Tour de France 2021: Kindheitstraum erfüllt - Politt ist jetzt und für immer 'Tour-Etappensieger'
VonFelix Mattis
Publiziert 09/07/2021 um 00:34 GMT+2 Uhr
Das Potential zum großen Coup bei der Tour de France hat Nils Politt schon lange. Jetzt konnte er das auch in die Erfüllung seines Traumes ummünzen: Der 27-Jährige bekam nach Peter Sagans Aus die Freiheiten zu attackieren, gewann in Nimes und ist damit von jetzt an Tour-Etappensieger. Für Politt ist das sogar mehr wert als sein beeindruckender zweiter Platz bei Paris-Roubaix vor zwei Jahren.
Nils Politt feiert seinen ersten Tour de France-Etappensieg in Nimes.
Fotocredit: Getty Images
Nils Politt drehte sich nochmal um. Und nochmal. Und nochmal. Dann schaute er nach rechts in die TV-Kamera und klatschte sich dreimal auf den Helm. Er schüttelte den Kopf, konnte es nicht glauben. 1000 Meter waren es nur noch bis zu seinem - trotz Platz zwei bei Paris-Roubaix 2019 - nun wohl größte Coup seiner Karriere. In Nimes erfüllte sich in diesem Moment ein Kindheitstraum.
"Eine Tour-Etappe zu gewinnen ist das Schönste, was es im Radsport gibt", sagte Politt einige Minuten später und wiederholt dann das, was er in seinem ersten Sieger-Interview live auf Eurosport mehrfach sagte: "Es ist unglaublich."
Doch so ganz wirklich und wahrhaftig 'unglaublich' ist es gar nicht: Denn Politt war an diesem 8. Juli nunmal einfach der Stärkste in der 13-köpfigen Spitzengruppe des Tages, körperlich und vor allem renntaktisch.
Er initiierte die Gruppe des Tages mit, er eröffnete dort 50 Kilometer vor Schluss mit seinem ersten Antritt das Finale, er erwischte dann zehn Kilometer später die entscheidende Vier-Mann-Selektion und er setzte zwölf Kilometer vor Schluss die siegbringende Attacke, wie aus dem Lehrbuch:
Sprinterloch lassen, voll beschleunigen, die Straßenseite wechseln und die Konkurrenz mit schon deutlich höherer Geschwindigkeit kalt erwischen. Imanol Erviti und Harry Sweeny schauten sich kurz an und weg war der Etappensieg. Einen starken Zeitfahrer wie den bei der Talentschmiede Team Stölting aufgewachsenen und bei Katusha gereiften Politt nochmal zurückzuholen, das war da schon kaum mehr möglich.
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Politt im Siegerinterview: "Das ist die große Belohnung"
Quelle: Eurosport
Politt nutzt die neue Freiheit
Dieser Etappensieg ist also die logische Konsequenz aus der starken Leistung eines Mannes in Top-Form, der von der Leine gelassen wird. Dass er das Potential zu einem solchen Ausreißer-Coup auf einer Überführungsetappe der Tour hat, war schon lange klar. Es umzusetzen, ist aber etwas anderes.
Das hat er selbst schon einige Male gespürt, wenn er es vergeblich versuchte, wie vor zwei Jahren auf dem Weg nach Gap zum Beispiel. Für den Sieg als Ausreißer bei der Tour muss alles zusammenkommen. Und das tat es in Nimes.
"Ich habe mich in den letzten Tagen schon gut gefühlt", bestätigte Politt das, was am Sonntag auf dem Weg nach Tignes bereits offensichtlich war, als er verblüffend lang mit den Kletterern mithielt. "Heute ergab sich dann für mich die Chance und es ist schön, vor allem für das Team, den Etappensieg geholt zu haben." Dieses Team nämlich war am Donnerstagmorgen von der Botschaft getroffen worden, dass Co-Kapitän Peter Sagan die Tour mit Knieproblemen verlassen musste. Doch anstatt Trübsal zu blasen, nutzte Politt die dadurch entstandene neue Freiheit sofort.
