherlich gut waren. Trotzdem zählt er natürlich zu den absoluten Favoriten, das ist keine Überraschung.
Mit welchem Rennverlauf rechnen Sie in diesem Jahr?
Voigt: Die Geschichte von Mailand – Sanremo ist eigentlich jedes Jahr dieselbe: Eine Gruppe mit drei bis maximal zehn Fahrern setzt sich früh ab. Die Ausreißer lassen sich aber meist gut kontrollieren, weil die enorme Länge des Rennens sie zermürbt. Über die Capi an der Küste wird das Tempo kontinuierlich höher und an der Cipressa und dem Poggio fällt die Entscheidung. Rund 100 Fahrer werden am Fuß der Cipressa sein, oben kommen nur noch 20 bis 30 an. Das wird ähnlich ablaufen wie in den letzten Jahren. Wenn Pogacar gewinnen will, muss er das Rennen an der Cipressa entscheiden – am besten mit der vollen Unterstützung seines Teams. Sein Idealszenario wäre: Er setzt sich mit zehn Sekunden Vorsprung über die Cipressa ab, hält den Abstand, baut ihn am Poggio auf 20 Sekunden aus und fährt solo ins Ziel. Falls die Verfolger am Poggio aber noch in Reichweite sind - und das sind ja keine Fruchtfliegen - wird die Lücke wohl geschlossen. Je mehr Fahrer gemeinsam ins Finale kommen, desto unwahrscheinlicher wird ein Pogacar-Sieg.
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Lidl-Trek hat mit Jonathan Milan und Mads Pedersen gleich zwei aussichtsreiche Fahrer im Rennen. Wie sollte die Mannschaft das taktisch angehen, und wen sehen Sie vorne?
Voigt: Als Teamchef würde ich das mit beiden in einem Gespräch klar besprechen: "Ihr seid beide extrem wichtige Fahrer für die Mannschaft – sportlich, moralisch und finanziell. Ich erwarte von euch, dass ihr euch professionell verhaltet. Mads, wenn du siehst, dass das Rennen langsam ist und es auf einen Sprint hinausläuft, dann musst du für Milan fahren. Jonathan, wenn das Rennen dagegen extrem schnell wird und du keine realistische Chance hast, im Finale dabei zu sein, dann musst du Pedersen unterstützen." Sie müssen die Situation richtig einschätzen und im Sinne der Mannschaft handeln – notfalls bis zur Selbstaufgabe. Milan hat in einem langsameren Rennen definitiv eine Chance – alle paar Jahre kommt ein Sprinter durch.
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Im letzten Jahr hat van der Poel mit einer ähnlichen Taktik seinem Teamkollegen Jasper Philipsen zum Sieg verholfen. Ist das eine Blaupause für Lidl-Trek?
Voigt: Absolut. Van der Poel ging als Topfavorit, als Weltmeister und Vorjahressieger ins Rennen. Aber er hat erkannt: Wenn er für sich selbst sprintet, ist seine Siegchance eher klein, würde er Philipsen helfen, gewinnt dieser im Sprint fast garantiert. Die Konstellation bei Lidl-Trek ist in diesem Jahr ähnlich, und es wird spannend zu sehen, wie das Team die Taktik umsetzt.
Die Wettervorhersage für die Gegend um Imperia ist schlecht – es könnte regnen. Wem kommen solche Bedingungen am meisten entgegen?
Voigt: Im Grunde ist Mailand – Sanremo 240 Kilometer "Transport" und dann 50 Kilometer Radrennen. Doch diese letzten 50 Kilometer sind die nervenaufreibendsten im Radsport. Jeder weiß: Man muss unter den ersten 20 Fahrern sein, wenn es in die Cipressa geht – sonst ist das Rennen vorbei. Das erzeugt enormen Stress. Schon bei Sonnenschein ist das eine Herausforderung, bei Regen und glatten Straßen wird es noch viel anspruchsvoller. Kälte und Nässe scheinen Mads Pedersen nichts auszumachen – der ist ein alter Wikinger und hat keine Angst. Pogacar aber auch nicht: Er stürzt selten und hat ein sehr gutes taktisches Gespür. Ich glaube nicht, dass ihn die Bedingungen groß beeinflussen werden.
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Cycling - Milano-Sanremo - 2025 route map

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Was trauen Sie den deutschen Fahrern zu?
Voigt: Momentan fehlt Deutschland ein Fahrer, der als klarer Siegkandidat ins Rennen geht. Trotzdem sind deutsche Profis in ihren Teams sehr geschätzt, weil sie solide sind und wertvolle Helferdienste leisten. Der deutsche Radsport steht insgesamt gut da. John Degenkolb ist ein ehemaliger Sieger des Rennens – den darf man nie außer Acht lassen. Pascal Ackermann hat in einem langsameren Rennen, wenn eine größere Gruppe ankommt, durchaus eine Chance. Jonas Koch und Jonas Rutsch könnten in der frühen Ausreißergruppe des Tages dabei sein. Nils Politt wird in einem Team mit Pogacar wohl keine Freiheiten bekommen, ist aber dennoch extrem wichtig. Ich behaupte sogar: Pogacar kann Mailand – Sanremo nicht gewinnen, wenn Politt nicht einen perfekten Tag erwischt.
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Voigt erklärt: Ohne Top-Tag von Politt gewinnt Pogacar nicht

Quelle: Eurosport

Wer sind Ihre Topfavoriten und wie sieht Ihr Podiumstipp aus?
Voigt: Über Filippo Ganna haben wir bisher noch nicht gesprochen. Er ist ein herausragendes Tirreno - Adriatico gefahren und wurde Gesamtzweiter. Manche sagen jetzt, es habe dort nicht viele schwere Bergetappen gegeben – aber trotzdem wollten alle aufs Podium. Am Ende war nur Juan Ayuso ein kleines Stück besser. Ganna ist hochmotiviert und hat ein starkes Team hinter sich. Falls er über die Cipressa kommt und zwischen Cipressa und Poggio attackiert – wer soll ihn dann noch zurückholen? Ihn sollte man auf keinen Fall unterschätzen. Meine Prognose: Tadej Pogacar gewinnt. Er will in jeder Saison alle großen Rennen gewinnen und wird sich hier sein viertes von fünf Monumenten holen. Mathieu van der Poel kommt nach ihm ins Ziel und Mads Pedersen gewinnt den Sprint der Verfolger.
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Quelle: Eurosport


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