Ganz viel Spektakel, allerdings auch grenzwertig gefährlich, erwartet Jens Voigt von der Tour de France 2022. Der deutsche Rekordstarter der Frankreich-Rundfahrt sieht die Risiken der Streckenführung kritisch und rechnet mit vielen, folgenschweren Stürzen.
Im Kampf um den Gesamtsieg blickt der mehrfache Etappensieger auf die Chancen der Jumbo-Doppelspitze aus Roglic und Vingegaard, Titelverteidiger Pogacar zu stürzen.
Auf dem Podium in Paris könnte aus seiner Sicht auch wie beim Giro d'Italia ein Bora-Fahrer vertreten sein. Doch daneben gibt es für den einstigen Träger des Gelben Trikots auch einige heiße Außenseiter für die Gesamtwertung.
Tour de France
"Nah am Gladiatorentum": Voigt warnt vor Tour-Auftakt voller Stürze
28/06/2022 UM 14:19
Starten wir mit einem Blick auf das große Duell um den Gesamtsieg: Kann eine Doppelspitze wie bei Jumbo oder das Ineos-Trio mit abwechselnden Attacken den Topfavoriten Pogacar schlagen?
Jens Voigt: Ganz klar und deutlich: Nein! Einen Häuptling und sieben Indianer mitzunehmen ist aus meiner Sicht die bessere Wahl. Nur wenn man nicht sicher ist, dass man gewinnen kann, fährt man zweigleisig. Aber wann hat das zuletzt funktioniert? Wann hat zuletzt ein Co-Kapitän 80 Kilometer vor dem Ziel mit einer Vollgas-Attacke alles auf eine Karte gesetzt und dabei entweder die Etappe gewonnen und das Trikot geholt - oder ist völlig explodiert und 130. geworden? Wann hat zuletzt jemand so etwas riskiert, um damit eventuell einem Teamkollegen am Ende bessere Chancen zu verschaffen? Ich habe das noch nie gesehen, außer vielleicht bei den Schleck-Brüdern, weil sie Brüder waren. Darum funktionieren Doppel- oder Dreifachstrategien eigentlich fast nie. Bei Jumbo hat Wout Van Aert auch noch das Grüne Trikot im Auge, das macht es schwierig für die Mannschaft.
Was macht Pogacar so stark?
Voigt: Er fährt am Berg so stark wie alle oder fast alle Mitbewerber. Die wenigen Fahrer, die bergan mit ihm mithalten können, sind dafür im Zeitfahren deutlich schlechter als er. Er stürzt fast nie, macht kaum taktische Fahrer und sein Team ist sehr stark und gut ausbalanciert. Ich sehe nicht, wie Pogacar geschlagen werden kann, wenn er es nicht selbst tut. Ich traue Roglic noch Gesamtsiege bei der Vuelta zu, aber für die Tour sehe ich eher, dass sein Team gegen Hälfte der Strecke auf Vingegaard als Kapitän wechselt.

Roglic über das Duell mit Pogacar: "Treiben uns zu Höchstleistungen"

Wie sind die Chancen von Bora nach dem Coup beim Giro einzuschätzen, mit Aleksandr Vlasov auch bei der Tour erstmals das Podest zu stürmen?
Voigt: Vor drei Wochen hätte ich noch gesagt, dass Vlasov Podiumschancen hat. Aber wie wird er seine Coronainfektion überstanden haben? Wenn er das gut weggesteckt hat, halte ich Platz drei für durchaus realistisch. Das Team ist clever, sie können sich auch mal zurückhalten - und umgekehrt den Hammer auspacken, wenn es nötig ist. So, wie sie es beim Giro getan haben. Dazu haben sie jede Menge Fahrer, die auf Etappenjagd gehen können - da traue ich ihnen mehr als nur einen Tagessieg zu, denn die Mannschaft ist sehr stark.
Bei dieser Tour ist nichts mit Einrollen, jeder Tag ist super wichtig für alle, die das Gelbe Trikot wollen. Auf jeder Etappe in der ersten Woche haben die Organisatoren eine Herausforderung eingebaut.
Neben den großen Favoriten: Wer sind heiße Außenseiter für einen Spitzenplatz in Paris?
Voigt: Zwei Fahrer, die ich mag, sind Romain Bardet und David Gaudu. Bardet war beim Giro sehr stark und ganz nah am Rosa Trikot, bis er aufgeben musste. Jetzt hat er sich hoffentlich gut erholt und ist hungrig und wütend. Er war schon zweimal auf dem Tour-Podium und wieder ein Außenseiterkandidat für mich. Gaudu wiederum kann davon profitieren, dass sein Teamkollege Thibaut Pinot wohl eher auf Etappenjagd gehen wird und für ihn ein ganz starker Helfer in den Bergen sein könnte. Daneben sind die Australier Jack Haig von Bahrain oder Ben O’Connor (ag2r) für eine Topplatzierung gut.
Aber gerade für die Anwärter in der Gesamtwertung wird der Auftakt der Tour in Dänemark und Nordfrankreich eine große Herausforderung...
Voigt: Bei dieser Tour ist nichts mit Einrollen, jeder Tag ist super wichtig für alle, die das Gelbe Trikot wollen. Auf jeder Etappe in der ersten Woche haben die Organisatoren eine Herausforderung eingebaut. Sei es Seitenwind, Kopfsteinpflaster oder ein fieser kleiner Berg am Ziel, wie in Calais, und dann die erste Bergankunft auf der 7. Etappe. Der Spruch ist alt, aber da kann man das Rennen wirklich an jedem Tag schon verlieren. Die Fahrer werden mental schon völlig geschlaucht aus der ersten Woche herauskommen.
Besonders die 2. Etappe mit der Brücke über den Großen Belt sorgt für Diskussionen: Welchen Eindruck haben Sie von der Besichtigung vor Ort mitgebracht?
Voigt: Die Strecke führt schon vor dem Finale im Zickzackkurs an der Küste entlang, also wird es dadurch, ganz egal woher der Wind an diesem Tag kommt, Abschnitte geben, auf denen Kantenwindsituation herrscht. Fast genau 20 Kilometer vor dem Ziel geht es dann auf die Brücke über den Großen Belt - schnurgerade raus aufs offene Wasser. Die Windschutzmauer auf der Brücke ist nur etwa 1,5 Meter hoch, die schützt also die Fahrer nicht komplett. Die dänischen Sicherheitsbehörden werden je nach Windrichtung entscheiden, ob auf der rechten oder linken der beiden Spuren gefahren wird: Denn so landet ein Fahrer, den der Wind erwischt, zumindest nicht im Wasser, sondern auf der Gegenfahrspur.

