Nach Horror-Sturz von Jakobsen bei Polen-Rundfahrt: Eisel fordert Umdenken
Der schwere Crash auf der 1. Etappe der Polen-Rundfahrt hält den Radsport in Atem. Fabio Jakobsen lag im künstlichen Koma, Sturzverursacher Dylan Groenewegen zog sich einen Schlüsselbeinbruch zu und wurde ebenfalls operiert. Derweil wächst die Kritik an den Organisatoren. "Die Abfahrt ins Ziel hätte schon vor Jahren verboten gehört", moniert Ex-Profi Bernhard Eisel im Interview mit Eurosport.de.
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Die Korfantego-Allee hinunter, vorbei an der Spodek-Arena und über die Ziellinie. Ein schönes Etappenziel hat die Polen-Rundfahrt da in Kattowitz - und ein brandgefährliches.
Vor allem, wenn es wie am Dienstag zum Massensprint kommt. Das sei dann "kein Sprint" mehr, "sondern vielmehr eine dreiprozentige Abfahrt ins Ziel", erläutert Bernhard Eisel, der 2019 noch als aktiver Profi für das Team Dimension Data bei der Rundfahrt am Start war und inzwischen als Experte für Eurosport arbeitet.
Der fatale Crash wäre aus Sicht des Österreichers vermeidbar gewesen, Warnsignale habe es zuhauf gegeben. "Schon vor zwei Jahren konnten Pascal Ackermann und Co. mit viel Glück einem Sturz entkommen", erinnert sich Eisel. "Das Tempo ist einfach zu hoch."
In der Tat beharken sich die Fahrer im Zielsprint bei Geschwindigkeiten von mehr als 80 km/h, kleinste Fehler können größte Auswirkungen haben. Wenn große Fehler auftreten, und ein solcher war das rüde Verhalten von Dylan Groenewegen auf den letzten Metern, herrscht Lebensgefahr.
Eisel ergreift Partei für die Fahrer
Eisel hat das schon vor langer Zeit erkannt und reagiert. "Ich habe mich in meiner aktiven Karriere drei Jahre lang darum bemüht, diesen Sprint im Dialog mit dem Veranstalter zu ändern. Leider ist es mir nicht gelungen", berichtet der 39-Jährige. Dabei gebe es durchaus eine einfache Lösung, die Zieleinfahrt zu entschärfen. "In dem man den Zielsprint einfach andersherum fährt", glaubt der Gent-Wevelgem-Sieger von 2010, lasse sich ein Sturz wie der von Jakobsen vermeiden.
Der Weltverband UCI und die Veranstalter der Rennen - das ist unstrittig - tragen eine große Verantwortung für die Sicherheit der Fahrer.
Da allerdings gebe es dringenden Nachholbedarf. "Es kann nicht sein, dass immer alles an den Fahrern hängen bleibt, nach dem Motto: Ihr müsst auf Eurer Spur bleiben und dürft diese nicht verlassen", sagt Eisel. Vor allem Sprintstrecken müssten "im Vorfeld angeschaut und beurteilt" werden im Hinblick auf mögliche Sturz-Szenarien. Veranstalter, Teams und Profis seien da gleichermaßen gefordert.
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Die Variante, bei kniffligen Streckenabschnitten ausschließlich auf die Vernunft und gegenseitige Rücksichtnahme Profis zu setzen, funktioniert nicht. Das hat die Radsportgeschichte gezeigt. Dies liege aber in der Natur der Sache, erklärt Eisel. "Der erfolgreiche Profi hat eine Art Killerinstinkt und unterscheidet sich dadurch vom Rest des Feldes." Das Risiko, die Gefahr, der Speed - Teil des Jobs, Basis des Erfolgs.
Wie weit dürfen die Veranstalter an der Risikoschraube drehen?
Dennoch haben sich die Bedingungen in den vergangenen Jahren geändert und verkompliziert. Es gebe "immer mehr Verkehrsinseln und verkehrsberuhigende Teile auf der Straße, die uns hindern", betont Eisel. "Diese müssen perfekt beschildert sein. Im Rahmen der Deutschland Tour hat man das beispielsweise mit akustischen Warnsignalen und Schildern gut gelöst. Diese ertönen, wenn das Auto des Rennleiters durchfährt und beenden das Warnsignal, wenn das letzte Auto die Stelle passiert hat." Das müsse Standard werden, zumindest in den großen Rennen.
Im Radsport müsse "ein Umdenken" stattfinden. Genau daran scheiden sich allerdings die Geister. Wie viel Sicherheit braucht es und wie weit dürfen die Veranstalter an der Risikoschraube drehen? Bernhard Eisel zumindest hat auf diese wichtigen Fragen eine einleuchtende Antwort gefunden: "Alle Beteiligten müssten sich darüber Gedanken machen, welche Sicherheitsvorkehrungen vonnöten wären, wenn mein Kind dieses Rennen bestreiten würde."
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