Das Interview führte Thomas Janz

Wie beurteilen Sie den Zielsprint bei dem Dylan Groenewegen seinen Mitstreiter Fabio Jakobsen abgeräumt hat?

Polen-Rundfahrt
Sturz-Verursacher Groenewegen meldet sich zu Wort: "Ich finde es schrecklich"
06/08/2020 AM 12:33

Bernhard Eisel: Ich habe die Szene live auf Eurosport verfolgt und ich muss leider sagen, ich habe es schon kommen sehen. Zwei junge Sprinter ziehen durch, obwohl man sagen muss, dass die Jungs wissen, was sie tun. Beide kämpfen am Limit und Siegen ist alles. Der erfolgreiche Profi hat eine Art Killerinstinkt und unterscheidet sich dadurch vom Rest des Feldes. Dylan Groenewegen wollte in diesem Sprint einfach zu viel. Er wusste genau um die Geschwindigkeit in dieser Abfahrt und er wusste auch, wer neben ihm ist - das bekommt man als Sprinter mit. Groenewegen ist einen Schritt zu weit gegangen. Ich war sprachlos, weil ich diese Strecke viele Jahre gefahren bin. Das ist kein Sprint, sondern vielmehr eine dreiprozentige Abfahrt ins Ziel und das hätte schon vor Jahren verboten gehört. Das Tempo ist einfach zu hoch. Schon vor zwei Jahren konnten Pascal Ackermann & Co. mit viel Glück einem Sturz entkommen. Der fatale Crash von Fabio Jakobsen wäre vermeidbar gewesen, in dem man den Zielsprint einfach andersherum fährt. Ich habe mich in meiner aktiven Karriere drei Jahre lang darum bemüht, diesen Sprint im Dialog mit dem Veranstalter zu ändern. Leider ist es mir nicht gelungen.

Ich möchte hier nicht auf Groenewegen draufhauen. Er weiß, dass er einen großen Fehler gemacht hat. Zudem hat er einen Landsmann abgeräumt, den er gut kennt, auch wenn Sprinter nie die besten Freunde sind. Es sind zu viele Dinge zusammengekommen und jetzt müssen zwei Menschen dafür zahlen. Jakobsen aufgrund seiner schweren Verletzungen und Groenewegen, an dem ein Makel hängen bleiben wird.

Bei genauem Hinsehen kann man erkennen, dass Groenewegen im Sprint aus seiner Sicht nach rechts zieht, die Tür für Jakobsen zu macht sowie zusätzlich noch den Ellenbogen ausfährt, ein No Go im Sprint.

Eisel: Das ist definitiv verboten und ein No Go. Die Hände müssen am Lenker bleiben, stoßen und rempeln ist natürlich auch verboten. Selbst wenn man sich schützen möchte und die Hand vom Lenker nimmt, würde das eine Disqualifikation nach sich ziehen. Die Frage, ob es Absicht war oder nicht, kann nur Groenewegen selbst beantworten. Er wusste, was er tut, aber er hat sicher nicht mit den fatalen Konsequenzen gerechnet. Ich würde ihm keine hundertprozentige Absicht unterstellen. Ich habe auf diesem Abschnitt den Sprint oftmals angefahren, frühzeitig rausgenommen und mich auf das Schlimmste vorbereitet.

Bernhard Eisel

Fotocredit: Eurosport

Welche Konsequenzen muss der Internationale Radsportverband (UCI) aus diesem schweren Unfall ziehen?

Eisel: Es gibt Regularien und die Ausführung dieser Regeln muss jetzt mal forciert werden. Es kann nicht sein, dass immer alles an den Fahrern hängen bleibt, nach dem Motto: 'Ihr müsst auf Eurer Spur bleiben und dürft diese nicht verlassen.' Veranstalter, Teams und Profis müssen an einem Strang ziehen. Man muss sich die Sprintstrecke im Vorfeld anschauen und beurteilen, was passieren könnte. Zudem gibt es immer mehr Verkehrsinseln und verkehrsberuhigende Teile auf der Straße, die uns hindern. Diese müssen perfekt beschildert sein. Im Rahmen der Deutschland Tour hat man das beispielsweise mit akustischen Warnsignalen und Schildern gut gelöst. Diese ertönen, wenn das Auto des Rennleiters durchfährt und beenden das Warnsignal, wenn das letzte Auto die Stelle passiert hat. Das muss zumindest in großen Rennen Standard werden. Im Radsport muss ein Umdenken stattfinden. Alle Beteiligten müssten sich darüber Gedanken machen, welche Sicherheitsvorkehrungen vonnöten wären, wenn mein Kind dieses Rennen bestreiten würde.

Welche Strafe der UCI hat der Unfallverursacher Groenewegen zu erwarten und wie wird das Peloton bei seiner Rückkehr auf den Niederländer reagieren?

Eisel: Es ist schwer zu sagen. Den Radprofis sind die Gefahren ihres Berufes durchaus bewusst. Für Groenewegen ist das keine leichte Situation. Ich möchte ihn nicht schützen, weil es Jakobsen im Krankenhaus noch viel schlechter geht, und ich hoffe, er erholt sich schnellstmöglich von seinen schweren Verletzungen, aber auch Groenewegen hat zu knabbern und überlegt sich, wie es jetzt wohl weitergeht. Die Radfamilie ist eine eingeschworene Truppe, ich zähle mich immer noch dazu. Wir haben in der Vergangenheit vielen anderen verziehen, auch wenn der eine mit dem anderen Fahrer mal ein bis zwei Jahre kein Wort gesprochen hat. Selbst Peter Sagan und Mark Cavendish unterhalten sich inzwischen wieder normal miteinander. Wir wissen, dass wir alle im gleichen Boot sitzen und dass Fehler passieren können.

Sie sagten zu Beginn: "Die Jungs haben das im Griff". Aber am Ende des Tages ist ein Massensprint doch immer auch ein Himmelfahrtskommando.

Eisel: Da geht es um Können und Instinkt. Sprinter haben sehr schnelle Reaktionszeiten, die antrainiert sind. Hinzukommt, dass sie trotz extremer Pulswerte und Lactateinschuss jederzeit im Stande sind, Entscheidungen zu treffen. Die Leistungen der Sprinter sind vergleichbar mit denen von Jetpiloten. Deshalb treffen die Jungs in Notsituationen zu 99 Prozent die richtige Entscheidung. Da arbeitet es permanent in den Köpfen: 'Woher kommt der Wind? Welches Hinterrad ist das beste? Fahre ich rechts oder links vorbei?' Einerseits wirkt hier ein permanenter Stress auf die Fahrer ein, andererseits ist das ihr täglich Brot. Man muss sich das so vorstellen: Ein Sprint läuft für einen gestandenen Sprinter quasi in Zeitlupe ab. Auf einen Zentimeter-Abstand, der im Fernsehen verheerend aussieht, kann man noch oftmals relativ leicht reagieren.

Vielen Dank für die Einordnung und das Gespräch.

Alle Infos zum schlimmen Crash auf der 1. Etappe der Polen-Rundfahrt:

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