Kuss, der in Andorra lebt, und der 23 Sekunden nach ihm ins Ziel gekommene Ex-Weltmeister aus Spanien gehörten einer 32-köpfigen, prominent besetzten Spitzengruppe an, die sich nach rund 20 Kilometern aus dem Hauptfeld gelöst hatte.
Aus dieser Gruppe heraus attackierte Kuss am letzten Berg des Tages, dem Col de Beixalis und fuhr von da an allein dem Ziel entgegen.
"Mir fehlen die Worte. Um ehrlich zu sein, musste ich bei dieser Tour bisher sehr viel leiden. Es fühlte sich so an, als hätte ich zu wenig Power in den Beinen. Natürlich wusste ich, dass die Etappe heute dort zu Ende geht, wo ich lebe. Entsprechend motiviert war ich", freute sich der Tagessieger.
Tour de France
So lief die Tour: Ergebnisse und Gesamtwertungen
26/06/2021 AM 15:57
"Endlich hatte ich auch wieder richtig gute Beine. Ich bin glücklich. Meine Freundin und ihre Familie standen am letzten Anstieg, haben mich angefeuert."
Etappendritter wurde 1:15 Minuten nach Kuss der Niederländer Wout Poels (Bahrain Victorious), der die Führung in der Bergwertung übernahm.

US-Boy Kuss fährt zum Heimsieg in Andorra - Finale der 15. Etappe

"Es war ein harter Tag in der Fluchtgruppe. Ich kannte den letzten Anstieg sehr gut, auch wenn ich ihn im Training nicht so oft fahre – eben weil er so hart ist. Ich wusste, dass der Anstieg vor allem zu Beginn schwer sein würde. Wenn ich dort attackieren und eine kleine Lücke haben würde, dann könnte es auch bis zum Schluss reichen, so meine Überlegung", so Kuss. Genau so kam es.
Die Gruppe der Klassementfahrer um das Gelbe Trikot von Pogacar kam erst 4:51 Minuten nach Kuss in Andorra La Vella an. Beim Gesamtführenden aus Slowenien befanden sich Rigoberto Uran (EF Education – Nippo), Richard Carapaz (Ineos Grenadiers), Jonas Vingegaard (Jumbo – Visma), Ben O'Connor (Ag2r – Citroen), Wilco Kelderman (Bora – hansgrohe) und Enric Mas (Movistar), so dass sich in der Gesamtwertung kaum etwas tat.
"Es war ein wirklich harter Tag, der letzte der zweiten Woche. Deshalb haben wir Attacken erwartet. Ineos hat ziemlich früh ein hohes Tempo angeschlagen, aber ich fühlte mich gut und hatte keine Sorge vor dem letzten Anstieg. Also bin ich den Anderen einfach gefolgt und es war okay", sagte Pogacar, der am Port d'Envalira schon rund 46 Kilometer vor dem Ziel ohne Teamkollegen auskommen musste, das aber nicht als Problem sah:
"Die Jungs haben mich davor sehr gut beschützt. Und ich hatte alles, was ich brauchte. Das Wichtigste war für mich heute, kühl zu bleiben – und ich hatte die ganze Zeit Wasser. Deshalb ging es mir gut, es war kein Problem", meinte er.

Guillaume Martin fällt aus den Top 5 heraus

In der Favoritengruppe fehlte der am Samstag erst auf Rang zwei vorgerückte Franzose Guillaume Martin (Cofidis). Er verlor der in der Abfahrt vom 2.408 Meter hohen Port d'Envalira, dem höchsten Punkt dieser Frankreich-Rundfahrt, rund 43 Kilometer vor dem Ziel den Anschluss und büßte bis ins Ziel knapp vier Minuten ein. Martin fiel auf den neunten Gesamtrang zurück.
Pogacar führt am zweiten Ruhetag am Montag nun mit 5:18 Minuten Vorsprung vor Uran sowie 5:32 vor Vingegaard, 5:33 vor Carapaz und 5:58 vor O'Connor.
"Ich bin wirklich froh, dass der Vorsprung nicht kleiner wurde. Denn heute war sicher einer der heißesten Tage und ich habe mich gut gefühlt. Deshalb freue ich mich wirklich auf die nächste Woche", so Pogacar vor dem zweiten Ruhetag. "Ich hoffe, dass ich morgen so lange schlafen kann, dass ich vom Bett Schmerzen bekomme."

