Paris - Roubaix: Tadej Pogacar und Mathieu van der Poel vor nächstem Duell - Rolf Aldag blickt exklusiv auf Klassiker
Update 10/04/2026 um 22:52 GMT+2 Uhr
Tadej Pogacar jagt bei Paris - Roubaix in diesem Jahr wieder einmal Rekorde. Könnte er die "Königin der Klassiker" gewinnen, hätte er alle fünf Monumente des Radsports in seiner Siegesliste. Sein großer Rivale heißt, wie so oft, Mathieu van der Poel. Eurosport-Experte Rolf Aldag analysiert im Exklusiv-Interview, worauf es bei der Hölle des Nordens mit den berüchtigten Pflasterpassagen ankommt.
Van der Poel mit Roubaix-Hattrick: Seine drei Siege im Rückblick
Quelle: Eurosport
Aldag weiß bei Paris - Roubaix genau, wovon er spricht. Der 57-Jährige nahm in seiner aktiven Zeit 15 Mal am Klassiker teil, dreimal schaffte er es als Neunter in die Top Ten. Er kann das Risiko für Tadej Pogacar und Co. auf dem Pavé einschätzen und weiß, was man tun muss, um gut über das Pflaster zu kommen: schnell sein.
Als Sportlicher Leiter bei Bahrain Victorious feierte er 2021 einen seiner größten Erfolge im Begleitfahrzeug: Sonny Colbrelli schlug in einem Dreiersprint im Velodrom in Roubaix Florian Vermeersch und Mathieu van der Poel und gewann überraschend das Monument.
Das zeigt: Es sind Überraschungssieger möglich, darauf nimmt Aldag auch im Interview Bezug. "Bei Roubaix machen sich 25 Fahrer berechtigte Hoffnungen, anders als in Flandern", sagte der Eurosport-Experte. "Das macht es ja auch so interessant, dass es nicht immer gleich ist."
Trotzdem rechnen alle - wie im Jahr 2025 - mit einem Duell zwischen van der Poel, der das Rennen dreimal in Folge gewinnen konnte und damit seinerseits einen Rekord aufstellen könnte, und Pogacar, der dieses Monument im zweiten Anlauf für sich entscheiden möchte. "Wenn beide gut kooperieren, dann könnten vielleicht noch Mads Pedersen oder ein Wout van Aert in Topform mithalten", meint Aldag in seiner Vorschau.
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Wie nervös macht es einen Sportdirektor, wenn ein Rundfahrt-Star wie Pogacar sagt: Ich will gerne in Roubaix mitfahren, auch wenn ich mir eventuell bei einem Sturz etwas brechen könnte und ich den Rest der Saison durch diesen Start dann leider vielleicht abschreiben muss?
Rolf Aldag: Also ich glaube, die Person, die am Sonntag am meisten schwitzen wird, ist der CFO, der Chief Financial Officer, seines Teams - denn der muss ihm jeden Monat das Gehalt überweisen. Wenn wir davon ausgehen, dass diese Summe vielleicht 600.000 Euro im Monat ist, dann kann man sich überlegen, wie teuer so ein Schlüsselbein wäre. Dieser Sport hat einfach einen gewissen, durchaus hohen Gefahrenanteil.
Sollte Pogacar also bewusst weniger Risiko eingehen?
Aldag: Ich glaube, davon lässt sich dort keiner leiten. Es wäre das absolut Schlimmste, wenn man passiv an die Sache rangeht und sagt: Halt dich lieber zurück und versuche ein bisschen Abstand zu lassen und nicht so nah am Hinterrad zu fahren. Denn für Pogacar geht es um den Sieg und das macht er auch nicht auf einem Bein, weil in Roubaix die Konkurrenz für ihn wesentlich größer ist als in Flandern.
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Der letzte Schliff: Pogacar und Co. trainieren auf Kopfsteinpflaster
Quelle: Eurosport
Wie groß ist denn ganz allgemein das Sturzrisiko auf dem Kopfsteinpflaster?
Aldag: Naja, es ist immer relativ: Ich bin mal zehn Jahre lang gar nicht gestürzt bei Roubaix und dann hat es mich ausgerechnet auf einem Stück Asphaltstraße und nicht auf dem Pflaster erwischt ... Was die Sturzwahrscheinlichkeit verzehnfacht, wäre Regen und nasses Kopfsteinpflaster. Da suchst du dir dann eigentlich idealerweise den größten Haufen gestürzter Fahrer zur Landung aus, damit du weich fällst.
