Bei der Tour de France 2022 sind zwar nur neun deutsche Rennfahrer im Feld, aber diese sind als Anwärter auf Etappensiege auf fast allen Teilstücken hoch einzuschätzen.
Jens Voigt, selbst auf zwei Etappen bei der Tour erfolgreich, blickt im Interview auf die Aussichten seiner Landsmänner.
Kurz vor dem Start der Rundfahrt haben sich die Chancen sogar noch weiter erhöht: Denn Max Walscheid rückt beim Team Cofidis in die Rolle des Sprinters Nummer eins, weil sein französischer Mannschaftskollege Bryan Coquard mit Corona ausfällt. Damit kann der Sieger des GP Denain 2022 nun öfter auf eigene Rechnung fahren.
Tour de France
Voigts Favoritencheck: Tour-Podium für Bora möglich
UPDATE 29/06/2022 UM 15:41 UHR
Die größten Möglichkeiten für die Deutschen bieten sich aber in den schweren und bergigen Etappen, wie Voigt im Interview mit Eurosport.de erklärt.
Lennard Kämna greift nach seinem Coup am Ätna beim Giro d'Italia jetzt auch bei der Tour nach einem neuen Erfolg - was kann er uns in Frankreich zeigen?
Jens Voigt: Ich denke, er kann die Tour genauso rocken, wie er es beim Giro gemacht hat. In Italien ist Bora auf Gesamtsieg gefahren, bei der Tour eher ums Podium - das ist ein gewaltiger Unterschied, weil sie nicht direkt die Verantwortung im Rennen übernehmen müssen. Das bedeutet mehr Freiheiten und ein weniger enges taktisches Korsett. Er könnte also durchaus wie schon beim Giro wieder die erste große Bergetappe gewinnen, diesmal an der Planche des Belles Filles. Mit der Gesamtwertung sollten wir den Jungen aber in Ruhe lassen und keinen unnützen Druck auf ihn ausüben. Diese Rolle übernimmt bei Bora Aleksandr Vlasov. Kämna wird sein Leutnant und hat dabei hoffentlich einige Freiheiten.

Kämna stürmt zum Sieg: Das Finale der Bergankunft am Ätna

Stichwort Freiraum und Pflichten als Edelhelfer: Simon Geschke hat auch schon eine Tour-Etappe gewonnen und im Mai bei der Tour de Romandie ganz starke Form gezeigt ...
Voigt: Bei ihm ist es tatsächlich die Frage, ob er Freiheiten bekommen wird oder seinem Kapitän Guillaume Martin immer zur Seite stehen muss. Der Franzose ist ein guter Fahrer, aber in die Top 5 wird er es nicht schaffen, bei aller Sympathie. Ich hoffe, Geschke darf auch seine eigene Chance suchen. Anders sieht es wahrscheinlich bei Alexander Krieger aus, der im Sprintzug von Alpecin seine festen Aufgaben hat.
Jonas hat einen Motor wie zwei Fahrer, einen ähnlichen Hubraum wie ein junger Tony Martin. Wenn er von der Leine gelassen wird, holt ihn keiner mehr ein!
Die Erinnerungen an den Triumph von Nils Politt letztes Jahr sind noch frisch, kann er 2022 direkt nachlegen?
Voigt: Er wird mit riesiger Motivation und Selbstvertrauen im Meistertrikot nach seinem Sieg im Titelrennen letzten Sonntag an den Start gehen. Bora hat fast schon das Luxusproblem, dass sie sehr viele ganz starke Leute haben, die erfolgreich auf Etappenjagd gehen können. Da dürfte es fast auf einen täglichen Losentscheid rauslaufen, wer in der Ausreißergruppe seine Chance suchen darf!

Politt zeigt Meistertrikot: Team Bora mit frischem Look zur Tour

Was können wir von Jonas Rutsch und Georg Zimmermann erwarten?

Voigt: Das sind zwei Fahrer, die ich für ganz stark halte, stärker als sie sich selbst sehen! Das sind großartige Rennfahrer mit richtigen Motoren. Wenn sie etwas Anleitung bekommen und die Situation passend ist, können sie aus einer Spitzengruppe heraus ihre Gegner völlig kaputtfahren. Sie haben ihr volles Potenzial noch gar nicht gezeigt und diese Tour könnte ihr Durchbruch werden. Denn ich erwarte ein eher chaotisches, umorganisiertes Rennen und ihre Teams haben keine anderen echten Ziele als die Jagd auf Etappensiege. Georg etwa wird sicher an mehreren Tagen seine Chance bekommen und ich drücke ihm die Daumen. Jonas hat einen Motor wie zwei Fahrer, einen ähnlichen Hubraum wie ein junger Tony Martin. Wenn er von der Leine gelassen wird, holt ihn keiner mehr ein!

Maximilian Schachmann hat seine Corona-Erkrankung überwunden und war 2020 mehrfach nicht weit von einem Tagessieg entfernt - klappt es diesmal für ihn?
Voigt: Er hat schon große Erfolge gefeiert, war zweimal Gesamtsieger von Paris-Nizza und ist im besten Rennfahreralter: Er möchte seine Klasse unbedingt auch bei der Tour zeigen und macht sich wahrscheinlich selbst mehr Druck als es die Öffentlichkeit tut. Chancen hat er auf jeden Fall - und zwar auf fast jedem Terrain.

Vlasov verwandelt Schachmann-Vorarbeit: Finale der 5. Etappe

Last, but not least ist auch John Degenkolb wieder dabei, nachdem er 2020 so bitter beim Auftakt das Rennen gleich verlassen musste. Diesmal geht es erneut übers Kopfsteinpflaster, wo er 2018 einen grandiosen Triumph feiern konnte ...
Voigt: Bei ihm gilt der alte Satz: Form kommt und geht, aber Klasse bleibt! Seine Erfolge bei Paris-Roubaix, Mailand-Sanremo oder eben bei der Tour sprechen für sich. Er ist physisch nicht mehr so stark wie früher, aber wenn das Rennen nur etwas für ihn läuft, darf man ihn auf gar keinen Fall abschreiben und unterschätzen. Mein Fazit darum: Wir können uns darauf freuen, wohl auf jeder Etappe außer den Zeitfahren einen deutschen Fahrer oder einen Fahrer aus der deutschen Bora-Mannschaft im Kampf um den Etappensieg zu sehen.
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