Ineos setzt Pogacar erstmals unter Druck - Highlights der 15. Etappe

Während der Slowene neben dem Gelben Trikot auch das Weiße Trikot der Nachwuchswertung hält, verteidigte Mark Cavendish (Deceuninck – Quick-Step) weiterhin die Führung in der Punktewertung um das Grüne Trikot souverän, da er deutlich innerhalb des Zeitlimits ins Ziel kam.
Spannend bleibt es dagegen in der Bergwertung. Dort kam es an allen vier Bergwertungen des Tages zu heißen Sprints um die Punkte, und am Ende des Tages nahm der Niederländer Wout Poels (Bahrain Victorious) das Gepunktete Leibchen dem Kanadier Michael Woods (Israel Start-Up Nation) wieder ab. Poels hat nun 74 Punkte, Woods 66 und Nairo Quintana (Arkéa – Samsic) sowie Wout Van Aert (Jumbo – Visma) folgen punktgleich mit 64 Zählern auf den Plätzen drei und vier der wohl umkämpftesten Sonderwertung dieser Tour.

Der Rennverlauf:

Wie schon am Samstag begann auch das 15. Teilstück mit zahlreichen Attacken. Allerdings dauerte es diesmal nicht 80 Kilometer, bis die Ausreißergruppe stand, sondern nach knapp 20 Kilometern hatten sich bereits die Fahrer aus dem Feld gelöst, die später die Gruppe des Tages bildeten – wenn auch zunächst noch etwas zersprengt.
32 Mann – darunter viele große Namen wie Wout Van Aert, Vincenzo Nibali (Trek – Segafredo), Julian Alaphilippe (Deceuninck – Quick-Step), Alejandro Valverde (Movistar), David Gaudu (Groupama – FDJ), Nairo Quintana (Arkéa – Samsic), Michael Matthews (BikeExchange), Wout Poels (Bahrain Victorious) und Bergtrikotträger Michael Woods (Israel Start-Up Nation) - lagen nun verteilt auf zwei Gruppen an an der Spitze des Rennens, rund eine Minute vor dem Hauptfeld, in dem langsam Ruhe einkehrte.
Nach 35 Kilometern hatten die Ausreißer sich vereint und lagen nun knapp vier Minuten vor dem Peloton, und nun begann dieser Vorsprung kontinuierlich zu wachsen – auch wenn vorne nochmal etwas Unruhe entstand, als nach gut 40 Kilometer Steven Kruijswijk (Jumbo – Visma), Matthews und Julien Bernard (Trek – Segafredo) nochmal attackierten.

Matthews gewinnt den Zwischensprint

Kurzzeitig bildete sich eine sechsköpfige Spitzengruppe, doch die anderen Ausreißer schlossen schnell wieder auf und es ging gemeinsam den Zwischensprint in Olette bei Kilometer 67 entgegen. Dort sicherte sich Matthews vor Thomas De Gendt (Lotto Soudal) die 20 Punkte und sicherte so seinen zweiten Rang im Kampf um Grün ab.
Nun ging es zum Montée de Mont-Louis hinauf, dem ersten Bergpreis des Tages. Dort sprinteten Poels, Van Aert und Woods um die Punkte, mit dem besten Ende für den Niederländer Poels. Gemeinsam mit De Gendt blieben die drei für rund vier Kilometer einige Sekunden vor dem Rest der Ausreißer, ließen sich dann aber wieder von der Gruppe einholen, in der den ganzen Tag Gaudus Helfer Bruno Armirail und Valentin Madouas das Tempo bestimmten.
In der nächsten Stunde plätscherte das Rennen vor sich hin und der Abstand zwischen Spitze und Hauptfeld wuchs bis 70 Kilometer vor dem Ziel auf über zehn Minuten an. Dass hinten nicht allzu schnell gefahren wurde, zeigte sich auch darin, dass Sprinter wie Mark Cavendish (Deceuninck – Quick-Step) und Max Walscheid (Qhubeka – NextHash) am ersten Berg zwar kurzzeitig abgehängt waren, dann aber noch vor dem Gipfel des Mont-Louis wieder herankamen und sich das Gruppetto somit erst spät bildete. Bereits ausgestiegen war da allerdings Nacer Bouhanni (Arkéa – Samsic).