Was machen Erfahrung und Streckenkenntnis aus - lange galt das als extrem wichtiger Baustein zum Erfolg bei den Klassikern, inzwischen fahren Stars wie Pogacar schon bei ihren ersten Auftritten um den Sieg mit.
Aldag: Also ganz speziell Pogacar ist einfach so sehr Rennfahrer mit Herz und Blut, dass ich glaube, der findet seinen eigenen Weg. Außerdem gibt es inzwischen technische Möglichkeiten wie Google Street View, mit denen man sich jeden Meter da angucken und selbst die Pflasterabschnitte gut erkennen kann. Wer will, kann sich daraus auch noch einen kleinen Film schneidern und das alles schon mal virtuell abfahren. Und am Donnerstag und Freitag fahren alle die Schlüsselstellen vor Ort nochmal ab - dann kennst du aber auch wirklich alles. Gefühlt wird er dann 100-mal den Wald von Arenberg auf und ab und hin und her gefahren sein, mit Anlauf, mit Renntempo und mit Motorpace: Das heißt, die Fahrtlinie sollte absolut klar sein.
Früher wäre ein so intensives Streckenstudium kaum möglich gewesen, oder?
Aldag: Ja, da hilft Pogacar sein Rennprogramm mit bisher nur drei Starts schon. In früheren Jahren hätte man schon ein Vielfaches an Renntagen gehabt und die Zeit für diese Testfahrten wäre gar nicht da gewesen - man ist stattdessen von einem Rennen zum nächsten durch Europa gereist.
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Pogacar testet auf Kopfsteinpflaster und Velodrom für Klassiker
Quelle: Eurosport
Wie kann man sich die Fahrt auf dem Pavé bei dem Tempo, dass die Profis drauf haben, als Laie vorstellen - und wie sind die Schmerzen nach dem Rennen?
Aldag: Nach meinem ersten Start habe ich am Montag das Marmeladenglas nicht aufgekriegt und musste meine Mutter darum bitten, mir das zu öffnen, weil die Fingerknöchel so geschwollen waren und überhaupt keine Kraft mehr in den Fingern war. Im zweiten Jahr habe ich dann gedacht, ich bin ganz schlau und habe mir Tape über die Gelenke gemacht. Das hat auch insofern funktioniert, als dass es nicht mehr so schmerzhaft war. Dafür war danach aber keine Haut mehr an den Knöcheln, weil die abgescheuert war durch dieses ständige Vibrieren, das Schlagen der Fingerknöchel aneinander.
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Rolf Aldag bei Paris - Roubaix 2001
Fotocredit: Imago
Gibt es einen Trick, wie man mit der richtigen Technik schonender über das Pflaster kommt?
Aldag: Der wirkliche Schlüssel ist, wie du den Lenker hältst. Du darfst nicht in Panik richtig zudrücken, dann machen auch die Unterarme zu, dann verkrampft alles. Gleichzeitig darfst du ihn aber auch nicht zu lose halten, dass wirklich die Gelenke ständig aneinander schlagen. Ansonsten ist es eigentlich relativ einfach. Solange du richtig schnell bist auf dem Pflaster, hast du damit auch gar keine Probleme, denn du rutschst mit dem Reifen nicht in die Löcher zwischen den Pflastersteinen rein. Du ratterst da so drüber und es ist alles gut. Schlimm ist, wenn du langsam wirst: Je langsamer du fährst, umso tiefer fällst du in die Löcher, fährst gegen den Stein statt über den Stein. Dann verlierst du immer weiter an Schwung. Die Geschwindigkeit zu halten ist das A und O.
Blicken wir auf die Favoriten: Wie schätzt du die Kräfteverhältnisse jetzt nach der Flandern-Rundfahrt ein, wo ja alle die Karten auf den Tisch gelegt haben?
Aldag: Bei der Flandern-Rundfahrt hat Pogacar alles bestimmt, was, wann, wie passieren sollte. So einfach wird er es auf dem Weg nach Roubaix nicht haben. Dort werden sich viel mehr Fahrer Chancen ausrechnen, als es bei Flandern jemals der Fall sein würde.
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Highlights: Ausscheidungsfahren der Superstars in Flandern
Quelle: Eurosport
Ist dann vielleicht nicht Sanremo die härteste Nuss für Pogacar gewesen, die er knacken musste, sondern wird das Roubaix - weil der Lotterieeffekt viel größer ist und der Favoritenkreis auch?
