Tadej Pogacar führt die Tour de France nach 14 Etappen weiterhin souverän an. Auch wenn der Franzose Guillaume Martin (Cofidis) am Samstag auf Gesamtrang zwei vorrückte und nun gut eine Minute näher am Gelben Trikot dran ist, als es Pogacars ärgste Rivalen bisher waren, so glaubt niemand ernsthaft daran, dass der Slowene den Tour-Sieg noch aus der Hand gibt.
Denn die Konstellation in der Gesamtwertung spricht nicht nur wegen Pogacars großem Vorsprung – 4:04 Minuten auf Martin, 5:18 Minuten auf Rigoberto Uran, 5:32 auf Jonas Vingegaard und 5:33 auf Richard Carapaz – eine klare Sprache: Der 22-Jährige hat nicht nur ein riesiges Zeitpolster, er ist auch noch in der Situation, dass sich die Konkurrenz gegenseitig bekämpfen muss, um die Podestplätze auszufahren.
"Uran, Carapaz, Vingegaard und Wilco Kelderman sind jetzt erstmal damit beschäftigt, Guillaume Martin zu bekämpfen", erklärt Eurosport-Experte Jens Voigt.
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"Pogacar kann abwarten und sich etwas darauf verlassen, dass der Kampf ums Podium hinter ihm nochmal schärfer geworden ist. Wenn dann einer von ihnen angreift, können Pogacar und sein Team sagen: Hey, ihr Anderen, da fährt Euer Podestplatz weg. Fahrt Ihr mal nach! Er hat so einen großen Vorsprung, dass er damit sehr viel spielen und pokern kann."

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Pogacar: Vingegaards Angriff nur ein Tropfen auf dem heißen Stein

Selbst wenn Pogacar sich dabei etwas verpokert und dann einige Sekunden im Finale einer Etappe gegen einen einzelnen Kontrahenten verliert, kostet ihn das nicht den Tour-Sieg.
Der Angriff von Vingegaard am Ventoux beispielsweise, als Pogacar tatsächlich etwas schwächelte, er hatte nicht das Potential, das Klassement umzustürzen – zu kurz war der Weg von Vingegaards Antritt bis ins Ziel.
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"Die einzige Chance ist, dass Tadej Pogacar einen schlechten Tag hat. Unter normalen Bedingungen ist keiner in der Lage, ihn zu schlagen und ihm auch noch vier bis fünf Minuten abzunehmen. Da muss er schon einen Hungerast bekommen oder vergessen zu trinken und mit der Hitze nicht klarkommen", meint Voigt. Und selbst mit Hungerast: Am Ventoux hätte der Slowene nach Vingegaards spätem Vorstoß wohl trotzdem nicht all sein Polster eingebüßt.

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Pogacar gegen alle: Es gibt nur eine Möglichkeit

Der einzige Weg, um Pogacar an einem schwächeren Tag des Slowenen vielleicht doch noch aus dem Maillot Jaune fahren zu können, ist taktische Risikofreude und die Bereitschaft, dabei selbst völlig unterzugehen und auch sämtliche Podiumschancen zu verlieren.
Denn da ein später Angriff wie der von Vingegaard am Ventoux nicht ausreicht, müsste ein williger Angreifer schon früh in einer der vier noch folgenden Pyrenäen-Etappen alles auf eine Karte setzen - idealerweise am drittletzten oder zumindest vorletzten Berg einer dieser Etappen, zum Beispiel schon am Sonntag weit unten im langen Anstieg zum Dach der Tour, dem Port d'Envalira.
"Wenn man ihn angreifen will, muss es etwas Episches sein", stimmt auch Voigt zu, der bei einem solchen Versuch vor zehn Jahren selbst als Teamkollege des Angreifenden dabei war: "Zum Beispiel wie damals Andy Schleck auf dem Weg zum Galibier", erinnert sich der Berliner.

Andy Schleck siegt bei der Tour de France 2011 am Galibier

Fotocredit: Getty Images

"Es muss etwas sein, wo man seine Mannschaft und sich selbst voll an die Linie stellt und sagt: Okay, entweder wird das jetzt lächerlich, oder es wird episch – nichts dazwischen. Du musst das Risiko eingehen, dass die Leute hinterher sagen, dass es eine dumme Idee war. Man braucht einen schnellen Start mit viel Chaos, so dass UAE nicht viel kontrollieren kann. Und dann braucht es eine mutige, lange Attacke. Das ist das einzige, was Pogacar noch in Schwierigkeiten bringen könnte, wenn er gleichzeitig einen schlechten Tag hat."
Allerdings gibt Voigt auch zu bedenken, wie schwierig es ist, schon früh in die Offensive zu gehen. "Du musst ja dann gegen die ganze Mannschaft von Pogacar fahren", warnt er. "Denn der wird ja nicht in Panik verfallen und sofort selbst hinterherfahren, sondern kann die Situation erstmal beobachten und seine Mannschaft nachfahren lassen."

Einzige Chance: Zusammenschluss der Konkurrenz?

Die einzige Chance dürfte daher eine konzentrierte Aktion der Konkurrenz sein. "Helfen könnte vielleicht, wenn zum Beispiel Uran Carapaz anruft und sie besprechen, dass sie dann zusammen angreifen. Sie müssen sich einig sein, dass sie es gemeinsam voll durchziehen und auch erst ganz zum Schluss anfangen, gegeneinander um den Etappensieg zu fahren", überlegt Voigt und betont: "Aber das sind natürlich jetzt alles rein theoretische Traum-Szenarien."
Wirklich realistisch scheint eine teamübergreifende Zusammenarbeit, um das Gelbe Trikot zu stürzen, aber nicht. So etwas gibt es im Radsport fast nie. Die Angst vor dem Verlieren und auch davor, andere zum Sieg zu fahren, ist meist größer, als die Lust aufs Gewinnen.
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