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Bei Sekt, alkoholfreiem Bier und mit einem zünftigen "Zickezacke, zickezacke" ließ die gesammelte Bora-hansgrohe-Belegschaft ihren Erlöser Lennard Kämna hochleben. Der Tour-Triumphator von Villard-de-Lans gab gewohnt bescheiden die Meriten an das zuvor so gebeutelte Team zurück. "Danke an alle. Jeder bis hin zum Koch war heute Teil dieses Sieges", sagte Kämna im typisch norddeutschen Understatement.

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Alle deutschen Etappensieger der Tour-Geschichte
15/09/2020 AM 15:29

Diese Bescheidenheit, die der 24-Jährige auch nach dem größten Sieg seines jungen Sportlerlebens ausstrahlte, soll im Mittelpunkt seiner nächsten Karriereschritte stehen. Während die Radsportszene angesichts der grandiosen Vorstellung Kämnas, die nach einem 20-km-Soloritt aus dem Lehrbuch am Dienstag im Sieg auf der schweren 16. Etappe mündete, debattiert, ob da ein kommender Toursieger heranwächst, will sich Kämna mit solchen Gedankenspielen nicht beschäftigen.

Unterstützung für Kämna - aber kein Druck

"Ob ich da jemals hinkommen werde, steht in den Sternen. Man kann nie sagen, ich werde mal gut genug sein, um die Tour zu gewinnen", sagte er am Dienstag: "Es wäre schwachsinnig, das zu behaupten. Das kann auch nicht jeder." Wohin der Weg führt, dahin wird er eben führen. Das weiß auch Kämnas Teamchef Ralph Denk, der sein Juwel deshalb in jeder Hinsicht unterstützen, aber nicht drängen will.

Voigt lobt Kämna: "Mann der Zukunft, der aufs Podium fahren kann"

"Lennard hatte große Erfolge im Nachwuchsbereich, in den ersten Jahren als Berufsradfahrer dann aber Motivationsprobleme, die Lust verloren", sagte Denk, der Kämna zur Saison 2020 vom Sunweb-Rennstall verpflichtete, nach dem ersten Etappenerfolg seiner Mannschaft: "Ich bin super happy, dass wir ihn zurück in die Erfolgsspur bringen konnten. Der Aufwärtstrend ist klar zu sehen. Aber wo der hinführt, ob Lennard mal ein Klassementfahrer für dreiwöchige Rundfahrten werden kann, das wird spannend."

Eigentlich bringt Kämna dazu alles mit: Mit 65 kg auf 1,81 m ist er perfekt gebaut, ein starker Kletterer und ein guter Zeitfahrer. "Generell bin ich ein Mann für das Gesamtklassement", sagt Kämna, "aber ob das über drei Wochen gilt, muss man dann sehen."

Kleine aber wichtige Schritte

Im Moment sind es die kleinen, aber wichtigen Schritte, die Kämna geht. 2018 hatte er, gesundheitlich am Boden, mehrere Monate pausiert. "Ich bin von einer Krankheit zur nächsten gelaufen. Ich habe mich dann selbst verheizt und war mental erschöpft", sagte er. Aufhören aber wollte er nie, er biss sich durch die Krise. Auskuriert und mental neu eingestellt überraschte er 2019 schon als Alpenetappen-Vierter bei der Tour. Und nach dem Corona-Restart folgte der große Durchbruch.

"Er ist jetzt kein Unbekannter mehr nach dem Etappensieg bei der Dauphine und jetzt bei der Tour", sagte sein Ex-Teamkollege und Kumpel Simon Geschke, am Dienstag selbst starker Fünfter. Und auf die Journalistenfrage, was denn aus Kämna werden könne, entgegnete Geschke: "Was heißt werden? Er ist schon jemand! Ihr könnt jetzt schreiben, der neue Jan Ullrich oder so. Aber das ist nur unnötiger Druck."

Derlei Vergleiche würden Kämna auch nicht gerecht. Obwohl gerade einmal 24, ist er reif und selbstsicher, parliert wortgewandt auf Deutsch und Englisch, kommt als smarter Typ rüber und hat durchaus ein gewisses Starpotenzial. Und wenn es trotz allem im Radsport doch nicht klappen sollte, könnte sein gnadenlos trockener Humor Kämna neue Perspektiven aufzeigen. "Vielleicht sollte er", schlug Teamkollege Max Schachmann vor, "nach dem Radsport mal über eine zweite Karriere als Comedian nachdenken."

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