Aldag: Wann gab es in Sanremo zuletzt einen echten Überraschungssieger? Natürlich könnte man das vielleicht über Vincenzo Nibali 2018 sagen - aber dort gibt es keine Überraschungen wie in Roubaix mit Servais Knaven 2001, Magnus Bäckstedt 2004 oder Mathew Hayman 2016. Die gibt es auch bei der Flandern-Rundfahrt nicht mehr. So etwas passiert aber immer mal wieder in Roubaix, da war es auch mal nicht so unwahrscheinlich zu sagen, das hätte auch Max Walscheid gewinnen können. Als wir 2021 mit Sonny Colbrelli gewonnen haben, war der sehr stark und hatte vor allem Pech mit einem Defekt zum ungünstigsten Zeitpunkt. Bei Paris - Roubaix machen sich 25 Fahrer berechtigte Hoffnungen, anders als in Flandern. Das macht es ja auch so interessant, dass es nicht immer gleich ist.
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Paris - Roubaix 2021: Colbrelli schlägt Vermeersch und van der Poel
Quelle: Eurosport
Welche Fahrer könnten diesmal für eine solche Überraschung sorgen?
Aldag: Es wird wohl kein Sprinterrennen werden. Die Wetteraussichten sagen recht viel Rückenwind vorher, es wird ein sehr schnelles Rennen. Da könnte den reinen Sprintern, die sich sehr gut positionieren können, spätestens im Carrefour de l'Arbre (der letzten anspruchsvollen Kopfsteinpflasterpassage 15 Kilometer vor dem Ziel, Anm. d. Redaktion) die Puste ausgehen. Wenn es trocken bleibt, können sie trotzdem weit kommen. Am Ende gewinnt entweder Mads Pedersen, van der Poel oder Pogacar. Wenn man diese Liste aber noch erweitern möchte, dann wird sie sehr lang.
Sie haben die Sprinter angesprochen, mit Jasper Philipsen hätte Alpecin die Möglichkeit auf eine starke Doppelspitze mit zwei Siegkandidaten, die Pogacar eventuell mit abwechselnden Attacken unter Druck setzen könnten.
Aldag: Das wäre natürlich eine Option, wenn Pogacar sie vorher nicht ohnehin loswird. Der Sprinter würde in einer solchen Situation eher versuchen, am Hinterrad zu bleiben, weil er dann im Velodrom im Finale der Favorit wäre. Dann könnte es aber tatsächlich schwierig werden, Philipsen davonzufahren. Aber ich weiß nicht, ob das ein realistisches Szenario ist.
Also läuft es auf ein erneutes Duell zwischen Pogacar und van der Poel hinaus?
Aldag: Es könnte interessant werden, denn van der Poel hat in Flandern mit Pogacar zusammengearbeitet, obwohl er vielleicht besser am Hinterrad geblieben wäre. Ich denke aber, dass es ihm der Slowene diesmal zurückzahlen wird. Und wenn beide gut kooperieren, dann könnten vielleicht noch Pedersen oder ein Wout van Aert in Topform mithalten. Aber das ist bei den beiden Ehrensache, sie arbeiten zusammen und sagen sich, wenn der andere mich dann abhängt, dann ist es eben so. Die werden nicht taktieren oder Spielchen spielen. Dann könnten sie zusammen im Velodrom ankommen und dann sollte van der Poel im Sprint gewinnen – obwohl er auf dieser Bahn auch schon gegen Colbrelli einen Sprint verloren hat.
Mit John Degenkolb startet der letzte deutsche Sieger zum vielleicht letzten Mal in Roubaix: Was können die Fans von ihm erwarten?
Aldag: Ich drücke ihm auf jeden Fall total die Daumen. Vergessen wir nicht, 2023 hatte man ihn auch nicht mehr auf der Rechnung und was wäre da möglich gewesen, wenn ihn van der Poel nicht abgeräumt hätte?! Im reinen Vergleich der Wattwerte hat er keine Chance, aber wenn er seine Erfahrung und seinen Kampfgeist in die Waagschale wirft, kann er zusammen mit den Favoriten weit kommen - hoffentlich bis ins Finale!
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Jubiläum: Degenkolb triumphiert 2015 im Velodrom von Roubaix
Quelle: Eurosport
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