Tour de France: Chancen auf deutsche Etappensiege stehen gut - Jens Voigt macht Fans Hoffnung

Wie stehen die Chancen auf deutsche Erfolge bei der Tour de France 2023? Eurosport-Experte Jens Voigt macht den Fans Hoffnung auf Etappensiege in den drei Wochen von Bilbao nach Paris. Auch wenn das deutsche Kontingent in der Startliste klein ist, sind Simon Geschke, John Degenkolb, Nils Politt, Emanuel Buchmann, Georg Zimmermann, Phil Bauhaus und Nikias Arndt durchaus Glanzlichter zuzutrauen.

Tour-Strecke: Der Kurs mit allen 21 Etappen von Bilbao nach Paris

Quelle: Eurosport

Wie stehen die deutschen Chancen bei der Tour de France - Nico Denz hat mit seinem Doppelschlag beim Giro eine tolle Vorlage geliefert...
Jens Voigt: Es gibt ganz sicher Chancen auf deutsche Etappensiege, sogar für eigentlich jeden der sieben Starter. Nils Politt hat ja 2021 schon gezeigt, dass er neben seinen ganz wichtigen Helferdiensten auch als Ausreißer siegen kann. Emanuel Buchmann ist das als begnadetem Bergfahrer genauso zuzutrauen, wenn er an einzelnen Tagen mal freie Fahrt bekommt - und Georg Zimmermann ist ja zuletzt als Etappensieger bei der Dauphiné ganz stark gefahren, von ihm kann man auch etwas erwarten.
Topsprinter Pascal Ackermann hat es nicht ins UAE-Team um Tadej Pogacar geschafft, aber dafür ist bei Bahrain ein schnelles deutsches Duo im Aufgebot, mit welchen Aussichten?
Voigt: Die beiden sind ein tolles "duo infernale"! Besonders Phil Bauhaus ist im Sprint immer da und wenn er einmal ein Quäntchen Glück hat, gewinnt er auch. Nikias Arndt könnte bei der Tour in den Kreis jener Fahrer aufsteigen, die bei allen großen Rundfahrten Etappen gewinnen konnten, er hat also bei Giro und Vuelta schon gezeigt, dass er auf jeden Fall das Zeug dazu hat.
Wie sieht es bei den Routiniers John Degenkolb und Simon Geschke aus?
Voigt: Beide standen schon ganz oben bei einer Tour-Siegerehrung, auch wenn das jeweils schon ein paar Jahre her ist. Wer aber Degenkolb schon abgeschrieben hatte, wurde dieses Jahr bei Paris - Roubaix belehrt, was er noch drauf hat. Geschke wiederum hat uns letztes Jahr alle begeistert mit seinem Kampf ums Bergtrikot, aber diesmal wird er meistens wohl den Edelhelfer für seinen Kapitän Guillaume Martin geben müssen. Hoffen wir, dass er auch seine eigene Chance ab und zu nutzen darf.
Das deutsche Aufgebot ist insgesamt sehr klein, müssen wir uns Sorgen machen?
Voigt: Ich hätte natürlich sehr gerne ein paar mehr Deutsche am Start gesehen. Aber man darf nicht vergessen, dass wir dafür beim Giro immerhin elf Profis dabei hatten. Es gibt durchaus Talente bei uns, aber noch nicht alle sind reif für die Tour oder passen zu den jeweiligen Plänen ihrer Teams bei dieser Tour.
Wie ist das Aufgebot von Team Bora-hansgrohe einzuschätzen, der Verzicht auf Topsprinter Sam Bennett hat manche Fans überrascht?
Voigt: Ich hätte ähnlich nominiert - mit der Auswahl starker Helfer für Kapitän Jai Hindley, tollen Allroundern und auch dem Verzicht auf Sam Bennett. Er ist für mich ein Wackelkandidat, von dem ich nicht weiß, wie er unter Druck funktioniert. Bei der Tour muss man aber körperlich und mental bei 100 Prozent sein. Ein junger Wilder wie Jordi Meeus kann da die bessere Wahl als Sprinter gewesen sein.
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Meeus schlägt im Zielsprint zu: Bora jubelt in der Wallonie