Spannung im Kampf ums Bergtrikot

Spannung entstand nun vor allem an den Bergpreisen: Am Col de Puymorens (2. Kategorie) kam es zum nächsten Sprintduell zwischen den beiden Wouts, Van Aert und Poels, das diesmal Van Aert souverän für sich entschied. Woods wurde Dritter. Quintana versuchte kurz mitzugehen, setzte sich dann aber kopfschüttelnd wieder hin – keine Chance im Sprint. Nun stand es 62:62:56 zwischen Poels, Woods und Van Aert.
Kurz vor dem Gipfel des Puymorens veränderte sich neun Minuten weiter hinten dann aber auch die Situation im Hauptfeld: Ineos Grenadiers und Movistar übernahmen das Zepter vom UAE Team Emirates und erhöhten das Tempo drastisch, was sofort dafür sorgte, dass sich nun das Gruppetto der Sprinter bildete und der Vorsprung der Spitzengruppe schnell auf 8:30 Minuten zusammenschrumpfte.
Dieser Trend setzte sich am Port d'Envalira fort, dem mit 2.408 Metern höchsten Pass der Frankreich-Rundfahrt 2021. Dort wendete Quintana das Blatt und setzte sich mit einem Angriff knapp zwei Kilometer vor dem 1.-Kategorie-Bergpreis von den anderen Ausreißern ab und setzte alles auf eine Karte. Mit 15 Sekunden Vorsprung vor Van Aert, Poels und Woods holte er sich das Souvenir Henri Desgrange, wurde dann in der Abfahrt auf breiter Straße aber schnell wieder zurückgeholt.

Ineos Grenadiers isoliert Pogacar am Dach der Tour

Das nur noch 15-köpfige Favoritenfeld erreichte den Gipfel, angeführt von Geraint Thomas, 5:30 Minuten nach dem Spitzenreiter. Pogacar war durch die Tempoarbeit von Ineos Grenadiers nun isoliert. Und da offenbarte sich die Taktik der Ineos Grenadiers: Jonathan Castroviejo und Dylan van Baarle hatten in der Spitzengruppe oben am Envalira regelrecht angehalten und warteten auf die Favoritengruppe, so dass Carapaz mit ihnen und Thomas nun wieder drei Helfer an seiner Seite hatte.
In der Abfahrt verloren der Gesamtzweite Guillaume Martin (Cofidis), dessen noch immer offenes Trikot wie ein Segel im Wind flatterte, und Mattia Cattaneo (Deceuninck – Quick-Step) den Anschluss ans Favoritenfeld. Das französisch-italienische Duo erreichte das Tal mit einer halben Minute Rückstand, während die anderen Klassementfahrer nun 5:05 Minuten hinter den Spitzenreitern lagen.
Dort bekamen im steilen Auftaktkilometer des Col de Beixalis nun zahlreiche Fahrer – darunter auch Van Aert und Quintana – Probleme und der Kampf um den Etappensieg wurde durch Gaudu, Valverde und Sepp Kuss (Jumbo – Visma) eröffnet. Kuss beschleunigte dann noch einmal und setzte sich knapp 20 Kilometer vor dem Ziel und fünf Kilometer vor der Bergwertung von den anderen Ausreißern ab, um dem Sieg allein entgegenzufahren.

Carapaz und Vingegaard attackieren, Pogacar souverän

Fünf Minuten dahinter setzte dann Carapaz den erwarteten Angriff. Pogacar und Vingegaard blieben sofort am Hinterrad des Ecuadorianers, doch auch Uran kam wieder selbst heran, bevor dann Carapaz Druck herausnahm und auch Enric Mas (Movistar) sowie Wilco Kelderman (Bora – hansgrohe), Ben O'Connor (Ag2r – Citroen) und Alexey Lutsenko (Astana – Premier Tech) nochmal aufschlossen, so dass die Top 9 wieder beisammen waren.
O'Connor wagte den nächsten Vorstoß, den dann aber Kelderman zunichtemachte, bevor Pogacar die Führungsposition der Gruppe und somit die Kontrolle übernahm. Eine weitere Tempoverschärfung von Vingegaard sorgte dafür, dass nur noch Pogacar, Carapaz, Uran und Mas bei ihm bleiben konnten – bis erneut das Tempo herunterfiel und so auch Kelderman, O'Connor und Lutsenko sich wieder festbeißen konnten und auch Pello Bilbao (Bahrain Victorious) nochmal herankam.

Kuss am Beixalis-Anstieg schneller als die Top-Favoriten

An der Spitze fuhr Kuss mit rund 20 Sekunden Vorsprung auf Valverde über den Bergpreis, während Poels als Dritter über den Col de Beixalis kam und so das Bergtrikot übernahm. Die Favoritengruppe kam mit 5:25 Minuten Rückstand über die Kuppe und war am letzten Berg dank der zwischenzeitlichen Tempoverschleppungen somit sogar 20 Sekunden langsamer als Kuss.
Der US-Amerikaner musste in der Abfahrt alles riskieren, um vom spanischen Ex-Weltmeister Valverde nicht mehr eingeholt zu werden, schaffte das aber und feierte so den zweiten Tageserfolg für Jumbo – Visma bei dieser Tour.
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