Noch einmal 50 Minuten Qual, dann würde das finale Gesamtklassement der Tour de France feststehen. Über 40,7 Kilometer von Lacapelle-Marival nach Rocamadour fand das letzte Duell der Topfahrer statt.
Ein prestigeträchtiger Etappensieg stand zudem noch auf dem Spiel, bevor auf der Schlussetappe in Paris das abschließende Kapitel der 109. "Grande Boucle" geschrieben werden wird.
Der Sieg im Kampf gegen die Uhr ging wie im Vorjahr auf der 20. Etappe an Wout Van Aert, der damit seinen dritten Tageserfolg in diesem Juli feiern konnte.
Tour de France
Geschke geschlagen: Tour gibt "Super-Kämpfer" 2022 bekannt
UPDATE 23/07/2022 UM 19:30 UHR
Doch nicht nur der Seriensieger und Dominator im Grünen Trikot setzte die Themen bei der Sekundenjagd.
Drei Dinge, die beim Zeitfahren auffielen:

1. Vingegaard setzt Sieger-Statement

Am Gesamtsieg des Dänen gab es schon vor dem Start der 20. Etappe keinen vernünftigen Zweifel mehr - mit 3:26 Minuten war sein Vorsprung viel zu groß, als dass selbst Tadej Pogacar an einem Traumtag diese Lücke noch hätte schließen können.
Doch Vingegaard machte vom ersten Meter an klar, dass es ihm nicht ums Verwalten des Gelben Trikots ging: Er rollte als letzter Starter die Bestmarken an den Zwischenzeiten von hinten auf. Nicht nur ein schneller Start, um jegliche Hoffnung beim Slowenen zu ersticken - nein, der 25-Jährige zog immer weiter durch, an allen drei Messpunkten sorgte er für den Bestwert.
Selbst in der letzten Abfahrt riskiert er noch viel, fast zu viel: Nur knapp konnte er einen möglicherweise folgenschweren Sturz verhindern. Erst danach, und im Wissen darum, dass tatsächlich sein Teamkollege Wout Van Aert und nicht Pogacar der Tagessieger sein würde, nahm er den Fuß vom Gas und genoss schließlich die letzten Meter im Gefühl des Triumphs.
Das Statement war trotzdem klar: Vingegaard hatte bewiesen, dass er kein Tour-Sieger von Pogacars Gnaden ist. Dass es nicht die Schwäche des Titelverteidigers am Col du Granon war, die ihn in Paris auf die oberste Stufe des Podiums gebracht haben wird - sondern eigene Stärke. Der Jumbo-Kapitän zeigte sich und allen Beobachtern: Ich habe die Tour gewonnen, nicht Pogacar sie verloren.
Schon die letzte Bergankunft in Hautacam hatte er genutzt, um den Rivalen abzuhängen, den er doch sowieso souverän kontrolliert hatte. Nun legte er im Zeitfahren nach: Auch in dieser Disziplin, in der Pogacar als der Stärkere der beiden galt, war er ihm in der Schlusswoche dieser Tour überlegen. Ein weiteres Sieger-Statement, das an den Kräfteverhältnissen keinen Zweifel lassen sollte: Seht her, so Vingegaard - mein finaler Vorsprung von 3:34 Minuten beruht nicht nur auf jenen 2:51 Minuten vom Col du Granon.

Highlights: Van Aert unschlagbar - Vingegaard auch im Zeitfahren top

2. Bora dreht auf letzten Drücker auf

Viel Einsatz, aber wenig Fortune - die Tour 2022 ist für den deutschen Rennstall nicht wie gewünscht gelaufen.
Auf der 20. Etappe machte er aber nochmals deutlich, was ohne Sturzpech und Krankheiten möglich gewesen wäre. Kapitän Aleksandr Vlasov kämpfte sich noch um zwei Positionen auf den fünften Gesamtrang nach vorne und unterstrich damit, dass er in Normalform tatsächlich ein Anwärter fürs Podium gewesen wäre.
Auch Maximilian Schachmann zeigte sein vielleicht stärkstes Zeitfahren über eine solche Distanz und bewies als Neunter der Tageswertung, dass mit ihm in den Rennen nach der Tour auch zu rechnen sein wird. Gleiches gilt für Nils Politt (12.), der ebenfalls nicht auf dem Zahnfleisch, sondern mit dem Messer zwischen den Zähnen aus diesen drei Wochen kommt.

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3. Extreme Abstände bei schnellster Tour

Die letzten 115 Kilometer in Paris werden an den Zahlen nichts Entscheidendes mehr ändern: Die Tour 2022 wird die schnellste der bisher 109 Austragungen sein, mit einem Schnitt von aktuell 42,158 km/h nach über 3200 Kilometern. Dies hat diverse Gründe, von günstigen Windbedingungen über kurze Tagesabschnitte bis hin zu vielen durch umkämpfte Startphasen extrem schnellen Etappen.
Deutlich wurde auch, dass hinter dem Spitzenduo eine enorme Lücke im Klassement klafft. Ex-Sieger Geraint Thomas liegt als Dritter schon über acht Minuten zurück (obwohl er laut seines Teams bessere Leistungswerte als bei seinem Triumph 2018 aufweist). Der Blick auf den Rest der Top Ten ist noch eindeutiger: Nur neun Fahrer beenden diese Tour mit weniger als einer halben Stunde Rückstand auf den Spitzenreiter. Trotz Corona-Ausfällen eine Bilanz mit Seltenheitswert.
Es ist 25 Jahre her, dass die ersten zehn Fahrer einer Tour so extrem auseinanderlagen. Und es war auch in jenem Jahr 1997, dass zuletzt eine Mannschaft sowohl das Gelbe als auch das Grüne Trikot nach Paris trug. "Telekom belegt alle Leitungen", titelte die französische Presse seinerzeit.
Teams oder Fahrer über die Jahrzehnte hinweg gleichzusetzen, wäre höchst unsauber. Die Dominanz des Jumbo-Rennstalls hat aber gleichwohl Fragen zur Sauberkeit aufgeworfen, denen sich Jonas Vingegaard und Wout Van Aert am Samstag unterschiedlich souverän stellten. Wirklich überzeugen konnte keiner von ihnen.
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