Quelle: Eurosport

Hätte es Sinn gemacht, Lennard Kämna wie letztes Jahr das Double aus Giro und Tour fahren zu lassen?
Voigt: Kämna hat sich in seiner Kapitänsrolle in Italien diesmal ganz anders verausgabt als beim Giro 2022, deshalb macht die Pause völlig Sinn. Zumal der Giro dieses Jahr noch härter war als sonst mit den vielen Schlechtwetteretappen. Da sind die Fahrer am Ende völlig kaputt gewesen. Es hat ja seinen Grund, warum auch Primoz Roglic und Geraint Thomas nicht bei der Tour dabei sind, obwohl sie stärker als die meisten nominierten Fahrer in ihren Teams gewesen wären.
Die Jagd von Mark Cavendish auf den alleinigen Rekord der Tour-Etappensiege ist eines der großen Themen der Rundfahrt, wie sind seine Chancen einzuschätzen?
Voigt: Es ist an sich schon mal toll, dass Cavendish noch einmal bei der Tour am Start ist. Ich weiß aber gar nicht richtig, ob ich möchte, dass der Rekord gebrochen wird. Ich bin mit dem Gleichstand zwischen ihm und Eddy Merckx ganz zufrieden: Es sind verschiedene Typen von Rennfahrern, beide sind absolut großartig und vielleicht ist es gut, wenn sie beide gemeinsam Rekordhalter bleiben.
Hat Cavendish noch den nötigen Speed gegen die starke Konkurrenz?
Voigt: Dass er noch immer ein Siegkandidat ist, hat er uns auf der Giro-Schussetappe bewiesen - auch wenn da 50 Prozent des Erfolges auf seinen alten Kumpel Geraint Thomas gingen, der ihm über Teamgrenzen hinweg den Weg zum Sieg bereitet hat. Aber wie oft hat uns Cavendish in seiner Karriere schon überrascht, wenn er chancenlos schien - er ist wie ein Kirmesboxer, der auch angeschlagen noch einen lucky punch landen kann. Man darf ihn also nie abschreiben, aber auf dem Papier spricht mehr gegen als für einen Etappensieg.
Jetzt hat sich Cavendish seinen einstigen Anfahrer Mark Renshaw als Experten ins Team geholt, ist das mehr als nur Nostalgie?Voigt: Das ist ein sehr guter Schachzug, von dem Cavendish massiv profitieren wird. Das hat keine nostalgischen Gründe, sondern das sind Vollprofis. Der Australier erspart Cavendish viel Arbeit in der Vorbereitung auf die Sprints - er vertraut Renshaw komplett und wenn der nach minutiösem Vorab-Studium von Strecke, Konkurrenz, Wind etc mit einem Plan ankommt, dann hat sein Wort Gewicht und Cavendish muss diese Infos nicht alle selbst sichten, sondern kann derweil regenerieren.
Beim Giro haben Sie die Fans mit ihren Analysen aus dem Fahrerfeld vom Motorrad aus begeistert. Wie waren die Erlebnisse, wie groß ist die Vorfreude auf die Rückkehr in diese Rolle während der zweiten Rennwoche bei der Tour?
Voigt: Auf dem TV-Motorrad bei der Tour dabei zu sein, fühlt sich fast wie ein Comeback an. Näher kommt man nicht ran ans Peloton. Du spürst den Regen, die Hitze, den Wind, die Steigungen in Bergen, man bekommt den Enthusiasmus der Fans mit, spürt jede Bodenwelle und merkt, ob ein Belag gut rollt oder nicht. Nur die Beine schmerzen am Ende der Etappe nicht, weil man auf dem Motorrad sitzt. Manchmal erkennen mich die Fahrer und tauschen mit mir zwei, drei Sätze aus. Es gibt dir intime Einblicke, wie die Stimmungslage im Peloton ist und es ist eine wertvolle Bereicherung, sowohl für mich als auch für die Zuschauer, denen ich diese Eindrücke weitergeben kann. Oft sehe ich im Rennverlauf auch Details, die der Zuschauer oder Kommentator gar nicht sehen kann, weil sie fernab des TV-Bilds passieren: Dafür bin ich da, um mit diesen Insights unsere Berichterstattung zu bereichern.
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Denz schleicht sich bei Voigt zum Interview an

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Eritreas Sprint-Star Girmay: "Früher waren wir nur dabei ..."

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