"Es wird verrückt": Die Fahrt über den Großen Belt unter der Lupe

Das klingt nach vorprogrammiertem Chaos...
Voigt: Der Tour-Chef wollte eigentlich das Ziel auf der Brücke haben, doch das geht nicht mit all den LKWs und dem Podium. Also wird die ganze Brücke gefahren und die Fahrer kommen mit wahrscheinlich 75 km/h leicht bergab wieder ans Festland, da warten zwei 90-Grad-Kurven auf einer etwas schmaleren Straße, was auch spannend wird. Dann sind es nur noch drei Kilometer zum Ziel. Das wird so dramatisch, dass ich fürchte, mehrere Favoriten für die Gesamtwertung werden leider an diesem Tag schon ihre Chancen auf das Podium verlieren. Es dürfte auch etliche Stürze mit Knochenbrüchen geben.

Stürze werden Tour-Auftakt prägen

Auch auf der 3. und 4. Etappe könnte es wieder Windkantenalarm geben, bevor dann auf der 5. Etappe das Kopfsteinpflaster auf die Fahrer wartet...
Voigt: Die Pavés sind dabei gar nicht die größte Schwierigkeit. Cedric Vasseur, der Teamchef von Cofidis und Experte für die Strecke dort, hat mir erklärt, dass die Kopfsteinpflasterabschnitte aus seiner Sicht gar nicht das Hauptproblem dieser Etappe sind, sondern die Anfahrt zur ersten dieser Passagen. Diese 20, 30 Kilometer sind ziemlich eng, mit etlichen Richtungswechseln und das wird richtig stressig und aus seiner Sicht das wichtigste Stück der ganzen Etappe.
Die Abstände zwischen den Favoriten könnten bei diesen Etappen also eventuell größer sein als bei manchen Bergankünften?
Voigt: Genau so könnte es kommen. Auf der Windkante verliert man ganz schnell auch mal eine Minute oder mehr, das kommt am Berg nicht so oft vor, da sind die Abstände vielfach deutlich geringer zwischen den meisten Topfahrern. Bei Stürzen auf den schmalen Straßen kannst du die besten Beine der Welt haben, aber wenn vor dir 50 Mann auf der Strecke liegen, kommst du nicht vorbei. Also wird die erste Woche extrem wichtig und stressig. Jeder weiß das und entsprechend wollen alle Fahrer an dieser einen wichtigen Kurve vorne sein – aber das geht nicht, da ist eben nur Platz für 20 Fahrer. Darum erwarte ich, dass die erste Tour-Woche auch von vielen Stürzen geprägt sein wird.

Tour-de-France-Strecke: Der komplette Kurs mit allen 21 Etappen

Treibt die Tour de France das Risiko zu hoch und stellt Spektakel über Sicherheit?
Voigt: Ich nehme mal ein Beispiel aus einer anderen Sportart: Das ist, als ob man bei einem Fußballspiel plötzlich mitten im Match den ganzen Platz einölen würde: Dann wird das spannender, die rutschen mehr – wer würde das machen? Kein Mensch! Ich bin ein Freund von deutlichen Worten: Es ist superspannend und aufregend für die Zuschauer, aber diese erste Woche der Tour de France ist so nah am Gladiatorentum, wie es nur geht. Wir sind nur noch einen Schritt davon entfernt, dass es in der Arena wirklich um Leben und Tod geht. Für die Fahrer ist das ein Knochenjob, sie können diese Risiken nicht vermeiden. Sie trainieren perfekt, versuchen gesund zu bleiben, halten die Coronabestimmungen ein - und dann zerstört eine Situation die Arbeit von sechs Monaten.
Es wird ja oft gesagt, ein Sieger der Tour müsse eben mit jeder Herausforderung klarkommen, auch Windkanten oder Kopfsteinpflaster, wie sehen Sie das?
Voigt: Ja, Vielseitigkeit ist nötig, aber zwischen herausfordernder Strecke und leichtfertiger Gesundheitsgefährdung der Fahrer besteht schon ein Unterschied.
Teil 2 des Interviews mit Eurosport-Experte Jens Voigt über die Chancen der deutschen Fahrer bei der Tour de France 2022 gibt es am Donnerstag hier bei Eurosport.de!
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