Dass er dann ausgerechnet mit seinem vom Vorbild zum Freund gewordenen, langjährigen Trainingspartner André Greipel – die beiden teilen sich mit Rick Zabel und Juri Hollmann den unterhaltsamen Instagram-Account 'Trainingstiere' – in der Gruppe des Tages saß, es war eines dieser Puzzlestücke, die sich an einem perfekten Tag eben zusammensetzen. "André sagte mir: 'Du bist einer der Stärksten hier in der Gruppe, du kannst die Etappe gewinnen, probiere etwas!' Dass er dabei war, als ich meine Etappe gewonnen habe, ist einfach superschön", so Politt.
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Eine Attacke wie aus dem Lehrbuch: Politts Finale in Nimes
Quelle: Eurosport
Politt am Ziel: "Heute war mein Tag"
Ein paar Freudentränen verdrückte der 27-Jährige im Ziel in Nimes. Dieser Sieg, es war erst sein zweiter als Profi nach dem Erfolg auf der Schlussetappe der Deutschland Tour 2018 in Stuttgart. Und das, obwohl er so oft nah dran war – man denke nur an die schmerzhafte Niederlage bei Paris-Nizza 2018 in Sisteron, als er sich im Duell mit dem Franzosen Jerome Cousin überraschend düpieren ließ, oder an die Niederlage im berühmten Velodrom bei Paris-Roubaix 2019 gegen Philippe Gilbert.
Sicher, Rang zwei beim dortigen Klassiker war ein riesiger Erfolg und innerhalb der Radsport-Blase sagt er mehr über die Qualitäten eines Fahrers aus, als ein Etappensieg als Ausreißer bei der Tour. Doch Rang zwei ist eben Rang zwei. Der Sieg damals war greifbar, ein Fehler auf den letzten Metern verbaute ihn und verdarb damit auch die schönsten Erinnerungen, an einen sonst schon dort perfekten Renntag, ein bisschen.
"Heute war mein Tag", sagte Politt nun aber in Nimes. "Der zweite Platz in Roubaix war schon schön, aber ein Tour-Etappensieg ist nochmal viel größer! Ich hoffe, dass ich nun auf dieser Welle des Erfolgs weiterschwimmen kann und auch im Oktober bei Paris-Roubaix noch vorne dabei bin."
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Trainingskumpels: So schön freut sich Greipel über Politts Sieg
Quelle: Eurosport
Politt: "Die Belohnung für all diese Entbehrungen"
Der Kölner ist kein Top-Sprinter und auch kein Kletterfloh – weder im Flachen, noch am Berg fährt er in Kapitänsrollen. Politts Stärke sind das Tempobolzen und die Kopfsteinpflasterklassiker. Damit er um Siege fährt, braucht er immer auch ein Quäntchen Glück. Und umso schöner war es für Politt, nun dafür zu sorgen, dass er künftig bei öffentlichen Auftritten als 'Tour-Etappensieger' vorgestellt werden wird. Ein solcher Tageserfolg beim größten Radrennen der Welt ist ein Prädikat und erhöht auch den Marktwert nochmal.
Doch für Politt ging es am Donnerstag in Südfrankreich vor allem um die Emotionen, die damit verbunden sind. "Am Ende habe ich an alle Mühen und die Arbeit gedacht, die ich dafür geleistet habe. Der Radsport war immer meine Leidenschaft. Und an meine Familie, von der ich wegen Trainingslagern und Rennen oft so weit entfernt bin", erzählte Politt. Vor zwei Jahren hatte er sogar die Geburt seines ersten Kindes verpasst, weil er bei der Tour de France unterwegs war. "Jetzt ist dieser Sieg die Belohnung für all diese Entbehrungen!"
Immerhin: Da die Tour in diesem Jahr wegen der anstehenden Olympischen Spiele eine Woche früher begann, wird Politt zum zweiten Geburtstag seiner Tochter wieder mit seiner Familie vereint sein. Und dann und für immer als Tour-Etappensieger.
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Politt nutzt die Gunst der Stunde - die Highlights der 12. Etappe
Quelle: Eurosport
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